Wenn man mit neugierigen Augen und Ohren durch die Welt spaziert, hat man die großartige Möglichkeit, faszinierende Menschen zu treffen. Dafür muss man aber wertfrei und interessiert, ohne Ausgrenzung und ideologische Scheuklappen, miteinander reden.
Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf in einem Rathaus Tanja Selentschik und schnatterte mit ihr. Und da Tanja einen hochinteressanten Hintergrund hat, entspann sich daraus ein Interview:
Ahoi: Guten Tag, Tanja Selentschik. Wir trafen uns vor einigen Tagen im Rathaus von Weißenfels, weil sich dort Kleingartenvereine, Imkereien und andere, sich mit Umwelt und Nachhaltigkeit auseinandersetzende Institutionen, der Öffentlichkeit vorstellten. Hier hatte ich Dein Buch „Ein Jahr im Leben von Frieda Flieder“ in der Hand. Kannst Du uns erzählen, worum es hier geht?
Tanja Selentschik: Hallo, in dem Roman „Frieda Flieder“ geht es um eine junge Frau, die in einem Bauwagen neben einer Kleingartenanlage in Halle lebt. Die Kapitel handeln von Januar bis Dezember. Sie trifft die Liebe ihres Lebens im Baumarkt und nebenher gibt es einige Rezepte und Denkanstöße. Ich habe das Buch geschrieben, als ich in Spanien gelebt hatte und von Heimweh fast durchgedreht bin. Deswegen ist Frieda auch ständig in Halle unterwegs, an Orten, an denen ich zu dieser Zeit gerne gewesen wäre. Schwimmbad, Hufeisensee oder Kneipen, in die ich selbst gerne gegangen bin. Unterm Strich ist es eine Liebeserklärung an das einfache Leben, an Halle und die Liebe selbst.
Ahoi: Es gibt aber auch Literatur von Dir unter Pseudonym – als Tanja Tintenfinger. Als diese, so las ich bei lovelybooks, lebtest Du auf einem Bauwagenplatz in Halle an der Saale. Was ist denn da dran und was für Bücher sind dies eigentlich?
Tanja Selentschik: Tanja Tintenfinger ist mein Pseudonym für das Kinderbuch. Mein Familienname war zu kompliziert und meine Neffen haben sich dann für Tintenfinger entschieden. Und ja, ich habe über zwei Jahre in einem Bauwagen gelebt. Auf einem alten Schuttplatz, der zugewuchert war und auf dem viele Bäume standen. Wir lebten nur zu dritt auf dem Platz. Ohne fliesend Wasser, nur zwei Steckdosen und einem kleinen Holzofen und Trockentrenntoilette. Und es war fantastisch. Selbst im Winter. Mein Bauwagen war bunt und sehr gemütlich. Das Buch habe ich lange vor meiner eigenen Bauwagenzeit geschrieben, es ist also in keinem Fall autobiografisch. Einige Sachen habe ich im Nachhinein dann nochmal geändert. Was es bedeutet, bei -10° eine Außentoilette zu nutzen, beschreibt man nochmal ganz anders, wenn man es wirklich nutzen musste. Andere Sachen haben sich einfach so ergeben, dass sie am Ende wie im Buch waren. Der Küchenschrank oder der Garten.
Auf Youtube findet man unter „Tanjas Weihnachten im Bauwagen“ einen kleinen Film vom Bauwagen und allem drumherum.
Ahoi: Du machst Kräuterwanderungen. Für wen denn? Und wo? Und was kann man bei diesen Wanderungen erleben?
Tanja Selentschik: Ich nenne es lieber Kräuterspaziergang. Alles unter 10 Kilometern ist keine Wanderung. Und hier sind es noch nicht mal fünf Kilometer. Wir treffen uns zu den Terminen am Bahnhof Weißenfels und trippeln dann, am Saaleradweg entlang, bis nach Burgwerben. Dort wird dann eingekehrt und die gesammelten Kräuter werden auf Butterbrot gegessen. Dazu gibt es eine gute Tasse Kaffee. Man muss nicht kilometerweit irgendwo hin rennen, um Kräuter zu finden. Man findet im Prinzip schon alles was man braucht auf dem nächsten Grünstreifen. Am meisten freue ich mich, wenn jemand sagt: „Das Zeug hab ich doch ohne Ende im Garten, ich reiß das immer raus.“ Und ein paar Tage später bekomme ich dann ein Foto von einer Kräuterbutter geschickt. Ich möchte Menschen anstecken, aktiv zu werden, selber zu gucken, zu machen … man muss nicht alle Kräuter kennen. Es reicht doch, wenn ich mich erst einmal mit zwei oder drei Kräutern beschäftige und diese verarbeite. Und im Jahr drauf kommt dann noch eins oder zwei dazu.
