Die älteste durchgehende Literaturreihe in Europa findet seit über 50 Jahren in der Moritzbastei statt und heißt DER DURSTIGE PEGASUS. In einem Land vor unserer Zeit gründete diese Serie der spätere Filmemacher Jochen Wisotzki. Glücklichwerweise war dieser vor einigen Wochen bei der Jubiläumsveranstaltung der Reihe zu Gast und traf auf Ahoi-Redakteur Volly Tanner. Und da die Zeit viele Wahrheiten verschwimmen lässt, wir aber alle die Sichtweisen derer, die an der Historie mitwirkten, aus erster Hand brauchen, sprach Tanner mit Wisotzki über den durstigen Pegasus, Wolf Biermann, die FDJ, staatliche Eingriffe und Egon Krenz, den Film “flüstern & SCHREIEN” sowie andere Werke des umtriebigen und klarsehenden Berliners. Hier kommen Worte von dem, der es alles erlebte.
Ahoi: Guten Tag Jochen Wisotzki. Den meisten Menschen bist Du als Journalist und Filmemacher bekannt, hast Du doch auch in meinem Leben unter anderem mit „flüstern & SCHREIEN – Ein Rockreport“ intensivste Spuren hinterlassen. Aber Du bist auch einer der Gründer der ältesten europäischen Literaturreihe, die es immer noch gibt und die in Leipzigs Moritzbastei beheimatet ist – der legendären Bühne „Der durstige Pegasus“. Wie und warum begann eigentlich alles? Und wer war dabei?
Jochen Wisotzki: „Der durstige Pegasus“ als literarische Veranstaltungsreihe ist unmittelbar verknüpft mit den Anfängen des Studentenklubs Moritzbastei, er war überhaupt die erste regelmäßige Klub-Veranstaltung neben den noch früher begonnenen „Baukonzerten“.
Ich hatte am Wochenende des „ersten Spatenstichs“ zum Aufbau des Studentenklubs Moritzbastei teilgenommen, das war am 30./31. März 1974. Dazu hatte der damalige Kulturverantwortliche der Uni-FDJ-Leitung, Werner Teichmann, mit einem Zettel-Anschlag in der Mensa aufgerufen. Der hatte auch diese buschüberwachsene Location entdeckt und die Idee, daraus einen Studentenklub zu machen, wie es sie damals schon in Weimar mit dem Kasseturm und in Halle mit der Moritzburg gab. Ich begann damals gerade mit dem zweiten Semester Journalistik und hatte schon an meiner EOS (Erweiterte Oberschule/Gymnasium) in Berlin mit anderen aus meiner Klasse 1969 den meines Wissens ersten ostberliner Schulklub gegründet. Wir wollten da vor allem ungenutzte Räume im Parterre für Schulpartys nutzen und haben dort auch Autorenlesungen und Gesprächsabende veranstaltet. Ich hatte also schon ein bisschen Erfahrung im Club-Organisieren.
Meine Vorstellungen vom Studentenleben waren damals eher geprägt von dem Bild, das man sich aus dem Fernsehen vom westdeutschen SDS und der „Kommune eins“ machte. Eine ganz wesentliche Rolle spiele der Film „Blutige Erdbeeren“ über die 1968er Studentenrevolte an der Columbia University in New York, der in den DDR-Kinos lief und meine Generation tief beeindruckt hat. Wie dröge dagegen die Realität der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig! Ein Angebot wie die Moritzbastei — selber ausgraben und bauen, selber Inhalte gestalten, Leute kennenlernen, zusammen arbeiten und feiern — das war doch traumhaft.
Teichmann, den ich da beim Buddeln kennengelernt hatte (wir legten zu dritt mit meinem Kommilitonen Michael Richter den heutigen Wirtschaftseingang der Bastei frei, der bis dahin noch gar nicht zu sehen war) lud mich dann Ende 1974 oder Anfang 1975 mit vier oder fünf Leuten ein, Ideen für Veranstaltungen zu entwickeln, die man auch schon während der Aufbauphase des Klubs realisieren könne.
Ahoi: Und so kam es zum Pegasus?
