Alleinerziehende mit Kindern befinden sich, nicht nur kurz nach der Trennung, in einer extremen Krisensituation. Die bis dato sicher geglaubten Strukturen zerfallen, es wird eng im Zeitrahmen, emotional und auch oft finanziell. Hier berät in Leipzig und darüber hinaus das Projekt ALISA. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf die pädagogische Beraterin Franziska Pfennig von ALISA und gab ihr die Möglichkeit, seine Fragen schriftlich zu beantworten.
Ahoi: Guten Tag, Franziska Pfennig. Wir trafen uns gerade bei der Konferenz „Gutes Wohnen für Alleinerziehende – (k)ein Luxusgut“. Hier hast Du mitgewirkt und einen Workshop verantwortlicht. Welche Inhalte hatte denn Dein Workshop konkret und welche Ergebnisse brachte er?
Franziska Pfennig: Ahoi Volly! Ich habe den Workshop von Britta Körschgen „INFORMATION, SENSIBILISIERUNG UND BERATUNG FÜR ALLE AKTEURE AM WOHNUNGSMARKT“ mit unterstützt. Die Workshopteilnehmenden haben das Thema unter vielen verschiedenen Aspekten beleuchtet, etwa wie ein einfacherer Zugang zu transparenten Informationen und vorhandenen Beratungsangeboten ermöglicht werden könnte. Außerdem wurde die Bedeutsamkeit von Vernetzung und der Einbezug verschiedener Akteur:innen, die auf dem Wohnungsmarkt relevant beziehungsweise am Wohnungsbau und an der Stadtentwicklung beteiligt sind, herausgearbeitet.
Ahoi: Du arbeitest hauptamtlich beim Projekt ALISA Leipzig. Was ist das denn für ein Projekt?
Franziska Pfennig: „ALISA“ steht für ALLEINERZIEHEND IN SACHSEN und ist ein vom Freistaat Sachsen gefördertes Projekt des Landesfamilienverbandes SHIA e.V.. Es gibt insgesamt drei Kontaktstellen - jeweils eine in Dresden, Chemnitz und Leipzig. Das Hauptziel des Projekts ist die Hilfe und Unterstützung für Alleinerziehende/Soloeltern/Einelternfamilien.
Ahoi: Ihr haltet diverse Angebote für Alleinerziehende vor. Diese sollten wir alle mal auseinanderbosseln. Zuerst wären da Eure Veranstaltungen. Welche bietet Ihr denn wann und ganz konkret für wen an?
Franziska Pfennig: Wir bieten unterschiedliche Veranstaltungsformate an, die wir an den Bedarfen Alleinerziehender und deren Kindern anpassen. Diese finden in unterschiedlichen Stadtteilen innerhalb von Leipzig sowie im Landkreis Leipzig, Nordsachsen, Muldental und Döbeln statt, meist in Kooperation mit anderen Akteur:innen aus der Praxis sowie Ehrenamtlichen. Diese Angebote reichen von unserer Präsenz an Infotagen und Vereinsmeilen über Quartiersmanagement-Feste bishin zu gemeinsamen Ausflügen und Familienbildungstagen. Dabei unterscheiden wir zwischen ALISA VOR ORT - hierbei unterstützen wir bereits bestehende Angebote für Alleinerziehende anderer Träger, beispielsweise Offene Treffs für Soloeltern in Familienzentren und stehen dort mit Infomaterialien und niedrigschwelligen Verntzungs- und Beratungsangeboten zur Verfügung. Daneben planen wir unter dem Format ALISA UNTERWEGS auch eigene Angebote - das letzte Event war beispielsweise eine Kräuterwanderung für Alleinerziehende und ihre Kinder am 4. Juli in Leipzig.
Ahoi: Sind die Angebote alle kostenfrei? Wie ist das, Ihr müsst ja auch bezahlt werden … wo kommt die Finanzierung Eurer Tätigkeit her?
Franziska Pfennig: All unsere Beratungsangebote, Onlineworkshops, gemeinsame Ausflüge, Alleinerziehendentreffs usw. sind kostenfrei. Die Finanzierung wird vom Freistaat Sachsen auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes bis 90 Prozent unterstützt. 10 Prozent muss der Träger, der Landesfamilienverband SHIA e.V., als Eigenmittel, also über Spenden - was im Non-Profit-Bereich extrem schwer ist - beibringen. Dies bedeutet ein riesiger Aufwand und Kampf, um das Projekt überhaupt durchzuführen zu können!
Ahoi: Es gibt aber auch Online-Workshops. Welche Inhalte werden denn hier vermittelt?
