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  • Interviews
Gespräch mit Bürgerpolizisten und Polizeihauptmeister Bernd Kupke

Die Gesellschaft braucht einen gewissen Ordnungsrahmen

Über 22 Jahre war Bernd Kupke als Bürgerpolizist im Leipziger Westen tätig, nun geht er in den Ruhestand © Volly Tanner

Bernd Kupke hört auf. Nicht, weil er keine Lust mehr hat, sich freundlich und zugewandt um die Menschen in seinem Einzugsbereich als Bürgerpolizist zu kümmern, sondern weil der Ruhestand ruft und seine Familie auch mal mehr von ihm haben möchte. Über seinen Lebensweg, seine Sichtweisen und seinen Umgang mit pauschalisierenden und menschenfeindlichen (ja, Polizisten sind Menschen und Begriffe wie „Drecksbulle“ oder „Bullenschwein“ entmenschen und diskriminieren) Angriffen sprach er mit Ahoi-Redakteur Volly Tanner:

 

Ahoi: Guten Tag, Herr Polizeihauptmeister Bernd Kupke. Die letzten Dekaden waren Sie den Bewohnern des Leipziger Westens als einer der Bürgerpolizisten bekannt. Nun endet diese Ära. Nach wie vielen Jahren denn eigentlich und warum?

Bernd Kupke: Es sind über 22 Jahre als Bürgerpolizist geworden. Jetzt gehe ich in den Ruhestand. Meine Familie wartet auf mich und ich kann endlich mehr Zeit mit ihr verbringen.

 

Ahoi: Und davor? Was waren Sie, bevor Sie im Leipziger Westen Bürgerpolizist und Ansprechpartner für die hier lebenden Menschen waren?

Bernd: Ich bin mein Leben lang Polizist gewesen. Zuvor habe ich allerdings, wie zu DDR-Zeiten üblich, eine Lehre bei der Bahn gemacht. Danach bin ich zum Wehrersatzdienst bei der Transportpolizei eingezogen worden (auf eigenen Wunsch). Dies war Voraussetzung, um bei der Schutzpolizei eingestellt zu werden. Nach Ableistung meines Wehrersatz-Dienstes erfolgte die Einstellung bei der Transportpolizei, wo ich im Streifendienst auf den Revieren Hauptbahnhof und Engelsdorf eingesetzt war. Zu „Wendezeiten“ wurde meine Dienstelle in Engelsdorf geschlossen. Ich kam zur Bereitschaftspolizei in Leipzig. Danach erfolgte die Versetzung zum Polizeirevier Mitte und mit Eröffnung des Polizeireviers West in der Roßmarktstraße. Am 15.12.1993 war ich dort wieder im Streifendienst tätig und mit dem Funkwagen unterwegs. Ich bin, wie man so schön sagt, im Leipziger Westen angekommen.

 

Ahoi: Was beinhaltete eigentlich Ihr Arbeitsfeld?

Bernd: Bürgerpolizisten sind in erster Linie Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger in deren Betreuungsbereichen, mit all ihren Problemen, Sorgen und Nöten. Dies trifft natürlich auch auf die Gewerbetreibenden, Schulen, Vereine, Kultureinrichtungen etc. zu. Hier ist eine regelmäßige Kontaktpflege wichtig. Wir sind bestrebt, allen Bürgerinnen und Bürgern bei ihren Problemen zu helfen oder die richtigen Ansprechpartner zu finden, soweit das unter den gegebenen Umständen möglich ist. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden, vorrangig mit dem Ordnungsamt und dem Stadtordnungsdienst. Hier sind dann Fußstreifen im Bereich vorteilhaft. Es kommt auch vor, dass ich eine Strafanzeige oder einen Verkehrsunfall aufnehme und den Streifendienst unterstütze.

 

Ahoi: Und was wollen Sie jetzt im Ruhestand machen?

Bernd: Ich nehme mir die bisher fehlende Zeit und bringe meinen Garten und die Laube endlich auf Vordermann. Ich kann mehr Zeit mit der Familie verbringen und mich meinen Enkeln widmen.

 

Ahoi: Sie haben mit Ihrem Kollegen Jens Löbner die Veränderungen des Leipziger Westens hautnah erlebt, von der Schrumpfung in die extreme Verdichtung hinein. Wo wären Sie, mit dem Wissen von heute – und in der Vorstellung, Entscheider sein zu können – vielleicht anders abgebogen? Wo sind, Ihre Arbeit betreffend, die Krisenherde im Leipziger Westen?

Bernd: Ein Punkt ist die Verkehrssituation im Viertel. Hier wäre eine Gestaltung der Straßen im Wohngebiet sinnvoll, die den Durchgangsverkehr heraushält oder zumindest erschwert. Auch hätte man zeitiger Überlegungen anstellen können, wo ein Parkhaus o. ä. im Viertel sinnvoll wäre, um das ausufernde Parken zu reduzieren. Zum zweiten von Ihnen benannten Punkt würde ich nicht von „Krisenherden“ sprechen. Es gibt im Leipziger Westen einige Schwerpunktgebiete. Hier wäre der Lindenauer Markt zuerst zu nennen. Öffentliche Plätze bieten immer Konfliktpotenzial, da sich hier viele Menschen begegnen und treffen. Dies trifft auch auf das „Jahrtausendfeld“ als Brache zu. Hier treffen Einwohner mit dem Bedürfnis nach Ruhe und ausreichend Schlaf auf Menschen (vorrangig Jugendliche und junge Heranwachsende), welche bis spät in der Nacht gemütlich beisammensein und feiern wollen. Hier stehen noch Lösungen aus. Schwerpunktdelikte im Leipziger Westen sind Diebstähle aus Pkw oder Transportern, Kellereinbrüche und Fahrraddiebstähle auch im Zusammenhang mit Kellereinbrüchen. Auch das Thema Gewalt innerhalb der Familie oder Schule (nicht nur körperlicher Art) hat in den letzten Jahren zugenommen. Steil ansteigend sind auch die Betrügereien im und mit dem Internet, insbesondere zu Zeiten der Corona-Pandemie. Das Ganze ist meiner Meinung nach auch zu einem großen Teil der Beschaffungskriminalität zuzuordnen, da Rauschgift in allen Varianten rege gehandelt und konsumiert wird und das Geld für den Konsum auch irgendwo herkommen muss.