Jochen Wisotzki: Ja. Während andere Jazzkonzerte auf der Baustelle organisierten, sobald das einigermaßen sicher möglich war, hatte ich die Idee einer Literatur-Veranstaltung, bei der Studenten eigene Texte und Songs vorstellen und gemeinsam diskutieren. Ein wenig hatte ich da auch Berliner Veranstaltungsreihen wie „Lyrik, Jazz und Prosa“ im Hinterkopf, auch die Veranstaltungsreihen „Eintopp“ und „Kramladen“, die Bettina Wegner organisierte, und die verboten worden waren.
Also: Warum es nicht in Leipzig unter dem Label der FDJ versuchen. Hier allerdings nicht als professionelles Angebot, sondern als offenen Begegnungsort für junge Schreibende. Irgendwann dann, ich denke, es war nach der Sommerpause 1975 plakatierte ich den „Durstigen Pegasus“ in der Mensa als „Lyrikveranstaltung, bei der Studenten eigene Texte vorstellen und diskutieren können. Dazu Bier, Schmalzstullen und Musik“.
Ahoi: Wie kamst du denn auf diesen Namen? Ich weiß, dass Ihr Euch an Begriffen aus der Bohème orientiert habt. An welchen? Und weshalb?
Jochen Wisotzki: Der Name kam nicht aus dem Nirgendwo. Er bezieht sich auf den „Hungrigen Pegasus“, ein Kabarett, das es im Berlin der Jahrhundertwende etwa 1901 gegeben hatte. Dort trat vor allem der damals für sein unstetes Leben und seine wunderbaren Gedichte berühmte Dichter Peter Hille auf, eine zentrale Figur der literarischen Bohème jener Zeit. Auch Else-Lasker-Schüler und der um die Jahrhundertwende noch weniger bekannte Dichter und Anarchist Erich Mühsam gaben hier ihre Texte zum Besten. Mühsam galt Anfang der 70er Jahre mein besonderes Interesse, aber auch Autoren wie Ernst Toller, Michael Bakunin und Max Stirner. Ich gehörte vor meinem Studium zu einem Berliner Freundeskreis, der in diesen Literatur- und Lebenskünstlern seine großen Vorbilder verehrte. Die galten in der DDR zwar als fortschrittlich, aber wegen ihres politischen Bekenntnisses zur Anarchie auch als suspekt. Für uns waren sie gerade deshalb besonders interessant. Wir glaubten, bei ihnen Ideen und Anregungen für einen weniger polit-bürokratischen, zentralistischen Weg des Sozialismus finden zu können. Und das Leben der Bohème, wie wir es uns ausmalten, hatte wesentlich mehr Anziehungskraft und Vorbildcharakter als die moralinsauren FDJ-Studienjahre.
Ahoi: Wer war denn alles beteiligt und wie ging es dann weiter?
Jochen Wisotzki: Bei einer feuchtfröhlichen Zusammenkunft am 13. Oktober 1974 in der Kantine des Deutschen Theaters in Berlin, die wir gern als Kneipe aufsuchten, gründeten meine Freunde Lothar Feix, Kostja Münz und ich den „Durstigen Pegasus“ als „einen Kabarett-Verlag mit Kaffee-, Bier- und Tee-Ausschank mit einem Generalsekretär an der Spitze“. Ich weiß das so genau, weil wir damals tatsächlich eine schriftliche Urkunde darüber aufgesetzt haben, die vom Kellner Günter mit seiner Unterschrift bestätigt wurde. Kostja war damals wohl schon Reporter beim Jugendradio DT64, Lothar war Buchhändler, nachdem er wegen eines „anarchistischen Tagebuchs“ als Dreijährig-Freiwilliger „in Unehren“ aus der Armee entlassen worden war. Leider sind beide viel zu jung schon gestorben. Lothars erste zwei veröffentlichten Texte finden sich dann auch in einer Broschüre des „Durstigen Pegasus“ zu den FDJ-Studententagen im Sommer 1976. Ich nahm sie darin auf, obwohl Lothar selbst nie an der Veranstaltung teilgenommen hatte.
Da es bei den Lesungen in der Bastei auch Getränke und etwas zu Essen geben sollte, das waren damals üblicherweise schnell gemachte Schmalzstullen bei jeder Gelegenheit, erinnerte ich mich an unseren „Durstigen Pegasus“ und schlug ihn als Namen vor. War jetzt zwar kein Verlag, aber hatte mit Literatur zu tun. Und dann dachte ich wieder: Warum diese Schnapsidee nicht unter dem Segel der FDJ in die Tat umsetzen, wie zuvor schon den Schulklub. Die Idee wurde in Leipzig begrüßt - und das wars eigentlich auch schon. Es lag jetzt an mir, das umzusetzen. Eine später gebildete „Arbeitsgruppe Literatur“, die Lesungen mit Schriftstellern veranstaltete, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Ahoi: Gab es viel Stress? Heute braucht es ja bei der Orga von Veranstaltungen einen Kampf mit der Bürokratie, mit Sicherheitsvorkehrungen, Fördermittelanträgen, Verträgen, KSK ...
