Wenn der Druck zu groß wird in der Stadt könnte man sich ja auch einmal nach Alternativen umsehen. Und rund um Leipzig gibt es äußerst viele Angebote mit hoher Lebensqualität und Platz und Wohnraum und großartigen Menschen. Uwe Kowski entwickelt beispielsweise im Burgenlandkreis, und der ist wirklich vor den Toren der Stadt, Zukunft. Ahoi-Redakteur Volly Tanner kennt ihn schon etwas länger und traf ihn zu einem Gespräch.
Ahoi: Guten Tag, Uwe Kowski. Wir kennen uns schon länger; damals warst Du im Quartiersmanagement von Leipzig-Grünau aktiv. Heute bist Du Projektmanager für das Länderübergreifende Regionale Entwicklungskonzept (LüREK), angesiedelt bei der SEWIG Burgenlandkreis. Was ist denn die SEWIG und was ist LüREK ganz konkret?
Uwe Kowski: Hallo Volly. Ja, es hat sich inzwischen einiges bei mir getan. Seit Mai dieses Jahres bin ich bei der Strukturentwicklungs- und Wirtschaftsfördergesellschaft Burgenlandkreis, kurz: SEWIG BLK, beschäftigt. Diese unterstützt breit aufgestellt den Strukturwandel im Burgenlandkreis, insbesondere mit Blick auf die strategische Neuausrichtung der Region aufgrund des Braunkohleausstiegs. Dieser bedeutet für viele Menschen einen großen Einschnitt in ihre bisherige Arbeits- und Lebenswelt, bietet aber andererseits auch Chancen, diesen Umbruch zu nutzen, um neue, zukunftsfähige Wirtschafts-, Arbeits- und Umweltstrukturen aufzubauen.
Das ist ein langfristiger Prozess, der uns die nächsten 20-25 Jahre beschäftigen wird und der auch nicht von heute auf morgen umzusetzen ist. Dafür gibt es viele größere und kleinere Projekte und Konzepte, die diesen Prozess in der Mitteldeutschen Modellregion (der Burgenlandkreis ist ja nur ein kleiner Teil davon) begleiten und umsetzen sollen.
Ein Konzept ist das Länderübergreifende Regionale Entwicklungskonzept, kurz: LüREK, für den Tagebau Profen während und nach dem Kohleausstieg 2034. Die an den Tagebau angrenzenden Kommunen des Burgenlandkreises (Sachsen-Anhalt) – also konkret Lützen, Hohenmölsen, Teuchern, Zeitz und die Gemeinde Elsteraue - sowie die sächsischen Kommunen Elstertrebnitz und Pegau haben sich zusammen mit der MIBRAG Gedanken gemacht, wie das Gebiet unmittelbar um den Tagebau herum gestaltet werden kann. Daraus entstand dieses LüREK-Konzept.
Ahoi: Und was machst Du da?
Uwe Kowski: Meine Aufgabe ist es, die Kommunen und die MIBRAG dabei zu unterstützen und den Prozess gemeinsam mit diesen Partnern voranzutreiben. Geplant ist beispielsweise die Gründung eines Zweckverbandes mit den genannten Kommunen und der MIBRAG, um eine Organisations-, Entscheidungs- und Umsetzungsstruktur für diese Entwicklungsaufgabe zu haben. Vorteil eines solchen Zweckverbandes ist zum einen der gemeinsame Blick auf die Aufgaben und Vorhaben und zum anderen die Bündelung notwendiger Schritte in einer Hand, damit nicht jede Kommune ihre eigenen Planungen für ihren Bereich vornehmen muss und damit viele im Grunde genommen gleiche Aufgaben Ressourcen binden, die woanders eingesetzt werden können.
Darüber hinaus geht es dann natürlich auch um Planungen und Finanzierungen für konkrete Projekte, wofür ich in Abstimmung mit dem Zweckverband unterstützend tätig sein werde.
Ahoi: Länderübergreifend stelle ich mir schwierig vor in Bürokratistan. Wo sind denn die Hemmschuhe der Entwicklung so einbetoniert? Und was kann man dagegen tun?
Uwe Kowski: Naja, Geduld und Hartnäckigkeit sind gleichermaßen gefragt. Sowohl die Kommunen, als auch die SEWIG sind in lokalen, regionalen und überregionalen Gremien gut vernetzt. Trotzdem gibt es manchmal Verzögerungen oder notwendige Genehmigungsschleifen, die durchlaufen werden müssen - zumal länderübergreifend -, die den Prozess manchmal langsamer machen als erhofft.