Ahoi: Auf Deiner Homepage machmensch.de gibt es einen Link zum Netzwerk BLK. Was ist das denn und was machst Du dort?
Tanja Selentschik: Ich bin Natur- und Umweltpädagogin und freiberuflich in Schulen unterwegs. Umwelt AGs, Projekttage, Schulgarten und mehr. Dabei habe ich gemerkt, dass sich sehr viele Institutionen und Vereine mit Umwelt und Bildung beschäftigen, die man gar nicht so auf dem Schirm hat. Wie beispielsweise Angler, Bauern und Jagdvereine. Und zum zweiten, dass viele Gruppen auch gar nicht miteinander reden und der anderen Gruppe prinzipiell Böses unterstellen. Man kommt oft nicht weiter und tritt auf der Stelle, wegen persönlichen Befindlichkeiten. Meine Idee war, alle mal an einen Tisch zu holen, um miteinander zu konstruktiv zu reden und Ideen zu teilen. Gerade das Thema Umweltschutz, dieses haben sich offiziell Menschen auf den Tisch gezogen, die mehr ideologisch als logisch unterwegs sind. Da gibt es Umweltaktivisten, die am runden Tisch sitzen und ihren Kaffee mit Hafermilch schlürfen und stundenlang alles ausdiskutieren und andererseits Leute von der freiwilligen Feuerwehr, die am Wochenende eine große Müllsammelaktion in ihrer Gemeinde durchführen und am Ende noch Nistkästen aufhängen. Wer hat da am Ende mehr für die Umwelt getan? Und, dass man sich vielleicht Leute vom Fach dazu holen kann, wenn es im Unterricht um solche Themen geht, war auch meine Idee. Die Idee zum Netzwerk hat sich dann in Gesprächen mit ein paar Leuten aus Lützen entwickelt. Deswegen ist das „Hauptquartier“ des Netzwerkes auch in Lützen.
Ahoi: Du hast von Föhr bis Andalusien Yoga unterrichtet. Machst Du das heute auch noch? Und wenn ja, wo und wie und wann?
Tanja Selentschik: Derzeit unterrichte ich in der VHS in Weißenfels und Hohenmölsen, bin aber auch im City Fitness Lady in Weißenfels anzutreffen oder werde auch mal privat gebucht. Yoga begleitet mich seit meinem 12. Lebensjahr, meine zweijährige Ausbildung habe ich 2015 beendet. Ich hatte schon vorher unterrichtet, wollte aber noch mehr Wissen ansammeln, denn Yoga ist halt mehr als ein paar Verrenkungen und OM.
Ahoi: Nachhaltigkeit ist ein großes Thema bei Dir. Nun sind jedoch viele Menschen in ihrer Arbeitswelt gefangen, haben kaum Luft, um Nachhaltigkeit zu leben. Gibt es von Dir vielleicht auch Angebote für Firmen, damit dort sensibilisiert werden kann?
Tanja Selentschik: Klar. Ich habe schon Teezeremonien und Yogastunden an Gesundheitstagen in Firmen gegeben, oder kleine Vorträge gehalten. Mit der Nachhaltigkeit ist das so eine Sache. Die Ausrede ist immer: kein Geld, keine Zeit, kein Nerv. Dabei braucht man oft nur den richtigen Impuls, um seine Prioritäten anders zu setzen. Die antrainierte Bequemlichkeit ein bisschen in den Griff zu kriegen ist recht kostengünstig.
Ahoi: Und wie sieht es mit dem nächsten Buch aus? Mit dem Schreiben hört man ja eigentlich nie wirklich auf, oder?
Tanja Selentschik: Stimmt. Ich verdiene hin und wieder unter verschiedenen Pseudonymen Geld mit Schreiberei. Eigene Buchprojekte habe ich auch. Aber es ist ja nicht so, dass irgendein Verlag kommt und sagt: „Hey, auf dich haben wir gewartet.“ Deswegen bekommen das Freunde zu lesen und ansonsten warte ich ab. Ich habe in Spanien angefangen zu bloggen und unter MoYosGarten.com viel veröffentlicht, aber das ist irgendwann eingeschlafen seit ich in Weißenfels wohne. Vielleicht… irgendwann… wenn es mich wider packt.
Ahoi: Danke, Tanja, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.


