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  • Interviews
Gespräch mit dem Intendanten vom Theater Naumburg Stefan Neugebauer

Achtsam morden. Auf der Spur der Schweine

Stefan Neugebauer höchstselbst © Volly Tanner

Seit über sieben Jahren ist Stefan Neugebauer Intendant des kleinsten Stadttheaters Deutschlands, welches sich in Bahnhofsnähe in Naumburg befindet. Er hat in Berlin und Paris studiert und seine Fußabdrücke in Nürnberg, Coburg, Kaiserslautern, Hildesheim und Tirana (Albanien) sowie Berlin in den theatralisch aufgewirbelten Staub eingebracht. In Naumburg nun führt er ein faszinierend charmentes Haus in die kulturelle Aufmerksamkeit. Beeindruckend. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm:

Ahoi: Guten Tag Stefan Neugebauer. Sie sind der Intendant des kleinsten Stadttheaters in Deutschland, welches sich gleich in Bahnhofsnähe in Naumburg befindet. Was ist denn so klein an Ihrem Theater? Ich habe es mir ja anschauen dürfen und ich fand es eigentlich faszinierend einladend und auch vom nutzbaren Raum her sehr angenehm.

Stefan Neugebauer: Klein bezieht sich am Ende auf drei Kriterien: die Größe des Hauses, die Zahl der Mitarbeiter und das Budget, und auch wenn das neue Haus großzügig ist, können wir da mit Fug und Recht sagen, wir sind das kleinste Stadttheater in Deutschland.

Ahoi: An meinem Geburtstag, dem 24. April, feiert der von Ihnen selbst auf die Beine gestellte Theaterspaziergang „Auf der Spur der Schweine“ Premiere. Das Thema ist sehr passend, ist doch der neue Standort des Theaters Naumburg eine Alte Schlachterei. Wie kann ich mir den Spaziergang vorstellen?

Stefan Neugebauer: Sie gehen im wahrsten Sinne des Wortes spazieren. Das Stück heißt „Auf der Spur der Schweine“ und Sie folgen einem Schwein namens Napoleon, angefangen im verspiegelten Theaterfoyer über die Studiobühne in den Theatersaal und zum Finale in den Theatergarten, in dem eine Openair-Bühne steht, die sich aus drei Schiffscontainern zusammensetzt. Allein diese außergewöhnliche Bühne ist eine Reise wert.

Ahoi: Thema ist natürlich auch die Verwertungslogik unseres Kulturkreises gegenüber lebenden Wesen. Wie wird dieses umgesetzt? Und wen wollen Sie damit ansprechen?

Stefan Neugebauer: Da sich unser neues Haus in einem alten Schlachthof befindet, lag es geradezu nahe, sich der Frage zu widmen, wie darf man sich das „Famlienleben“ eines Schweins vorstellen, Vater Zuchteber, Mutter landet kurz nach der Geburt in der Fleischtheke und die Ferkel, die überlebt haben, sind sich selbst überlassen. Insofern erzählen wir - ironisch gebrochen - eine Familiengeschichte aus der Perspektive des verwaisten Schweins Napoleons. Das ist frei erfunden, basiert jedoch auf dokumentarischem Material, vor allem, was die Praxis in Schlachthäusern und Zuchteberstationen betrifft. Die Herausforderung ist, die Geschichte so zu verpacken, dass wir die Besucher bei aller Monstrosität in unseren Bann ziehen. Das Stück ist für Jung und Alt, für Fleischesser, Vegetarier und Veganer; im Grunde genommen für alle Menschen, die Freude und Interesse daran haben, die Welt einmal aus der Sicht eines Schweines zu erleben. Ein echter Perspektivwechsel.

Ahoi: Passend zur Premiere des Theaterspaziergangs gibt es die Vernissage der Ausstellung „Leben und sterben im Schlachthof“. Können Sie uns dazu bitte etwas erzählen? Vielleicht auch zu den beiden Künstlerinnen, der Fotografin Julia Unkel und der Malerin Anja Nürnberg?

Stefan Neugebauer: Auch hier nähern wir uns dem Thema von zwei Seiten, einerseits Julia Unkels dokumentarische Fotos über den Alltag im Schlachthof und andererseits die Faszination der tierischen Körper übertragen auf die Leinwand. Lassen Sie sich überraschen.

Ahoi: In Ihrer Reihe „Theater zum Anfassen“ kann ein faszinierend abwechslungsreiches Programm erlebt werden. Was ist denn da so in den nächsten Wochen bis Ende Mai geplant?

Stefan Neugebauer: Diese Mittwochsreihe findet in der Theaterbar statt, das Programm ist im besten Sinne bunt und reicht von Konzerten über Kunst & Kulinarik, Lesungen bis hin zu Gesprächen mit Regisseuren. Übrigens gibt es da am 15. April eine Führung durch unser neues Haus, wobei der Architekt Peter Zirkel, der den Schlachthof in ein Theater verwandelt hat, Rede und Antwort stehen wird.

