//
//
  • Interviews
Gespräch mit der Wirtschaftsmediatorin Christin Stäudte

Erfolg funktioniert auch mit Erholungspausen

Wirtschaftsmediatorin Christin Stäudte spricht aus Erfahrung © Ron Kuhwede

Wenn wir für unsere Sache brennen ist das gut. Wenn wir nicht auf uns achten, ist irgendwann die Luft raus. Eine Erfahrung, die auch Christin Stäudte schon machen durfte. Sich hier neu zu organisieren und trotzdem wieder auf die Gleise zu kommen ist unendlich schwierig. Die Wirtschaftsmediatorin Christin Stäudte erlebte genau das und lernte daraus. Shevek Walden sprach mit ihr:

Ahoi: Guten Tag, liebe Christin Stäudte. Auf der Plattform LinkedIn las ich vor einigen Tagen einen Beitrag von Dir mit dem Titel „Tagebuch einer Workaholic – Resilienz bedeutet nicht aushalten!“ Hierin beschreibst Du Deine große Veränderung, die mit dem Erscheinen Deines Buches „Chef lass nach!“ begann. Kannst Du uns bitte erzählen, was geschah?

Christin Stäudte: Hallo Shevek, erst einmal vielen Dank, dass Du mir in den Sozialen Netzwerken so aufmerksam folgst! Gerne erzähle ich aus dieser Zeit. Wie Du ja bereits weißt, bin ich seit über zwölf Jahren Wirtschaftsmediatorin, davon sieben Jahre selbständig. Ich hatte eine starke Vision von mir und meiner Aufgabe, als ich mein Business startete und hatte mir vorgenommen, einen Bekanntheitsgrad zu erreichen, auch um das Thema Konfliktlösung „salonfähig“ zu machen, denn das war vor wenigen Jahren noch ein sehr stiefmütterlich behandeltes Thema in Unternehmen oder auch im Öffentlichen Sektor.

Was mir in die Vision grätschte, mich jedoch zu keinem Zeitpunkt abgehalten hat, war die Pandemie, nach welcher ich das Gefühl hatte „Jetzt erst recht!“ Und so begann ich, noch während des LockDowns, meine Internetpräsenz auszuweiten und „CHEF LASS NACH!“ zu schreiben. Ich brannte für meine Vision und immer, wenn mich jemand frage: „Wie schaffst du das alles?“ wunderte ich mich fast und dachte mir: „Ich liebe doch meine Aufgabe, das ist doch gar kein richtiger Stress.“ Die ersten kleinen Erfolge ließen nicht lange auf sich warten und so machte ich immer weiter, trieb mich zu immer mehr Leistung an und meine Energie blieb konstant. Jeden Tag Volldampf - aus voller Überzeugung und Freude. Als 2023 mein Buch endlich verlegt und veröffentlicht wurde, war dies ein berauschender Moment. Das hatte ich mir immer gewünscht. Ich brannte für meine Aufgabe und ich hatte Erfolg.

Ahoi: Deine Schlussfolgerungen für Dein jetziges Leben hast du anhand negativer Folgen aus dem „Chronischen Stress“ heraus formuliert. Welche negativen Folgen machten sich breit?

Christin Stäudte: Ich sagte früher immer scherzhaft: „Eines Tages falle ich einfach um.“ Doch genau das passierte nicht. Kurz vor der Sommerpause 2023 merkte ich, dass ich ziemlich lange brauchte, um mich nach Moderationen und Konfliktlösungen wieder zu erholen. Natürlich dachte ich, ich sei lediglich urlaubsreif, und ein paar Wochen am Strand würde die Batterien wieder aufladen. Doch dem war gar nicht so. Ich kam aus meinem 14-tägigen Pauschalurlaub noch müder zurück, als ich gestartet war. Noch einmal 14 Tage später merkte ich, dass ich dauermüde war. Ich schlief schlecht, aber das war episodenweise schon immer so gewesen. Meine Arbeit schaffte ich noch. Nur darüber hinaus ging quasi gar nichts mehr. Kaum noch Kraft für die Kinder, Familie und Freunde und immer das Gefühl müde zu sein.

