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Comedian Herr Schröder im Interview

„Das ist unser aller Hausaufgabe“

Autor Reinhard Franke mit Comedian Johannes Schröder © Reinhard Franke

Wenn Lehrer scherzen, bleibt das Lachen oft aus – es sei denn, sie heißen Herr Schröder. Johannes Schröder, einst Deutsch- und Englischlehrer, ist heute als Comedian auf den Bühnen des Landes unterwegs. Unter dem Künstlernamen „Herr Schröder“ verarbeitet er seine Erfahrungen aus dem Schulalltag humorvoll und pointiert. In seinem aktuellen Programm "Der Rest ist Hausaufgabe" gewährt er augenzwinkernde Einblicke in den Klassenzimmer-Kosmos – mit analytischem Blick, trockenem Humor und einem Overheadprojektor als Requisit. Am 28. November kommt Schröder nach Leipzig (Haus Auensee). Unser Autor Reinhard Franke hat mit dem 50-Jährigen über das Bildungssystem, schulische Absurditäten und das Innenleben des Lehrerzimmers gesprochen.

Herr Schröder, welcher Typ Lehrer waren sie?

Johannes Schröder: Ich war ein ganz klassischer Lehrer – sowohl äußerlich als auch innerlich. Ein Deutschlehrer der Herzen. Ein Deutsch- und Englischlehrer, ein „Korrekt(h)urensohn“, quasi, wie man ihn sich vorstellt: mit braunem Cord-Sakko und taubenkotgrauer Hose. (lacht)

Was war für Sie das Komischste am Schulalltag - die Schüler, das Lehrerzimmer oder der Lehrplan? 

Johannes Schröder: Es ist dieses ständige Klagen im Lehrerzimmer, die Stimmung und Atmosphäre dort. „Die in der 9a können das nicht, und wie soll das denn werden?“ Das hat mich wahnsinnig runtergezogen. Leider schauen wir zu sehr auf die Fehler. Wir betrachten immer nur, was andere nicht können. Es ist eine lange Liste von Defiziten und leider viel zu wenig: „Wow, das habt ihr richtig toll hingekriegt!“

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Lehrerberuf zur Grundlage Ihres Comedy-Programms zu machen?

Johannes Schröder: Es war ein schleichender Prozess. Irgendwann sagten meine Schüler zu mir: „Herr Schröder, bitte keine schlechten Witze mehr, wir würden gerne etwas lernen.“ Da dachte ich mir: „Jetzt könnte ich mein eigenes Bühnenprogramm starten.“ Hinzu kam, dass ich auch die Theater-AG geleitet hatte. Ich habe die Kinder gerne auf die Bühne gebracht und sie motiviert, ihrer inneren Stimme zu folgen. Eines Tages meinte eine Kollegin zu mir: „Schrödi, du bist doch selbst eine Rampensau – dann mach es doch!“ Schließlich nahm ich ein Sabbatjahr – mit dem heimlichen Wunsch und Plan, Stand-up-Comedy auszuprobieren. Das war vor zehn Jahren, und ich habe es damals niemandem erzählt.

Von da an war Schluss mit dem Lehrersein…

Johannes Schröder: Ich bin dann direkt nach meiner Verabschiedung als Lehrer nach Kanada gereist. Dort habe ich in kleinen Comedy-Clubs das Gefühl für mich entdeckt, Gags zu schreiben, auf der Bühne zu stehen und mit Ängsten und Aufregung umzugehen. Jeden Abend wieder auf der Bühne zu stehen – selbst wenn der Saal schwierig war und die Witze noch nicht gut – das war das härteste Training.

Wie ist das Gefühl, jetzt auf der Bühne zu stehen?

Johannes Schröder: Schön. Ich habe auch Ängste. Es ist immer wieder die Frage: Gelingt die Kontaktaufnahme mit dem Publikum? Man will nicht einfach nur hingehen und labern – die Bühne ist eine kommunikative Situation. Man möchte das Publikum mit der eigenen Geschichte in den Bann ziehen. Ich bin auf der Bühne auch oft gescheitert. Diese Aufregung ist immer da – und das ist auch etwas Schönes. Dadurch fühlt es sich besonders an und es ist der Respekt vor dem Publikum.

Sie hatten Angst, als Sie Ihre Comedy-Karriere gestartet haben?