Jochen Wisotzki: Eigentlich nicht. Und so viel war da auch nicht zu machen: einen Termin festlegen, einen Aushang in der Mensa mit der Einladung an Schreibende, Getränke besorgen… Leider kann ich mich an die konkreten Details der Organisation nicht mehr erinnern. Auch nicht, wann genau dieser erste „Durstige Pegasus“ stattfand. Jedenfalls war die Resonanz vielversprechend: drei, vier Lesende, fünfzehn bis zwanzig Zuhörende. Erfolgreich genug, um die Sache fortzusetzen. Da dies die erste von verschiedenen Veranstaltungsideen war, die neben den vorher schon begonnenen „Baukonzerten“ in die Tat umgesetzt wurde, habe ich sie dann nicht ganz regelmäßig, aber durchschnittlich alle zwei Monate organisiert. In dem Buch „Moritzbastei Leipzig“ (Ulrike Schuster 2003) ist ein Faksimile eines Veranstaltungsplans der Uni-Zeitung vom 28. November 1975 zu finden, mit der Ankündigung: „12. Dezember, 20.00 Uhr `Der durstige Pegasus´ - Lyrik, Bier, Diskussion, Prosa, Schmalzstullen, Musik“ . Zu den ersten Lesenden gehörten Thomas Burmeister, Jörg Sobiella, Magdalena Leinert und Wolfgang Feyerabend.
Ahoi: Gab es eigentlich Überwachung, Zensur, Eingriffe der Staatsmacht damals? Wie lief das aus Deiner Sicht ab beim durstigen Pegasus?
Jochen Wisotzki: Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Aus heutiger Sicht weiß man ja, dass irgendwie alles überwacht wurde. Bei den Veranstaltungen habe ich davon nichts wahrgenommen. Obwohl man wusste, dass immer ein Zuträger der Stasi dabei sein konnte. Aber es war mir egal, wie wohl den meisten anderen auch. Es spielte im Alltag nicht wirklich eine Rolle. Die meisten, auch kritische Geister, verstanden sich ja nicht als Opposition des sozialistischen Systems. Auch wenn man sich nicht einfach nur anpasste, wegen mancher Zumutungen auch wütend war. Ich empfand da eigentlich eher eine innere Bereitschaft zur Renitenz, die man zuweilen auch rausließ. Eine Zensur fand bei den Lesungen nicht statt. Das Prinzip war, dass sich die Lesenden bis zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn bei mir melden sollten, damit ich eine Reihenfolge kuratieren konnte. Das hat aber auch nicht immer geklappt.
Der Zufall hatte es gewollt, dass die erste Gastveranstaltung des „Durstigen Pegasus“ im Studentenklub der Hochschule für Grafik und Buchkunst, im „Grafikkeller“ ausgerechnet am Abend nach Bekanntwerden der Ausbürgerung von Wolf Biermann stattfinden sollte. Das war am 17., vielleicht aber auch erst am 18. November 1976. Zum ersten Mal in Angelegenheiten der Veranstaltungsreihe bestellte mich der Chef der Uni-FDJ-Leitung am Nachmittag davor zu sich und meinte, die Veranstaltung müsse abgesagt werden, weil es sicher zu Solidaritätsbekundungen und Protesten kommen würde. Ja, wenn es sie gäbe, solle es sie halt geben, dachte ich und argumentierte dagegen, dass man wegen Biermanns Ausweisung ja nicht alle Kulturveranstaltungen absagen könne, wohin solle das denn führen?!
Es wurde akzeptiert und die Veranstaltung fand statt.
Der Grafikkeller war rammelvoll. Es gab einen Tisch mit einem Stuhl dahinter, davor drei bis vier Meter Freiraum, dann eine oder zwei besetzte Stuhlreihen und dahinter drängelten sich die Leute bis hinein in den dahinter liegenden Bar-Raum und den Flur. Es waren wohl so um die achtzig Leute, soviel Publikum hatten wir noch nie. War ja auch kein Wunder: erstmals mit einer um die HGB-Studenten erweiterten Klientel, und dann eine erste öffentliche Gelegenheit, sich über die Biermann-Ausweisung auszutauschen.
