Beim Kunst- & Trödelmarkt im WERK II traf Ahoi-Redakteur Volly Tanner auf eine gute Freundin und diese hatte Stefanie Krüger im Schlepptau. Und da Volly Tanner bekanntermaßen höchst neugierig ist, fragte er, was diese so macht. Daraus entstand ein Gespräch, welches hier noch einmal für alle nachzuvollziehen verschriftlicht wurde. Schließlich wird gerade ein wichtiges Angebot abgesäbelt:
Ahoi: Guten Tag, Stefanie Krüger. Du bist Bildungsreferentin beim RosaLinde Leipzig e.V. Ich hörte, dass die staatliche Finanzierung der Bildungsangebote des Vereins für Leipzig, den Landkreis Leipzig und den Landkreis Nordsachsen seit dem 01.01.2024 eingestellt wurde. Was ist geschehen?
Stefanie Krüger: Unser Förderantrag wurde nicht bewilligt. Das hat uns völlig aus der Kalten getroffen, weil es einen Vermerk im sächsischen Haushalt zur Finanzierung unserer Bildungsarbeit gibt, wir daher fest mit einer Zusage gerechnet haben. Und da sind wir auch gleich beim Kernproblem: Angebote wie unseres, die seit Jahrzehnten existieren und kontinuierlich stärker nachgefragt werden, müssen immer wieder Anträge auf Projektförderung stellen, obwohl sie schon lange keine Projekte mehr sind – denn diese haben klassischerweise einen Anfang und ein Ende. So stehen wir nun vor der Situation, Workshops, die bereits zahlreich gebucht waren, ersatzlos absagen zu müssen.
Ahoi: Von welchen Bildungsangeboten reden wir den eigentlich ganz konkret?
Stefanie Krüger: Unsere Arbeit fand zu queeren Themen statt, also alles rund um sexuelle Orientierungen und Geschlechtlichkeiten, mit der Zielgruppe Schule und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Unser Kernangebot bestand aus Workshops für Schulklassen, in denen junge Ehrenamtliche über ihre Coming-out-Erfahrungen sprechen. Das ist ein besonders wertvolles Format, denn es fördert das emotionale Lernen, indem es zur Perspektivenübernahme und Empathiefähigkeit auf Seiten der Mehrheit anregt. Für diejenigen, die sich selbst gerade im Coming-out befinden – und die gibt es statistisch in jeder Klasse – war unser Angebot zudem wichtig, um die Identitätsentwicklung zu unterstützen. Sie konnten Menschen kennenlernen, die vor ein paar Jahren ganz ähnliche Fragen und Unsicherheiten wie sie selbst hatten und die nun so cool mit sich sind, dass sie ihre Geschichte mit einer ganzen Schulklasse teilen können. Das ist in seinem Effekt nicht zu unterschätzen. Viele unserer Ehrenamtlichen sagen, dass sie solch ein Format früher in ihrer eigenen Schulzeit gebraucht hätten.
Ahoi: Wie war bis dato die Resonanz auf Eure Bildungsangebote? Kann man diese vielleicht gar in Zahlen fassen?
Stefanie Krüger: Im letzten Jahr haben wir gut 100 Workshops in Schulklassen durchgeführt, 50 Fortbildungen für Lehrkräfte und Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und rund 30 sogenannte Regenbogen-AGs koordiniert – das sind freiwillige Gruppen zu queeren Themen im schulischen Ganztag. Mit dem ersten Format waren wir bis zu den Sommerferien ausgebucht. Die Kollegin musste über 60 Termine absagen und 30 Ehrenamtlichen mitteilen, dass sie leider ihre Tätigkeit einstellen müssen – und das in einer Situation, in der unsere Angebote immer stärker nachgefragt wurden. Zum einen normalisieren sich Themen rund um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, es gibt also immer mehr junge Menschen, die früher als die Generationen vor ihnen ein Coming-out wagen und Unterstützung erfahren. Das hat viel mit Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Liberalisierungstendenzen zu tun. Zum anderen steigt aber auch die Ablehnung. Vor allem transgeschlechtlichen Jugendlichen wird abgesprochen, dass sie selbstbestimmt Aussagen zu ihrem Geschlecht treffen können. Diese Ablehnung ist uns in den letzten Jahren immer häufiger begegnet, zum Teil auch in Form von Anfeindungen gegenüber unseren Ehrenamtlichen während der Workshops oder in Kampagnen der AfD gegen unsere Bildungsarbeit.