Aktuell werden etwa durch die Länder übergeordnete Raumplanungen überarbeitet, die natürlich Einfluss auf die regionalen und lokalen Planungen haben und deswegen abgewartet werden müssen. Wir sind deswegen auch mit den zuständigen Planungsverbänden in regelmäßigem Austausch, um möglichst noch in den Planungsphasen eher kontraproduktive Entwicklungen zu erkennen und rechtzeitig darauf hinweisen zu können. Wie bei vielem ist Kommunikation die beste Art, Interessen zu artikulieren und entsprechend rechtzeitig Einfluss zu nehmen.
Ahoi: Wir sind uns einig, dass Entwicklungen nicht von heute auf morgen möglich sind, außer es kommt zu extremen Schritten. Beim Strukturwandel, dem Transformationsprozess heraus aus der Kohle und hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft und Lebensweise braucht es Kompromisse, Durchhaltevermögen und Sensibilität in der Auseinandersetzung. Gibt es Zeitpläne? Wann ist LüREK abgeschlossen und was ist die Zielmarke?
Uwe Kowski: Wie schon gesagt, bewegen wir uns hier in einem Zeithorizont von 20-25 Jahren. Das ist eine extrem lange Zeit, die es auch braucht. Natürlich möchten die Menschen vor Ort aber kurzfristig etwas sehen, Veränderungen spüren und im besten Fall Verbesserungen schon jetzt nutzen können. Das ist der Spagat, den wir hinbekommen müssen. Zuerst ist es wichtig zu vermitteln, dass der Strukturwandel nicht nur einen (zunächst eher negativ und mit Ängsten verbundenen) Umbruch bedeutet, sondern dass dies auch die Chance ist, Neues aufzubauen und für die nachfolgenden Generationen positive Entwicklungen hinzubekommen. Konkret ein Beispiel: Durch den Kohleausstieg fallen viele Arbeits- und Ausbildungsplätze weg. Außerdem zeigt die Demografiekurve im Burgenlandkreis immer weiter nach unten. Wir brauchen also neue Arbeits- und Ausbildungsplätze vor Ort in der Region, damit die berufsbedingte Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften als auch von jungen Menschen nicht noch mehr zunimmt. Und das in neuen zukunftsfähigen Industrien und Wirtschaftszweigen wie zum Beispiel Grüne Chemie, Umwelttechnologien, Logistik oder erneuerbare Energien.
Insofern müssen wir die Zeit bis 2034 dafür nutzen, um die Grundlagen für diese Entwicklungen zu legen. Es gibt also keine Zielmarke für den Abschluss des LüREK. Das Konzept gibt die Richtung vor und muss auch regelmäßig angepasst werden.
Ahoi: Ich verstehe zutiefst, dass demokratisch gewählte Vertretende der Gemeinden zuallererst die Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler im Sinne haben; und dass diese auch mal mit den Interessen des Großen & Ganzen nicht übereinstimmen. Wie kann hier beider Interessen wahrgenommen werden? Ist Perspektivwechsel im Tagesgeschäft überhaupt möglich? Und wie kann dem entgegengewirkt werden, dass „Die Kleinen“ gefühlt von „Den Großen“ übervorteilt werden?
Uwe Kowski: Das ist auch ein spannungsgeladenes Thema, welches nur durch Kommunikation entspannt werden kann. Ich verstehe Bedenken von Stadt- und Gemeinderäten gegenüber Maßnahmen, die komplex, langfristig und nicht so leicht zu überschauen sind. Diese ehrenamtlichen Verantwortlichen müssen sich mit vielen Themen und Vorhaben auseinandersetzen, für die sie nicht unbedingt Fachleute sind. Umso wichtiger ist es, Planungen und Prozesse zu erklären und sich Zeit dafür zu nehmen. Das ist mit Blick auf Stichtage für Fördermittelbeantragung oder Auftragsvergaben nicht immer einfach. Aber in demokratischen Strukturen nicht anders machbar, auch wenn man selbst manchmal unter Zeitdruck steht. Der schon erwähnte LüREK-Zweckverband soll auch dazu beitragen, dass die Kommunen untereinander im Austausch sind und beispielsweise Doppelstrukturen verhindert oder geplante Vorhaben mit ähnlichen Inhalten rechtzeitig besprochen und abgestimmt werden können.
Ahoi: Welche Bremsen müssen dringend gelockert werden?
