Poesie steckt nicht nur in Texten, nein, Poesie ist in der Welt. Fotografie, Musik, die Liebe … all dies kann Poesie sein. Die Leipziger Künstlerin IngwerArt ist Poetin, unbenommen. Und da IngerArt in der Außendarstellung ihrer Kunst auch ganz besonders auf eine gewisse Barrierefreiheit angewiesen ist, befragte Ahoi-Redakteur Volly Tanner sie auch dazu. Ein interessanter Dialog entspann sich:
Ahoi: Guten Tag, liebe Katja. Du firmierst im kulturellen Bereich unter dem Label IngwerArt, trittst auf, musizierst und singst und schreibst Texte, die Du auch vorträgst. Warum aber IngwerArt?
IngwerArt: Der erste Teil, also „Ingwer“ ergibt sich aus meinem Nachnamen. Übersetzt man den aus dem Tschechischen ins Deutsche, kommt „Ingwerkeks“ raus. Bei „Art“ wollte ich eben all die kreativen Facetten zusammenfassen und mich nicht nur auf die Musik, die Poesie oder die Bilder beziehungsweise Postkarten begrenzen.
Ahoi: Ich durfte Deine drei Eigenveröffentlichungen „Leise Verse“, „Momentaufnahmen“ und „Hürdenlauf“ lesen und erfreute mich an Deiner sensiblen, menschenzugewandten Poesie. Warum aber veröffentlichst Du nicht in Lyrikverlagen? Warum machst Du alles in Eigenregie?
IngwerArt: Vielen Dank! Das erste Heft „Leise Verse“ war ein vorsichtiges „nach-draußen-trauen“, ob es überhaupt Menschen gibt, die diese Gedichte lesen würden. Ehrlich gesagt, habe ich bisher noch nicht bei Lyrikverlagen angefragt. Aber vielleicht ergibt sich ja in nächster Zeit noch die Gelegenheit.
Ahoi: Im November gab es im Musik & Kosmos im Leipziger Westen eine Veranstaltung mit Dir, die da hieß „BÜHNE (BARRIERE-)FREI FÜR MUSIKER:INNEN MIT BEEINTRÄCHTIGUNGEN. Dies impliziert, dass Du, die Du dort mit gelistet warst, mit Beeinträchtigungen lebst. Wie viel Deiner Poesie gründet sich auf diese Beeinträchtigungen? Wie beeinträchtigt Dich diese in Deinem Künstlerinnen-Sein?
IngwerArt: Seit circa 13 Jahren lebe ich mit einer Autoimmunerkrankung, die mit dem Verlauf unter anderem zur Folge hat, dass ich im Außen und Unterwegs-sein auf einen Rollstuhl (ich hab ihn Arthour getauft) angewiesen bin. Damit begegnen mir in meinem Alltag diverse Hindernisse und Wahrnehmungen, die ich auch in dem einen oder anderen Gedicht, zum Beispiel „Unterm Radar“ [Leise Verse], „Spaziergang“ [Leise Verse], „Hürdenlauf“ [Hürdenlauf] oder „zu mir oder zu dir“ [Hürdenlauf] verarbeite.
Leider gibt es noch sehr viele Veranstaltungsorte, die (noch) nicht barrierefrei sind. Somit sind meine Möglichkeiten, Konzerte oder Auftritte einfach so zu spielen deutlich begrenzt. Beim erwähnten Workshop innerhalb des 3. Leipziger Liederszene Wochenendes haben wir darüber gesprochen, was es sowohl von Seiten der Veranstaltenden als auch seitens der Musiker:innen braucht, damit auch Künstler:innen mit Beeinträchtigungen mehr gesehen und gehört werden können. Denn ich glaube, es gibt viele, denen es so ging wie mir, als ich zuerst dachte: Ich will (wieder) Musik machen, und der zweite Gedanke prompt folgte: „Mit Rolli? Kannste vergessen!“ Aber warum eigentlich?! Da schlummern so viele Talente, die nur darauf warten, auf (barrierefreie) Bühnen zu gehen! Ich wünsch mir sehr, dass sich mehr und mehr Veranstaltende trauen, auch Künstler:innen mit Beeinträchtigungen einzuladen. Der erste Schritt in Form von Austausch wurde u.a. bei diesem Workshop gemacht... aber es ist kein Spaziergang, eher ein Marathon... und doch glaube ich, dass es möglich ist.
Ahoi: Ich weiß davon, dass ein guter Freund von mir gerade Deine Musik produziert. Wird es also eine CD geben? Was geschieht dann mit Deiner Musik?
