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  • Interviews
Gespräch mit dem Texter und Journalisten Christian Reder

Dem großen schwarzen Hund Depression ein Lied singen. Und helfen.

Christian Reder höchstselbst © Nicola Reder / privat

Es kann jedem Menschen geschehen: Depression. Der große schwarze Hund, der an einem zerrt und einen immer wieder in das tiefe dunkle Loch fallen lässt, wartet immer schon hinter der nächsten Ecke, gefüttert von Mobbing, Schikanen oder Traumata.

Das Projekt des Ex-KARAT-Bassisten Christian Liebig gemeinsam mit dem LETZTE INSTANZ-Sänger Holly Loose und dem Texter Christian Reder „NiemandsHilfe“ hat nun Musik geschaffen, deren Einnahmen zugunsten der Robert-Enke-Stiftung fließen sollen. Ahoi-Redakteur Mark Harries sprach mit dem Texter:

Ahoi: Guten Tag, Christian Reder. Ich höre gerade in Dauerschleife den Song „NiemandsHilfe“ in der Orchesterversion, für den Du den Text geschrieben hast. Die dazu gehörende EP ist aufgenommen wurden, um die Robert-Enke-Stiftung zu unterstützen. Wer war denn Robert Enke? Und was hat sein Schicksal mit dem Deinen zu tun?

Christian Reder: Robert Enke wäre in den vergangenen Wochen 48 Jahre alt geworden. Er war deutscher Fußball-Nationaltorhüter und die Nummer 1 im Tor beim Bundesligisten Hannover 96 – meinem Lieblingsverein. Robert hatte in den Nullerjahren seine Erfolge, litt aber leider an Depressionen, die letzten Endes dafür gesorgt haben, dass er seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Im November 2009 ist das passiert, und es sorgte kurzzeitig dafür, dass das Thema Depression in den Fokus gerückt ist – insbesondere auch, dass es im Profisport vorkommt, wo man es eigentlich am wenigsten erwartet hätte.

Genau in diesem November 2009 steckte ich selbst in einem tiefen Schwarz und Loch.

Ahoi: Und was macht die Stiftung?

Christian Reder: Die Aufgaben der Robert-Enke-Stiftung sind vielseitig. Sie umfassen die Aufklärung über Depressionen, die Förderung der Forschung und die Unterstützung von Präventionsmaßnahmen. Dies geschieht durch verschiedene Projekte, die sogar bis in die Schulen reichen. Es gibt auch ein Beratungstelefon. Zudem widmet sich die Stiftung der Erforschung und Behandlung von Kinder-Herzkrankheiten. Letzteres hängt damit zusammen, dass Roberts Tochter im Jahre 2006 im Alter von nur zwei Jahren an einem angeborenen Herzfehler verstarb. Das war wohl auch etwas, das er nie wirklich verkraftet hat.

Ahoi: Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit dem ehemaligen KARAT-Bassisten Christian Liebig und unserem Holly Loose von LETZTE INSTANZ?

Christian Reder: Christian Liebig kenne ich tatsächlich schon fast 30 Jahre. Ich habe in den Nullerjahren knapp zehn Jahre lang den Internetauftritt der Gruppe KARAT betreut. Christian war halt der Bassist meiner damaligen Lieblingsband, und hin und wieder hat man sich auch am Rand eines Konzerts getroffen. Nachdem er ja nun leider selbst mit dem Thema Depressionen in Berührung gekommen ist, schloss sich da ein Stück weit der Kreis.

Ich hatte Christian von der Idee erzählt, zu einem meiner Texte einen Song zu machen, und er war sofort interessiert. Kurz nachdem ich ihm den Text geschickt hatte, bekam ich von ihm ein Demo, mit dem er mir seine Komposition vorstellte. Das passte und hatte mich sofort abgeholt. Dann haben wir länger überlegt, wer das denn wohl singen könnte, und da fiel uns beiden fast zeitgleich Holly Loose ein. Den wiederum kenne ich über meine Arbeit bei Deutsche Mugge und habe ihn auch schon ein paar Mal bei Konzerten besucht. Ein Anruf später war auch er dabei – und das Christian-Liebig-Projekt stand auf seinen Beinen.