Ahoi: Das ist wirklich interessant. Wie ging es dann bei der Veranstaltung zu?
Jochen Wisotzki: Es war sehr, sehr unruhig, ich stellte erstmal das Konzept vor, kündigte an, dass Autoren lesen werden, wir danach darüber diskutieren. Das funktionierte zunächst auch. Ich weiß nicht, ob einer oder zwei Autorinnen gelesen hatten, auf jeden Fall Wolfgang Feyerabend. Der merkte an, „aus gegebenen Anlass einen bekannten Spruch abzuwandeln: Bleibe im Lande und wehre dich redlich“. Ja klar! Dabei war es immer unruhiger geworden, eigentlich viel zu unruhig für eine Lesung, verständlich. Dann, ohne mir Bescheid zu sagen, sprang jemand in den freien Raum zwischen Tisch und Zuschauerreihen, sagte so etwas wie, dass die Veranstaltung so, wie ich mir das vorstelle, hier heute nicht gehe und begann, einen poetischen Text vorzutragen in der klassisch metaphorischen Sprache, auf die wir in der DDR alle weitgehend geeicht waren: „Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf…“.
Ich sehe in dieser Erinnerung mich selbst nicht hinter dem Lesetisch sitzend, sondern nahm es aus irgendeinem Grund aus der Perspektive der Zuschauer wahr, hatte dort möglicherweise eine Absprache mit einem nächsten Autor getroffen. In diesem Augenblick, als ein anderer unabgesprochen in diese Freifläche gegangen war und seinen Text vortrug, wurde mir klar, dass unser Lese- und Gesprächskonzept nicht mehr durchzuhalten war.
Aber was hatte ich erwartet?! Auf keinen Fall so viele Leute und das knisternde Interesse. Mir wurde klar, dass aus meiner Sicht diese Veranstaltung aus dem Ruder lief. Ich glaube, dass ich den Vortragenden nicht einmal seinen Text zu einem Ende bringen ließ, ging vor zu dem Lesetisch, stieg auf ihn, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu kriegen und rief mit der lautesten Stimme, die ich haben kann, in den anschwellenden Tumult, dass das hier nicht mehr das Konzept unseres Lese-Abends sei und ich die Veranstaltung DURSTIGER PEGASUS hiermit für beendet erkläre. Wir könnten alle hierbleiben und reden, aber es sei nicht mehr der DURSTIGE PEGASUS.
Ich wollte, was auch immer jetzt passieren würde, nicht verantworten.
Ahoi: Krass. Und dann? Was folgte daraus? Aufstand?
Jochen Wisotzki: Das war´s einfach. Ich bin dann an den Tresen gegangen und habe mich wie andere nach einem Bier angestellt. Blieb wie alle anderen auch, habe sicher verschiedentlich in Gesprächen meine Haltung und meinen Auftritt begründet. Es ist dann aber auch nichts weiter passiert. Es hat niemand das Wort ergriffen, was er oder sie leicht hätte tun können, indem er/sie vielleicht wie ich auch auf den Tisch stieg und sich Gehör verschaffte. Aufmerksamkeit wäre ihm gewiss gewesen. Hat aber niemand gemacht. Man diskutierte in kleinen Gruppen. Es wurde ein üblicher Bierabend im Grafikkeller. In meinem damaligen und heutigen Verständnis habe ich aber auch nichts „unterbunden“ – absichtlich nicht. Ich habe vor allem meine Veranstaltungsreihe „Der durstige Pegasus“ vor einem möglichen Verbot bewahren wollen, das drohte, wenn wir etwa in irgendeiner Weise gemeinsam unsere Solidarität mir Wolf Biermann erklärt hätten, was wahrscheinlich gewesen wäre, hätte ich die Veranstaltung weiter geleitet und ganz ohne Zweifel nicht um ein Gespräch über die Biermann-Ausweisung herumgekommen wäre.
Ahoi: Aber es gab doch eine Sicht auf die damalige Situation, oder?
Jochen Wisotzki: Weder ich, noch, wie ich vermute, irgendjemand im Raum hatte Verständnis für diesen SED-gesteuerten staatlichen Willkürakt.
