In Leipzig leben hochinteressante Menschen. Und jeder Mensch hat eine Geschichte. Anja Kühn hat sogar ganz viele Geschichten. Ahoi-Redakteur Volly Tanner ließ sich von ihr bepinseln und fragte etwas an ihr herum.
Ahoi: Guten Tag, Anja Kühn. Du bist die Makeup-Artistin der Prominenten und Schönen, wobei dies manchmal sogar zusammenfließt. Selbst an mir hast Du schon einmal Deinen Pinsel angelegt. Wie kam es denn zu dieser Leidenschaft?
Anja Kühn: Das ist eine laaaange Geschichte. Aber kurz und knapp gesagt: Ich hatte als Teenager Probleme mit meiner Selbstwahrnehmung und dazu noch schlimme Neurodermitis. Und weil mein Berufswunsch, Journalistin, sowieso schon beschlossen war, hatte ich Zeit, mich den Dingen zu widmen, die mich persönlich weiterbringen können. Und so beschäftigte ich mich mit Gesundheit von innen und außen und schließlich auch mit Makeup. Offenbar hatte ich Talent dafür, denn es öffneten sich pausenlos Türen, mit denen ich nicht gerechnet hätte.
Nachdem ich 2007 mein Diplom zur Visagistin gemacht hatte, wurde ich von einem Profifotografen zum nächsten empfohlen. Innerhalb von zwei Jahren war ich plötzlich in New York, Las Vegas, den Balearen, Zürich, London, Bahamas, Hawaii…
Ich musste eine Entscheidung treffen und folgte meinem Herzen. Ich habe es nie bereut.
Heute habe ich täglich so viel Abwechslung, dass mir fast schwindelig wird. Ich schminke und frisiere von der Küchenhilfe bis zum Bundeskanzler, von der Braut bis zum Supermodel, von der Modenschau bis zum individuellen Schmink-Workshop. Ich liebe diese Vielfalt und die täglichen Challenges.
Ahoi: Ich erwähnte ja schon, dass Du die Promi-Welt bepinselst. Kannst Du ein paar Namen nennen?
Anja Kühn: Die Liste ist lang: Olaf Scholz, Sarah Wagenknecht und sehr viele weitere Parteispitzenleute in Deutschland plus Elaine Chao aus dem Weißen Haus (USA), daneben Kathy Kelly, Micaela Schäfer, Diana Schell, Frauke Ludowig, Simone Thomalla, Jan-Josef Liefers, Michael Ballack und Co.
Viel spannender finde ich allerdings Leute, die supererfolgreich sind und vielleicht weniger bekannt. Die Chefetagen von Microsoft, Porsche, BMW und diverser Industriekonzerne. Faszinierend, was ich da so hinter den Kulissen sehen und erleben darf.
Ahoi: Es geht ja nicht nur um Makeup für Fotostrecken. Wofür braucht es noch Makeup?
Anja Kühn: Es ist sehr vielfältig. Ich bin auf alles spezialisiert, was mit dem Herausarbeiten der persönlichen Schönheit zu tun hat. Also immer dann, wenn das Makeup die Person und nicht unbedingt nur eine Rolle widerspiegeln soll. Zum Beispiel Speaker auf der Bühne (Podiumsdiskussionen und Moderationen), Musikvideos und Konzerte, Hochzeiten (ein ganz eigenes Feld!). Aber auch Frauen, die in Führungspositionen sind oder in irgendeiner Form optisch präsenter sein wollen lieben es, sich dieser Tools zu bedienen. Ich mache individuelle Kurse und Makeup-Days zum Schminkenlernen, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Selbst Teenager nutzen die Kurse gerne, weil die optische Veränderung eben auch zum Erwachsenwerden und Identität finden dazu gehört.
Ahoi: Neben dem Makaup bist Du auch im Haar-Styling aktiv. Gibt es eine Philosophie hinter Deiner Herangehensweise an das fremde Gesicht?
Anja Kühn: Mein Slogan ist „Aussehen wie Du. Nur besser.“
Ich glaube, das sagt fast alles über meine Philosophie. Ausgeführt bedeutet das: Ich beschäftige mich immer erst einmal mit dem Menschen vor mir. Wer bist Du, was machst Du, wofür stehst Du? Wie siehst Du die Welt, wie sieht die Welt Dich und was willst Du eigentlich ausstrahlen? Wirkst Du zum Beispiel lieblich und wirst unterschätzt? Dann feile ich daran, etwas mehr Markanz ins Spiel zu bringen. Ich schaue mir auch sehr genau Deine Physiognomie, Deine spezifischen Gesichtsmerkmale, die Streckenverhältnisse und die Relationen des Gesichts an. Zuletzt natürlich auch die farblichen Aspekte Deiner Person. Alles zusammen ergibt ein sehr klares und authentisches Bild. Das Geheimnis meiner Stylings liegt in der Tiefe; wie ich Menschen betrachte.
Ahoi: Es gibt ja auch viele Menschen, die Makeup ablehnen, weil sie mit dem Vorurteil in die Welt gehen, dass alle Menschen, die sich stylen, sich verkaufen. Was sagst Du denen, aus Deiner Erfahrung heraus?
Anja Kühn: Zunächst einmal gehe ich mit viel Geduld, Verständnis und Liebe in so ein Gespräch. Es gibt unfassbar viele Glaubenssätze, die wir aus unserer Vergangenheit mit uns herum schleppen. Im Bereich Makeup haben fast alle etwas mit „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin nicht wichtig genug“, „Ich bin nicht schön genug“ zu tun. Aber auch Erlerntes wie „Schöne Frauen sind dumm“ oder „Geschminkte Frauen sind falsch, weil sie eine Maske aufhaben“ und so weiter spielen eine große Rolle. Ich höre immer erst einmal genau zu und frage vorsichtig nach. In den meisten Fällen kommen wir schnell zu dem Punkt, dass das rational nicht zu halten ist.