Ahoi: Dem derzeit sehr angesagten Trend der Achtsamkeit kommen Sie mit dem Theaterstück „Achtsam morden“ in der Bühnenbearbeitung von Bernd Schmidt entgegen. Viele Menschen denken da natürlich an einen großen Streamingsdienstanbieter, weniger Menschen an das Buch von Karsten Busse von 2019, der ja auch für Anke Engelkes Ladykracher oder Richterin Barbara Salesch schrieb. Wie läuft das Stück denn in Naumburg? Und wie haben Sie das Buch umgesetzt? Netflix hat acht Folgen daraus gemacht, da muss Theater es doch straffen, denke ich mal.

Stefan Neugebauer: Na das Straffen hat schon mal der Autor Karsten Dusse übernommen, indem er die Handlung auf bloße drei Schauspieler übertragen hat, die den Abend schmeißen. Dank der Regie von Barbara Schöne, die mit dem bühnenbildnerischen Kunstgriff einer schrägen Drehbühne, die als riesige Kreissäge daherkommt, arbeitet, erlebt das Publikum eine groteske „Achtsamkeits-Trainingstunde“.

Das führt unweigerlich in Mord und Totschlag, denn der Strafverteidiger Björn Diemel muss seine Familie vor dem Zugriff einer mafiösen Gangsterclique schützen. Und da ist am Ende jedes achtsame Mittel recht …

Ahoi: Theater ist immer auch Theaterpädagogik, wie halten Sie es denn damit? Welche Angebote, von wem betreut, gibt es denn da bei Ihnen im Theater Naumburg?

Stefan Neugebauer: Wir haben mit Frau Winkler-Scharf für unser Haus eine sehr erfahrene Theaterpädagogin gewonnen, die mit viel Enthusismus und Engagement inzwischen so viele Kinder und Jugendliche anspricht, dass sie mehrere Spielclubs leitet. Außerdem hat sie seit dieser Spielzeit unser Format „Schauspieler und Kinder auf der Bühne“ übernommen. Da veranstalten wir jeden Herbst ein Casting und die ausgewählten Kinder stehen dann in den Februarferien zusammen mit Schauspielern auf der Bühne. Unser nächstes Projekt ist „Die sieben Schwaben“. Premiere feiern wir dann im Februar 2027.

Ahoi: Infrastrukturell ist Ihr Theater perfekt angebunden, fußläufig vom Bahnhof, vom Bus-Bahnhof und auch von der Haltestelle der Straßenbahn „Wilde Zicke“ zu erreichen. Das bedeutet aber auch, dass auch Außer-Naumburgerinnen und Außer-Naumburger gern gesehene Gäste sind. Kommen diese? Leipzig ist nur knappe 50 Minuten mit der S-Bahn entfernt. Weißenfels knappe acht Minuten. Halle an der Saale 35 Minuten.

Stefan Neugebauer: Wir haben zwar keine offizielle Umfrage gemacht, aber wir stellen zunehmend fest, dass die Bahnhofsnähe plus das spektakuläre Haus, wir haben inzwischen zwei Preise damit gewonnen und zwar den Stadtumbau-Award und den Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt, den Zuschauerkreis enorm erweitert haben. Wir haben deutlich mehr Publikum aus dem Umland und Städten wie Halle, Leipzig oder Weimar. Da man zudem seit Dezember 2025 die Tickets auch online direkt über unsere Website buchen kann, sind wir auch in dieser Hinsicht deutlich bessere aufgestellt. Abgesehen davon ist unser neues Haus komplett barrierefrei.

Ahoi: Und Ihr Team? Da sind ja richtige Heldinnen und Helden darunter, nicht nur im Schauspiel, aber auch dort. Wie haben Sie dieses zusammengebaut? Alle gecastet?

Stefan Neugebauer: Wie eine Fußballmannschaft: vier Techniker in der Verteidigung, drei Mitarbeiterinnen aus der Verwaltung im Mittelfeld und drei Schauspieler im Sturm, wobei wir uns bezüglich Stürmer auch immer wieder Gäste holen, die unser Team ergänzen. Dadurch sind wir im theatralen „Angriff“ sehr flexibel, und das Publikum darf sich immer wieder über neue Spieler auf der Bühne freuen.

Ahoi: Danke, lieber Herr Neugebauer. Dann wünschen wir Ihnen immer interessiertes Publikum und dazu noch ein gutes Händchen beim Program. Wir sehen uns auf jeden Fall.

Stefan Neugebauer: Auf bald bei uns im Theater Naumburg. Ahoi!

Theater Naumburg im Netz:

www.theater-naumburg.de

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