Endlich. Die dunkle Szene lechzte zwischenzeitlich fast körperlich spürbar nach einem Ort für gepflegtes Miteinander und getränklich verstärkte Melancholie. Gut, dass Marko Meyer sein Lebenswerk weiterführt und Dr Faustus in die Bresche springt. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm.
Ahoi: Ab dem 16. Januar 2025 gibt es eine neue Gothic-Szene-Bar in Leipzig namens „Dr Faustus“. Und Du bist dort der Chef. Schön, dass Du mit Deinem Team der Szene wieder eine Heimat gibst. Doch warum? Ich dachte, nach dem Ende des Darkflowers hättest Du Dich mit Familie auf eine dunkle Insel zwischen Skylla und Charybdis, dort, wo die Sirenen besonders finstere Lieder singen, zurück gezogen, um zu sinnieren und vom Vollmond zu träumen … Was waren die Gründe für Dich, wieder mit einer Szene-Institution zu starten?
Marko Meyer: Ich hatte nie die Absicht, die Szene zu verlassen, auch wenn ich die Diskothek Darkflower nach 23 Jahren schweren Herzens verkaufen musste, da der Club nicht mehr rentabel war beziehungsweise sich das Ausgehverhalten der Gäste nach der Pandemie sehr geändert hat - in Leipzig und in anderen Großstädten zum Nachteil von Diskotheken.
Ahoi: Was hast Du eigentlich seit Ende des Darkflowers getan bis jetzt?
Marko Meyer: Ich habe erst mal ein Objekt für die Bar gesucht, was sich etwas schwierig gestaltet hatte, da einige Vermieter in der Innenstadt zwar begeistert waren von meinem Erfahrungsschatz, aber keine Musikkneipe mehr in ihrem Objekt haben wollten. Daneben hat mich der neue Betreiber des Darkflower gebeten, für ihn für ein Jahr als Berater tätig zu sein, da er ein Quereinsteiger ist.
Ahoi: Und welches Konzept fahrt ihr jetzt bei Dr Faustus?
Marko Meyer: Es ist eine kleine Gothic-Szene-Bar mit der künsterischer Gestaltung, hier insbesondere der Kunst des 16./17. Jahrhunderts, der Vanitas-Kunst von Holbein und anderes, die durch ihre Morbidität sicherlich auch die Szene ansprechen.
Viele verbinden Dr Faustus oder Faust mit Goethe und Leipzig, ohne zu wissen, dass die Faust-Chronik, beziehungsweise das erste Theatherstück von Christopher Marlowe bereits aus dem 16. Jahrhundert stammen. Das Gesamtkonzept zielt daher daraufhin, die Szene und die interessierte „Laufkundschaft“ zusammen zu bringen, einen gemütlichen Ort für Jedermann zu schaffen, den persönlichen und kulturellen Austausch zu fördern. Neben der optischen Gestaltung bieten wir natürlich szenespezifische Themenabende an den Wochenenden mit DJs an.
Ahoi: Gibt es Überschneidungen zu Deinen alten Team? Wenn ja, wer ist wieder mit im Boot?
Marko Meyer: Das Team besteht sowohl aus ehemaligem Darkflower- als auch aus ehemaligem Sixtina-Personal. Wir sind sehr dankbar, dass all diese menschlich und fachlich überragenden Persönlichkeiten das Team bilden!
Ahoi: Bei Konzerten der Szene-Größen in unserer Stadt bietet sich ja Dr Faustus jetzt förmlich als Ort der Aftershow-Party an. Ist so etwas auch angedacht? Oder gar schon im Gespräch?
Marko Meyer: Natürlich werden wir das anbieten und zumindest werden erst einmal - um aus dem Nähkästchen zu plaudern Stargäste mindestens als „Gäste“, spätestens ab der dritten Kalenderwoche anwesend sein.
Ahoi: Kannst Du uns etwas zu den Öffnungszeiten sagen?
Marko Meyer: Zunächst, um die Publikumsresonanz zu testen, werden wir an allen Wochentagen ab 18:00 Uhr im Januar geöffnet haben. Danach sind für die Zukunft fünf Öffnungstage pro Woche jeweils ab 18:00 Uhr geplant.
Ahoi: Und gibt es Sondergetränke? Im Helheim gab es ja beispielsweise den Scheddelspalter. Gothic und Absinth gehören doch auch irgendwie zusammen.
Marko Meyer: Natürlich wird es wieder Sondergeträke (Absinth-Slush-Ice, Cocktails,…) geben. Wir arbeiten hierbei auch eng mit Frank Herrmannn zusammen von der Sixitna und werden auch den Sixtina-Absinth als Hausmarke anbieten und flaschenweise für den Außer-Haus-Verkauf anbieten.
Ahoi: Die hiesige Gothic-Szene scheint mir mittlerweile den Schritt von der Jugendkultur in die allumfassende Kultur geschafft zu haben. Gibt es eigentlich Nachwuchs? Musikalisch, künstlerisch? Ich bekomme ja nicht alles mit …
Marko Meyer: Die Szene ist älter geworden - von den Ursprüngen der Achtziger-Teenager über die 1990er/2000er - und hat wahrscheinlich hauptsächlich durch das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig hier einen Beitrag zur Erweiterung der Kultur geschafft. Mittlerweile wird sie auch als Teil der Kultur anerkannt.
Musikalisch entwickelt sich sie Szene in viele Richtungen, aber es gibt auch einige „neue“ Bands, die sogar noch „die alte Musik“ machen (Goth-Rock, Post-Punk, Wave), die sogar auch junge Leute begeistert. Viele junge Leute in der Szene hier in Leipzig sind entweder durch das WGT oder die Eltern zur Szene gekommen.
Ahoi: Gastro zu gründen, gerade heutzutage, ist gewagt. Was treibt Dich, trotz aller Widrigkeiten, weiterzumachen?
Marko Meyer: Leider fehlt seit Jahren, nachdem der liebe Herrmann die Sixtina geschlossen hat, eine Szene-Bar, wo alle, egal ob unter der Woche nach Feierabend oder am Wochenende, als Alternative zur Disko ein Zuhause finden. Daher wollte ich diese Lücke schließen und wieder aktiv die Szene beleben.
Ahoi: Dann wünschen wir Dir und Deinem Team Erfolg und unserer Szene eine neue Heimat. Danke für Deine Zeit.