Uwe Kowski: Wenn manche behördlichen Bearbeitungszeiten verkürzt werden könnten, wäre das schon ein großer Fortschritt. Natürlich sind manche Vorgänge – wie oben bereits erwähnt - auch abhängig von anderen übergeordneten Entscheidungen. Trotzdem bleiben gerade länderübergreifende Planungen eine Herausforderung, da die Zuständigkeiten auf den jeweiligen Seiten unterschiedlich verteilt sind und natürlich jede Ebene auf eine Mitwirkung drängt. Das kann dann schon mal mehrere Schleifen erfordern. Ein größerer Handlungsspielraum in manchen Situationen wäre hilfreich.
Ahoi: Die Gegend rund um den Tagebau Profen bietet immense Chancen – welche sind dies aus Deiner Sicht?
Uwe Kowski: Ja, da stimme ich absolut zu. Zum einen ist die Gegend an sich schon sehr reizvoll. Ich kenne viele Leipziger und Leipzigerinnen, die am Wochenende gern mal in den Burgenlandkreis fahren und das reichhaltige Kulturangebot nutzen oder einfach mit dem Fahrrad unterwegs sind. Der Mondsee bei Hohenmölsen gilt immer noch als kleiner Geheimtipp, wird aber von immer mehr Menschen auch aus der Region Leipzig besucht. Natürlich bilden die in ein paar Jahren aus dem Tagebau entstehenden Seen eine gute Ergänzung im Leipziger Neuseenland, werden aber zugleich auch ein wichtiger Puzzlestein für die Naherholung der Menschen rings um den Tagebau, als auch für Kulturlandschaft des ehemaligen Reviers sein.
Zum anderen bieten die neu entstehenden Gewerbegebiete und die bestehenden Industriegebiete Richtung Leuna gute Arbeitsmarktchancen, wenn es gelingt, diese zukunftsfähig zu gestalten. Außerdem – und das wird noch immer unterschätzt – bieten gerade die kleineren Kommunen erheblich Poteniale für Wohnungssuchende und kleine Gewerbetreibenden oder Selbstständige, die günstigen Wohn- oder Gewerberaum außerhalb der teuren Metropole Leipzig suchen. Das wiederum setzt vor allem zwei strukturelle Dinge voraus: eine flächendeckende Digitalisierung auch auf dem Land und eine gute ÖPNV-Anbindung mit attraktiven Taktzeiten. Während die Digitalisierung schon gut fortgeschritten ist, hat der ÖPNV noch Luft nach oben. Und Verkehrsinfrastruktur ist konkret auch ein Handlungsbereich des LüREK.
Ahoi: Gerade in der Nähe der Großstädte, hier speziell Leipzig, ist Platz für Wohnraum, Freiraum für Ideen und das Leben auch nicht so eng und extrem teuer. Trotzdem gehen Menschen beispielsweise aus dem Burgenlandkreis weg und in die Enge und Reiberei der Stadt. Ist das die reine Lust an der Verklumpung, wie der Stadtentwickler Roland Beer einst sagte? Wie ist die Wanderungsbewegung steuerbar? Gerade die bürgerliche, leistungsbereite Mitte hat doch hier immense Möglichkeiten …
Uwe Kowski: Die Einschätzung von Roland Beer ist sicherlich eine extrem zugespitzte, aber irgendwie könnte man es so ausdrücken. Leipzig ist nun mal ein Hotspot und wahrscheinlich wollen alle etwas davon abhaben, beschweren sich aber zugleich über immer mehr Verkehr, Wartezeiten und Überfrachtung, weil die Infrastruktur in der Großstadt einfach an ihre Grenzen stößt. Es gibt aber inzwischen schon eine Gegenbewegung mit dem Zuzug aufs Land– also quasi die Stadtflucht.
Da sollten ländliche Kommunen aber noch mehr und konsequenter die Vorteile und Möglichkeiten, die sie anbieten können (günstigen Wohn- und Gewerberaum, gute Verkehrsanbindung, kurze Wege), offensiver kommunizieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Andererseits können wir Menschen aus den ländlichen Kommunen am besten in ihren Kommunen halten, indem es Arbeit gibt und die Infrastruktur den Erwartungen und Erfordernissen entspricht. Und da sind wir wieder bei der Schaffung neuer zukunftsfähiger Arbeits- und Ausbildungsplätze, beim flächendeckenden ÖPNV und bei der sozialen Grundausstattung. Eins bedingt das andere und nur alles zusammen trägt dazu bei, auch die demografische Entwicklung im ländlichen Raum umzukehren.
Ahoi: Danke, lieber Uwe Kowski, dass Du Dich engagierst und Danke für Deine Zeit.