Franziska Pfennig: Auch die Themen für die Online-Workshops passen wir an die Interessen und Bedarfe alleinerziehender Eltern an - diese reichen von finanziellen Thematiken wie „Finanzielle Urlaubsunterstützung“ über rechtliche wie „Unterhalt“ und „Neues Bürgergeld“ bishin zu pädagogischen Themen wie „Autonomiephase“ und „Pubertät“. Wir erfragen regelmäßig die Bedarfe in Treffs oder der Whatsapp-Gruppe für Alleinererziehende ab und versuchen eine bunte Mischung an Themen anzubieten, die von geschulten Fachkräften aus unterschiedlichen Bereichen umgesetzt werden.
Ahoi: Und Euer Bereitschaftsmittwoch? Kannst Du uns bitte dazu etwas erzählen?
Franziska Pfennig: An unserem Bereitschaftsmittwoch stehen wir ganztägig für die Anliegen Alleinerziehender im Rahmen der Erst- und Koordinationsberatung telefonisch oder per Videoanruf zur Verfügung. Wir bieten dazu jeden Mittwoch die sogenannte „Frühschicht“, bei der wir ab 6:00 Uhr und die „Spätschicht“, bei der wir bis 21:30 Uhr erreichbar sind, an. Diese Termine sind ganz einfach online buchbar und Terminanfragen können dazwischen auch per Whatsapp an uns geschickt werden. Darüber hinaus gibt es auch an allen anderen Werktagen die Möglichkeit für Beratungsgespräche, die auch in Präsenz stattfinden können.
Ahoi: Faszinierend finde ich ja auch Eure „Digitale(n) Begegnungsorte“. Wie geht das denn konkret? Wie können sich Alleinerziehende bei Euch digital begegnen?
Franziska Pfennig: Wie der Name schon sagt, bieten unsere „Digitalen Begegnungsorte“ die Möglichkeit, sich im digitalen Raum zu vernetzen und Beratung in Anspruch zu nehmen. Auch hierfür gibt es verschiedene Formate, so etwa Videosprechstunden für Alleinerziehende, bei der sich die Eltern in einem ruhigen Raum in der Kita per Zoomlink mit uns in Verbindung setzen können, noch während die Kinder in Betreuung sind (danach können sie sie dann direkt abholen und haben somit keinen extra Weg zu bestreiten) sowie „Digitale Elternabende“, welche wir in Kooperation mit Schulsozialarbeitenden von Grund- und weiterführenden Schulen anbieten. Darüber hinaus unterstützen und koordinieren wir verschiedene Social Media Plattformen, um digitale Begegnung zu ermöglichen - hierfür gibt es alleinerziehendspezifische Whatsapp- und Telegramgruppen und unter @alisaleipzig sind wir auch auf Instagram zu finden. Aktuell arbeiten wir an neuen digitalen Informations- und Vernetzungsangeboten zu relevanten Themen, wie Unterhalt, Umgang, Kinderbetreuung etc. To be continued...
Ahoi: Und Euer Kettenbrief? Erzähl mal bitte, wie der funktioniert?
Franziska Pfennig: Unser Kettenbrief ist ist ein analoger Brief, der - wie der Name schon erahnen lässt - an andere weitergeben werden soll, um unser Angebot in die Welt zu tragen. Dies geschieht sowohl über die ALISA-Mitarbeitenden direkt als auch in Kitas, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen, in denen alleinerziehende Eltern und deren Kinder anzufinden sind. Inhaltlich sind dort alle Angebote von ALISA in haptischer Form eingelegt. Damit fördert der Kettenbrief die direkte Kommunikation durch die persönliche Übergabe und ist somit eine direktere, lebensnahere Variante und Soloeltern müssen sich nicht erst durch den Informationsdschungel im Netz suchen, sondern haben die wichtigsten Informationen direkt in der Hand.
Ahoi: Die Arbeit in solch einer Struktur wie ALISA für Alleinerziehende kommt ja in den seltensten Fällen aus der Leere. Wie war das bei Dir? Wie bist Du zu ALISA gekommen? Wo war der Punkt, der Dich selbst dazu brauchte, Dich zu engagieren?
Franziska Pfennig: Mein Herz schlägt schon immer für soziale Projekte - schon als Grundschülerin habe ich mich ehrenamtlich engagiert und aus dieser „Berufung“ ist dann auch mein Beruf als Sozialpädagogin resultiert. Im Laufe der Jahre war ich in unterschiedlichen Kinder-, Jugend- und Familieneinrichtungen tätig und bin dann - nachdem ich längere Zeit als „digitale Nomadin“ auf Reisen unterwegs war und dabei in soziale Einrichtungen im Ausland schnuppern durfte und nebenher angehende Integrationsassistent:innen online unterrichtet habe - auf das Projekt ALISA gestoßen. Da ich nach einer neuen sinnstiftenden und vielfältigen Tätigkeit in Leipzig gesucht habe, war ALISA ein Glücksgriff. Zudem bin ich selbst mit zwei Schwestern und einer alleinerziehenden Mama aufgewachsen und kann mich dementsprechend empathisch in die Lage der Menschen in Einelternfamilien einfühlen.
