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  • Interviews
Gespräch mit dem Geschäftsführer des Konfuzius-Instituts Leipzig Benjamin Creutzfeldt

Ein gutes Leben beginnt mit gutem Verhalten

Benjamin Creutzfeldt © Creutzfeldt / Konfuzius-Institut Leipzig

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, an der deutschen Moral sich alle anderen Menschen ein Beispiel nehmen und der Weisheit größter Löffel steckt ja sowieso im Regierungspalast in Berlin. Ist dem so? Nein, die Welt ist größer als wir denken und uns gesagt wird. Die Welt ist bunt und faszinierend und andere Menschen haben andere Lösungen gefunden für Probleme. Hier wertfrei neugierig zu sein, macht den mündigen Bürger aus.

Deshalb fragt Ahoi-Redakteur Volly Tanner immer weiter. Weil er wissen möchte, was Menschen denken. Heute fragte er Benjamin Creutzfeldt, einen faszinierenden Weltmenschen, der weiter sieht als nur bis zur Headline und zum Framing in der Tageszeitung unseres Beliebens:

Ahoi: Guten Tag Benjamin Creutzfeldt. Sie sind Geschäftsführer des Konfuzius-Instituts Leipzig. Auf der Mitarbeiterseite des Instituts steht hinter Ihrem Namen Ph.D. - in der Recherche ergab dieses Kürzel einen anglo-amerikanischen Doktorgrad. Da stellen sich natürlich Fragen. Wo haben Sie denn was studiert und wieso tragen Sie einen anglo-amerikanischen Doktorgrad mit sich herum?

Benjamin Creutzfeldt: Guten Tag. Ja ich bin seit fast genau zwei Jahren am KI Leipzig. Das mit dem Ph.D. ist eine komische Sache: er wird in Deutschland als Doktorgrad anerkannt, aber man darf sich trotzdem nicht offiziell Dr. nennen. Ich habe erst ganz im Norden Englands Sinologie studiert, dann in London einen Masters in Kunstgeschichte gemacht, und erst viele Jahre später Lust bekommen, einen Doktortitel zu ergattern. Da lebte ich schon in Kolumbien und habe mich für Politikwissenschaft entschieden, daher der Ph.D., an den ich dann auch noch einen Postdoc in Washington drangehängt habe.

Ahoi: Das Leipziger Konfuzius-Institut ist eins von, wenn ich richtig informiert bin, 19 Konfuzius-Instituten in Deutschland. Welche Aufgaben haben Sie sich gemeinsam – und das Leipziger Institut konkret – auf Ihre Fahnen geschrieben?

Benjamin Creutzfeldt: Konfuzius-Institute gibt es weltweit seit gut 20 Jahren. Alle haben gemeinsam, dass sie auf Initiative der chinesischen Regierung entstanden sind und Sprache und Kultur Chinas vermitteln. Da hören die Gemeinsamkeiten aber meist schon auf: es gibt Institute mit und ohne lokalen Uni-Partner, es gibt solche mit eigener Kunstgalerie oder medizinischem Zentrum, es gibt Institute mit Miniteams von nur drei Personen und andere mit zwei Dutzend Mitarbeitern und hunderten von Chinesischlernenden. Unser Institut in Leipzig bietet außer Sprachkursen und Fachvorträgen auch Konzerte und Teeverkostungen an, und wir konzipieren und kuratieren auch Kunstausstellungen – am 25. April 2025 öffnet am Museum für Druckkunst in Leipzig unsere Sammlung von Steinabreibungen. Unser Leuchtturmprojekt ist aber seit zehn Jahren das deutsch-chinesische Konfuzius-Institut Magazin, das wir in Leipzig gemeinsam mit Kollegen in Shanghai herausgeben (www.konfuziusinstitut-leipzig.de/konfuzius-institut-das-magazin/). 

Ahoi: Es geht ums Brückenbauen, um das Miteinander auf unserem Planeten, um das Neugierigmachen auf andere Kulturen und das Abbauen von Intoleranz und Eurozentrismus bis hin zum Abbauen von nationalistischen Dünkeln. Bei Diskursen, China betreffend, hat man den Eindruck, dass die meisten Lautsprecherinnen und Lautsprecher einen sehr begrenzten Wissensstand zu diesem historisch beeindruckenden und faszinierend wandelbaren Land haben. Ist in der derzeitigen Lage hier Aufklärung überhaupt möglich? Die Politik schürt ja, gefühlt, im Dauer-Stakkato Abgrenzungstendenzen und hetzt vor sich hin …

Benjamin Creutzfeldt: Das ist leider gerade der Trend, das beschreiben Sie sehr gut. In den öffentlichen Diskursen – seien es die offiziellen der Politik oder die tendenziösen der sozialen Medien – wird die Welt auf wenige Camps reduziert und ein simplistisches Feindbild präsentiert: neuerdings autoritäre Systeme mitsamt derer Bewohner, vor allem China als kolossaler Wettbewerber. Es wird unterstellt, es sei „unfair“ und irgendwie intransparent. Ich selbst habe in sieben Ländern auf vier Kontinenten gelebt und gearbeitet und bin überrascht, wie überheblich man in Deutschland – und auch in den USA – über andere Kulturen und Lebensweisen urteilt. Deswegen überschneidet sich meine Mission mit der des Instituts: durch Sprach- und Kulturangebote das gegenseitige Verständnis verbessern und Vorurteile abbauen. 

