In der kulturell satten Stadt Leipzig lächelt man hin und wieder über Gegenden, in denen es nicht so prall aussieht mit Kunst und Kultur. Dabei lohnt sich immer ein zweiter Blick und das Verlassen der eigenen Vorurteilsblase. Lion Hartmann ist Kulturmanager im Burgenlandkreis und weiß von vielem Wundervollen, wofür sich ein kleiner Trip heraus aus Leipzig lohnt. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf ihn in Halle an der Saale:
Ahoi: Guten Tag, lieber Lion Hartmann. Wir trafen uns kürzlich in Halle an der Saale in der Rosenburg zu Süppchen und Kaffee und weil das Treffen so interessant war, sollten wir uns die Zeit nehmen, den Leserschaften von Dir zu erzählen. Du bist Kulturmanager, angebunden am Amt für Bildung, Kultur und Sport des Burgenlandkreises. In dieser Funktion sammelst Du auch die Fäden beim KUMBRA-Festival. Was ist das denn, dieses KUMBRA-Festival?
Lion Hartmann: Das Kumbra-Literaturfestival ist eine Literaturveranstaltungsreihe von August bis Dezember, die an verschiedenen Kulturorten des gesamten Burgenlandkreises stattfindet. Die gesamte Veranstaltung wird von den unterschiedlichsten kleinen und großen Kulturakteuren initiiert, gestaltet und am Ende auch getragen. Unsere Idee, man könnte auch sagen unser Motto, welches uns antreibt, das nicht von mir stammt, sondern von meinem Vorgänger, Johannes Kunze schon vor 17 Jahren in die Region getragen wurde, ist „aus einigen werden viele und aus Vielen wird eine gemeinsame Kulturraumerzählung“. Wir sind sehr stolz auf alle diese Kulturschaffenden, die ihre Kulturorte erhalten und für die Öffentlichkeit zugänglich machen.
Ahoi: Und an welchen Orten findet Kultur statt?
Lion Hartmann: Es sind wie gesagt ganz unterschiedliche Orte, an denen das Festival stattfindet. Aber herauszuheben ist sicherlich die Bibliotheksinitiative Zeitz. Dieses von den Vereinigten Domstiftern geführte Netzwerk besteht aus acht zum Teil historisch herausragenden Bibliotheken in Zeitz. Vom 26. bis 28. September veranstalten sie in Zeitz und Umgebung das „Lange Wochenende der Zeitzer Bibliotheken“. Orte wie das Schloss Lützen, die Stadtbibliothek Hohenmölsen oder der Bahnhof Nebra zeigen das vielfältige Spektrum, an denen die Literaturveranstaltungen stattfinden.
Ahoi: Du hast internationale Hintergründe, beispielsweise verbrachtest Du Deinen Zivildienst in Frankreich. Wie bist Du aber nach Sachsen-Anhalt gekommen?
Lion Hartmann: Am Ende hat mich die Kunsthochschule Burg Giebichenstein nach Halle gelockt. Dort habe ich Bildhauerei studiert. Nach der Geburt meiner Tochter 2015 war klar, dass ich bleiben werde und nun habe ich das große Glück, die im nationalen Vergleich außergewöhnliche Kulturlandschaft des südlichen Sachsen-Anhalts (Burgenlandkreis) in meiner Arbeit tagtäglich bereichern zu können. Oder besser gesagt: Ich bin jeden Tag wieder aufs Neue erstaunt, was ich alles nicht kenne und was sich lohnt, sichtbar zu machen. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, reichert mich die hiesige Kulturlandschaft eher an als umgekehrt.
Ahoi: Oh ja, der Burgenlandkreis. Mit dieser wahnsinnig großen historischen Geschichte muss doch hier die Kultur blühen. Wie ist denn der Stand der Dinge hier?
Lion Hartmann: Ich sehe jeden Tag viele Blüten. Es gibt kleine und große. Was mich immer wieder erstaunt, ist die unglaublich große Masse an zivilgesellschaftlichen Akteuren, die das kulturelle Leben in der Region prägen. Viele Initiativen werden aus dem Ehrenamt geführt, da es deutlich zu sehen ist, dass hauptamtliche Strukturen nach der Wende abgebaut wurden. Das ist auch ein sehr großes Problem. Viele ländlich geprägte Gegenden sind von gefestigten Strukturen befreit. Diese gilt es, gemeinsam mit den Akteuren zu entwickeln und Perspektiven für die Zukunft zu schaffen.
Ahoi: Kannst Du uns schon etwas zu den Highlights des diesjährigen KUMBRA-Festivals erzählen?
Lion Hartmann: Die offizielle Eröffnung des Festivals wird mit Peggy Patschke und ihrem Roman „Bis ans Meer“ am 05.09.25 im Capitol in Zeitz sein. Diese Veranstaltung wird traditionell von der Sparkasse Burgenlandkreis, unserem Hauptsponsor, organisiert und durchgeführt. Schön wird sicherlich die Lesung von Ronald Reng „1974 – eine Deutsch-Deutsche Geschichte“. Am meisten freue ich mich auf eine ganz besondere Veranstaltung im Oberlandesgericht Naumburg. Hier wird die Leipziger Liedertour die Vertonung der „Moabiter Sonette“ von Haushofer präsentieren.
Ahoi: Kulturräume sind auch Räume, analog aufeinander zu zu gehen. Martin Papke, der Oberbürgermeister der Stadt Weißenfels, sprach gar davon, dass jede Stunde, die wir nicht am Handy, sondern analog miteinander verbringen, eine gute Stunde für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Werden die Kulturräume angenommen im Burgenlandkreis?
Lion Hartmann: Die Erfahrung aus meiner Arbeit zeigt mir, dass die Räume Zuspruch finden. Ich denke vielmehr, dass die Vermittlung der Zugänglichkeit und der Inhalte ein größeres Thema ist als der Bedarf, Kultur zu konsumieren. Hier denke ich, können wir viel tun. Eine Erzählung der Kulturregion zu schaffen, die von barrierearmer analoger Zugänglichkeit geprägt ist, hat viel mit vernetzendem kulturellem Handeln zu tun. Hier können wir besser werden und größere Schritte aufeinander zugehen. Meine Idee von Kulturraumentwicklung ist es, Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, zusammen zu bringen. Hier sehe ich für unsere Region, für unser Publikum, für das Bild unseres Kulturraumes im Innen und Außen große Potentiale.
Ahoi: Du bist, wenn ich das richtig verstanden habe, Einzelkämpfer im Amt. Wie ist denn der Rückhalt? Versteht die politische Szene, wie wichtig Kultur für die Identität der Sachsen-Anhaltiner ist? Gibt es Unterstützung?
Lion Hartmann: Grundsätzlich spüre ich Rückhalt in der Verwaltung und in der Politik. Es ist ja auch unbestritten, dass es wichtige politische Akteure im Landkreis gibt, die ein hohes kulturelles Verständnis mitbringen. Ich denke da an unseren Landrat Götz Ulrich, aber auch die Bürgermeister der Mittelzentren, die erkannt haben, dass Kultur eine unersetzliche Größe für die Verständigung der Gesellschaft ist. Dazu kommen die Akteure, die mich immer wieder durch die Projekte und dauerhafte Arbeit motivieren und mir Perspektiven für das Weitermachen geben.
Ahoi: Dann wünschen wir Dir weiterhin Erfolg. Für die Menschen im Burgenlandkreis und eine nachhaltige Kultur. Danke!


