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  • Interviews
Gespräch mit dem Schriftsteller und Kulturhauptstadt-Experten Stefan Tschök

Am Ende muss der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken

Stefan Tschök, wie er leibt und schmunzelt. © Ines Venus-Rothermundt

Nicht weit von Leipzig entfernt geht ganz schön die Post ab. Gerade in Chemnitz wird gefeiert, dass sich die Balken biegen, schließlich ist 2025 ein ganz besonderes Jahr für diese Stadt. Gründe, mal dorthin zu fahren, kann Stefan Tschök aufzählen, schließlich war und ist er mittendrin. Ahoi-Redakteur Volly Tanner lernte ihn kennen:

Ahoi: Guten Tag, Stefan Tschök. Wir trafen uns vor einigen Wochen im Leipziger Hugendubel, als Du hier Dein Buch „Was? Chemnitz?“ den hiesigen Menschen Nahe brachtest. Natürlich geht es im Buch um das Kulturhauptstadtjahr. Was macht Dich jedoch zum Experten? Ich weiß es ... aber die vielen Leserschichten unseres Magazins nicht …

Stefan Tschök: Ich hatte die fast einmalige Gelegenheit, nämlich bereits seit 2016, sozusagen „in den Maschinenraum“ sowohl der Bewerbung als auch des Umsetzungsprozesses zu blicken; naja, nicht nur zu blicken, sondern auch an dem einen oder anderen Schräubchen mitzudrehen. Mal ganz konkret: Als damaliger Marketingleiter des Chemnitzer Nahverkehrsbetriebes CVAG war ich beruflich in den Prozess eingebunden und außerdem war ich einer von fünf sogenannten Kulturbotschaftern, die auch gleichzeitig Mitglied des Programmrates waren.

Ahoi: Das ist ja faszinierend. Was hast Du denn als Kulturbotschafter und Mitglied des Programmrates ganz konkret gemacht?

Stefan Tschök: Die wichtigste Aufgabe bestand darin, Inhalte eines Bewerbungsbuches zu entwickeln, das es möglich machen sollte, die Jury davon zu überzeugen, dass Chemnitz in 2025 eine würdige Kulturhauptstadt werden würde. Du machst Dir kein Bild davon, wie aufreibend dieser Prozess teilweise war, wie wir tatsächlich um einzelne Formulierungen lange gerungen haben. Und man muss wissen, dass am Ende der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss … Und als Kulturbotschafter war ich in der Stadt unterwegs und habe meine Netzwerke genutzt, um schon im Bewerbungsprozess viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer zu überzeugen, dass das für eine Stadt, die man nicht auf den ersten Blick als Kulturhauptstadt sieht, eine Wahnsinnschance ist.

Ahoi: Kannst Du uns bitte etwas zur Idee und zum Stand des Garagen-Campus als Interventionsfläche erzählen?

Stefan Tschök: Wissen muss man in dem Zusammenhang, dass es neben dem Programm, was ja im Wesentlichen in 2025 abläuft, rund dreißig sogenannte Interventionsflächen gibt, die auch nach 2025 von Chemnitz als Kulturhauptstadt zeugen sollen. Eine davon ist der sogenannte Garagen-Campus, ein ehemaliger Betriebshof der Straßenbahn, der in den vergangenen Jahrzehnten fast völlig freigezogen wurde und seit vielen, vielen Jahren das Schicksal eines Lost Place teilt. Bereits vor dem Titelgewinn von Chemnitz haben wir uns gedacht, diese Brache vielleicht im Kulturhauptstadtprozess vor dem endgültigen Verfall retten zu können. Und es hat geklappt. In einem ersten Abschnitt wurden rund acht Millionen Euro verbaut, darunter 5,2 Millionen aus Städtebauförderung, um ein für den Stadtteil, die Stadt aber auch die Region nutzbares kulturelles Begegnungszentrum zu schaffen. Und ganz wichtig: Die Nutzbarkeit soll gemeinwohlorientiert sein; also auch Vereine oder Initiativen, junge Künstler oder Arbeitsgemeinschaften mit kleinem Geldbeutel sollen Möglichkeiten bekommen, dort aktiv zu werden.

Ahoi: Wie viel DIY ist im Kulturhauptstadtjahr überhaupt möglich? Mir als Altpunk juckt es ja automatisch in den Fingern, Großveranstaltungen künstlerisch zu unterlaufen. Was ist noch möglich? Oder ist alles festgezurrt, abgenommen und bewilligt?

Stefan Tschök: Natürlich sind die wichtigsten Programmpunkte fest. Aber ich stelle immer wieder fest, dass sich selbst mit Ideen einzubringen auch funktioniert, ohne vielleicht ein fester Programmpunkt zu sein. Vielleicht sind dafür zwei Beispiele überzeugend. Die Bläserphilharmonie Thum hat am 18. Mai ein großes und wirklich beeindruckendes Konzert in Chemnitz gegeben, was kein offizieller Programmpunkt der Kulturhauptstadt war aber trotzdem passgenau den Gedanken der Kulturhauptstadt aufgegriffen hat. Und genauso hat am 28. Mai Kraftklub mit einem spontanen und lange geheim gehaltenen Konzert für wahrscheinlich schon internationales Aufsehen gesorgt; auch diesen Act konnte man im Programm nicht nachlesen. Also, Du als Altpunk bist natürlich auch herzlich eingeladen, einfach was auf die Beine zu stellen; musst ja den Prozess nicht unbedingt „unterlaufen“ – vielleicht doch eher bereichern.