Ahoi: Wie selbständig arbeitet Ihr Institut?

Benjamin Creutzfeldt: Ein Großteil unserer Finanzierung kommt von unserer Partneruniversität in China, aber diese gibt uns keinerlei Anweisungen, was unsere Aktivitäten angeht, solange diese im Rahmen der bilateralen Kulturbeziehungen bleiben. Unser Institut ist ein eingetragener Verein nach deutschem Recht und unser Vereinsvorstand ist zu 90 Prozent hier ansässig, insofern sind wir unabhängig, was die Konzeption unserer Kurse und Projekte angeht. Ironischerweise sind es oft eher deutsche Förderer unserer Projekte, die sehr penibel darauf achten, wie etwas formuliert wird und in welche Detailaspekte eines Projektes ihre Gelder fließen. Die chinesische Seite lässt uns viel Spielraum.

Ahoi: Als ich mich so durch Ihr Leben, lieber Benjamin Creutzfeldt, arbeitete, erfuhr ich von zwei faszinierenden Lebensstationen: Ihre Arbeit für das Aktionshaus Christies und die Porzellanfabrik in Jingdezhen in der Provinz Jiangxi. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern darüber etwas erzählen, bitte?

Benjamin Creutzfeldt: Mein Weg in das Studium des Chinesischen begann mit eine Faszination für die Schrift und Pinselkalligraphie, und verwandelte sich mit der Zeit in eine Begeisterung für Porzellan. Die altehrenswerten Auktionshäuser stellen mit Vorliebe kunstaffine Menschen aus dem Erb- und Geldadel ein, aber in den 90er Jahren wuchs der chinesische Markt so rasant, dass Christies in London Chinesischsprecher suchte und mich zu einem Interview einlud. Das war ein spannendes Umfeld, schlecht bezahlt aber unheimlich bereichernd, und bald wurde ich auch zum Auktionator ausgebildet. Ein Höhepunkt jener Karriere war der Versteigerungsmarathon auf Schloss Herblingen, wo über vier Tage hunderte Möbel, Münzen und Hellebarden unter den Hammer kamen. 

Mein Hauptinteresse galt aber weiterhin dem Porzellan und im Jahr 2000 ließ ich mich von der Designfirma de Gournay überreden, in den Ursprungsort des Porzellans zu ziehen (die Chinesen in Jingdezhen konnten schon 800 Jahre vor den Sachsen das „Weiße Gold“ herstellen) und dort eine Manufaktur aufzubauen. Das war ein hinreißendes Projekt, da ich aus erster Hand lernen konnte, wie die Keramiker, Künstler und Chemiker dort arbeiteten. Zugleich brachte ich ihnen bei, was die Traditionen und Geschmäcker der Europäer ausmacht, und so entstand ein Austausch und viele wunderschöne Produkte, die ich an Privatsammler, Luxushotels und sogar Museen verkaufte. Noch heute reise ich so oft ich kann nach Jingdezhen – und tatsächlich hat unser Konfuzius-Institut letztes Jahr einen Kooperationsvertrag mit der Porzellan-Universität dort unterschrieben. Mal sehen, was wir daraus machen!

Ahoi: Anfang des Jahres feierten wir gemeinsam das chinesische Frühlingsfest im WERK II. Das war eine wirklich feine, kulturell offene und freundliche, verbindende Veranstaltung. Menschen kamen miteinander in Kontakt. Gibt es weitere Höhepunkte in diesem Jahr, bei denen Menschen unterschiedlichster Herkunfstswelten bei Ihnen zusammenkommen können?

Benjamin Creutzfeldt: Das chinesische Neujahrsfest ist fast wie Weihnachten und fällt ja ebenso in die Zeit der langen Nächte und trüben Tage. Da gibt es nichts Vergleichbares. Es gibt aber viele kleinere Formate, und besonders gespannt sind wir auf die Ausstellung „Steine, Tusche, Papier und Pixel“, die wir gemeinsam mit dem Leipziger Druckkunstmuseum zusammenstellen und die vom Bildungsnetzwerk China unterstützt wird. Da zeigen wir chinesische Steinabreibungen, die von der Künstlerin Yimeng Wu digital zum Leben erweckt werden. So unterstreichen wir, dass China nicht nur Jahrtausende alte Kunst zu bieten hat, sondern heute im Bereich digitaler Innovation die Menschheit vorantreibt.

Ahoi: Bei dem Fest traf ich auf Ihre „Junggebliebenen“. Können Sie uns bitte dazu etwas erzählen?

