Eine der wichtigsten Komponenten von Kunst (und Journalismus) sollte Staatsferne sein. Da ist es egal, welches System gerade von den Herrschenden in ihrem Sinne geformt wird, zu kritisieren sind die Mächtigen immer.
Dafür darf auch gern Humor und Subversion genutzt werden, schließlich ist finsterstes Nur-Dagegen-Maulen auf die Länge der Zeit destruktiv. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sucht deshalb weiter nach den Künstlerinnen und Künstlern, die mehr zu erzählen haben, als den immer gern genutzten Narrativraum wieder und wieder zu käuen. Kunst, die überrascht und neudenken lässt. Ray Van Zeschau kommt nun nach Leipzig, um seine Marke zu setzen und Volly Tanner sprach schon einmal mit ihm:
Ahoi: Guten Tag, Ray Van Zeschau. Ich freue mich! Nachdem Du dieses Jahr erfolgreich zum 29. Sofia International Filmfestival gastiert hast, kommst Du am 21. November 2025 mit Deinem Filmabend „Picknick am Zonenrand“ ins LURU-Kino im Leipziger Westen. Bei „Picknick“ fällt mein Blick in mein Bücherregal und dort automatisch auf „Picknick am Wegesrand“ der Strugatzki-Brüder. Hat das Eine mit dem Anderen etwas zu tun? Und kannst Du uns etwas zu Inhalt des Filmabends erzählen?
Ray Van Zeschau: Ja klar, dass hat durchaus etwas mit dem Buch der Strugatzki-Brüder zu tun, bzw. eher mit dem Film „Stalker“, der ja aus dem Buch heraus entstand. Wahrscheinlich habe ich den Titel gewählt, da wir uns damals mit FESA ja irgendwie am Rande des Machbaren bewegt haben. Grob gesagt geht es in den Filmen in surrealistisch dadaistischer Weise um Themen wie Umwelt, Militarisierung und gesellschaftliche Unterdrückung.
Titel waren so »Labyrinth«, »Warten auf Bodó« oder »WARscheinlich« usw. In »Frustratorische Assoziationen 86« hingegen wollten wir aber einfach nur die alternativ verkopfte Kunstszene der Stadt verarschen, die immer weiche Schläfen hatten und abwechselnd Schwarzen Tee (ohne Zucker) und Rosenthaler Kadarka tranken und immer irgendwie über ihren Frust sinnierten. Leider war der Film so gut an deren Realität, dass sie es gar nicht mitbekamen und sich gar in ihren Befindlichkeiten vertreten fühlten.
Ahoi: Du erwähntest gerade die DDR-Undergroundfilmgruppe FESA. Was war das denn? Und warum feige?
Ray Van Zeschau: FESA war halt eine filmische Interessengemeinschaft, die sich außerhalb von irgendwelchen staatlichen Vereinen daran machte, ihre Ideen auf Zelluloid von ORWO Wolfen zu bannen. Warum feige, hab ich mittlerweile vergessen. Vielleicht, weil wir das Gegenteil von dem waren.
Ahoi: Eine Gruppe besteht in der Regel aus mehreren Menschen; außer es gibt ein Persönlichkeitsstörungsbild. Wer war denn bei FESA dabei und was machen die heute so?
Ray Van Zeschau: Die Gruppe bestand aus Rainer A. Schmidt, Wolf Götz Richter und meiner Wenigkeit. Mit Rainer habe ich auch 1988 FDIO (Freunde der italienischen Oper – Band, die den Indie-Stall der DDR ganz schön aufmischte und auch heute noch wirksam ist, Anmerkung des Redakteurs) gegründet. Er war dann, mit kurzer Fluchtunterbrechnung, bis 1992 mit an Bord. Danach ist er Filmcutter geworden und ist es immer noch. 2022 hat er die deutsche Schnittfassung meines Filmes „Mein Onkel Lubo“ übernommen. Wolf hat sich hingegen völlig vom Künstlerischen verabschiedet, ist Hausinspektor am Staatsschauspiel Dresden und restauriert alte DDR-Motorräder und Mopeds.