Johannes Schröder: Ja. Das ist eine Urangst auf der Bühne – die habe ich immer wieder. Es ist die Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden und dass die Kommunikation mit dem Publikum nicht funktioniert. Die Angst vor der Stille und davor, bloßgestellt zu sein. Vor einer Menschenmenge zu sprechen, bekommt man nur teilweise in den Griff.

Sie sagten Sie seien auch mal gescheitert. Inwiefern? 

Johannes Schröder: Ich hatte schon einige Auftritte, bei denen ich gemerkt habe, dass ich über die Leute hinweg rede. Ich bügle da einfach drüber. Dabei ist es auch mal schön, stille Momente auszuhalten. Man muss nicht immer einen Gag nach dem anderen raushauen.

War von vornherein klar, dass Sie den Lehrerberuf als Grundlage für Ihr Programm nutzen würden?

Johannes Schröder: Nein, das war so nicht geplant. Aber nach meinem Sabbatjahr in Kanada kam ich zurück und dachte: „Das war jetzt alles lustig, ich habe meine Gags über den Deutschen an sich gemacht, aber die größere Herausforderung ist es doch, Comedy direkt vor der eigenen Haustür zu machen.“ Und dieses zwölfjährige Lehrerdasein war das, was mich am meisten beschäftigt hat: Hefte schleppen, Elternabende, Klassenfahrten und zu Hause hinter den Korrekturstapeln sitzen. Die Schüler zu erreichen und ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, schwächere Schüler zu motivieren – das sind großartige Themen, die eigentlich gar keine Comedy sind.

Wie groß war Ihre Sorge, nicht mehr in den Lehrerberuf zurückkehren zu können, wenn das mit der Comedy schiefgegangen wäre?

Johannes Schröder: Ich habe mich zunächst für sechs Jahre beurlauben lassen – immer ein Jahr mehr, das ist in Baden-Württemberg möglich. Und jedes Mal, wenn ich einen schlechten Auftritt hatte, dachte ich abends: „Gott sei Dank bin ich noch verbeamtet.“ Das ging sechs Jahre lang so. Seit vier Jahren bin ich nun ganz raus, und wenn ich heute zurückblicke, muss ich sagen: „Mit etwas Klarheit und Mut hätte ich früher sagen können, dass das mein neuer Weg ist.“ Ich bin also sechs Jahre lang zweigleisig gefahren. Irgendwann war es schon mein neues Leben, und ich habe es gar nicht bemerkt.

Seit drei, vier Jahren läuft es richtig gut. Wie hat sich Ihre Karriere in dieser Zeit entwickelt?

Johannes Schröder: Nach Corona ging es Schritt für Schritt bergauf. Dann kamen Instagram und TikTok dazu – das hat natürlich geholfen. Es folgten erste TV-Auftritte, und auch meine Solo-Auftritte wurden aufgezeichnet. Ich habe einfach im Stillen immer weitergearbeitet.

War es Ihnen eigentlich sofort klar, dass Sie sich Herr Schröder nennen?

Johannes Schröder: Ja. Zum einen heiße ich ja auch wirklich Schröder, und „Herr Schröder“ klingt einfach vertraut. „Herr Schröder, können wir früher Schluss machen?“ – „Nein!“ (lacht) Herr Schröder ist tief im Lehrer-Gen verankert.

Was war die inspirierendste Erfahrung aus Ihrer Schulzeit oder Lehrerkarriere?

Johannes Schröder: Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Amrum mit 33 Schülern aus der 6. Klasse. Regen, Sturm, Nordsee-Wind – richtig mieses Wetter, alles durchnässt nach einer fünfstündigen Strandwanderung. Wir kamen an einer Bushaltestelle an, doch der Bus kam nicht. Ich dachte nur: „Danke, das wär’s!“ Doch für die Kinder war das überhaupt kein Problem. Sie packten ihre Regencapes aus und bastelten sich daraus ein Zelt, spannten es an der Bushaltestelle auf, sangen und lachten. Murat holte seine Shisha raus – vielleicht etwas übertrieben. Die Kinder hatten den Spaß ihres Lebens. Als der Bus dann endlich kam, sagten alle: „Komm, wir nehmen den nächsten.“ Das war für alle der coolste Moment der Klassenfahrt. Alle waren ein Team.