Makeup hat so viele Aspekte! Es ist eben nicht (nur) das Kaschieren vermeintlicher Mängel, sondern vielmehr das Feiern der Weiblichkeit, sich Zeit nehmen für schöne Dinge (und für sich selbst!), die Lust sich schön und authentisch zu fühlen, aber auch wahrgenommene Kompetenz. UND Styling wirkt immer nach innen und außen. Siehst Du die erfolgreiche Teamleiterin im Spiegel, fühlst Du sie auch mehr, als wenn Du aussiehst wie aus dem Bett gerollt. (schmunzelt)
Ahoi: Der bewusste Umgang mit der eigenen Erscheinung, mit der Wirkung des Menschen auf andere Menschen, muss gelernt werden. Dazu gehört nicht nur das Äußere, sondern auch Stimme, Haltung, bestenfalls innere Gelassenheit. Dies sind viele Segmente; arbeitest Du auch mit anderen Expertinnen und Experten zusammen? Mit beispielsweise Lieblingsfotografen?
Anja Kühn: Ja, ich liebe gute Kooperationen. Ich empfehle sehr gerne gute Leute weiter: Friseure, Kosmetikstudios, Stylisten für Kleidung, Fotografen und ja, auch eine Stimmtrainerin und ein Präsentations-Trainer sind dabei. Wen ich empfehle hängt ganz davon ab, was genau gesucht wird. Jeder Fotograf hat beispielsweise eine eigene Handschrift. So wie ich auch.
Ahoi: Du arbeitest nicht nur in Leipzig, sondern deutschland-, europa- und weltweit. Welche Reise im Auftrag der Gesichtszauberei war Dir die Schönste?
Anja Kühn: Ich liebe es, zu reisen! Egal wohin. Ich komme immer erschöpft aber glücklich und voller Ideen, Inspiration und Energie in mein geliebtes Leipzig zurück und zehre lange davon. Das Verständnis von Schönheit ist überall auf der Welt stark verschieden. Ich liebe diese Vielfalt. Und ich könnte Bücher schreiben voller lustiger und heikler Situationen, von denen ich wahrscheinlich noch meinen Enkeln erzählen werde.
Mein absolut liebstes Ziel ist aber New York. Dort zieht es mich regelmäßig hin. Ich bin fasziniert von der unerschöpflichen Vielfalt der Kulturen auf engstem Raum. Es ist eine Stadt der Extreme. Bettelarm und Superreich direkt nebeneinander. New York kann frustrierend und inspirierend zugleich sein. High Tech Innovationen existieren direkt neben gefühlt mittelalterlichen Standards. Bis vor kurzem wurden Mieten noch mit Schecks eingesammelt (und wahrscheinlich ist das partiell immer noch so!). Die Menschen sind sehr schnell und im Gespräch, man ist nirgends allein und findet überall eine helfende Hand. Ich bin sehr inspiriert davon.
Ahoi: Es gibt einen Podcast von Dir. Kannst Du uns dazu etwas erzählen, bitte?
Anja Kühn: Gern. Mein Podcast heißt „Wakeup&Makeup“ und handelt davon was Make-up, Frisur und Styling mit Dir, Deiner Persönlichkeit, Deinen Glaubenssätzen, Deiner persönlichen Entwicklung und natürlich auch Deinem Business zu tun haben. Wir sprechen von tatsächlicher und wahrgenommener Kompetenz, von Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Es geht um alles, was mit Dir selbst zu tun hat.
Ich erzähle aus meinen 23 Jahren Erfahrungen als Hair&Makeup Artist und führe wundervolle Gespräche mit Frauen im Business. Echte Inspirationen und ganz viel Mehrwert, aber auch lustige Anekdoten, die damit in Zusammenhang stehen.
Ahoi: Und Bücher? Bist Du da auch dran?
Anja Kühn: Aktuell nicht. Ich habe damit geliebäugelt, mich dann aber erst einmal für den Podcast entschieden. Ich bin mir aber sicher, dass ich irgendwann doch noch drauf zurück komme. Vor allem mein breites Fachwissen in Kombination mit all den Stories könnte durchaus spannend sein.
Ahoi: Du bist Teil der Ausstellung MAMA MAGMA von Anne Schwerin in der IHK zu Leipzig. Wie kam es dazu?
Anja Kühn: Ich mag die Anne sehr gerne und wir folgen uns gegenseitig seit geraumer Zeit auf Linkedin. Wir haben irgendwann mal miteinander geschrieben, wie es ist, Mama zu sein und trotzdem auch beruflich alle Bälle in der Luft zu haben. Sie hat sich wohl daran erinnert und mich gefragt, ob ich Lust dazu hätte. Ich finde, MAGMA MATER ist ein großartiges Projekt und war sofort dabei. Frauen sollten viel mehr in die Sichtbarkeit kommen, mit all ihren Facetten und Stärken, die sich trotz oder vor allem durch die Familie ergeben. Mama sein ist so viel mehr als mental overload. Ich würde mir wünschen, dass der Blick mal wieder weg kommt von der gepimpten social media Welt und hin zur wundervollen Realität. Die ist nämlich voll von Menschen, die täglich Großartiges leisten, ohne dass es jemand sieht.
Ahoi: Danke, Anja, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.