Und auch die Freude an der Arbeit mit Menschen schien sich zu verabschieden. Meine Arbeit machte ich nicht mit dem selben Antrieb wie früher und das war der Punkt, an dem ich einen Arzt aufsuchte, so konnte es nicht weitergehen. Das Blutbild schlug sofort Alarm. Die Schilddrüsenwerte waren völlig entgleist, die Nebenniere produzierte keine ausreichenden Hormone mehr, ich hatte zehn Kilo in vier Monaten zugenommen. Es konnten unendlich viele Gründe dazu geführt haben und der Ärztemarathon begann. Für mich stand fest, hier musste sich sofort etwas verändern. Jeden Tag übermüdet, wie durch Watte zu schauen, das macht was mit Dir. Nachdem alle körperlichen Ursachen ausgeschlossen werden konnten, begab ich mich widerwillig, aber völlig entkräftet zur Mutter-Kind-Kur. „Stilles Burnout“- dieser Begriff fiel dort zum ersten mal und ich fühlte mich fast beleidigt. Ich konnte ja immerhin noch aufstehen und arbeiten und Mama sein, es fiel mir nur schwerer als sonst und ich blieb auch nicht im Bett liegen, wie man das immer so liest bei Burnout, dass es dann von einem auf den anderen Tag nicht mehr geht.

Ahoi: Und wie hast Du daraus gelernt? Was machst Du jetzt anders?

Christin Stäudte: Dieses stille Burnout springt Dich nicht an und haut Dich um. Es schleicht sich an, senkt Dein Energielevel Tag für Tag fast unbemerkt, wie ein Parasit. Bei mir hat der Dauerstress zu echt viel Cortisol im Körper geführt, dieses hat die Nebenniere angegriffen und deren fehlende Leistung hat die Schilddrüse aus dem Gleichgewicht gebracht. Dies hat mich müde gemacht. Nun bin ich keine Ärztin, und musste mir diese Kausalität lange selbst erarbeiten. Wenn mir das einer gesagt hätte, wie es zusammenhängt, hätte ich mir viel erspart. Es gibt keine Wunderpille, die diesen Zustand heilt. Es braucht Ruhe und Entspannung. Und das habe ich bei der Mutter-Kind-Kur gelernt. Ich habe gelernt, mich selbst wieder im Ruhezustand auszuhalten und diesen auch zu erzeugen, mich nicht ausschließlich über meinen Beruf zu definieren und gut für mich zu sorgen: Inner Peace comes first. Das ist mein Kredo seither. Und ich kann es bestätigen: Erfolg funktioniert auch mit Erholungspausen (schmunzelt), vielleicht sogar noch besser, da wir nur mit einem geringen Stresslevel in kreative Prozesse geraten können.

Ahoi: Das Getriebensein vom Erfolg, das Surfen auf der rasenden Welle, kennen viele Freiberufler und Selbständige, aber auch Menschen im mittleren und höheren Management. Hier kürzer zu treten ist schwer, gibt der Erfolg doch wie eine Droge Bestätigung und lässt körpereigenen Substanzen einen wahren Trance vollführen. Wie kann man sich hier lösen?

Christin Stäudte: Man muss sich seiner Sucht zunächst erst einmal bewusst sein. Beruflicher Erfolg wirkt sehr intensiv auf das Belohnungszentrum und auch sehr schnell. Das ist zu vergleichen mit Fastfood: Geht schnell, schmeckt nach viel, macht kurz glücklich und trotzdem ist es ungesund, denn der Appetit wird immer größer. Wenn ich jetzt im übertragenen Sinn auf gesundes Gemüse umsteige, wird das fade schmecken, bis ich mich darauf einlasse und das Gefühl eine Zeit aushalte. Wenn der oder die Getriebene die Ruhe noch nicht aushält, sich jedoch bewusst ist, dass diese notwendig ist, um gesund zu bleiben, so kann er oder sie eine Weile dran bleiben.

Bei mir hat die Übergangszeit volle vier Wochen gedauert, bis aus der Vollbremsung eine angenehme Entschleunigung wurde.