Ahoi: Wie habt Ihr Euch eigentlich an der DDR-Zensor vorbeigemogelt? Filmemachen war doch ein heißes Eisen damals, freie Kultur sowieso, da reagierte der Staat ganz dünnhäutig und einige Protagonistinnen und Protagonisten – siehe die Band Namenlos – kamen ja auch für länger in den Knast, weil sie nicht stromlinienförmig und staatshörig genug waren.
Ray Van Zeschau: Sagen wir mal so, das Filmemachen an sich war ja kein heißes Eisen. Quasi öffentliche ungenehmigte Veranstaltungen abzuhalten und irgendwelche Filme zu zeigen hingegen schon. Also mussten wir einen Weg finden, um es trotzdem zu tun. Das heißt, im konkreten Fall unsere Filmfeste, die in einer 120 Quadratmeter großen Altbauwohnung abgehalten wurde, waren natürlich nicht offiziell und wir schickten uns an, Einladungen an einen Personenkreis zu verteilen, von denen wir glaubten, dass die in Ordnung seien.
Natürlich kamen dann immer mal wieder welche um die Ecke, um zu fragen, ob sie nicht noch die oder den mitbringen könnten. Am Ende waren dann über hundert Leute in der Wohnung, die teils raus bis in den Flur auf Tischen und Stühlen standen. Da wir alle drei aber vom Staatsschauspiel Dresden kamen, welches in dieser Zeit das progressivste Theater der DDR war, hatten wir gelernt, zwischen den Zeilen zu arbeiten, was uns nicht direkt angreifbar machte, wie vielleicht Namenlos. Der chilenische Maler Hernando León meinte jedenfalls damals, dass man uns in Chile längst verhaftet hätte.
Ahoi: Etwas später, so erfuhr ich, soll es im LURU auch noch Deine Dokudramentery „Mein Onkel Lubo“ geben. Wer ist denn Dein Onkel Lubo und welche Geschichte erzählst Du uns denn da?
Ray Van Zeschau: Mein Onkel Lubo ist eine Dokudramentery über meinen 2016 verstorbenen Onkel Ljuben Stoev, ein bulgarischer Maler und Graphiker, der Anfang der 60er an der Hochschule für bildende Künste bei Lea Grundig in Dresden studierte. Als sein Neffe erbte ich nun die Atelierwohnung in Sofia, fliege nach Bulgarien, um diese zu verkaufen. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der mit Kunst über und über gefüllten Wohnung und der bulgarischen Hauptstadt finde ich einen neuen tieferen Zugang zu meinem Onkel, seiner Kunst und dem seit der Wende im Postsozialismus feststeckenden ärmsten und korruptesten Land der EU.
Ich begebe mich in seine Fußstapfen, verkaufe die Wohnung und feiere ein letztes Mal in seiner Wohnung mit alten Freunden den Geburtstag von Lubo, bringe seine Kunst zurück an den Ort, wo alles begann und erfülle ihm posthum seinen größten Wunsch, noch einmal in Dresden ausstellen zu können. Der FDIO-Film zum gleichnamige Song „Der leere Raum“ ist hierzu so etwas wie ein Parallelfilm zu „Mein Onkel Lubo“, der meine letzten gemeinsamen Stunden mit ihm in einem Sofioter Hospiz beschreibt.