Ahoi: In Leipzig und der Region um Leipzig gibt es auch diverse, ganz reale, Anlaufpunkte. Wo denn? Und wann denn?
Franziska Pfennig: Diese alle aufzuzählen, würde die Zeilen hier sprengen und da sich dies auch stetig verändert und sich neue Orte und Termine ergeben, ist es das Beste, die regionalen Angebote diesbezüglich auf www.alleinerziehend-leipzig.de einzusehen. Diese Infos sind quasi tagesaktuell und somit am aussagefähigsten.
Ahoi: Die Multikrisensituation für Alleinerziehende ist nachvollziehbar. Aber über wie viele Menschen reden wir eigentlich in Leipzig? Zu den Alleinerziehenden gehören ja auch immer Kinder.
Franziska Pfennig: Nach den letzten Daten, die uns vorliegen, wird von ca. 21 000 Alleinerziehenden in Leipzig ausgegangen, zu denen dann noch die jeweilige Anzahl der Kinder hinzugezählt werden muss.
Ahoi: Was können Menschen in Leipzig ganz konkret tun, um in ihrem Umfeld zu helfen?
Franziska Pfennig: Wir suchen natürlich - wie viele andere Vereine und Verbände auch - immer ehrenamtliche Unterstützung. Alleinerziehendspezifisch braucht es im Speziellen vor allem Unterstützung bei der Kinderbetreuung auf Veranstaltungen, aber auch bei der Bearbeitung von Anträgen zur finanziellen Urlaubsunterstützung. Natürlich ist jede Geldspende - egal in welcher Höhe - immer eine Hilfe. Diese kann auch zweckbindend getätigt werden, wenn diese für eine bestimmte Sache genutzt werden soll. Zudem ist eine der größten Herausforderungen Alleinerziehender die private Kinderbetreuung - diese könnte im Rahmen von Kinderpatenschaften, beispielsweise als Wunschoma/-opa/-tante/-onkel,... umgesetzt werden.
Ahoi: Wenn ich mir vorstellen muss, dass ich selbst alleinerziehend wäre, würde meine Welt zusammenstürzen. Nun habe ich ein Händchen für bürokratische Unwegbarkeiten, habe auch gelernt, mich gegen die Willkür zu wehren. Wobei ich weiß, dass dies die meisten Betroffenen nicht können. Welches sind, aus Deiner Erfahrung, die größten Herausforderungen? Und wie kann geholfen werden?
Franziska Pfennig: Eine der größten Herausforderungen, vor der wir in unserer täglichen Arbeit stehen, ist die fehlende Anerkennung der Familienform „Alleinerziehend“ in Politik und Gesellschaft. Was es dringend braucht, ist eine Sensibilisierung für diese spezifische Familienform und eine Wertschätzung für die Leistung der täglichen Care-Arbeit alleinerziehender Eltern. Damit einher geht insbesondere die Forderung nach einer Gleichbehandlung aller Familienformen. Dabei geht es nicht um eine Besserstellung, sondern eine Gleichstellung. Dies würde sich etwa in spezifischen Beratungs- und Anlaufstellen und Angeboten der Kinderbetreuung für Alleinerziehende zeigen sowie in ganz konkreten Alltagssituationen - hierzu ein eindrückliches Beispiel: Für den Eintritt in Freizeiteinrichtungen gibt es in den allerseltensten Fällen eine spezifische „kleine Familienkarte“ für Einelternfamilien (1 Erwachsene(r) + Kind(er)).
Ahoi: Wie viele Leute seid Ihr eigentlich bei ALISA?
Franziska Pfennig: Derzeit decken wir unsere gesamten Angebote mit insgesamt 70 Wochenstunden reiner Arbeitszeit und darüber hinaus reichlich ehrenamtlicher Tätigkeit ab.
Ahoi: Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Deinem Engagement, liebe Franziska. Und wir wünschen Dir und Euch weiterhin Kraft und Vertrauen. Danke, dass Ihr helft!
Franziska Pfennig: Vielen Dank für die Möglichkeit, unsere Angebote und Informationen hier präsentieren zu können und auf die Lage Alleinerziehender aufmerksam zu machen! Lasst uns täglich unseren Hut für die Leistung von Soloeltern und deren Kinder ziehen!