Ahoi: Wie kommt die EP aber jetzt unter die Menschen und wie kommen Einnahmen für die Robert-Enke-Stiftung zustande? Schließlich scheint es ja mit haptischen Produkten nicht mehr so zu laufen, wie ich erfahren musste …

Christian Reder: Ja, anfangs war tatsächlich nur eine digitale EP geplant. Nun ist es aber so, dass man mit Downloads und Streams nicht wirklich viel Geld generieren kann. Frag nach bei den Musikern, was ein komplettes Album über Streaming abwirft – dafür kannst du noch nicht mal bei McDonald’s ein McMenü kaufen.

Bei unseren Lesern von Deutsche Mugge ist es tatsächlich so, dass viele Leute immer noch an CDs und Schallplatten interessiert sind. Ich selbst bin ja auch so positiv bekloppt, und kaufe mir ein neues Album grundsätzlich auf CD und parallel dazu auf Vinyl. Ich kann nur jedem Musikfreund empfehlen, es mir gleich zu tun – vielleicht nicht gleich beides zu kaufen, aber zumindest ein physisches Exemplar eines Albums. Es ist Wertschätzung dem Künstler gegenüber, dem man gerne zuhört, und die Garantie, dass er mit seiner Arbeit auch etwas Geld verdienen kann. Streaming ist moderner Ladendiebstahl.

Wie dem auch sei. Darum habe ich mich auf die Suche begeben und jemanden gefunden, der eine CD-Pressung finanziert. Die EP erscheint jetzt letztlich als eine auf 280 Stück limitierte Edition, die auch handnummeriert ist. Jede CD hat eine eigene Nummer, und die Nummer 1, die normalerweise immer beim Künstler oder beim Komponisten verbleibt, werden wir bei eBay meistbietend versteigern. Ich weiß, dass Sammler von CDs immer besonders interessiert sind, bei limitierten Editionen die niedrigste Nummer zu bekommen. In diesem Fall hier bekommen sie jetzt die Chance dazu, sich die Nummer 1 zu beschaffen.

Die physische EP ist ein wirklich schönes Sammlerstück geworden. Allein, wenn man sich das Cover anschaut: Dies hat die Künstlerin Grit Wolff (kittyfix...design) entworfen, und ich bin ihr unendlich dankbar für diese gute Idee und diese tolle Umsetzung. Die CD selbst ist eine Picture-CD, das heißt, das Label ist ebenfalls mit einem Bild bedruckt. Alles ziemlich hochwertig.
Erhältlich ist die CD übrigens seit dem 26. September ausschließlich beim Label ROKKfilm Records (Link am unteren Ende des Beitrags, Anmerkung der Red.). Dass wir nicht über die gängigen Onlineportale verkaufen, liegt daran, dass die CD eben nur in einer kleinen Stückzahl vorliegt. Es wäre ein viel zu großer Aufwand, sie jetzt noch bei Amazon oder JPC zu verteilen. Ansonsten gibt es die EP natürlich digital als Download und Stream bei allen gängigen Portalen. Das empfehle ich aber erst, wenn die CD vergriffen ist (schmunzelt)

Ahoi: Auf der EP gibt es eine Single-Version, eine Orchester-Version – was verständlich ist … aber was ist eine Revier-Version?

Christian Reder: Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Stück des Künstlers Philipp Trottenberg, der unter dem Namen „Revier“ Musik macht. Er stammt aus dem Ruhrgebiet und hat aus dem Text eine Liedermacherversion gemacht, die eine ganz andere Farbnote mit hineinbringt.

