Hin und wieder blitzt auch im Hirn eines Ahoi-Redakteurs der Gedanke auf, dass Gesundheit und Wirksamkeit zusammengehören. Meist ist dieser Gedanke verbunden mit einem Moment des Schmerzes, beim morgendlichen Aufstehen, nach zu langer Tastaturarbeit oder, wenn der Berg steil ist und oben etwas Feines im Glas wartet, nur schon zu Beginn der Mut, sich zu quälen ins Wackeln gerät.
Glücklicherweise darf Volly Tanner fragen und glücklicherweise antworten interessante Menschen mit Expertise: dieses Mal zum Thema vegane gesunde Ernährung, Muskelaufbau, Beweglichkeit und Fitness. Danke, liebe Gundula Oesen, dass Du den Tanner an Deinem Wissen teilhaben lässt:
Ahoi: Guten Tag, Gundula Oesen. Ich bin fasziniert! Du bist nämlich vegane Fitnesstrainerin, was ja impliziert, dass Du Abnehmen, Fitness und Muskelaufbau nur mit der rein veganen Lebensmittelzufuhr lehrst. Ist das überhaupt so konsequent möglich?
Gundula Oesen: Hallo Volly, tatsächlich ist das eine Frage, die mich häufig erreicht. Bei einer gut durchdachten Lebensmittelauswahl, die essenzielle Mikronährstoffe und - im Fall von Muskelaufbau - ausreichend Energie und Proteine liefert, ist Fitness auch ohne tierische Produkte möglich.
Mir persönlich war es wichtig, als ich damals 2017 angefangen habe vegan zu leben und Kraftsport zu betreiben, eine möglichst nachhaltige und ökologische Herangehensweise zu wählen. Es gibt auch bekannte Kraftsportler wie etwa Patrik Baboumian, die rein vegan leben und beeindruckende Leistungen abrufen können.
Ahoi: Dann lass uns doch mal in die Tiefe gehen: Gerade bei Fitness und Muskelaufbau ist ja landläufig die Meinung vorherrschend, dass man fleißig Hühner- oder Fischfleisch futtern muss, um an aufbauende Proteine zu kommen. Mir ist klar, dass es auch pflanzliche Proteinzufuhr gibt. Kannst du uns da bitte ein bisschen Wissenszuwachs liefern? Welche Pflanzen helfen da? Was muss ich beachten? Und wann sehe ich dann wie Arnold Schwarzenegger oder Vin Diesel aus?
Gundula Oesen: Haha, ja das stimmt – ich weiß, dass es früher immer hieß: „Reis, Hühnchen und Brokkoli ist die ideale Muskelaufbau-Mahlzeit“. Doch was braucht der Körper eigentlich konkret, um Muskeln aufzubauen? Einen Trainingsreiz, einen Kalorienüberschuss und die Zufuhr aller essenziellen Aminosäuren aus denen Muskelprotein gebildet wird.
Aminosäuren sind Bestandteil von Proteinen, die wir über die Nahrung zu uns nehmen. Tierische Proteine haben tendenziell eine höhere biologische Wertigkeit – das bedeutet, sie enthalten in der Regel alle essentiellen Aminosäuren für Muskelaufbau. Eine einzelne pflanzliche Proteinquelle ist meist in ihrem Aminosäurenprofil unvollständig. Das bedeutet, es fehlen meist ein oder mehrere Aminosäuren, die ich für die Deckung meines Bedarfs brauche. Das ist in der Ernährungspraxis nicht weiter problematisch, da wir im Ernährungsalltag sowieso verschiedene pflanzliche Proteinquellen miteinander kombinieren sollten, um den Bedarf zu decken.