Ein weiteres großes Ärgernis sind die Graffiti, die zunehmend das Stadtbild verschandeln und die Einwohner verärgern.

Dies trifft auch für die Themen Hunde, Parken und Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit zu. Bei Letzterem sind die Streetworker der Stadt am Ball.

Für mich selbst ist aber ein großes und zunehmendes Ärgernis zum einen die Sorglosigkeit und Nachlässigkeit in punkto der eigenen Habseligkeiten und deren Sicherung und zum anderen der zunehmende Egoismus in weiten Bereichen unseres Zusammenlebens. Dieses immer „Recht zu haben“ und immer „Recht zu bekommen“, egal ob es Sinn macht oder nicht, kann keine gemeinsame und höfliche Kommunikation ersetzen.

 

Ahoi: In Leipzig gibt es ein Milieu, welches Polizeiarbeit verachtet und rigoros ablehnt, um, wie sie selber denken, eine bessere Welt zu schaffen. Nun scheinen mir die Forderungen der Protagonistinnen und Protagonisten zu Ende, diese darauf ausgelegt, selber die Macht und Gewalt (unkontrolliert und regellos) zu übernehmen, was auf ein „Recht des im Viertel Stärkeren“ hinauslaufen würde. Wie gehen Sie selber und Ihr Team mit Anfeindungen um?

Bernd: Ich selbst bin persönlich noch nicht in dieser Beziehung angefeindet worden, weil ich meinen Job als Dienst am und für den Menschen sehe. Deshalb versuche ich auch immer entstehende Konfliktpotentiale vernünftig zu regeln bzw. zu entschärfen. Das dies nicht immer gelingt, kann sich jeder denken. Da wo die Vernunft fehlt und der Verstand aussetzt, ziehen wir Bürgerpolizisten uns zurück und überlassen die Konfliktsituationen zur Lösung den operativen Kräften.

Wenn ich dann die gewaltsamen Aufzüge, Plakate und Losungen sehe, die sich u. a. auch gegen die Polizei richten, habe ich eine „Stinkwut“ und muss mich wirklich beherrschen. Denn die Polizisten sind auch nur Menschen wie alle anderen, haben Familien und Kinder und können auch mal Fehler machen. Dies wird jedem anderen auch zugestanden, warum denn der Polizei nicht?

Für mich hat sich die relativ kleine Gruppierung mit ihren Unterstützern mit derartigen Aktionen und Anfeindungen der pauschalen Art selbst die „Beine weggeschlagen“. Denn ein großer Teil der Bevölkerung hat verstanden, dass die Gesellschaft als solche nur mit einem gewissen Ordnungsrahmen funktioniert. Und diesen Ordnungsrahmen gewährleistet auch die Polizei.

 

Ahoi: Was hat Ihnen in Ihrer Arbeit eigentlich so richtig Spaß gemacht?

Bernd: Also Spaß würde ich das nicht nennen. Ich bin ja nicht zum Spaß bei der Polizei. Aber ich habe immer große Freude empfunden, wenn ich jemandem in seiner Not helfen konnte und es auch mal ein Danke gab. Dann sind die Hilfe und meine Arbeit auch sinnvoll gewesen.

 

Ahoi: Gab es auch mal solche Tiefpunkte, dass Sie ans Aufhören dachten?

Bernd: Ans Aufhören habe ich in meiner langen Tätigkeit bei der Polizei nicht gedacht. Ein wirklicher Tiefpunkt für mich war die letzte Strukturreform bei der Polizei, einhergehend mit der Zusammenlegung von Dienststellen und dem entsprechenden Personalabbau. Das war für mich, der an der „Basis“ tätig war, nicht nachvollziehbar, weil dabei unter anderem auch die Bürgernähe verloren ging. Es tat schon weh, das Revier West in der Roßmarktstraße mit eröffnet und später nach fast 20 Jahren wieder geschlossen zu haben.

 

Ahoi: Was wünschen Sie sich von der Leipziger Bürgerschaft, ihre Ordnungs-und Hilfskräfte betreffend?

Bernd: Ich wünsche mir in erster Linie Respekt gegenüber den Kolleginnen und Kollegen und deren Arbeit, welche für keine Familie leicht zu verkraften ist. Sie arbeiten in einem Beruf, den viele nicht machen möchten. Da sollte wenigstens ein gedeihliches Miteinander möglich sein. Ach ja, und ein Dankeswort fühlt sich bei erfolgreicher Arbeit auch mal schön an.

Ahoi: Dann sagen wir es mal, in Vertretung der vielen Menschen, denen an einem Miteinander in Respekt und Würde gelegen ist: Danke, Bernd Kupke.

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