Ahoi: Und was hat es mit dem vierten Song auf sich? Hier meine ich „Meine Dunkelheit“ von YES, TEACHER! Wie kam es zu diesem Stück auf der EP?

Christian Reder: Hinter dem Namen YES, TEACHER! steckt ein guter Freund von mir, der im Bereich elektronische Musik/EBM unterwegs ist. „Meine Dunkelheit“ ist ein weiterer Text von mir, der mit „NiemandsHilfe“ nichts zu tun hat, außer das Thema Depression. Es handelt sich hierbei um ein eigenständiges Stück eines weiteren Interpreten, der mit auf der EP vertreten ist – wenn man so will, die B-Seite.

Ahoi: Du bist der Chefredakteur des Musikmagazins Deutsche Mugge, hast hier auch lange mit dem leider schon von uns gegangenem, zuletzt in Leipzig lebenden und liebenden Andreas Hähle zu tun gehabt. Kannst du uns bitte von ihm erzählen? Was verband Euch, wie hattet Ihr Miteinander?

Christian Reder: Andreas gehörte mit zur Urbesetzung von Deutsche Mugge. Ich weiß gar nicht mehr, wie er in der Anfangszeit zu uns gestoßen ist, aber er hat für Deutsche Mugge Interviews geführt, Konzertberichte geschrieben, Platten rezensiert und ist im Laufe der Zeit zu einem Ansprechpartner für mich geworden. Mehr noch … zu einem Freund. Wir haben viele Dinge gemeinsam ausgeheckt und besprochen, und seine Meinung war mir immer eine ganze Menge wert. Wenn ich irgendwo unsicher war, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu treffen, habe ich nicht selten mit ihm darüber geredet, und um Rat gebeten. Seine ruhige und besondere Art war immer der Gegenpol zu meiner doch eher impulsiven.

Außerdem habe ich ihn sehr als Texter geschätzt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt mit Texterei nichts zu tun – das war gar nicht meine Baustelle. Gedichte schreiben ja … aber Songtexte? Neeee … Durch einen dummen Zufall bin ich vor zwei Jahren an das Thema gekommen und wurde gefragt, ob ich nicht mal was schreiben könne. Das habe ich dann auch gemacht, und so gibt es jetzt mehrere Projekte, an denen ich beteiligt bin und für die ich auch Texte schreibe.

So manches Mal wünsche ich mir heute noch den Hähle herbei, um auch darüber mit ihm zu reden. Mich würde mal interessieren, was er von meinem Geschreibsel hält, ob er damit was anfangen könnte oder ob er mich mit dem Hausschuh verhauen würde. (schmunzelt)
Bei Deutsche Mugge fehlt der Hähle an allen Ecken und Enden. Immer noch. Und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern.

Ahoi: Andreas Hähle fehlt vielen Menschen, er hat mit seinem Weggang von unserer Welt einen immensen Riss hinterlassen und Menschen, die ihn liebten. Was möchtest Du ihnen sagen? Und der Stadt …

Christian Reder: Den Hähle müsst ihr definitiv im Gedächtnis behalten, den dürft ihr nicht vergessen. Nehmt euch seine Werke und lest sie immer wieder mal durch, hört euch die Songs an, für die er Texte geschrieben hat, und erzählt von ihm – egal, ob ihr ihn mal getroffen habt, ob ihr nur von ihm gehört habt oder ob er euch irgendwann mal eines seiner Bücher signiert hat. Tragt eure Geschichten weiter und erzählt von Hähle. Wir tun das bei Deutsche Mugge immer wieder, und selbst bei unserem diesjährigen Redaktionstreffen in Halberstadt waren er und Geschichten von und über ihn mit am Tisch. Menschen wie ihn gibt es leider viel zu wenige: ein großes Herz, ein wacher Geist – und einer, der sich selbst überhaupt nicht wichtig nahm. Das war Hähle.