Gute Lebensmittel mit pflanzlichem Eiweiß sind zum Beispiel sämtliche Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen, Kidneybohnen, Sojaprodukte (Tofu, Joghurt, Tempeh), aber auch diverse Getreide enthalten moderate Mengen wie Dinkel, Quinoa oder Haferflocken. Hier gibt es die Faustregel, dass man Hülsenfrüchte und Getreide miteinander kombinieren sollte, da diese sich im Aminosäurenprofil sehr schön ergänzen (zum Beispiel Reis mit Linsen, Haferflocken mit Sojajoghurt) und wir somit auch vegan alle essenziellen Aminosäuren abdecken können.
Wer es sich im Ernährungsalltag erleichtern möchte, kann natürlich auch auf vegane Proteinpulver zurückgreifen. Ein hochwertiges Proteinpulver erkennt man daran, dass es einen hohen Eiweißanteil und geringen Anteil an Füllstoffen, künstlichen Aromen oder Farbstoffen enthält. Außerdem sollte es auf Schafstoffe und Schwermetalle getestet sein mit transparenter Einsicht der Laborprüfung.
Ahoi: Du bist Sportwissenschaftlerin und möchtest Deine Themen ganzheitlich gesehen wissen. Was bedeutet das konkret? Ganzheitlich ist ja auch so ein Begriff, den viele Menschen benutzen, ohne den Inhalt wirklich tiefgedacht zu haben.
Gundula Oesen: Ich weiß und das ist schade, weil ich nicht möchte, dass die Qualität dieses Labels „ganzheitlich“ verloren geht – deshalb erkläre ich Dir gerne, wie ich diesen Begriff in meine Arbeit integriere. Ich coache meine Klientinnen mit dem übergeordneten Ziel, zu mehr Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu finden. Das bedeutet in meinem Ansatz, dass pflanzliche Ernährung, Training und Mindset-Arbeit synergistisch ineinandergreifen müssen, um nachhaltig wirksame und zielführende Verhaltensänderungen zu bewirken.
Dabei ist es wichtig, verschiedene Stellschrauben und Lebensbereiche zu betrachten: Hat die Person viel Stress und neigt dann beispielsweise zu emotionalem Essen? Möchte die Person abnehmen, aber hat durch vergangene Diätversuche enorme Selbstzweifel und negative Glaubenssätze entwickelt, die sie daran hindern?
Eine Person, die mit dem Wunsch abzunehmen zu mir kommt, möchte gerne, dass die Zahl auf der Waage sinkt und verfällt dann häufig in sehr restriktive Ernährungsmuster. Das ist aber absolut kontraproduktiv, weil Du dann keine Energie hast, ständig hungrig bist und irgendwann aufgibst. Viele wissen auch gar nicht, dass Krafttraining wichtiger als Ausdauertraining ist, um Körperfett zu verlieren und beim Abnehmen & Muskelaufbau der schnellste Weg tatsächlich der langsame und moderate ist. Ich vermittele in Coaching-Gesprächen dann beispielsweise zusätzlich die Bedeutung von Muskelaufbau oder hinterfrage mit meinen Kundinnen festgefahrene Glaubenssätze und Verhaltensmuster, um hier gezielte Veränderungen herbeizuführen.
Ahoi: Dein Angebot, das las ich auf Deiner Homepage, gilt ausschließlich Frauen – siehe: Deine Vision im Unterpunkt „Über mich“: Warum dies denn? Ich bin ja nun ein Mann und schon wieder raus …
Gundula Oesen: Oh da hast Du mich ertappt – es wird Zeit, die Website zu überarbeiten! Aber tatsächlich habe ich damals angefangen, nur mit Frauen zusammenzuarbeiten. Das hatte primär den Hintergrund, dass Menschen, die offen für Veganismus und Gesundheit sind, tendenziell eher weiblich gelesene Personen sind. Außerdem sehe ich meine Stärken als Coach neben meinem tiefgründigen Wissen aus den Sport- und Ernährungswissenschaften tatsächlich vor allem in meiner emotionalen Intelligenz.