Ahoi: Du bist Expertin für Konfliktmanagement in Veränderungsprozessen. Die Welt, gerade die Arbeitswelt, verändert sich derzeit sprunghaft. Hier ist es für viele Menschen schwierig, mitzumachen, werden doch eigene, auch selbst erarbeitete, Sicherheiten außer Kraft gesetzt. Was muss getan werden, damit gerade das Erfahrungswissen älterer Menschen nicht im Rausch der Transformation verschütt geht?

Christin Stäudte: Regel Nummer 1: Kommunikation! Das vorhandene Wissen kann nur dann zum Fundament der Veränderung werden, wenn es auch als solches anerkannt wird. Wenn mein Team und ich bei unseren Kunden sind, verstehen diese teilweise die Welt nicht mehr: Die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen wollen sich nicht mehr auf Veränderungen einlassen und die jüngeren Kolleginnen und Kollegen haben mitunter die Schublade der Faulpelze erhalten. Und da tun sich alle Arbeitsgenerationen Unrecht. Jedoch sind Führungskräfte heute mehr denn je in der Pflicht des Übersetzers, beziehungsweise der Übersetzerin, um für Verständnis zwischen den Generationen zu sorgen aber auch die Potenziale aller Arbeitsgenerationen freizusetzen und entsprechende Fachwissen zu sichern. Da unterstützen wir momentan große Konzerne und auch den Mittelstand, um in dieser Frage weiterzukommen.

Ahoi: Innerhalb von Firmen ist der Angestellte immer noch der Angestellte. Auf Grabsteinen wird, so schreibst Du in Deinem Beitrag, nicht stehen: „Er/Sie hatte die meisten Überstunden!“, „... war überall, um die Welt zu retten.“ oder „Dieser Grabstein wurde gesponsert von der Firma XYZ.“ Was sollte wirklich darauf stehen? Was, denkst Du, ist weise?

Christin Stäudte: Ich glaube, das Schönste, was darauf stehen könnte, wäre „Er war ein lieber Freund“, oder „Sie war eine liebende Mutter“, „Liebe meines Lebens“ oder einfach „Danke.“ Um dies zu erreichen, brauchen wir jedoch Zeit und Kraft für die Menschen in unserem Privatleben.

Ahoi: Und wie geht es jetzt bei Dir weiter? Welche Ziele hast Du weiterhin in Deiner Arbeit?

Christin Stäudte: Wir werden im Sommer unseren 2. Businessroast veranstalten; bei dieser Veranstaltung erzählen Unternehmerinnen und Unternehmer von ihren größten Pleiten oder den schwierigsten Konflikten im Business und ich darf diese als Mediatorin kommentieren. An diesem Abend sind alle Emotionen dabei und dass das Format bereits im ersten Durchgang so gut angenommen wurde, das hat mich sehr berührt. Ich werde zu dieser Veranstaltung am 05.06.2025 im URBN JUNGLE im Leipziger Zentrum ab 17:30 Uhr unter anderem von meiner Burn Out-Erfahrung berichten sowie meinem persönlichen Geheimrezept hin zu mehr Achtsamkeit und Erholung. Interessenten können sich schon vor anmelden unter info@mediatorin-leipzig.de (VVK 25,00 EURO). Und wir haben neben unseren Konfliktkompetenztrainings auch das Thema Resilienz in unsere Trainings aufgenommen, um unter den Workaholics für Aufklärung zu sorgen. Ich glaube, es kann einen großen Mehrwert für das Betriebliche Gesundheitsmanagement bringen, wenn ein Mensch davon erzählt, der das Ausbrennen selbst erlebt hat.

An allen anderen Tagen bin ich einfach die Mediatorin, bundesweit unterwegs zu meinen Kunden, um Konflikte zu lösen und Kommunikation zu trainieren, jedoch mit ausreichenden Ruhepausen zwischen den Terminen und ausreichend Zeit für meine Kinder.

Ahoi: Danke, liebe Christin, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast. Und Danke auch dafür, dass Du der Raserei widerstehst.

« zurück
zur aktuellen Ausgabe