Was waren Sie denn für ein Schüler? Ein Bro oder eher ein sensibler Junge?

Johannes Schröder: Ich war ein schüchterner Schüler, sehr still – mittlere Reihe. Ich hatte auch lange nichts mit Mädchen zu tun. Ich war froh, wenn ich einfach überlebt habe. Damals habe ich mich oft geduckt, war nicht mutig, habe nicht laut gesprochen und bin regelmäßig knallrot geworden, wenn ich im Unterricht drangenommen wurde. Es gab einige familiäre Themen, etwa die Trennung meiner Eltern. Ich dachte nur: „Hauptsache, ich komme heil aus der Schule raus.“ Ich habe immer die Mitschüler bewundert, die eine starke politische Meinung hatten und den Mut, sich zu wehren.

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie einen Lehrer wie Herrn Schröder gehabt hätten?

Johannes Schröder: (lacht) Gute Frage. Manchmal ist es schön, einen Lehrer zu haben, der einen wirklich anschaut. Das Beste, was ich in meinen zwölf Jahren als Lehrer konnte, war, die Schüler so anzusehen, wie sie sind – sie zu motivieren, ihnen die Angst zu nehmen und ein wenig dafür zu sorgen, dass sie an sich glauben.

Was vermissen Sie aus Ihrer Zeit als Lehrer?

Johannes Schröder: Ich vermisse die ehrliche Spontaneität im Umgang mit Schülern. Dieses Leuchten in ihren Augen fehlt mir. Auch das gemeinsame Lachen mit ihnen. Nichts ist stärker als ein kindlicher Geist, der Feuer gefangen hat. Der Spaß, den man haben kann und der einen selbst ansteckt – das vermisse ich schon manchmal. Man kann mit Schülern viel machen, und sie freuen sich, wenn man mal vom Unterrichtsalltag abweicht. Das vermisse ich sehr.

Welche Reaktion bekommen Sie häufiger: „So war mein Lehrer auch!“ oder „Gott sei Dank, war mein Lehrer anders“?

Johannes Schröder: Ich bekomme beide Reaktionen. Manche sagen: „Bei dem Lehrer hätte ich mehr gelernt“, andere sagen: „Mit dem wäre ich nicht klargekommen.“ Das ist ja das Gute daran, dass es für jede Art von Persönlichkeit den passenden Lehrer gibt. Manchmal habe ich die nötige Strenge nicht immer gezeigt. Als ein Schüler sein Referat zum Abgabetermin nicht fertig hatte, habe ich ihm auch mal gesagt: „Gib es mir ab, wenn es fertig ist. Mach’ es aber fertig.“ In beiden Fällen können Schüler etwas lernen. Man braucht beides: harte Struktur und Rücksicht.

Wie reagieren ehemalige Schüler oder Kollegen auf Ihr Bühnenprogramm?

Johannes Schröder: Eigentlich positiv, sie freuen sich. Ich war ja ein Comedy-Neuling. Meine früheren Schüler finden es überwiegend cool. Manchmal besuchen sie mich auch oder tauchen plötzlich bei meinen Auftritten auf. Da gibt es immer wieder schöne Begegnungen.

In Ihrem Programm üben Sie auch Bildungs- und Gesellschaftskritik – ist das Humor mit Bildungsauftrag?

Johannes Schröder: Ich glaube schon. Die Leute zum Lachen zu bringen ist schön. Lachen ist eine gute Energie. Und wenn man dann noch zeigen kann, wie das Schulsystem gerade aussieht, dass man im Lehrerzimmer viel zu defizitorientiert ist und was passiert, wenn wir Grundschüler schon benoten und ihnen damit Druck aussetzen, dann ist das gut.

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, eine Tour ausschließlich an Schulen zu spielen?

Johannes Schröder: Ich finde es wichtig, dass mein Thema alle betrifft, und freue mich riesig, wenn in meinem Publikum auch Nicht-Lehrer sind – ganz normale Menschen, alt und jung. Wenn man sich in der Schule aufhält, bleibt es oft zu pädagogisch eng. Ich wollte ja bewusst den Schritt raus aus der Schule machen. Ich wollte auf eine Bühne, die nicht nur pädagogisch geprägt ist. Ich hatte ein paar Auftritte an Schulen, aber sie waren doch ein bisschen brav. Ich durfte dort keine harten Witze machen.