Ich erhalte häufig sehr positive Rückmeldung in Bezug auf meine einfühlsame und empathische Art. Als Trainerin und Coach bist Du viel mehr als nur das – Du brauchst die Fähigkeit, nonverbale Signale (etwa Zeichen von Erschöpfung, Unwohlsein, Unsicherheit) von Deinem Gegenüber wahrzunehmen und darauf eingehen zu können. Nur wenn die Klientinnen mir zu 100 Prozent vertrauen, können sie sich auf meine Ansätze einlassen und mir mitteilen, womit sie gerade strugglen. Mittlerweile arbeite ich aber auch mit Männern zusammen. Wichtig ist, dass es zwischenmenschlich passt und beide Seiten sich eine Zusammenarbeit vorstellen können!
Ahoi: Kannst Du uns ein bisschen etwas über Deine Qualifikationen erzählen? Wo hast Du denn Deine Expertise her?
Gundula Oesen: Ich danke Dir für die Frage – ich selbst nenne mich nämlich sehr ungerne Coach, weil es kein rechtlich geschützter Begriff ist und sich prinzipiell jeder oder jede so nennen kann. Auch Personal Trainer oder Fitnesstrainer sind nicht wirklich aussagekräftig in Bezug auf die Qualität meiner Qualifikationen. Ich selbst nenne mich mittlerweile vegane Sportwissenschaftlerin. Ich bin im Moment in den Endzügen meines Masterstudiums in Sportwissenschaften „Prävention und Rehabilitation“ an der Universität in Leipzig.
Sowohl im Bachelor als auch im Master ging es viel um sportwissenschaftliche und ernährungswissenschaftliche Wissensvermittlung. Ich habe viele Fachkenntnisse über anatomische, physiologische und sportmedizinische Grundlagen des menschlichen Körpers. Außerdem habe ich in meinem Bachelor „Bewegung und Gesundheit“ in Gießen zusätzlich als Nebenfach „Psychologie“ belegt, was mir gerade in Bezug auf Kommunikation, Selbstbild, Motivation und Verhaltensänderung enormen Mehrwert gebracht hat.
Vegane Ernährung habe ich als Fernstudium abgeschlossen und tatsächlich nicht nur viel über Veganismus gelernt, sondern auch viele grundlegende Aspekte über Nährstoffe und Bedarfsdeckung, potenziell kritische Nährstoffe, vegane Sporternährung und auch, wie eine vegane Ernährung zur Prävention von chronischen und lebensstilbedingten Erkrankungen beitragen kann.
Neben meinem Bachelor habe ich dann in Gießen angefangen, zunächst kostenfreie Coachings zu geben und im Fitnessstudio gearbeitet und dort erste Kursleiter-Erfahrungen gesammelt. 2022 habe ich dann parallel zu meinem Masterstudium die Intention gesetzt, meinen Weg der Selbstständigkeit zu gehen und mir vorgenommen, mir während des Studiums die Zeit zu geben, herauszufinden, ob ich in dieser Arbeit aufgehe und ob mein Angebot zu angenommen wird.
Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich nach wie vor Feuer und Flamme bin, mich stetig mehr und mehr Anfragen erreichen und auch einige Buchungen für Workshops und Vorträge hinzukommen. So darf ich beispielsweise demnächst auf der Veggienale in Leipzig als Referentin über veganen Muskelaufbau sprechen!
Ahoi: Zu einer nachhaltigen und gesunden Lebensweise zählt ja nicht nur der Körper mit der Ernährung – sondern auch der Geist, der in dem Körper wohnt. Wie unterstützt Du hier Deine, wie nennst Du sie überhaupt: Klientinnen, Kundinnen …?
Gundula Oesen: Richtig, das hast Du gut erkannt. Ernährung und Training zielen auf die körperliche Gesundheit. Die mentale, oder anders gesagt geistige Gesundheit ist aber mindestens genauso wichtig. Stress, ein negatives Selbstbild oder auch einseitiges Schwarz-Weiß-Denken beeinträchtigen unsere Gesundheit genauso stark wie Rauchen, Inaktivität oder Fast Food. In unserer heutigen Gesellschaft ist es nicht leicht, sich davon zu lösen. Ich mache sehr positive Erfahrungen mit Meditation, Achtsamkeits- und Atemübungen und gebe dies auch an meine Klientinnen (ach ja, so nenne ich sie) weiter.