Es wurde somit eine unmoderierte Veranstaltung, in der die Biermann-Ausweisung nicht mehr nur als Weißer Elefant im Raum stand, und ich hatte sie gegen den Wunsch der FDJ-Leitung ermöglicht. Ist doch auch was! Oder war es „Feigheit vor dem Feind“? Aus meiner damaligen und heutigen Sicht habe ich die Veranstaltungsreihe gerettet, indem ich sie formal beendete. Jeder mit einer entsprechenden Ambition hätte in dieser Stimmung auf den Tisch steigen und das Wort ergreifen können. Hat aber niemand.
Sicher war die Biermann-Ausweisung dann in den Gesprächen ein wesentliches Thema, nicht zuletzt durch mein Agieren. Und vielleicht haben auch welche Solidaritätsbekundungslisten herumgereicht. Ich habe davon nichts mitbekommen. Jahre später habe ich erfahren, dass es solche Unterschriftensammlungen auch in Leipzig gab, dass Leute deswegen relegiert wurden und anderen Repressalien ausgesetzt waren.
Ahoi: Gab es noch andere Episoden, die den Spagat für Dich betreffen, den Du damals machen musstest?
Jochen Wisotzki: Ein bezeichnendes Licht auf die damaligen Verhältnisse wirft aber auchbeispielsweise Folgendes: In einer Geschichte der FDJ (Ulrich Mählert, Gerd-Rüdiger Stephan: Blaue Hemden – Rote Fahnen: Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, Opladen, 1995) erfahre ich, dass sogar Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende und Oberste SED-Funktionär über eine denkwürdige Veranstaltung des „Durstigen Pegasus“ in Kenntnis gesetzt wurde. Unfassbar!
In dem Buch wird ein Brief zitiert, in welchem der Staats-ö und Regierungschef der DDR vom obersten Chef der FDJ mitgeteilt wurde, dass im Leipziger „Klub Durstiger Pegasus“ der junge Dichter Wolfgang Feyerabend „aus gegebenen Anlass“, wie der Dichter zitiert wird, ein bekanntes Sprichwort abgewandelt habe zu „Bleibe im Lande und wehre dich redlich“. Ansonsten aber wären „Provokationen unterbunden“ worden. Diese Zuschreibung ist für Wolfgang Feyerabend sehr ehrenvoll, abgesehen davon, dass sie damals ohnehin im Schwange war – nicht in Hinsicht auf Biermanns Ausbürgerung, sondern im Hinblick auf die sich schon anbahnende Ausreisewelle.
Aber es zeigt sich: Hier hat ja jemand, wer auch immer und wem auch immer „Meldung gemacht“, die durch allerlei Instanzen weitergereicht worden ist bis zum obersten Machthaber. Der Hinweis auf das „Unterbinden weiterer Provokationen“ hat die Veranstaltungsreihe vielleicht wirklich beschützt. Man kann es auch als eine gefakte Erfolgsmeldung sehen, denn eigentlich wurde nichts wirklich „unterbunden“. Mein Rückzieher hätte ja auch als Ermunterung aufgefasst werden können, selbst die Initiative zu einer öffentlichen Debatte oder Solidaritätsbekundung zu ergreifen. Keiner hat es gewagt.
Im Übrigen wird diese Meldung über den „Durstigen Pegasus“ aus einem Bericht von Krenz an Honecker über die Reaktionen der DDR-Studentenschaft auf die Ausweisung zitiert, in der er auch darauf hinweist, daß sie dazu geführt habe, daß viele Studenten jetzt Westfernsehen gucken, um zu erfahren, wer Biermann sei und was er singt.
Ahoi: Ihr habt damals auch Texte veröffentlicht. Ging das so einfach? Welche Wege habt Ihr dafür beschritten?
