Gerade in den dunklen Momenten brauchen wir die Liebe. Wenn der schwarze Hund uns auf dem Fuße folgt oder uns jemand vorausgeht, dorthin, wo der ewige See an unsere Ufer bricht, brauchen wir Trost und Umarmungen, in Musik und in ganz real. Holly Loose hat uns ein Lied dazu geschrieben und eingesungen und die Letzte Instanz hat auch aufgehört, zu existieren. Gründe genug für Ahoi-Redakteur Volly Tanner bei Holly unterzuhaken und nachzufragen:
Ahoi: Guten Tag, lieber Holly Loose. Am 23. November, dem Totensonntag, kam Dein Song „Am Ufer des ewigen Sees“ heraus, einmal in der Piano- und einmal in der Orchesterversion. Wieso das denn? Wieso in zwei Versionen?
Holly Loose: Guten Tag, lieber Volly! Ja, warum zwei Versionen... Normalerweise macht man das ja nicht. Und eigentlich ist die Orchesterversion die Hauptversion, weil da eine Menge Arbeit drin steckt. Diesem Lied ging ursprünglich ein Grundgedanken voraus. Ich wurde gebeten, ein Lied für eine Trauerveranstaltung zu schreiben. Daraus entstand die Ursprungsversion mit Orchester. Hernach wurde ich gefragt, ob ich das Lied nicht auch als stillere Pianoversion anbieten könnte. Das habe ich dann sozusagen herunter gekocht. Zu guter Letzt kam die Idee auf, dass der Verstorbene in diesem Lied auch tatsächlich benannt wird, er also zum Wächter des ewigen Sees wird. Das war sehr ergreifend. Deshalb möchte ich es auch für die Öffentlichkeit anbieten. In beiden Versionen und personalisierbar.
Ahoi: Ich las, dass der Totensonntag 2025 auch für Dich einen ganz persönlichen Wendepunkt darstellt, weil einen Tag vorher Deine Band LETZTE INSTANZ ihr allerletztes Konzert gab. Was führte denn zu dieser Entscheidung?
Holly Loose: Die Entscheidung haben wir vor anderthalb Jahren einstimmig getroffen. Dieser Entscheidung ging auch kein Streit voraus, wie man vielleicht meinen könnte. Wir vertragen uns immer noch sehr gut. Nach 27 Jahren Ehe. Vielmehr ist es nun so, dass wir unsere Kräfte anderweitig bündeln und uns mehr um unsere Familien kümmern müssen. Nicht so sehr um die Kleinen, von denen mittlerweile mehr da sind als Band und Crewmitglieder zusammen, sondern eher um die Alten. Ihnen geben wir mit dieser Entscheidung etwas zurück. Nämlich Zeit mit uns.
Ahoi: Der Song „Am Ufer des ewigen Sees“ sprüht ein großes Paket November und Melancholie in die Welt. Wie ist er denn entstanden? Solch ein Werk schafft man ja nicht, indem man mal etwas aus dem Ärmel schüttelt …
Holly Loose: Wie gesagt, ging ihm ein einfacher Auftrag voraus. Irgendwann im letzten November entwickelte er dann mehr und mehr ein Eigenleben. Ich kann da an dieser Stelle Conrad Oleak nur danken, der viel Zeit – nämlich fast den ganzen Sommer - mit mir an diesem Stück verbracht hat, um mich überhaupt erstmal in die Grundlagen des Orchesterarrangements einzuführen. Ihm verdanke ich zum großen Teil das Lebendige an diesem Orchester. Auch B.Deutung bin ich zu Dank verpflichtet! Er hat das Cello gespielt.
Wir hätten auch noch weiter dran sitzen können, aber irgendwann muss das Lied auch fertig sein. Und das ist jetzt, ein Jahr später, der Fall.
Ahoi: Das Thema Vergänglichkeit ist ja auch ein hochphilosophisches … Alle fließt, alles vergeht, nichts bleibt für die Ewigkeit. Ohne die Fähigkeit loszulassen verhaken wir uns in Gram und Leid. Wie kann das Thema, welches Du ja auch mit Deinem Song bearbeitest, mehr in die Gesellschaft – auch außerhalb des Totensonntags – getragen werden? Auch, um zu heilen …
Holly Loose: Ich schätze, in dem man offen darüber spricht. Über die eigenen Ängste. Über die Vergangenheit und die Zukunft. Trauer zuzulassen ist auch wichtig. Tränen sind wichtig. Momente erschaffen, in den Unerzählbares erzählbar werden kann. Am Lagerfeuer bei einem Laphroigh zum Beispiel.
Ahoi: Wie geht es aber nun mit Dir weiter? Du hast ja auch Bücher, Hörbücher und Solomusik auf dem Markt, daneben gibt es noch „Das Kabinett des Glücks“ - was bekommen wir denn von Dir in näherer Zukunft um die Ohren?
Holly Loose: Naja. Erstmal mache ich Urlaub. Ich muss den Abschied von der Band auch erstmal sacken lassen. Wie gesagt, waren wir eheähnlich verbunden. Über ein Vierteljahrhundert. Das geht nicht spurlos an einem vorüber. Aber wenn das geheilt ist, wird es weiter gehen. Vielleicht bleibe ich beim Orchester oder gehe zurück in den Rock. Nobody knows... auf jeden Fall bleiben die Lesungen, die ich im Sommer wieder verstärkt angehen werde. Auch die Studioarbeit als Sprecher wird bleiben.
Ahoi: Und Dein Honig? Wie steht es denn damit?
Holly Loose: Das ist ein Hobby, dem ich mich im kommenden Jahr wieder verstärkt widmen möchte. Aber auch hier muss ich erstmal aufräumen, mir einen klaren Kopf schaffen und überlegen, wie viele Völker traue ich mir zu, wie viel Zeit habe ich. Und und und... Erstmal habe ich noch etwas Honig aus dem Vorjahr übrig, und ganz viel Wachs.
Ahoi: Beim Christian Liebig Projekt, welches den Song „NiemandsHilfe“ mit Deiner Stimme herausbrachte, geht es um das Thema Depression. Nun weiß ich, das auch du selbst Berührung mit dem großen schwarzen Hund hast. Kannst Du uns dazu bitte etwas erzählen?
Holly Loose: Da sagte ich eben noch frei und fröhlich: Man muss ja nur Momente schaffen, um zu erzählen, und nun ist einer da, an dem ich erzählen MUSS. Eieiei… ich wüßte jetzt gar nicht so genau, was ich erzählen soll. Das Sprachzentrum hat sofort geschlossen. Es ist wohl doch nicht so einfach. Ich verpacke dieses Thema gern in Lieder, damit ich nicht erzählen muss. Vielleicht setzen wir uns mal bei einem Laphroigh ans Lagerfeuer...
Ahoi: Zurück zu „Am Ufer des ewigen Sees“ - was hat es denn mit den Wächtern des ewigen Sees auf sich?
Holly Loose: Mir gefiel die Vorstellung, dass die verblichene Person nicht, wie alle anderen, einfach so ins Jenseits schwirrt, sondern quasi zum Wächter wird, der da drüben aufpasst, damit wir uns auch ja wieder sehen können, wenn ich dann rüber gehe. Ich werde erwartet.
Ahoi: Danke, lieber Holly. Auf dass aus Deinem Herzen Blumen blühen mögen.
Holly Loose: Momentan sind es eher Disteln. Mal schauen, wann wieder Rosen kommen.


