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  • Leipzig engagiert sich
Ehemalige Stadtbefestigung wird zum Studentenclub

XXL-Arbeitseinsatz vor 50 Jahren

Im Frühjahr 1974 begann ein besonderes Abenteuer. Aus einem verschütteten Teil der Stadtbefestigung legten 30.000 Studenten die Moritzbastei frei. Mit dabei: Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Moritzbastei
Die Moritzbastei ist nach wie vor ein beliebter Anlaufpunkt für Studenten © Florian Burkon

Bei den Weltjugendspielen 1973 in Ostberlin wurde angeregt, dass jede Universitätsstadt der DDR einen festen Club für Studenten haben sollte. Leipzig war damals die einzige Stadt, die keinen Studentenclub hatte“, berichtet Moritzbastei-Geschäftsführer Mario Wolf.

Man erinnerte sich an die Moritzbastei, einen Teil der alten Stadtbefestigung. Diese war bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 schwer zerstört worden. Die unterirdischen Gewölbe wurden nach 1945 mit zehntausenden Tonnen Trümmern und Bauschutt befüllt.

Leipzig war damals die einzige Stadt, die keinen Studentenclub hatte. Mario Wolf, Geschäftsführer Moritzbastei Leipzig GmbH

150.000 freiwillige Arbeitsstunden

Im Frühjahr 1974 wurde der inzwischen mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Schuttberg wiederentdeckt und seine zukünftige Nutzung als Studentenclub beschlossen. Auf Initiative der Leipziger Universität begann wenig später einer der größten Arbeitseinsätze in der Geschichte der Stadt.

In insgesamt 150.000 unbezahlten Arbeitsstunden entfernten etwa 30.000 Studenten, mit Schippen, Eimern und Schubkarren bewaffnet, rund 40.000 Kubikmeter Schutt – an Wochenenden, in den Semesterferien und oft bis tief in die Nacht. Mittendrin war auch die junge Physikstudentin Angela Dorothea Kasner, die 1977 den Namen ihres ersten Ehemanns Ulrich Merkel annahm, später als Bundeskanzlerin in die Geschichte einging und zur mächtigsten Frau der Welt wurde.

„Wenn ich mich nicht täusche, habe ich den heutigen Haupteingang mit freigelegt“, erklärte Angela Merkel, die im Juli ihren 70. Geburtstag feierte, vor einigen Jahren in einem Interview in der Leipziger Volkszeitung (LVZ). Die Eröffnung von „Europas größtem Studentenclub“ am 5. Februar 1982 erlebte sie nicht mehr als Studentin.

Angela Merkel legte Eingang frei

Erst im Jahr 2004 – während einer Wahlkampftour – sah sie zum ersten Mal das fertige Ergebnis der Bauarbeiten. Hier nahm sie auch gleichzeitig die Ehrenmitgliedskarte in Empfang, die ihr lebenslang freien Eintritt zu den Veranstaltungen der Moritzbastei garantiert.

„Diese Karte hat damals jeder freiwillige Helfer, der mindestens 100 Arbeitsstunden für die MB absolvierte, bekommen. Frau Merkel war bei diesen Bauarbeiten sehr engagiert“, erklärt Geschäftsführer Mario Wolf.

Abwechslungsreiches Programm

Auch heute, 50 Jahre nach den Bauarbeiten, ist die MB, wie die Moritzbastei auch genannt wird, weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt – auch durch den XXL-Arbeitseinsatz. Ansonsten hat sich nach der Wiedervereinigung vieles verändert, wie Mario Wolf erklärt: „Bis zur Wende war die Moritzbastei ein reiner Studentenclub, der von der Uni finanziert wurde. Heute müssen wir uns in der freien Wirtschaft behaupten.“

1993 gründete die Universität Leipzig die Stiftung Moritzbastei. Ihre Aufgabe ist, die Leipziger Moritzbastei als Ort des akademischen Lebens zubewahren. Die Stiftung beauftragte die ebenfalls neu gegründete Moritzbastei Leipzig GmbH mit dem Betrieb der Moritzbastei. Etwa 120 Mitarbeiter sorgen für ein abwechslungsreiches Programm aus Konzerten, Partys und anderen Veranstaltungen – nicht nur für Studenten. „Wir sind offen für alle. Aktuell sind etwa die Hälfte unserer Gäste Studenten“, erklärt Mario Wolf.

Lebenslang freier Eintritt: Wer besitzt noch eine Ehrenkarte?

Jeder, der mindestens 100 freiwillige Arbeitsstunden beim Freilegen der Moritzbastei leistete, bekam als Belohnung eine Ehrenmitgliedskarte. Diese garantiert lebenslang freien Eintritt zu MB-Veranstaltungen. Wir suchen ehemalige Helfer, die noch eine solche Ehrenkarte haben. Infos bitte per E-Mail an info@ahoi-leipzig.de senden.

Was ist das Besondere an der Moritzbastei?

Wolf: Die Arbeit macht einfach unheimlich viel Spaß. Wir haben ein tolles Team, mit dem man viele Ideen umsetzen kann. Auch das Ambiente und die Tradition sind etwas ganz Besonderes. Hier kann man tatsächlich in Rente gehen (lacht).

30.000 Studenten haben die MB in 150.000 unbezahlten Arbeitsstunden freigelegt. Wäre ein solcher Arbeitseinsatz heute noch vorstellbar?

Wolf: Eine solche Aktion ist heute nur schwer vorstellbar. Dafür ist jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Damals herrschte eine unglaubliche Begeisterung für dieses Projekt. Eine solche Begeisterung müsste man erst entfachen. Als Belohnung bekamen die Studenten eine Ehrenmitgliedskarte, die einen lebenslangen freien Eintritt in die Moritzbastei garantiert.

Ist die Karte noch gültig?

Wolf: Die Karten sind auf jeden Fall noch gültig – für unsere Eigenveranstaltungen. Ratsam ist es aber, sich vorher für die Veranstaltungen anzumelden. Wie viele dieser Karten noch in Umlauf sind, wissen wir aber nicht.

Weitere Infos unter
www.moritzbastei.de

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