Ahoi: Die EP „NiemandsHilfe“ erscheint bei ROKKfilm. Wie kam es hier zum Miteinander?

Christian Reder: Manchmal muss man sich erst zanken, um zueinander zu finden. So ist das zwischen dem Label-Chef und mir gewesen. Bei uns stand mal ein Missverständnis im Raum, an dem wir uns beide gleichermaßen schön hochgeschaukelt haben. Friedensstifter war letzten Endes Dirk Zöllner – ein echter Botschafter der Freundschaft. Über ihn kam dann ein Kontakt und Aussprache zustande, und heute kann ich über Jens Uwe Berndt, den alle nur JUB nennen, viele gute Dinge sagen.

Und es hat die Erkenntnis gebracht, dass man lieber reden statt schmollen und schimpfen sollte – gerade in Zeiten wie diesen. Und das sage ich jetzt nicht, weil es ihm zu verdanken ist, dass auf seinem Label eben ein physischer Tonträger vom Christian-Liebig-Projekt erscheinen kann – und das, obwohl er mit seinem Label sonst nur Sachen aus dem Ostrock-Bereich veröffentlicht, also richtig alte Fundsachen aus dem Archiv. Ich habe JUB damals gefragt, ob er sich vorstellen könne, auf seinem Label eine CD mit neuer Musik zu veröffentlichen. Ich habe ihm erzählt, was wir hier machen, und ich brauchte gar nicht viel Überredungskünste. Denn wie wir alle ja hier schon wissen: am 26. September erschien in seinem Haus eben diese EP. Danke, JUB!

Ahoi: Schlussendlich – aus Deiner und der Perspektive anderer Betroffener rund ums Projekt: Was sollten Menschen, die den schwarzen Hund mit sich ziehen, unbedingt tun? Und was auf gar keinen Fall?

Christian Reder: Auf jeden Fall Hilfe suchen und darüber reden – es nicht in sich hineinfressen. Die ersten Symptome erkennen: Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit. Es fängt meistens mit einem Burnout an. Wer sich einfach überfordert fühlt, sollte das rechtzeitig erkennen.

Es ist übrigens keine Schande, einen Psychiater aufzusuchen. Das mag früher vielleicht mal so gewesen sein, dass Leute die Nase gerümpft haben. Wer das heute noch tut, hat selbst einen massiven Schaden. Man schaue nur mal auf die Zahlen, wie viele Menschen mit diesem Thema zu tun haben. Wie viele Betroffene es gibt – das geht in die Millionen. Es ist eine Krankheit, für die niemand etwas kann. Es sind oft die äußeren Umstände, die manchmal mit dafür sorgen, dass sie entsteht.

Ich hatte ja gerade schon gesagt: Christian Liebig ist ein gutes Beispiel. Auch anderen, die im Beruf gemobbt werden und sich ständig irgendwelchen Schikanen ausgesetzt sehen, kann so etwas passieren. Darum finde ich es zum Beispiel richtig, dass Mobbing unter Strafe gestellt wurde und dass die Täter normalerweise auch zur Rechenschaft gezogen werden können.

Viele Opfer tun dies aber nicht, weil es ihnen einfach schlecht geht. Es fehlt schlicht die Kraft und es ist auch nicht einfach eine Verstimmung – es geht bis ins Körperliche. Bei mir war es eine gute Mischung aus einem Facharzt, passenden Medikamenten und einer Therapie, die mich aus dem Loch geholt hat. Ich habe zehn Jahre damit zu tun gehabt, aber seit 2012 kann ich sagen: Ich bin diesen blöden Hund los – und hoffe auch, dass er nicht wiederkommt.

Ahoi: Danke, lieber Christian Reder, Danke, dass Du Dich uns in Deinen Texten so mitteilst.

Christian Reder: Ich bedanke mich von Herzen, dass ich mich hier zu unserer Aktion und CD äußern durfte. Danke für deine Zeit und deine Fragen.

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