//
//
  • Interviews
Gespräch mit dem Sandtheater-Impresario Dimitrij Sacharow

Es gibt keinen Replay-Knopf. Nur diesen einen, unwiederholbaren Moment

Mittig Dimitrij Sacharow umgeben von seinem Team © Sandtheater Leipzig

Endlich hat das sagenumwobene Leipziger Sandtheater eine feste Spielstätte, endlich gibt es einen planbaren und verlässlichen Turnus für die Aufführungen. Das ist gut, weil auch Außerstädtische so in den Genuss dieser feinen und sensiblen Kunst kommen können. Ahoi-Redakteur Volly Tanner fragte natürlich beim Sandtheater-Impresario nach, wobei auch die Lebensgeschichte Dimitrij Sacharows thematisiert wurde:

Ahoi: Guten Tag Dimitrij Sacharow. Ich hörte, dass Ihr mit dem Sandtheater Leipzig endlich eine dauerhafte Bühne gefunden habt. Das ist wunderbar und auch gut fürs Publikum, da dadurch eine Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit in die Präsentation Eurer sehr speziellen aber wundervollen Kunst hineinkommt. Dann lass doch mal die Katze aus dem Sack, Dimitrij: Welche Bühne ist es denn und wo befindet sich diese?

Dimitrij Sacharow: Guten Tag, lieber Volly. Tatsächlich haben wir nach mehreren Stationen in Leipzig, angefangen im Central Cabaret und weiter über die Passage Kinos, nun im Sanftwut Theater in der Mädler Passage eine Bühne gefunden, die meines Erachtens unsere zahlreichen Sandinszenierungen ideal präsentieren kann. Der Saal mit seinen rund 200 Plätzen ist angenehm intim. Diese Nähe zum Publikum ist für unsere Kunstform enorm wichtig, denn Sandmalerei lebt von Konzentration, Atmosphäre und emotionaler Dichte. Gleichzeitig liegt das Theater sehr zentral in der Innenstadt und ist auch aus dem Leipziger Umland bequem mit der S-Bahn erreichbar.

Im November und Dezember haben wir dort zunächst zwei Vorstellungen gespielt, um die Atmosphäre zu erspüren und zu sehen, wie das Publikum das Sandtheater in diesem Raum empfindet. Die Resonanz war durchweg sehr positiv, sowohl künstlerisch als auch emotional. Nach diesen Erfahrungen habe ich entschieden, dort ab der Spielzeit 2026 regelmäßig zu spielen. Für uns ist das ein wichtiger Schritt hin zu mehr Kontinuität und künstlerischer Weiterentwicklung in Leipzig.

Ahoi: In welchem Abstand wird es denn ab wann zu Aufführungen des Sandtheaters Leipzig kommen?

Dimitrij Sacharow: Wir planen zwei Vorstellungen pro Monat zu spielen.

Ahoi: Nun wissen ja noch nicht alle Menschen, was das Sandtheater Leipzig ist, deshalb müssen wir etwas ausholen: Was ist denn das Sandtheater Leipzig? Wer spielt hier mit? Was für Geschichten werden wie erzählt?

Dimitrij Sacharow: Das Sandtheater ist eine besondere Form des Erzähltheaters. Im Zentrum steht die Kunst der Sandmalerei; also das live entstehende Zeichnen von Bildern mit Sand auf einer beleuchteten Glasfläche. Diese Bilder werden in Echtzeit gefilmt und auf eine große Leinwand projiziert. Das Publikum erlebt also unmittelbar, wie aus einzelnen Linien, Flächen und Bewegungen ganze Welten entstehen ... und sich wieder verwandeln.

Unsere Geschichten werden nicht gesprochen im klassischen Sinn, sondern visuell erzählt, in Verbindung mit Musik, Licht und dramaturgischer Komposition. Sandtheater ist für mich eine Mischung aus Film, Theater, Konzert und bildender Kunst. Alles entsteht live, nichts ist vorproduziert. Genau das macht jede Vorstellung einzigartig.

Mitwirken bei uns international renommierte Sandkünstlerinnen wie Alla Denisova und Olga Lysytska, die mit großer Präzision und emotionaler Tiefe arbeiten. Ergänzt wird das Ensemble durch ausdrucksstarke Sprecher wie Ronny Krappmann (BRISANT MDR) und die Schauspieler Oliver Kube und Silvia Ladewig, die den Inszenierungen eine zusätzliche narrative Ebene verleihen. Je nach Produktion arbeiten wir außerdem mit Musikerinnen und Musikern sowie Sängerinnen und Sängern zusammen; von klassischer Musik über Filmmusik bis hin zu modernen Songs. Inhaltlich erzählen wir sehr unterschiedliche Geschichten: biografische Stoffe über große Persönlichkeiten, literarische Adaptionen, Musikshows wie „Viva la Diva!“ oder „Hans Zimmer", Familiengeschichten und Märchen. Uns interessiert immer der Mensch im Mittelpunkt: seine Träume, seine Krisen, seine Wandlung.