Ahoi: Und nun? Wie geht es weiter?
Stefanie Krüger: Das ist eine gute Frage. Erst einmal sind wir über die sehr geringen Rücklagen des Vereins weiter angestellt. Das geht aber nur bis Ende März. In der Zeit suchen wir nach alternativen Fördermöglichkeiten und schreiben entsprechende Anträge bei privaten Stiftungen. Wir überlegen außerdem, einen Widerspruch gegen den Bescheid einzulegen, können aber nicht einschätzen, wie aussichtsreich das ist.
Ahoi: Wie können Euch jetzt die Menschen, denen Eure Arbeit am Herzen liegt, unterstützen?
Stefanie Krüger: Wir sind aktuell auf Spenden angewiesen, um die finanziellen Belastungen für den Verein so gering wie möglich zu halten. Schließlich besteht unsere gesamte Arbeit aus mehr oder weniger prekär finanzierten Projekten und in Sachsen wird es im September eine Landtagswahl geben, bei der die AfD aller Voraussicht nach stärkster Kraft werden wird – da ist ohnehin nicht absehbar, ob und wie es mit unserer Arbeit weitergehen wird. Die meisten unserer Angebote werden über Landesmittel finanziert, weil wir nicht nur in der Stadt Leipzig, sondern auch in den Landkreisen tätig sind, in denen es sonst gar keine thematischen Angebote gibt. Menschen können sich aber auch an die queer- und bildungspolitischen Sprecher*innen der demokratischen Fraktionen im Landtag wenden und sich für eine Regelfinanzierung unserer Arbeit starkmachen, also, dass wir dauerhaft Geld erhalten, um diese immer stärker nachgefragte Arbeit künftig ohne Unsicherheit oder gar Unterbrechungen machen zu können. Eine Vorlage dazu gibt es auf unserer Homepage und bei Instagram.
Ahoi: Der Wegfall der Finanzierung der Bildungsangebote wirkt sich auch umfassender auf den Verein aus. Wie und warum und was kann jetzt dagegen getan werden?
Stefanie Krüger: Von allen Projekten fließen Mittel in den RosaLinde Leipzig e.V., beispielsweise über Miete oder bestimmte Pauschalen. Der Anteil der Bildungsarbeit fällt nun weg und reißt auch ein Loch in unseren Haushalt, sodass der Handlungsspielraum für den Verein sinkt. Sollte eine Mieterhöhung kommen oder andere unvorhergesehene Ausgaben größeren Umfangs, könnte das den Verein in nachhaltige Schwierigkeiten bringen.
Ahoi: Und ganz konkret jetzt bei Dir, Stefanie Krüger? Du bist ja Bildungsreferentin. Aber ohne Bildungsangebote keine Bildungsreferentin. Was machst Du jetzt?
Stefanie Krüger: Ich führe gerade regelmäßig Interviews wie dieses, um möglichst viele Menschen zu erreichen, die auf ihre Art eine Unterstützung leisten können. Ansonsten schreibe ich Förderanträge, in der Hoffnung, dass wir alternative Finanzierungen erhalten können. Aber das ist derzeit sehr ungewiss. Aller Voraussicht nach geht es für mein Team und mich ab April in die Erwerbslosigkeit, wenn nicht in der Zwischenzeit noch ein Wunder geschieht.
Ahoi: Dann hoffen wir, dass Eure Arbeit weitergeführt werden kann. Danke für Deine Antworten und Dein Engagement.