Häufig ist die Beziehung zu sich und zum eigenen Körper sehr negativ und mit einem hohen Leidensdruck verbunden. Aber ein gesunder Lebensstil darf sich leicht anfühlen, sollte mit anderen Verpflichtungen vereinbar sein und Spaß machen, sonst fehlt langfristig die Willenskraft, dabei zu bleiben. Auch ich esse Schokolade für mein Leben gerne, nicht weil sie die besten Nährstoffe enthält, sondern weil sie mir schmeckt und zu meinem seelischen Wohlbefinden beiträgt.
Ahoi: Was für Kurse bietest Du denn konkret an? Und was ist dort erlernbar?
Gundula Oesen: Es ist so so wichtig, gerade in Bezug auf ein langes, gesundes Leben regelmäßig dem Körper Belastungsreize zu geben und fit und mobil zu bleiben. Die WHO empfiehlt 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche – das sind etwa 20 Minuten am Tag. Hand aufs Herz: Wie viele von uns schaffen das tatsächlich? Menschen brauchen aber oft eine externe Verpflichtung zum Sport machen und diese Möglichkeit möchte ich ihnen gerne geben: Im Moment biete ich mehrere In- und Outdoorkurse in Leipzig an. Das reicht von Beweglichkeitstraining (Mobility) über Rückentraining bis hin zu allgemeinem Fitnesstraining.
Mir ist es wichtig, ein vielseitiges Angebot zu schaffen, um verschiedene Bedürfnisse und Wünsche der Teilnehmer abzudecken. Es ist wichtig, sich regelmäßig zu bewegen und einen aktiven Ausgleich zum ständigen Sitzen und Inaktivität zu schaffen, denn auch das sind Risikofaktoren für chronische Erkrankungen und Übergewicht.
Du kennst es vielleicht auch, dass Dir nach langem Sitzen der Nacken oder Rücken wehtut, die Muskeln verspannen oder dass Du die Treppen nicht mehr ganz so leichtfüßig steigen kannst? Und da reicht es einfach nicht, am Wochenende spazieren zu gehen! Perspektivisch möchte ich die Kurse auch von der Krankenkasse bezuschussen lassen.
Ahoi: Neben den Kursen, bei denen Du mit den Menschen ganz real und Auge in Auge agierst, gibt es auch Online-Kurse. Wie läuft denn solch ein Online-Kurs ab?
Gundula Oesen: Nicht ganz Volly (schmunzelt). Online-Kurse in dem Sinne biete ich nicht an, aber Online-Coachings. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn Du eine individuelle Ernährungs- und Trainingsplanung wünschst und dabei eine kompetente Ansprechpartnerin brauchst, die Dich an die Hand nimmt.
Mein Ansatz ist recht einzigartig – es gibt deutschlandweit nicht viele Coaches, die Fitness mit pflanzlicher Ernährung verbinden, deshalb möchte ich meine Arbeit auch ortsunabhängig durchführen können. Ich finde es wichtig, dass wir unsere ernährungs- und fitnessbezogenen Ziele möglichst im Einklang mit einer nachhaltigen Lebensweise gestalten. Vegan Muskeln aufbauen und abnehmen funktioniert ebenso wie mit einer mischköstlichen Ernährung – warum sollte ich dann nicht den Ansatz wählen, der meine Umwelt und Tiere schützt, Ressourcen spart und somit eine ideale Grundlage für eine nachhaltigere Zukunft schafft?
Ahoi: Danke, liebe Gundula, da hast Du uns wieder etwas schlauer gemacht. Danke für Deine Zeit.
Gundula Oesen: Immer wieder gerne, Volly


