//
//
  • Interviews
Im Interview: Die künftige Intendantin des Theaters der Jungen Welt, Miriam Tscholl

„Die Ungleichheit zwischen Stadt und Land ist im Kulturbereich eklatant“

Ab der Spielzeit 2025/26 übernimmt Miriam Tscholl im Theater der Jungen Welt die Intendanz © Simone Kühn

Die Intendanz von Winnie Karnofka am Theater der Jungen Welt in Leipzig endet am 31. Juli 2025. Einen Tag später übernimmt Miriam Tscholl das Ruder am traditionellen Haus am Lindenauer Markt. Ahoi-Redakteur Volly Tanner führte mit der vielbeschäftigten Theateraktiven ein E-Mail-Interview.

Ahoi: Guten Tag, Miriam Tscholl. Ab der Spielzeit 2025/26 werden Sie die neue Intendantin am TDJW. Ich las, dass Sie die Erfahrungen junger Menschen im Digitalen in die analoge Welt des Theaters bringen möchten. Inwiefern?

Miriam Tscholl: „Dieses Thema wird sicherlich immer wieder im Spielplan auftauchen, was ja keine sonderlich große Überraschung ist. Wir alle wissen, wie sehr die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute von digitalen Medien geprägt ist. Sie kommunizieren, spielen, holen sich Informationen und bewältigen damit auch Alltagssituationen. Als junge Menschen haben sie über das Recht der Teilhabe hinaus auch das Recht, vor den Gefahren im Netz geschützt zu werden, und dafür sind wir Erwachsene zuständig. Eine Auseinandersetzung mit der digitalen Welt im Theater kann Kinder und Jugendliche sowohl in ihrer Lebenswelt abholen als auch im Umgang mit den Gefahren stärken.“

Ahoi: Mit Ihnen wird das Theater auch mehr in die Fläche, in Kleinstädte und auf Dörfer gehen. Warum denn das?

Miriam Tscholl: „Für jede großstädtische Kulturinstitution sollte es meines Erachtens eine Selbstverständlichkeit sein, auch Zugänge für das Umland zu schaffen. Die Ungleichheit zwischen Stadt und Land ist im Kulturbereich eklatant. Wenn wir ernsthaft gesellschaftliche Spaltungen abbauen wollen, scheint mir das zwar ein kleiner, aber sinnvoller Schritt.“

Ahoi: Die Diskurse im urbanen Bereich sind anders als die Diskurse im ländlichen Raum. Wie wollen Sie die Dortigen erreichen? Wie offen sind Sie für Themen außerhalb städtischer Milieus?

Miriam Tscholl: „Das städtische Milieu ist keineswegs homogen, ebenso wenig wie Menschen im ländlichen Raum eine einheitliche Gruppe sind. Während allerdings in einer vielfältigen Großstadt wie Leipzig jeder ein Kulturangebot wählen kann, das ihm oder ihr entspricht, sollte man meines Erachtens auf dem Land eher breitenkulturorientierte Angebote machen. Damit man in einem Dorf 50 Leute zusammenbekommt, muss die Ästhetik und das Thema eines Theaterprojekts eben die Oma, den Nachbarn, die Fünfjährige und auch den 10-Jährigen ansprechen. Das ist nicht ganz einfach!“

Ahoi: In einem Interview sagten Sie, dass Theater auch eine Schule der Empathie sein kann. Wie das denn ganz konkret?

Miriam Tscholl: „Als Zuschauerin nehme ich mir für die Dauer eines Theaterstücks die Zeit, mich in andere einzufühlen. Wie sieht die Figur auf der Bühne die Welt, woran leidet sie, was macht sie glücklich, vor welchen Herausforderungen steht sie? Empathie meint ja die Fähigkeit, die Welt aus den Augen eines anderen zu empfinden und zu verstehen. Nichts anderes versucht Theater in unterschiedlichster Art und Weise seit Jahrtausenden.“

Ahoi: Sie selbst haben viele Jahre in Dresden gewirkt. Welche Erfahrungen aus der Landeshauptstadt können Sie in die Leipziger Theaterwelt einbringen?

Miriam Tscholl: „Alle! Menschen sind Menschen, hier und dort. Ich hatte das Glück, in der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden sehr vielen Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkünfte, Interessen und Fähigkeiten zu begegnen. Viele haben mir ihre Geschichte erzählt und manche Geschichten haben den Weg auf die Bühne gefunden. Diese Begegnungen haben meine Sicht auf die Welt geprägt und all das bringe ich mit nach Leipzig.“

Ahoi: Sie haben sich freiwillig auf die Stelle als Intendantin beworben, denke ich mal :-)! Was macht den Reiz des Hauses für Sie aus?

Miriam Tscholl: „In der Tat hat mich niemand zu diesem Job gezwungen, ja. :-) „You can’t have a hot job, a hot apartment and a hot lover all in the same city“ habe ich 2008 auf einem kleinen Aufkleber in einem leerstehenden Haus in Leipzig gelesen. Der Spruch hat es damals in ein Theaterstück im LOFFT mit dem Titel „Leipzig für Anfänger“ geschafft, bei dem ich als Regisseurin mitgewirkt habe. Ich habe nie damit aufgehört, dem Spruch zu trotzen und ich freue mich in diesem Sinne auf die tolle Arbeit an diesem tollen Theater für junges Publikum in dieser lebendigen und jungen Stadt.“

Ahoi: Das TDJW residiert an einem sozialen Brennpunkt in Leipzig, am Lindenauer Markt. Wie offen ist die Themenwahl des Hauses hinein in diesen öffentlichen Raum? Was haben Sie vor, um auch junge Menschen, die hier leben, zu erreichen?

Miriam Tscholl: „Die Aufgabe haben Sie meines Erachtens treffend formuliert. Wie wir junge Lindenauer nachhaltig erreichen können, möchte ich gemeinsam mit meinem Team in den nächsten Jahren herausfinden. An dieser Stelle schon mal eine herzliche Einladung an alle jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen aus Lindenau, das Haus als das ihre zu begreifen.“

Ahoi: In Dresden nannte man Sie „Miss Bürgerbühne“. Das impliziert eine gewisse Zugewandtheit zu den Belangen der Menschen, die sich oft auf den Bühnen nicht wiederfinden. Hier sind Themen wie Kinderarmut, Bildungsferne, Demokratieferne bis demokratieverachtende Familienstrukturen und so weiter zu nennen. Ist solch eine Themenvielfalt überhaupt an einen TDJW abbildbar?

Miriam Tscholl: „Ja.“

Ahoi: Dann bedanken wir uns und freuen uns auf Neues und Aufregendes im TDJW.

Informationen rund um das TDJW unter www.theaterderjungenweltleipzig.de

« zurück
zur aktuellen Ausgabe