Ahoi: Ein wichtiges Thema bei Großevents – wie hier in Leipzig dem Bachfest – und bei Euch in Chemnitz mit dem Jahr 2025 ist die Nachhaltigkeit. Was bleibt, wenn die Kunstschaffenden weiterziehen? Wie sieht Chemnitz kulturell im Jahr 2030 aus?

Stefan Tschök: Du sprichst ein Thema an, was tatsächlich die meisten bewegt. In Chemnitz macht gerade das Wort „Legacy“ die Runde, also das Vermächtnis für die Zeit danach. Tatsächlich sind alle Investitionen wirklich darauf ausgerichtet, auch nach 2025 Bestand zu haben und im Sinne der Kulturhauptstadt weiter genutzt zu werden. Also bitte keine Olympischen Spiele mit danach verwaisten Stadien. Wie Chemnitz 2030 kulturell aussieht? Gern wieder ein Beispiel: Meine Hoffnung besteht darin, dass man zum Beispiel im Garagen-Campus kaum noch einen freien Termin finden wird, um sich mit seinem Verein für wie lange auch immer einzumieten.

Ahoi: Neben Deiner humoristischen Ader beim Herantasten an Chemnitz gibt es von Dir auch Bücher aus anderen Spektren. Ich will hier mal „Uferlinien“, „Feuerschlange“ oder „Der Geschmack der Kinderjahre“ exemplarisch voranstellen. Da „Feuerschlange“ ja im Leipziger fhl-Verlag erschien, kann man davon ausgehen, dass dies ein Krimi war. Welche Themenfelder beackerst Du denn noch so?

Stefan Tschök: Nein, „Feuerschlange“ war kein Krimi, aber der fhl-Verlag hat das Buch damals (2014) trotzdem gemacht. Ich bin neben dem Thema Kulturhauptstadt derzeit vor allem autofiktional unterwegs. Es gibt wenige Schriftsteller, die ich mehr verehre als den Norweger Karl Ove Knausgård, einem der bekanntesten Vertreter dieser Richtung. Naja, ehe ich da rankomme, wird noch ein bisschen Zeit vergehen … Aber mal im Ernst: Als Fortsetzung von „Uferlinien“ und „Seestern“, die meine Kindheit und Jugend in der sächsischen Provinz beleuchtet haben, ist das nächste Manuskript fertig, das sich mit meiner Zeit bei der NVA auseinandersetzen wird. Ich habe dort nämlich eine „innige Liebe“ zu Panzern geschlossen.

Ahoi: Wenn ich richtig informiert bin, wurdest Du in Frankenberg geboren, lebst aber jetzt in Chemnitz. Wie kam es? Frankenberg ist doch auch ganz fetzig, mit dem Welt-Theater, der Holzoper, der Stadtgalerie oder dem Fahrzeugmuseum …

Stefan Tschök: Ja, meine Frankenberger Zeit war recht kurz; drei Tage vielleicht und nur der Tatsache geschuldet, dass Flöha, meine eigentliche Heimatstadt, über kein eigenes Krankenhaus verfügte. Und Flöha hat auch seine Reize, glaubst Du jetzt nicht, oder? Doch! Dass ich jetzt in Chemnitz wohne, ist eine laaaange Geschichte, die ich Interessenten gern persönlich erzähle, die hier aber zu weit führen würde.

Ahoi: Zurück zur Kulturhauptstadt. Solch ein Event macht auch etwas mit der Einwohnerschaft, mit den Menschen. Wie reagieren die in Chemnitz Geborenen? Gibt es Diskurs, der Systeme ja auch immer voranbringt?

Stefan Tschök: Also nach meinem Gefühl hat es ein wenig gedauert, bis sich die Mehrzahl der Menschen der Stadtgesellschaft mit dem Gedanken anfreunden konnte. Aber mit zunehmendem Zeitablauf spüre ich doch schon Stolz auf das, was programmatisch abläuft und sich in den Interventionsflächen nachhaltig widerspiegelt. Und dass es Diskurs gibt, ist doch das Beste, was passieren konnte. Man redet darüber, auch wenn man vielleicht nicht alles gelungen findet oder nicht alles dem persönlichen Geschmack entspricht. Aber das wäre ja Stromlinienform in Reinkultur; wer will denn sowas?

Ahoi: Schlussendlich noch einmal eine Frage an Dich ganz persönlich: Wenn Du mit mir ein Wochenende in Chemnitz verbringen könntest, was würdest Du mir zeigen. Jetzt innerhalb des Kulturhauptstadtjahres und auch außerhalb dieser hohen Zeit?

Stefan Tschök: Also erst einmal würde ich Dir den Garagen-Campus vorstellen. Dann wären auf alle Fälle die Kunstsammlungen dran und das Archäologiemuseum mit der Ausstellung „Silberglanz und Kumpeltod“, die sich dem Bergbau im Erzgebirge widmet. Und am Samstagabend würden wir auf ein Konzert oder einen Film auf dem Theaterplatz gehen. Natürlich gäbe es danach noch einen Absacker. Und am Sonntag würde ich Dich in die Region schleppen, auf den Purple Path, einen Kultur- und Skulpturenpfad, der Teil der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 ist. Und dann würde ich Dich bitten, eine Woche später noch mal zu kommen, weil es noch viel, viel mehr zu sehen und zu erleben gibt.

Ahoi: Danke, lieber Stefan Tschök. Und gern weiterhin so ein charmanter Mensch bleiben.

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