Benjamin Creutzfeldt: Chinesisch ist eine erstaunlich einfache Sprache, da sie ohne Konjugationen oder Deklinationen auskommt. Da sie aber viele Tausend Schriftzeichen hat und seit dreitausend Jahren ununterbrochen von Milliarden Menschen gesprochen wird, ist sie unvergleichlich vielfältig und reichhaltig: man lernt nie aus. Das haben ein paar Leipziger Liebhaber des Chinesischen erkannt und wollen auch im Rentenalter ihr Vokabular ausbauen: mit einem unserer Lehrkräfte treffen sie sich jede Woche zum Tee und lesen dabei chinesische Gedichte und Prosa im Original und tauschen sich zu vielen Themen aus. So halten sie sich tatsächlich jung.

Ahoi: Unseren Planeten können wir nur in den Frieden bekommen, wenn wir bereit dafür sind, wertungsfrei voneinander zu lernen. Das scheint mir derzeit, gerade mit der deutschen Missions-Attitüde der Politik, jeder und jedem ungefragt aufzudoktrinieren, was gut & böse ist, schwierig – und nebenbei widerspricht es auch meiner Vorstellung vom „mündigen Bürger“. Was können wir von der chinesischen Kultur lernen? Wie können wir die Mauern, die uns voneinander trennen, überwinden?

Benjamin Creutzfeldt: Ich könnte es selbst nicht besser sagen. Viele Politiker heute reden genau wie Kaiser Wilhelm II. vor 120 Jahren, als er von einer „gelben Gefahr“ sprach. Damals wich die Faszination für Kunst und Kultur des fernen Ostens der Furcht vor dem Unbekannten und „Heidnischen“. Man vergaß, dass die Chinesen schon lange vor uns Papier und Buchdruck, Kompass und Schwarzpulver hatten, dass sie uns Tee und Porzellan vermacht hatten, und sah dort eine Bedrohung. Jetzt sehen viele in China wieder eine Bedrohung und meinen, man müsse sich jenem Land verschließen und sich von den Menschen dort abwenden. Junge Menschen hier fühlen sich dadurch verunsichert und wollen dann lieber nicht mehr chinesisch lernen. Das Gegenteil müssen wir tun! Sie machen offensichtlich vieles richtig in China: sie sehen ein Problem und setzen alles daran, es zu lösen – sei es der Klimawandel oder die Umweltverschmutzung, die Überbevölkerung oder die aus Kolonialzeiten überlieferte Armut des globalen Südens. Wir mögen nicht mit allen Lösungsansätzen einverstanden sein, aber dann müssen wir erst recht mitmischen und nicht alles schlechtreden.

Ich glaube tief und fest an die Völkerverständigung und lebe das auch. Ich finde bei jedem Besuch in China oder sonstwo in der Welt etwas das mich ergreift und fasziniert, das mich verwundert und das ich verstehen will. Kein Tiktok-Video kann so faszinieren, und kein ChatGPT kann mir etwas so gut erklären wie das Leben selbst. Wenn wir vom Handy aufblicken und dem Anderen ins Gesicht, sie oder ihn ansprechen – am besten in dessen Sprache, dann lösen sich die Mauern in Luft auf.

Ahoi: Konfuzius sagte … das ist ein in China oft und gern genutztes Bonmot. Können Sie uns die Philosophie von Konfuzius in möglichst „Leichter Sprache“, gerade auch für die, die noch nicht im Thema sind, zusammenfassen?

Benjamin Creutzfeldt: Ja, da muss man vorsichtig sein, denn es wird dem Meister vieles angehängt, was gar nicht von ihm stammt. Konfuzius war ein Lehrer, Denker und Berater im alten China. Er lebte vor über 2.500 Jahren – etwa um die Zeit der berühmtesten Denker Griechenlands – und seine Schüler schrieben auf, was er lehrte.

Er sagte: Ein gutes Leben beginnt mit gutem Verhalten. Jeder Mensch soll höflich, ehrlich und respektvoll sein. Besonders wichtig ist, dass wir gut zu anderen Menschen sind – zu unserer Familie, zu unseren Freunden und zur Gesellschaft. Auf dieser Basis ist das konfuzianische Denken auch keine Religion, da sie keine Gottheit hat. Sie ist eine Anweisung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Konfuzius meinte auch: Wer lernen will, wird klüger. Lernen hört nie auf. Ein guter Mensch denkt nach, stellt Fragen und will immer besser werden. Das sitzt den Chinesen – wie auch den vom Konfuzianismus geprägten Japanern und Koreanern – tief in den Knochen, sodass der Erwerb von Wissen einen viel höheren Stellenwert hat als bei uns heutzutage.

Für die Politik sagte er: Ein Land funktioniert gut, wenn die Anführer gerecht sind. Ein guter Herrscher ist wie ein guter Vater – er kümmert sich um sein Volk. Das klingt zwar auch nach Patriarchat, aber es ist eine Struktur, die hilft. 

Kurz gesagt:

  • Sei freundlich und ehrlich: was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu. 
  • Lerne immer weiter – bis ins hohe Alter!
  • Handle gerecht, besonders wenn du Verantwortung hast.

Diese einfachen Ideen machen Konfuzius bis heute wichtig und relevant.

Ahoi: Danke, lieber Benjamin Creutzfeldt, für Ihre Zeit und Ihr Engagement. Hoffentlich haben wir gemeinsam einige Menschen etwas neugieriger gemacht.

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