//
//
  • Geschichte
Im Zweiten Weltkrieg erbaut

Bunker unter Delitzscher Barockschloss öffnet seine Türen

Unter dem Schlossgarten in Delitzsch befindet sich ein rund 150 Meter langer Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg.
Der frühere Museumsleiter des Barockschlosses Delitzsch Jürgen Geisler vor dem Eingang zum Bunker. © Thomas Fritz

Der Zufall spielte mit, dass bei der Wiederentdeckung des Luftschutzbunkers unter dem Schlossgarten am Delitzscher Barockschloss niemand verletzt wurde. In einem damaligen DDR-Kindergarten stürzte 1987 ein Sandkasten ein. Die Holzbalken, mit denen der alte Haupteingang des Schutzraums verschlossen worden war, waren verrottet. Das Gelände darüber stürzte mehrere Meter in die Tiefe. „Nur weil Sonntag war, gab es keine Verletzten“, berichtet Jürgen Geisler, ehemaliger Leiter des Museums Barockschloss Delitzsch, bei einer Bunkerführung.

Letzter Weltkriegsbunker in Delitzsch

Im Jahr 1943 wurde in Delitzsch auf städtischem Gebiet – unter anderem unter dem Barockgarten – mit dem Bau von sieben Luftschutzbunkern begonnen. Für den Bau schachteten zunächst die Hitlerjugend und später französische beziehungsweise italienische Kriegsgefangene das Erdreich aus. Durch den Bau wurden allerdings die letzten Reste der slawischen Burganlage zerstört. Der etwa 150 Meter lange Röhrenbunker besaß vier spezialisierte Kammern für Mütter mit Kindern, Alte und Gebrechliche, ein Nahrungslager sowie Toiletten mit Eimern und Desinfektionsmitteln. Die Anlage war für rund 200 Personen ausgelegt und ist die letzte in Delitzsch erhaltene aus dem Zweiten Weltkrieg.

Es tropft von der Decke

Der zweite Eingang befindet sich auf dem Gelände eines Seniorenheims. Beim Gang in den Bunker muss man den Kopf einziehen. Große, schwarze Spinnen lauern in den Ecken auf Beute, Kondenswasser tropft von der Decke. Im Inneren ist es stockdunkel, ohne Taschenlampe oder Handylicht kann man sich nicht durch den Bunker bewegen. In einem langen Gang befinden sich die Betonfüße alter Bänke, das Holz ist längst vergammelt. „Hier saßen die Menschen während Bombenangriffen dicht an dicht nebenander“, sagt Jürgen Geisler. Priviligiert seien jene Schutzsuchenden, die im Schlossbunker Zuflucht suchten, nicht gewesen. „Es waren einfach die Menschen, die in der näheren Umgebung gewohnt haben.“

Bunker nach der Kuba-Krise reaktiviert

Da die sowjetische Besatzungsmacht oft die Sprengung kriegswichtiger Bauten anordnete, sind solche Bunker selten. Dieser blieb jedoch erhalten, weil er von Soldaten zur Gemüseeinkellerung genutzt wurde. In den 1960er-Jahren ertüchtigten ihn die Verantwortlichen in der DDR mit verschiedenen Einbauten und Installationen. Nach der Kubakrise 1962 wurden im ganzen Land Atomschutzbunker gebaut oder reaktiviert. Auch manche Party fand in den letzten Jahrzehnten in unterirdischen Räumlichkeiten statt. Das zeigen Schriftzüge, die der Grufti-Szene zuzuordnen sind. Heute ist der Bunker nur an einem Tag im Jahr geöffnet. Das Schlossmuseum bemüht sich redlich, damit die historische Anlage nicht in Vergessenheit gerät.

www.barockschloss-delitzsch.com

« zurück
zur aktuellen Ausgabe