Ahoi: Für Menschen mit exquisitem musikalischen Geschmack bist Du der unumstößliche und einzigartige Frontist der Dresdner Ehrenhelden FREUNDE DER ITALIENISHEN OPER (FDIO). Das letzte Album wurde intensiv in den alternativen Radiostationen, auch hier aus Leipzig, gespielt. Es gab auch eine Tournee mit unseren hiesigen Ehrenhelden von DIE ART. Wie lief denn der Abverkauf? Gab es endlich eine Platin-Platte als Auszeichnung? Erzähl mal bitte …
Ray Van Zeschau: Danke für die Blumen und ja, was soll ich sagen, da ich mit die Art schon seit über 35 Jahren freundschaftlich verbandelt bin, bei meinen Leipzigern dürften da zehn Jahre nochmal drauf kommen, war es irgendwie mal an der Zeit, was gemeinsam auf die Beine zu stellen und zusammen auf Tour zu gehen. Ursprünglich wollte Makarios sich ja nach unserem ersten gemeinsamen Werk und der Tour „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!“ in die Art-Rente begeben, aber wir schrieben das Jahr 2020 und die Tour musste um glatte drei Jahre verschoben werden. Danach waren wir alle erstmal älter und vor allem Makarios so begeistert, dass wir beschlossen, dass Ganze mit dem Tonträger „Brüder, hört die Signale!“ noch einmal zu wiederholen. Und ja, wir haben tatsächlich ausgesorgt. Makarios hat jetzt eine Katzenmanufaktur in Osteuropa und ich ein Olivenhain in Villaggio delle Donne.
Ahoi: Wir sind ja schon etwas länger in Kontakt, lieber Ray – deshalb weiß ich auch von Deinen anderen Umtriebigkeiten – beispielsweise im elvisnahem Rock´n´Roll mit der gehörigen Prise Augenzwinkern (und nicht durchs Zwiebelschälen). Kannst Du den Leipziger Unwissenden bitte etwas davon erzählen? Wie kam es und wie wurde es so grandios?
Ray Van Zeschau: 1997, in der Phase des Stillstandes der FDIO, gründete ich eine Rock´n´Rollband mit dem vortrefflichen Namen RAY & THE ROCKETS. Wir hatten einfach Bock eine Partyband aufzuziehen und wollten uns mal den Luxus gönnen, nichts Eigenes zu erschaffen und nicht mehr proben zu müssen. Einfach alte Nummern aus den 50ern bis frühen 60ern zelebrieren. Das kann dann je nach Publikum auch schon mal psychomäßig ausarten.
2007 entstand dann eher zufällig das Projekt THE DISTORTED ELVISES. Ursprünglich hatte man RAY & THE ROCKETS zu einer Jubiläumsfest eines Dresdner Stadtmagazins eingeladen. Da dort aber noch eine andere Rockabillyband spielen sollte, dachten wir, dass das jetzt langweilig wäre, nochmal die selbe Stilistik zu bedienen und stellten einfach unser Rocketsprogramm um, als würde es von Metallica oder Motörhead interpretiert und haben eine Marshallwand aufgestellt. Leider kommen wir viel zu wenig dazu, mit der Combo aufzutreten. Aber es gibt einen kleinen aber feinen Tonträger, die 12“ Mini-LP „Gun in Acapulco“, der sich vor allem in Japan hervorragend verkauft (bei Bandcamp erhältlich).
Und dann habe ich noch ein weiteres bemerkenswertes Projekt mit Rajko Gohlke, das hervorragende Duo der Sonderstufe mit Konzertberechtigung „Ray´n´Rajko“. Reine saitenakustische Darbietung in Originalhemden, zuzüglich meines Gesanges. Auch dieses Projekt ist leider viel zu selten am Start, da vor allem Rajko, der schon als der meiste Bassist gilt, kaum noch weiß, in welcher Band er gerade spielt.
Ahoi: Du bist am 21. November in Leipzig und wirst Filme der FESA und FDIO von 1985 – 2025 zeigen – gibt es da auch Talk oder Gespräch oder so? Damit der Wissenstransfer gelinge in unseren Zeiten … oder Film an Film und Feierabend?
Ray Van Zeschau: Ja, ich werde definitiv abends an Bord sein und alle Gäste feierlich begrüßen und klar, wird es hernach das Gespräch mit dem Publikum geben, um alle Klarheiten zu beseitigen mit anschließendem Kampf gegen die stete Unterhopfung. Vielleicht auch schon während des Gespräches.
Ahoi: Dann wünschen wir Dir und dem LURU volles Haus und Dir weiterhin das Beste vom Feste.
Ray Van Zeschau: Mäny Thänx änd Halleluja!


