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  • Interviews
Gespräch mit dem Musiker Thomas Fritzsching

Diese Branche ist ein Haifischbecken

Ein Stapel Bücher ist abzuarbeiten © Fritzsching privat

Vor einigen Wochen erschienen die Erinnerungen von Thomas Fritzsching in Buchform. Hierin erzählt er vom Aufstieg der legendären Band SILLY, die er mitgegründet hat … und vom Bruch. Dabei berührt das Buch Facetten der Geschichte, die so noch nie berichtet wurden. Ahoi-Redakteur Volly Tanner wusste, dass Fritzsching einstmals gleich neben dem Lindenauer Markt in Leipzig lebte und fragte ihn nach einem Interview. Hier ist es:

Ahoi: Guten Tag, Thomas Fritzsching. Vor nicht allzu langer Zeit erschien das Buch „Silly – Die geklaute Band“, in dem Du Deine Erinnerungen für uns aufgeschrieben hast. Dabei erfuhr ich, dass Du ja in einer Nebenstraße meines ehemaligen Lebensmittelpunkts am Lindenauer Markt in Leipzig gelebt hast. Kannst Du uns zu der Zeit bitte ein bisschen etwas erzählen und auch, von welcher Straße wir genau reden?

Thomas Fritzsching: Ja, gerne. Wir reden von der Hebelstraße, einer Seitenstraße der William-Zipperer-Straße. Im Haus Nummer 4 habe ich, wie schon in meinem Buch beschrieben, nicht etwa das Licht der Welt erblickt, sondern erst einmal nur den Schein einer Kerze. Dort bin ich aufgewachsen und in der Demmeringstraße, gleich um die Ecke, zur Schule gegangen. In den ersten Jahren war das die 44. Grundschule. Später wurde sie dann in „Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule“ umbenannt.

In unserer Straße besaß niemand ein Auto. Auf dem Weg zur Schule gab es auch so gut wie keinen Verkehr. Das Gefährlichste war auf den letzten Metern die Überquerung der Demmeringstraße. Da fuhren in kurzen Abständen die Straßenbahnen in beiden Richtungen. Zum Glück ist dort während meiner Schulzeit nie etwas passiert. Der Lindenauer Markt mit der Schwimmhalle im ehemaligen Westbad war nicht nur ein Magnet für uns Kinder, sondern für viele ein Teil ihres Schulwegs.

In der Kuhturmstraße standen damals auf beiden Straßenseiten Haus an Haus. Von der Angerbrücke kommende Straßenbahnen mussten durch diese Enge fahren. Die Unachtsamkeit eines Schülers kostete ihm dort das Leben. Dieses entsetzliche Ereignis hat in den Köpfen aller Schulkinder immer wieder zur Vorsicht gemahnt.

Mit dem weltweiten Erfolg der Beatles wuchs bei einigen meiner Mitschüler in der ersten Hälfte der 60er auch der Wunsch, selbst aktiv zu werden. So entstand unsere erste Schulband „The Rockies“. Die hielt bis zum ersten Auftritts- und Spielverbot nach dem Beataufstand in Leipzig Ende Oktober 1965.

Ahoi: Gerade für Menschen, die auf den unterschiedlichsten Bühne und in diversen Medien über die Vergangenheit in der DDR ihre Lanzen brechen, ist Dein Buch hochaufklärend, wird hier doch so manches Vorurteil revidiert, gerade auch die Kunst- und Musikszene und deren Freiheiten und Zwänge betreffend. Haben sich schon Menschen an Dich gewandt, die hier nachfragten? Wie sind die Reaktionen auf Dein Buch?

Thomas Fritzsching: Die Reaktionen sind durchweg positiv. Die Leute bedanken sich dafür, dass ich dieses Buch so geschrieben habe. Und das nicht nur wegen der Geschichte der Band. Auch für Einblicke, Hintergründe und Zusammenhänge im Alltag einer DDR-Band, die sich mit ihrer Strategie gegen den sturen und starren Staatsapparat wendet und sich letztendlich durchsetzt.

Ahoi: Dein Buch heißt ja nicht umsonst „Die geklaute Band“, im letzten Drittel gehst Du intensiv auf die Entfremdung bis hin zum Bruch und dem Danach der Band Silly, die Du ja gegründet und in die Zeit nach der Wende gebracht hast, ein. Der Prozess des Erinnerns und der Wiedergabe der Ereignisse muss doch sehr schmerzhaft gewesen sein. Wer hat Dich unterstützt? Wie hast Du Dich durchringen können, die Zeit in dieser Art und Weise zu reflektieren?

Thomas Fritzsching: Im Vorwort meines Buches habe ich bereits erwähnt, wie lange ich die Idee dafür schon mit mir herumtrug. Ganz am Anfang stand das Aufschreiben meines Wissens. Danach habe ich in größeren Abständen aus meinem Archiv Stück für Stück die verschiedenen Situationen mit ihren zeitlichen Zusammenhängen zusammengetragen und geordnet.

So haben sich, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich mein Wissen in irgendeiner Form jemals veröffentlichen werde, die Ereignisse immer wieder vor meinem geistigen Auge mit Ort, Jahr und Tag abgespielt. Daraus hat sich später das Konzept einer zeitlichen Chronologie ergeben.