Wie viel Herr Schröder steckt in Ihnen – und wie viel noch der echte Lehrer?

Johannes Schröder: Sehr viel Herr Schröder und auch noch sehr viel vom alten Lehrer. Herr Schröder ist sozusagen mein pädagogisches Ich, mit dem Blick für die Schüler. Und da gibt es eine große Übereinstimmung mit mir selbst.

Wie denken Sie, wenn Sie Kinder sehen, die den ganzen Tag in ihre Handys starren? 

Johannes Schröder: Ich sehe das durchaus mit einer stärkeren Sorge. Ich erlebe die Kinder ja im Alltag, und wir verlieren sie so an diese Social-Media-Welt. Deshalb ist KI und Social Media ein riesiges Thema. Was haben Jugendliche dem entgegenzusetzen? Was macht ihnen Freude? Analoge, echte Erlebnisse sozialer Art, wie zum Beispiel auf Amrum, sind wichtig. Eine App ist dagegen völlig unwichtig. 

Haben Sie Angst, dass Ihnen der Schulstoff für Ihre Gags ausgeht – oder liefert das Bildungssystem verlässlich Nachschub?

Johannes Schröder: Ja, diese Angst treibt mich um und ich muss immer wieder schauen, was mich bewegt. Sonst funktioniert es nicht. Ich muss wirklich Lust darauf haben. Ich suche mir Themen, die mit Menschen zu tun haben. Zum Beispiel habe ich gerade eine längere Nummer zum Thema Pubertät. Pubertät sieht nach außen hin nicht besonders schön aus, ist aber für die Entwicklung von Jugendlichen essentiell wichtig. Eltern können ihrem Kind keinen größeren Gefallen tun, als ihm eine gründliche Pubertät zuzugestehen. Geht mir der Stoff aus? Ich bin nicht mehr jeden Tag im Klassenzimmer, aber Themen wie Pubertät oder KI werden immer relevant bleiben. Eine Schulstunde zum Thema KI vorzubereiten ist wie Kochen mit dem Thermomix.

Gibt es auch Lehrer, die sich darüber aufregen, was Sie da jetzt machen?

Johannes Schröder: Ja, die gibt es. Man muss nur manche Bewertungen im Internet durchlesen. Einige regen sich darüber auf, warum ich bestimmte Themen noch nicht angesprochen habe. Es gibt viele Themen im Schulkontext, die ich noch zu wenig behandelt habe, wie Migration oder Integration. Der Stoff wird mir nicht ausgehen.

Was hat eigentlich Ihre Freundin gesagt, als Sie den Lehrerjob an den Nagel gehängt haben?

Johannes Schröder: Ich hatte eine Partnerin, als ich nach Kanada gegangen bin. Sie sagte damals: „Okay, du musst das scheinbar machen, aber ich will eine Familie.“ Wir haben uns dann getrennt. Für eine Familie wäre das alles nicht so gut gewesen.

Wollten Sie nie Kinder haben? 

Johannes Schröder: Jetzt scheint der Zug ein bisschen abgefahren zu sein. Vielleicht noch nicht ganz. Der Wunsch nach eigenen Kindern kommt allmählich wieder. Er tritt meist erst dann wieder auf, wenn man einige Unklarheiten im Leben beseitigt hat. Jetzt denke ich mir oft: ‚Warum eigentlich nicht?‘

Es scheint, als hätten Sie alles richtig gemacht.

Johannes Schröder: Was das angeht, habe ich alles richtig gemacht. Ich habe andere Fehler gemacht. Ich habe nie wieder an den Beamtenstatus gedacht. Manchmal habe ich Lust, wieder Lehrer zu sein. Dann werde ich halt Lehrer im Angestelltenverhältnis.

Was dürfen wir in Ihrem aktuellen Programm „Der Rest ist Hausaufgabe“ erwarten – neue Schulstreiche oder doch eine Exkursion ins Erwachsenenleben? 

Johannes Schröder: Es geht in dem aktuellen Programm zwar auch um die Schulstreiche und Pauker von früher. Aber vor allem um das, was jetzt im Klassenzimmer übrig bleibt, wenn die künstliche Intelligenz uns das Denken abnimmt. Denn das ist unser aller Hausaufgabe.

Herr Schröder – Der Rest ist Hausaufgabe
Am 28.11. im Haus Auensee
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