Mark Daniel ist ein Guter. Seine Satiren sind menschenwarm, seine Beobachtungen im Alltag der Welt zugewandt. An ihm können sich viele Krakeeler und Niedermacher – inklusive weiblicher Pendants – mal ein Beispiel nehmen, dann ginge das vielleicht auch mit dem Frieden. Nun hat er wieder ein Buch geschrieben, diesmal über die Deutsche Bahn. Und es geht, was Wunder, nicht voll druff, sondern schmunzelnd auf Reise. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf ihn:
Ahoi: Guten Tag Mark Daniel. Neben Deiner Hauptprofession als Journalist bist Du mittlerweile ein äußerst erfolgreicher Autor. Dein neues Buch „Bahn-Bingo. Texte, die ankommen“ ist gerade auf den Markt geprescht. Wie sind denn die Reaktionen der Leserinnen und Leser?
Mark Daniel: Lieber Volly, bei dem Erfolg möchte ich relativieren. Ich habe noch keinen Bestseller geschrieben und erhalte keine exorbitanten Honorare für die Lesungen. Aber darum geht's letztlich nicht. Das Schönste sind die durchweg positiven Reaktionen, nach denen Du fragst. Manchmal erzählen mir Leute nach den Lesungen ihre eigenen oft schrägen Erlebnisse mit der Bahn oder schreiben mir Mails. Bei manchen Auftritten wie dem im Kulturbahnhof Leisnig schütten sich die Gäste vor Lachen aus, das ist natürlich fantastisch! Das sehe ich dann tatsächlich als schönen Erfolg.
Ahoi: Und die Deutsche Bahn? Haben die sich schon bei Dir gemeldet?
Mark Daniel: Leider nicht. Ich habe die Presseabteilung lange vor der Buch-Veröffentlichung angeschrieben, weil ich auf der Suche nach Gesprächspartnerinnen oder -partnern beim DB-Personal war, aber es kam nie eine Antwort. Denen ist das wohl zu suspekt. Ich hab die Leute dann durch Umwege erreicht.
Ahoi: Dein Ansatz ist ja kein Verriss, sondern eher ein schmunzelndes Verständnis des Wahnsinns zur Verhinderung von Eskalationen. Oder habe ich das falsch verstanden? Was hat Dich zum Buch getrieben?
Mark Daniel: Genau das! Die Deutsche Bahn ist der Prügelknabe der Nation. Aber es ist zu einfach, auf jemandem, der schon am Boden liegt, einzutreten und zu lästern. Trotz mancher Verspätung oder sonstiger Pannen reise ich wahnsinnig gern mit der Bahn - weil man entspannen oder Leute kennenlernen kann. Letzteres übrigens gerade dann, wenn etwas schiefgeht. Dann muss man sich entscheiden, ob man nur abkotzt und negative Energie durchs Abteil schickt, oder ob man es mit Humor nimmt. Je nach Reisegrund ist das natürlich nicht immer möglich, aber viel öfter als praktiziert. Die Triebfeder war mein Amüsement über die manchmal unfreiwillige Komik in den Erlebnissen. Dinge von der heiteren Seite zu betrachten, ist ja nicht nur beim Bahnfahren ein gutes Lebensmittel.
Ahoi: Mit Gunter Schwarz hast du den ersten Teil der Lesetour schon absolviert. Wie lief es denn und wie bist Du auf den KARO NERO-Frontmann gekommen?
Mark Daniel: 2018 hat mich der Eulenspiegel-Verlag für mein Buch „Rock'n'Roll 4evermore“ an Frank Oberhof und seine Liedertour vermittelt, der für zahlreiche Musikerinnen und Musiker Auftritte an herrlichen, oft abgelegenen Orten organisiert. Damals war mein Begleiter der Gitarrist Tino Standhaft. Aber durch die Liedertour kam auch der Kontakt zu Gunter zustande, Leader der Band Karo Nero und Mitglied in der Ralph Schüller Band. Gunter, genannt Knut, hat mich zunächst bei der Tour zu meinem Roman „Der weiße Song“ begleitet - ein wunderbarer Musiker und Mensch. Es macht riesigen Spaß mit ihm, und das hat auch die gerade absolvierte Reise mit ihm gezeigt. Wir spielen uns die Bälle zu, der Funke springt ins Publikum.
Ahoi: Heitere Gelassenheit ist eine große Eigenschaft mündiger Menschen. Trotzdem spürt man allerorten Wut, gerade auch auf die Bahn. Wie kommt das? Wo kommt der aggressive Ton her?
Mark Daniel: Da sagst Du was! Leider kann ich mir das nur mit der charakterlichen germanischen Grundausstattung erklären. Die Deutschen meckern besonders gern und ausgiebig. Sie brauchen etwas oder jemanden, an dem sie die Unzufriedenheit mit sich selbst oder der Regierung oder den Maulwurfshügeln im ach so verschandelten Garten des Eigenheims ablassen können. Wut und Unzufriedenheit steigern sich, weil viele die Relationen verloren haben. Es gibt diesen schönen Begriff der Wohlstandsverwahrlosung. Viele haben keine existenziellen Nöte - ein Dach über dem Kopf, Kohle auf dem Konto. Sie verschwenden viel Kraft in das Herumwüten über Probleme, die andere gern hätten. Das Schlusskapitel in „Bahn-Bingo“ spiegelt meine Nachtzug-Reisen in fernen Ländern: Thailand, Indien, Iran. Da kriegst Du mit, was wirkliche Ängste und Bedrohungen sind. Im Vergleich zur Situation dort scheint uns die Sonne aus dem Arsch.
Ahoi: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Wohin geht denn Deine schriftstellerische Reise?
Mark Daniel: Für 2027 plane ich ein weiteres Buch über meine Ruhrpott-Heimatstadt Witten, über deren bemerkenswerte Menschen und Orte in einer von vielen unterschätzten Region. Und dann habe ich eine Idee für einen Roman. Aber das wird dauern, ich muss Zeit dafür finden. Hauptberuflich bin und bleibe ich ja Reporter bei der Leipziger Volkszeitung.
Ahoi: Auch als Journalisten zeichnet Dich Dein liebevoller und respektvoller Blick auf Dein Gegenüber aus. Wie machst Du das? Wie erhältst Du Dir selbst Deine Warmherzigkeit?
Mark Daniel: Volly, wenn das so rüberkommt, freut mich das aufrichtig! Ich mag es einfach, Menschen zu treffen, sie aufzuschließen, sie zu erkennen. Für mich sind die wichtigsten und tollsten Gesprächspartner die aus dem Alltag. Dieses furchtbare Rote-Teppich-Gedöns um Promis von Fußball über Musik bis Kino ist rausgeschmissene Aufmerksamkeit. Die echten Heldinnen und Helden arbeiten bei der Feuerwehr, im Hospiz, in der Gastronomie, in Projekten gegen Rassismus, in Kliniken oder Pflegeheimen sowie an der Supermarkt-Kasse. Das mag spätestens seit der Corona-Systemrelevanz phrasenhaft klingen. Aber ich meine das so: Sie sind der Kitt in unserer Gesellschaft. Generell ist meine Erfahrung: Begegne ich jemandem mit Respekt und Zugewandtheit - auch falls ich Kritik übe -, bekomme ich das allermeistens zurück. Das ist die schlichte Regel mit dem Rein- und Rausrufen aus dem Wald. Ist jemand trotzdem doof und destruktiv, kann ich allerdings auch ruppig werden.
Ahoi: Danke, lieber Mark, für Deine Antworten und Danke für Dein Buch.