Ich hatte also die Dinge immer präsent vor mir, aber weder den wirklichen Willen, noch die nötige Zeit und Ruhe, solch ein Projekt zur Veröffentlichung anzugehen. Den Ausschlag für mein Umdenken gab das permanente Ignorieren meiner Person in der Öffentlichkeit über Jahre und das Umdeuten der Bandgeschichte durch die Medien und nicht zuletzt durch meine ehemaligen Bandkollegen. Der Prozess des Erinnerns und der Wiedergabe der Ereignisse, nach denen Du fragst, hat sich also über Jahre hingezogen und war somit nicht mehr schmerzhaft. Die nötige Unterstützung bekam ich intern von Familie und Freunden, sowie extern von Musikerkollegen und Fans.

Ahoi: Gibt es etwas, was Du den heutigen Musikanten und Musikantinnen mitgeben möchtest aus Deinem Erfahrungswissen heraus? Hier hast Du Platz, Deine Gedanken der Welt zu präsentieren. Vielleicht hilft es ja der einen oder dem anderen...

Thomas Fritzsching: Es ist immer das gleiche Spiel. Wenn Du etwas erreichen möchtest, solltest Du daran glauben und Dich nicht beirren lassen. Aber vor allem musst Du in allem, was Du tust, fleißig an Dir arbeiten. Sei wachsam und vorsichtig mit wem und auf was Du Dich einlässt. Lass Dir von niemandem einen Fisch in die Tasche quatschen. Hinterfrage alle schön klingenden Versprechungen, denn diese Branche ist ein Haifischbecken.

Ahoi: Es gibt auch Lesungen zu Deinem Buch. Wie muss ich mir diese vorstellen? Reine Wasserglaslesungen oder auch mit Musik? Es gibt ja auch musikalisches Material von Dir von nach der Silly-Zeit.

Thomas Fritzsching: Es wird „Musikalische Lesungen“ geben. Ich erzähle manches etwas ausführlicher, als es im Buch Platz gefunden hat, sonst wäre das ein Wälzer mit doppelt so vielen Seiten geworden. Natürlich lese ich auch mal den einen oder anderen, meiner Meinung nach interessanten, kurzen Ausschnitt vor. Dazwischen werde ich immer wieder Lieder zu bestimmten Themen spielen und gesanglich interpretieren.

Doch das Buch in seiner Abfolge lesen oder, wenn nötig, sich vorlesen zu lassen, das wäre etwas für jeden, wenn er denn möchte, zu Hause auf der Couch. Diese Veranstaltungen beginnen im Oktober 2026.

Ahoi: Deine Analyse der Geschehnisse ist, das spürt man, aus vielen Emotionen erwachsen und trotzdem von einer gewissen Konsequenz im Schreiben geprägt. Es gibt Menschen, die hätten, um des Aufsehens wegen, viel mehr draufgehauen. Es ehrt Dich, dies nicht getan zu haben. Welche Gedanken haben Dich gerade zu dieser Art des Erinnerns, der Aufarbeitung der Geschehnisse, gebracht?

Thomas Fritzsching: Das hast Du sehr gut erkannt. Es ist einfach nicht meine Art, wie die Axt im Wald zu agieren. Außerdem habe ich dieses Buch nicht geschrieben, um Aufsehen oder Aufmerksamkeit zu erzielen. Wäre es mir darum gegangen, dann hätte ich es schon vor vielen Jahren tun müssen. Wer das behauptet, hat es entweder gar nicht oder nicht gewissenhaft gelesen. Einige Printmedien haben sogar versucht, daraus Schlagzeilen zu basteln, die aber nicht der Realität und auch nicht dem Inhalt entsprechen.

Ich wollte bestimmte Geschehnisse, die über die Jahre durch Unwissenheit, aber auch durch bewusst verfälschte Darstellungen in Schieflage geraten sind, wieder gerade rücken.

Ahoi: Das Buch ist, das kann man im Impressum erlesen, eine Eigenproduktion von Dir. Warum? Wolltest Du die Zügel des Handelns nicht mehr anderen Menschen überlassen? Und was war die Konsequenz dieser Herangehensweise? Mit einem Verlag im Rücken schreibt es sich ja auch völlig anders, das kann ich aus Erfahrung sagen.

Thomas Fritzsching: Diesen Verlag im Rücken hat es nicht gegeben. Mir war klar, dass es nur ein Verlag aus Ostdeutschland sein kann. Verlage zwischen Hamburg und München hätten sich für dieses Thema nicht intensiv genug engagiert. Zur relevanten Zeit kamen aus meiner Sicht dafür nur zwei Verlage infrage, von denen der eine handlungsunfähig und mit keinem guten Leumund belegt war und der andere nur noch bestehendes Material auswerten wollte. Was sollte ich tun? Ich habe die Dinge selbst in die Hand genommen.

Ahoi: Du schilderst extrem viele Details, die mir noch nie bewusst waren, diese Fülle an Geschichten beeindruckt mich maßlos. Hast Du Tagebuch geführt? Wie konntest Du all die Geschichten erinnern? Ich hatte auch einige Jahre Tourleben, da ist aber extrem viel verschwunden …

Thomas Fritzsching: Ich habe schon immer alles aufgehoben, sowohl im Privat- als auch im Businessbereich. So hat sich ein Archiv angesammelt, aus dem ich schöpfen konnte. Außerdem war ich schon immer gut darin, mir Erlebnisse und Begebenheiten, die mich beeindruckt haben, zeitlich und örtlich genau zu merken. Das geht bis weit in meine Kindheit zurück.

Ahoi: Danke, lieber Thomas, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast und Dir weiterhin Gesundheit und die Zuneigung der Menschen, die Dir wichtig sind.

Thomas Fritzsching und sein Buch im Netz:

Silly – Die geklaute Band | Buch bestellen

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