IngwerArt: Vor einiger Zeit schrieb mich ein Musiker an, ob ich denn meine Lieder schon veröffentlicht hätte... Natürlich nicht! Das hatte ich mir bisher nicht getraut. Aber ich dachte über diese Frage nach und in mir keimte dieser vielleicht verrückte Traum, doch das Projekt „Tonträger“ mit meinen eigenen Liedern (und dem einen oder anderen Instrumentalstück) in die Tat umzusetzen. Also werd ich in nächster Zeit weiter an den Aufnahmen meiner Stücke arbeiten und ja, es wird wohl eine CD und einen Tonträger in USB-Stick-Format geben. Denn mittlerweile haben ja immer weniger Leute noch einen CD-Player zu Hause.
Ahoi: Welche Resonanz erfährst du für Deine Poesie?
IngwerArt: Ich bin jedes mal berührt, wenn ich Feedback zu meinen Gedichten bekomme. Gleichzeitig finde ich es spannend, zu erfahren, welche Assoziationen das eine oder andere Gedicht bei den Lesenden hervorruft.
Während ich denke, nur eine „harmlose“ Beobachtung in Verse verpackt zu haben, verbindet eine lesende Person eine sehr emotionale Begebenheit damit.
Ahoi: Ich finde die Idee, eigene Wohnzimmerkonzerte zu veranstalten, äußerst sympathisch. Ich mag es, in kleinem Kreis, ganz analog, miteinander ins Gespräch zu kommen. Du hast solche Wohnzimmerkonzerte schon in Deinen Räumen veranstaltet. Wie geht es hier denn weiter?
IngwerArt: Die Wohnzimmerkonzerte wird es auch weiterhin geben. Ich liebe dieses Format sehr. Eigentlich fing es damit an, dass ich Freunde und Bekannte dazu einlud, um überhaupt zu üben, meine Musik vor Publikum zu spielen.
Mittlerweile ist daraus eine kleine Tradition geworden, im Spätherbst, meist ab Oktober bis Februar oder März, Gäste für ein Wohnzimmerkonzert zu mir nach Hause einzuladen. Dann mitzuerleben, wie sich Menschen, die sich vorher nicht kannten, begegnen und für einen Abend vermeintliche Grenzen verschwinden, ist wunderbar. Ich serviere ein paar Lieder, Gedichte (und viel zu viele Snacks und Getränke) dazu. Mehr braucht es oft nicht für echte Begegnungen.
Also auch in diesem Jahr wird es, wenn nix dazwischenkommt, ab Oktober wieder Wohnzimmerkonzerte geben und dann bestimmt mit dem einen oder anderen neuen Lied und/oder Gedicht. Die Termine dazu poste ich auf meinem Instagramkanal: @ingwerart
Ahoi: An wem orientierst du Dich kulturell? Ich selbst lese ja immer mal wieder Leonard Cohen oder Ray Bradbury oder P.K. Dick und merke wie dies meine literarische Arbeit beeinflusst. Wer sind Deine Bradburys?
IngwerArt: Ich bin von Natur aus neugierig. Zum einen lese ich unheimlich gern Biografien, weil ich denke, ich könnte von den Menschen vielleicht noch was lernen. Lyrisch bin ich fasziniert von den Versen von Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer oder Mascha Kaleko. Inwieweit man das meinen eigenen Gedichten anmerkt, kann vielleicht ein Lesender beurteilen. Dann gibt es noch die Musik - da findet sich Laura Liebeskind neben Amy Winehouse, Leonard Cohen, David Orlowsky neben Dota und vielen anderen und ewig lange bunt gemischte Playlisten auf meinem Handy...
Einfluss darauf, dass ich überhaupt (wieder) mit dem Musikmachen angefangen hab, hatten aber tatsächlich ein paar Lieder von Johannes Oerding.
Ahoi: Es gibt auch wirklich großartige Postkarten mit Bildern von Dir. Wer kauft die & wie kommen diese an die Menschen, an die Kunstliebenden?
IngwerArt: Vielen Dank für die Blumen! Ich bin wohl eher eine mäßig gute Geschäftsfrau. Meist verschenke ich die Postkarten. Man kann diese auch bei meinen Wohnzimmerkonzerten quasi per „Direktvertrieb“ erwerben, so wie auch die Gedichthefte. Oder man schreibt mir einfach eine E-Mail an: IngwerArt@gmx.de
Ahoi: Danke, liebe IngwerArt, für Deine Poesie.
IngwerArt: Vielen Dank für dieses schöne Interview!