Jochen Wisotzki: Der damalige offizielle (staatliche) Leiter der Moritzbastei Burkhard Damrau und der damals wohl schon bestehende Klubrat wollten die „Studententage der FDJ“ dazu nutzen, den im Aufbau begriffenen Klub bekannter zu machen und vor allem Studenten zu motivieren, sich am Aufbau zu beteiligen. Ich schlug vor, eine Broschüre mit Texten aus den bisherigen Pegasus-Veranstaltungen zu drucken und zu verteilen. Da das Ganze als Unternehmen der FDJ firmierte und die eine Drucklizenz hatten, ging ich mit der Idee zum Chef der Uni-FDJ-Leitung und der fand das gut. Aus Kostengründen sollten es aber nur acht Textseiten werden. Die Texte habe ich ausgesucht, da hat mir keiner reingeredet. So konnte ich auch Arbeiten meines Freundes Lothar Feix hineinschmuggeln. Mein Lieblingstext darin endet so: „Still ruht der See. / Denken allein tut nicht weh. / Wer den Mund nicht aufmacht, / hat auch nicht gedacht. / ein Rotkehlchen lacht.“
Das Layout habe ich mit einer eigenen Vignette – der aufrecht stehende Pegasus mit Leier und Bierkrug - selbst gestaltet. Ich weiß nicht mehr, wie der Herstellungsprozess dann weiter ablief, jedenfalls irgendwie über die FDJ-Leitung der Uni. Mein Vorwort, in dem ich auch zu Arbeitseinsätzen in der Bastei aufrufe, ist dann auch in der Uni-Zeitung abgedruckt worden, was heute fälschlicherweise dazu führt, anzunehmen, den „Durstige Pegasus“ gäbe es erst seit 1976.
Ahoi: Warum und an wen hast Du dann den Staffelstab überreicht?
Jochen Wisotzki: Ich selbst habe den Pegasus bis zum Ende meines Journalistik-Studiums 1977 moderiert. Zu diesem Studium konnte man damals nur delegiert werden - von den Medien, bei denen man zuvor volontiert hatte. Dann wurde erwartet, dass man für drei Jahre zu diesem Medium zurückging. In meinem Fall war das die Nachrichtenagentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ADN). Ich ging also zurück in meine Heimatstadt Berlin. Dort war ich in der Kulturredaktion Fachredakteur für Film und ging 1986 als Dramaturg ins DEFA-Dokfilmstudio. Dort konnte ich 1990 kurz vor der Entlassung noch mein Regiedebüt mit „Komm in den Garten“ machen.
Dass ich den Staffelstab übergeben hätte, kann man nicht sagen. Richtiger ist, dass mein unmittelbarer Nachfolger Peter Geist ihn 1977 übernommen hat – von sich aus. Wir kannten uns ganz gut und waren freundschaftlich verbunden. Peter studierte Germanistik und Geschichte und moderierte den „Durstigen Pegasus“ bis 1985.
Ihm folgten Michael Faber (1985 bis 1989), Steffen Birnbaum (1988 bis 1999), Volly Tanner – also Du (1989 bis 2009), Elia van Scirouvsky (2010 bis 2020), der sie abwechselnd mit Norbert Maron moderierte. Seit 2020 bis heute ist es Eileen Mätzold, die nun aber auch schon eine Nachfolgerin vorgestellt hat. Und dies wird Anna Schöne sein. Es geht also immer weiter.
Ahoi: Der Durstige Pegasus stand immer dafür, Menschen miteinander zu verbinden, Menschen die freie Rede und die freie Schrift zu ermöglichen, in den Austausch zu treten. Auch in Deinem filmischen Schaffen – hier beispielgebend „Komm in den Garten“ - hast Du Menschen die freie Rede ermöglicht, sie ungefiltert zu Wort kommen lassen. Das ist heutzutage fast schon wieder subversiv. Gibt es eine Philosophie hinter Deiner Arbeit? Wenn ja, kannst Du diese ein bisschen erläutern, bitte?
Jochen Wisotzki: Dass ich eine Philosophie hätte, möchte ich nicht behaupten. Aber wenn Du mich nach einem Prinzip, vielleicht auch dem Verbindenden zwischen den Ambitionen des „Durstigen Pegasus“ und meiner Filmarbeit als Autor, Dramaturg oder Regisseur fragst, geht es vielleicht um Dreierlei. Da ist zunächst Neugier auf, oder besser: Interesse an anderen Menschen. An anderer Menschen Haltungen, Erfahrungen, Meinungen. Zweitens der Wunsch, daran beteiligt zu sein, ihnen eine Plattform zu bieten, sich zu äußern, sich zu zeigen und mit anderen und mir ins Gespräch, in den Streit, in den Austausch zu kommen. Und drittens ist da immer auch das Interesse an Form, die Sehnsucht nach Gestaltung, nach Poetik. Daher auch mein besonderes Interesse an Lyrik, am Entdecken und Reden darüber. Und daher auch die Themen und Gestaltungsweisen meiner Dokumentarfilme. Ein Allerletztes vielleicht noch: Irgendwie geht es doch auch um jeweils eigene Versuche, die Welt ein bisschen besser zu verstehen und sie vielleicht auch ein bisschen besser zu machen. Wim Wenders hat mal gesagt, es gehe immer darum, Antworten auf die Frage zu finden: „Wie soll man leben?“ Das gefällt mir. Ist das jetzt Philosophie?