Sand ist dabei für mich ein wunderbares Symbol: Er ist vergänglich, fließend, ständig in Bewegung. Genau wie das Leben selbst.

Ahoi: Und wie kann ich mir solch eine Aufführung vorstellen? Wie läuft sie ab?

Dimitrij Sacharow: Wie entstehen Wunder? Man betritt den Saal, das Licht geht aus, Musik erfüllt den Raum. Auf der Bühne leuchtet eine Glasfläche. Darauf fällt feiner Sand. Mit wenigen Bewegungen entstehen Linien, dann Gesichter, Landschaften, ganze Szenen. Alles wird live auf eine große Leinwand projiziert. Das Publikum sieht nicht nur das fertige Bild, sondern den gesamten Entstehungsprozess. Und genau darin liegt die Faszination.

Das Besondere: Die Bilder bleiben nicht stehen. Sie verwandeln sich fließend ineinander. Ein Porträt wird zur Stadt, die Stadt zu einer Erinnerung, die Erinnerung zu einer neuen Geschichte. Es gibt keine Schnitte wie im Film – nur Übergänge. Alles geschieht im Moment. Und am Ende staunt man, wie aus etwas so Einfachem wie Sand große Emotionen entstehen können.

Ahoi: Ihr seid aber nicht nur in Leipzig aktiv. Auch Berlin, Dresden, die Insel Rügen und andere Orte sind Stationen Eurer Kunst. Gibt es da auf den Ort abgestimmte Stücke oder ist das Repertoire immer gleich? Bei Berlin beispielsweise bietet sich ja auch, Berliner Hinstorie einzufügen. Berlin ist ja eine völlig andere Welt als beispielsweise Naumburg.

Dimitrij Sacharow: Wir haben ein festes Repertoire, aber wir verstehen unsere Produktionen nie als starres Format. Jeder Ort hat seine eigene Seele und darauf reagieren wir. Ein schönes Beispiel ist unsere Inszenierung „In 80 Minuten um die Welt“. In diesem Stück reisen wir bildgewaltig durch verschiedene Länder, Kulturen und Landschaften und in der letzten Szene landen wir immer am jeweiligen Spielort. So entsteht eine direkte Verbindung zur Stadt und zum Publikum. Plötzlich wird die große Weltreise persönlich: sie endet „zu Hause“.

Darüber hinaus gibt es Produktionen, die ganz bewusst auf bestimmte Städte zugeschnitten sind. Für Berlin habe ich etwa „Berlin, ick liebe Dir“ und „Die Mauer – Geschichte einer Trennung“ entwickelt. Auch für Städte wie Hamburg, München, Leipzig, Frankfurt oder Dresden entstehen individuelle Fassungen mit regionalen Motiven, historischen Bildern oder charakteristischen Silhouetten. Sogar für Freital haben wir eine eigene Produktion entwickelt. Dort feiern wir im Oktober Premiere. Auch kleinere Städte haben starke Geschichten, die es wert sind, in Sand erzählt zu werden.

Gleichzeitig gilt: Ob Großstadt oder kleiner Ort, die Faszination für das Sandtheater ist überall spürbar. Wenn das Licht ausgeht und das erste Bild entsteht, wird es still. Diese Magie funktioniert unabhängig von der Größe der Stadt. Und genau das ist das Schönste: Jede Bühne wird für einen Abend zur Heimat unserer Geschichte und das Publikum erkennt sich darin wieder.

Ahoi: Zurück zu Eurer festen Spielstätte jetzt in Leipzig. Wenn Ihr hier in einem Turnus spielt, gibt es dann immer ein anderes Stück? Ihr wollt ja schließlich, dass Menschen wiederkommen, oder?

Dimitrij Sacharow: Wir starten am 7. März mit unserer Leipziger Geschichte und dann werden jeden Monat zwei verschiedene Shows gespielt. Wir haben im Repertoire mittlerweile 35 abendfüllenden Inszenierungen. Spielplan befindet sich auf unserer Webseite (siehe Link unter dem Interview – Anm. der Red.).

Ahoi: Wir müssen mal auf Deine eigene Geschichte kommen, lieber Dimitrij. Im Netz erlas ich mir, dass Du 1990 nach Leipzig kamst, um hier zu studieren. Ich kam ebenfalls 1990 hierher, jedoch um bei einer ewig dauernden Metalparty mitzumachen. Ich kam aus Halle an der Saale nach Zwischenstationen in Großräschen, Apolda, Stralsund, Peenemünde, Berlin. Und Du? Von wo kamst Du? Und gibt es noch Verbindungen in Deine alte Heimat? Ich knüpfe gerade wieder Fäden zusammen … zum Beispiel.

