//
//
  • Interviews
Gespräch mit dem Musiker und Sänger THEUERKORN

Erst unsere Narben machen uns zu dem, wer wir sind

THEUERKORN © Maximilian Sauer

Zwischen all der KI-generierten oder in Großraumstudios kollektiv erstellten Industriemusik blinken immer wieder echte Perlen auf. Ganz besonders blinken diese, wenn der Staub auf ihnen von gequälten Gitarren und trotzigen Stimmen hinweggeschrubbelt wird. THEUERKORN ist ein Meister des Wegschrubbelns, er atmet dem Blues und Jazz neue Kraft ein, hält sich, wie Wenzel so schön sang, von den Siegern fern und tapfer am Rand und schafft so Unglaubliches: Musik, die bleiben wird. Ahoi-Redakteur Shevek Walden sprach mit ihm, schließlich hat Waldens Lagerfeuerkumpel Volly Tanner THEUERKORN in seiner Februarsendung von TANNER TERENDBEFREITE ERUPTIONEN auf Radio Ostrock vorgestellt:

Ahoi: Guten Tag, THEUERKORN. Oder, weil wir uns ja duzen: Norman. Du bist ein in unserer Schwesternstadt Halle (Saale) geborener, zwischendurch in der Welt und in Leipzig gelebt habender Jetztberliner. Und Deine Musik geht gerade steil ab. Dabei hast Du schon eine große Karriere hinter Dir. Beginnen wir am für Leipziger interessanten Beginn: Warum hast du in Leipzig gelebt, was hast Du hier getan?

THEUERKORN: Es ging mir immer um Musik. Damals kannte man mich eher als Nockout beziehungsweise Nocky im Rap / HipHop. Meine Musikerkollegen waren hier. Der Vibe hat in Leipzig gestimmt. Mein Herz hängt an der Stadt und ein Koffer steht noch immer hier. Aber ich bin der Liebe nach Berlin gefolgt …

Ahoi: Wenn man Deine neue EP „Fallen ist wie fliegen“ durchhört, spürt man den handfesten Blues, gemischt mit kratzigem Südstaatenrock, Barjazz, zu Herzen gehendem Soul und einer fast schon Tom-Waits-haften Stimme und Stimmung. Dabei begann alles mit, wie Du schon sagtest, Rap. Wurde Rap einfach irgendwann langweilig oder was hat Dich zu Deiner neuen Musik getrieben?

THEUERKORN: Ich liebe Musik generell und höre die verschiedensten Genres. Ich bin mit anderer Musik als Rap aufgewachsen. Rock, Pop, Funk – James Brown, Genesis, Falco, Tina Turner – auf dem Rücksitz des Autos meiner Eltern, daheim aus dem Radio oder durch einige ihrer Alben, die sie hoch und runter hörten, weil Musik damals noch einen anderen Wert hatte.

Als leicht missverstandener Teenager, wie wahrscheinlich viele von uns, habe ich mich dann in den Rap verliebt. Zehn Mixtapes/Alben später änderte sich der musikalische Anspruch. Mittlerweile habe ich allerdings wieder Lust, nach sechs Jahren Abstinenz, zu rappen und das Erlebte der letzten Jahre auf einem Album zusammenzufassen.

Startschuss war mein Song „Alles für den Jazz“ aus dem Dezember 2024. Doch mein Fokus liegt auf THEUERKORN. Das Ende der EP-Produktion ist der Anfang eines ersten Albums.

Ahoi: Wer hat eigentlich alles am Projekt THEUERKORN mitgewirkt, konkreter in Deiner Band für die EP?

THEUERKORN: Ich bin Singer-Songwriter und keine Band. An meiner Seite ist seit dem Song „Spring mit mir“ unverändert Tom Kienzlen – Allround-Instrumentalist und Produzent. Ansonsten arbeite ich gerne mit verschiedenen Musikerinnen und Musikern zusammen, um Erfahrungen und neue Einflüsse zu sammeln. Ich würde auch gerne einen Song zusammen mit einer Sängerin entwickeln. Hier bin ich übrigens gerade auf der Suche nach der richtigen Stimme.

Ahoi: Du bist auch ein erfolgreiches Model, arbeitest für Porsche, PUMA oder auch Roberto Cavalli. Wenn ich richtig informiert bin, ist in diesem Metier auch Dein Bruder aktiv. Stimmt das überhaupt oder habe ich mich hier verrecherchiert? Und wie bekommst Du die Modelkarriere und die Musikkarriere unter einen Hut?

THEUERKORN: Gut recherchiert. Meinen Halbbruder Felix habe ich gerade in einer Modelagentur untergebracht. Er ist deutlich jünger als ich und kann zumindest etwas von meinen Erfahrungen profitieren. Ich mache das jetzt seit 13 Jahren und finanziere damit meine Musik und natürlich auch die Videoproduktionen. Zeitlich passt beides ganz gut zusammen und natürlich erhalte ich auch viele Inspirationen auf meinen Reisen.

Ahoi: Du schreibst Deine Texte selbst, bist der Regisseur Deiner Videos, hast die Finger im Produzentenreglerwerk. Also alles durch und durch Norman Theuerkorn. Wie weit geht Deine Kompromisslosigkeit? Auf wen hörst Du beim Entstehen der Songs? An wem orientierst Du Dich?

THEUERKORN: Meine Helden sind die gleichen geblieben. Ich liebe Tupac, Sinatra, Bob Marley, James Brown, Leonhard Cohen. Ich versuche, mich aber an dem Erlebten zu orientieren. Ich hoffe, dass merkt man. Ich beschreibe meine Gefühlswelt.

Die Texte sind nicht an den Haaren herbeigezogen oder von jemand anderem geschrieben. Doch so sehr ich versuche, mich an mir selbst zu orientieren, scheitere ich wahrscheinlich schon beim Gedanken daran, da Kunst sich unterbewusst beeinflussen lässt.

Ahoi: Wenn ich Deine neuen Stücke höre, ist da viel Schmerz. Wo kommt der her?

THEUERKORN: Gute Musik besteht daraus, aus wenigen Worten so viele Bilder wie möglich zu zeichnen. Meine Lyrik, meine Songtexte sind nah an meinem Leben entlang geschrieben. Erst unsere Narben machen uns zu dem, wer wir sind. Ein anderes Wort dafür ist: Erfahrungen. Narben klingt so drastisch.

Ahoi: Wird es eine Tour geben? Leipzig freut sich ja immer darüber, wenn Menschen, die phänomenale Musik machen, mal wieder unsere Stadt besuchen.

THEUERKORN: Würde ich total gerne. Ein Konzert ist für dieses Jahr in Planung – eine Tour muss warten. Vorher gibt es erst einmal mein aller erstes THEUERKORN-Album.

Ahoi: Deine Texte sind sehr berührend. Da wäre doch eigentlich irgendwann das Thema Buch drängend, oder? Bei Leonard Cohen war ja zuerst die Literatur- und dann die Musikkarriere. Du könntest das Pferd ja andersherum aufzäumen.

THEUERKORN: Lustig, dass du danach fragst. Ich schreibe sehr viel. Aktuell an einem Roman, aber da ist absolut nichts spruchreif. Es macht mir einfach sehr viel Spaß.

Gedichtbücher mit viel Lyrik von mir könnte es schon sehr viele geben. Aber wie ich eingangs gesagt habe: Mir geht es um Musik.

Ahoi: Danke, lieber Norman, dass Du Dir die Zeit genommen hat für uns. Und natürlich viel Erfolg!

THEUERKORN: Danke für den guten Austausch.

« zurück
zur aktuellen Ausgabe