Ahoi: Alles ist Philosophie, lieber Jochen, denke ich. Wie aber fühlt es sich eigentlich an, wenn man eine Serie mitgeboren hat, die mittlerweile über 50 Jahre lang existiert, sich wandelt und verändert, weiterhin Menschenschicksale prägt, da sie als Türöffner funktioniert? Ist da Stolz? Oder ist da mittlerweile so eine heitere Gelassenheit eingezogen. Erzähl doch mal bitte, mit welchem Gefühl Du auf den Pegasus schaust …
Jochen Wisotzki: Gelassenheit fällt mir immer sehr schwer, aber Heiterkeit oder besser Frohsinn kann ich noch ganz gut, glaube ich. Die Lust darauf steckt ja nach wie vor in dem Konzept „Durstiger Pegasus“. Bei aller Ernsthaftigkeit oder gar Schwermütigkeit mancher Texte und Auseinandersetzungen darum. Das habe ich zuletzt bei der Veranstaltung zum 50. Jahrestag am 14. Mai 2026 in der Moritzbastei erlebt. Da ist auch Stolz. Aber es ist ja nicht mein Verdienst, dass es diese Veranstaltungsreihe noch immer gibt, sondern der Verdienst aller Nachfolger und Nachfolgerinnen. Das Konzept, das sich ursprünglich nur an Studenten wandte und auf die öffentliche Diskussion ihrer Texte zielte, hat sich mehrfach verändert. Über Lesungen von Prominenten und Vorstellungen von Absolventen des Leipziger Literaturinstituts zur Begegnungsstätte junger, vor allem Leipziger Literaten. Mal mit musikalischer Begleitung, mal ohne. Und die Veranstaltungen waren mit Gewissheit immer auch geprägt von den Temperamenten der jeweils Moderierenden. Aber die Kontinuität zeigt ja, dass diese Veränderungen den Pegasus lebendig hielten. Mario Wolf, der derzeitige Bastei-Geschäftsführer, erklärte mir nach der Jubiläumsveranstaltung, dass der „Durstige Pegasus“ ja nicht die größte und wichtigste Veranstaltung der Bastei sei, aber eine, in der sich die ursprünglichen Ambitionen der Gründer-Generation erhalten haben. Dafür kann man doch dankbar sein — allen, die in den vergangenen 51 Jahren dazu beigetragen haben.
Ahoi: Dein künstlerisches Portfolio ist mannigfaltig. An was arbeitest Du denn derzeit?
Jochen Wisotzki: Ich las vor einiger Zeit über den Leipziger Literaturwissenschaftler Rolf Recknagel, der als erster sehr viel über die Identität des Schriftstellers B. Traven (Das Totenschiff) herausgefunden und ein Buch darüber in der DDR veröffentlicht hatte, dass ihm seine Forschungsergebnisse von einem westdeutschen Journalisten buchstäblich geklaut wurden. Der war dann im Westen dafür berühmt geworden. Recknagel ist leider schon in den 90er Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Diese Geschichte interessiert mich, und ich möchte mehr darüber herausfinden. Das wird mich bestimmt wieder öfter nach Leipzig führen. Ein bisschen schließt sich für mich da auch ein Kreis: Die früheste Identität, die Recknagel dem geheimnisumwitterten Autor B. Traven nachgewiesen hat, ist ein gewisser Ret Marut, der 1917 die radikal-anarchistische Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ gründete und sich an der bayerischen Räteregierung beteiligte. Also ein Weggefährte von Erich Mühsam und Ernst Toller.
Ahoi: Danke, lieber Jochen, da wünschen wir Dir natürlich weiterhin alle Gesundheit und Lebensfreude. Und wir danken Dir und Deinen Freunden von damals dafür, dass Du dem durstigen pegasus die Sporen gegeben hast. (Und für „flüstern & SCHREIEN“ danke ich Dir noch einmal ganz persönlich!)