Dimitrij Sacharow: 1990 war tatsächlich ein Jahr des Aufbruchs. Ich kam aus der noch Sovietunion nach Leipzig, um hier zu studieren und traf auf eine Stadt im Wandel. Diese Aufbruchsstimmung der frühen Neunziger hat mich sehr geprägt. Leipzig wurde schnell mehr als nur ein Studienort. Ich stand hier 14 Jahre lang gemeinsam mit Olga Lomenko auf der Kabarettbühne, eine intensive, lehrreiche und prägende Zeit. Parallel dazu habe ich fünf Jahre lang mein eigenes Café „Sacharow“ betrieben. Das war eine besondere Mischung: tagsüber Gastronom, abends Kabarettist. Zwei Welten, die sich erstaunlich gut ergänzt haben: Kommunikation, Atmosphäre, Publikum, nur in unterschiedlicher Form.

Seit 2001 inszeniere ich zudem Varieté-Shows … und das bis heute. Das ist ein ganz wesentlicher Teil meiner künstlerischen Laufbahn. Varieté bedeutet für mich Rhythmus, Dramaturgie, Tempo, visuelle Kraft. Diese Erfahrung prägt auch meine Arbeit im Sandtheater: Bilder müssen wirken, Übergänge müssen fließen, Emotionen brauchen den richtigen Moment.

2008 bin ich dann für zehn Jahre nach Berlin gegangen. Berlin war laut, groß, inspirierend; eine wichtige Phase der Weiterentwicklung. Doch 2018 sind wir als Familie zurückgekehrt: meine Frau Rosa, mein Sohn Daniel, meine Tochter Sophia und ich.

Heute ist Leipzig für mich ganz klar zweite Heimat. Hier haben sich viele künstlerische Wege gekreuzt, hier sind Projekte gewachsen, hier ist auch das Sandtheater weiter gereift. Verbindungen in meine ursprüngliche Heimat bestehen natürlich weiterhin: Familie, Sprache, Erinnerungen. Aber Heimat ist für mich heute weniger ein geografischer Punkt als ein Ort, an dem man gestalten und wirken kann. Und das ist für mich Leipzig.

Ahoi: Kunst hat zwei Richtungen. Eine Richtung ist immer nach innen fokusiert; Künstlerinnen und Künstler schaffen ja aus ihrer inneren Welt. Und eine Fokusierung ist immer nach außen, auf die Wirkung der Kunst bezogen. Was wollt Ihr mit dem Sandtheater erreichen? Warum macht Ihr das?

Dimitrij Sacharow: Kunst entsteht aus einem inneren Impuls. Aber sie erfüllt sich erst im Außen, im Publikum. Für mich beginnt das Sandtheater mit inneren Bildern, mit Erinnerungen, mit Fragen. Sand ist ein sensibles, lebendiges Material. Er lässt sich formen, verwandeln, wieder auslöschen. Vielleicht berührt mich das so sehr, weil es dem Leben ähnelt: nichts bleibt, alles ist im Wandel.

Doch das Entscheidende sind nicht nur Sand und Licht; es sind die Hände der Sandartistin, die auf der Bühne beinahe etwas Magisches haben. Sie zeichnen, wischen, verwandeln und erschaffen aus dem Nichts ganze Welten. Das Publikum erlebt diesen Prozess live, jede Bewegung, jede Entscheidung im Augenblick. Und dann entsteht diese besondere Stille im Saal. Manchmal klatscht während der Vorstellung niemand. Nicht, weil es nicht gefällt, sondern weil die Konzentration so groß ist. Und am Ende entlädt sich alles auf einmal. In langem Applaus, oft in Standing Ovations.

Was wollen wir erreichen? Wir wollen berühren. Wir wollen Menschen für einen Abend aus ihrem Alltag holen und sie durch Bilder verbinden, unabhängig von Sprache, Alter oder Herkunft. In einer Zeit, die schnell und digital ist, entsteht bei uns jedes Bild live, durch Sand und durch die Hände einer Künstlerin, und verschwindet wieder. Es gibt keinen Replay-Knopf. Nur diesen einen, unwiederholbaren Moment. Unsere schöpferische Arbeit ist dem Staunen gewidmet. Wenn Menschen den Saal verlassen und für einen Augenblick wieder gelernt haben zu staunen, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Ahoi: Danke, lieber Dimitrij, für Deine Zeit und Deine Antworten und ich wünsche Euch auch ganz persönlich, dass Ihr weiterhin Erfolgt und gute Ideen für uns habt.

Dimitrij Sacharow: Danke, mein lieber Volly!

Das Sandtheater Leipzig im Internet und im Theater Sanftwut:

SANDTHEATER LEIPZIG – Sandtheater Deutschland

« zurück
zur aktuellen Ausgabe