//
//
  • Stadtleben
Klimaneutrale Oper

„Wir wollen keine Ablassbriefe, wir wollen Bewusstseinswandel"

Nachhaltige Kunst – das ist das Ziel von Leipzigs Opern- intendant Tobias Wolff. Derzeit wird der komplette Betrieb auf seinen ökologischen Fußabdruck unter die Lupe genommen.

Portrait von Tobias Wolff
Will die Oper nachhaltiger machen: Intendant Tobias Wolff © Rico Thumser

Beim Kunstgenuss im Saal ahnt man wenig von der Logistik im Hinter-grund. Rund 50 Lkw-Ladungen rollen jede Woche über die Straße zwischen Bühnen, Werkstätten und Außenlagern. Diesel, Gasverbrauch, Strom - das sind Größen, die sich einfach erfassen lassen, will man eine Klimabilanz des Hauses erstellen. „Aber dann wird's schwierig", sagt Opernintendant Tobias Wolff. „Wir brauchen Daten, um zu wissen, wo unsere Stellschrauben liegen." Stellschrauben auf dem Weg zur klimaneutralen Oper.

Ein Kliamrechner für das Pilotprojekt 

Wolff, seit 2022 Intendant in Leipzig, hatte das Thema Nachhaltigkeit schon zu einem Eckpfeiler seines Bewerbungskonzepts gemacht. Jetzt ist sein Haus Pilotprojekt beim neuen Emissionsrechner, den die Städte Dresden und Leipzig gemeinsam ihren Kultureinrichtungen zur Verfügung stellen wollen. So lassen sich im Detail Einsparpotenziale erkennen und vergleichen. Wolff: „CO2-Zertifikate kann jeder kaufen. Aber wir wollen keine Ablassbriefe für unser Seelenheil, wir wollen einen Bewusstseinswandel." Letztlich zählt jeder Einwegbecher.

Und Einweg findet an deutschen Bühnen in großem Maßstab statt. Bühnenbilder werden gebaut und wieder eingestampft. Wolff schweben Basismodule vor, die wiederverwendet werden können. Den gut aufgestellten Opernwerkstätten traut er viel zu. „Es ist durchaus ein Standortvorteil, dass man zu DDR-Zeiten nicht alles bekommen hat. Dadurch verfügen wir über ein großes Know-how im nachhaltigen Arbeiten", sagt Wolff und zitiert ein Bonmot, das in den Werkstätten die Runde macht: Erst kommt der Westen und bringt uns Verschwendung bei und jetzt kommt ihr und erzählt uns was von Nachhaltigkeit 

Manchmal gibt es Gegenwind

Eine Fülle von Schritten ist eingeleitet. Die Oper kooperiert mit der Berliner 

Hochschule für Technik bezüglich Know-how, Manpower und Zertifizierung. Opera Europa fördert ein Transformationsprojekt mit der Icelandic Opera, das den Lebenszyklus von Kostümen erforscht. Die Kulturstiftung des Bundes fördert mit dem Programm „Fonds Zero“ die Produktion „Mary, Queen of Scots“, die am 16. Dezember Premiere haben soll. Erstmals wird dabei eine klimaneutrale Inszenierung am Haus erprobt und dokumentiert. Relevant ist auch, wie das Publikum anreist. Von Wolffs Büro reicht der Blick zum Hauptbahnhof. Es wurde schon erwogen, mit vorgezogenen Aufführungszeiten auf die Zugfahrpläne ins Umland zu reagieren. Der Nahverkehr lässt sich bereits mit Opernticket nutzen. Allerdings weht auch vereinzelt Gegenwind, intern und extern. Opernfreunde etwa, die Nachhaltigkeitseifer und Umfragen, mit welchem Verkehrsmittel man anreist, nicht als Aufgabe einer Kultureinrichtung betrachten.

Empörung gehört genauso zum Zeitgeist wie Nachhaltigkeit. Veränderung löst Widerstand aus. Doch die Prioritäten bleiben. „Die Kunst steht nach wie vor an erster Stelle", versichert Wolff. Sogar Dirk Becker, als interner Transformationsmanager für nachhaltige Kultur zertifiziert, nutzt noch den Stromfresser Aufzug im Haus. Becker behält den Überblick im Dickicht der Maßnahmen. Zugleich ist er Ausstattungsleiter. Ein Posten, der schon mal abgeschafft war. Wolff hält ihn für essenziell. „Einer muss den Fundus kennen, alle technischen Möglichkeiten." So kann Becker zum Beispiel externe Regieteams beraten. Einfach gesagt: Er weiß, was wo lagert und nicht neu angeschafft werden

Nachbarländer gehen mit gutem Beispiel voran

Befürchtungen, Nachhaltigkeitskriterien könnten die künstlerische Freiheit einschränken, hält Wolff lachend entgegen: „Als Intendant schränkt man permanent die künstlerische Freiheit ein, allein schon durch Budgetvorgaben." Wer glaubt, Kunst lasse sich nicht mit ökologischen Zielen in Einklang bringen, kann ja mal zu Qualitätshäusern im europäischen Ausland fahren: nach Paris, Lyon oder London. Zu Häusern, die ihre Produktionen längst bilanziert haben. »In Deutschland haben wir die Nase vorn, aber international ist es ein Spätstart", sagt Wolff, der schnell aufholen will. Und Ziele formuliert, mit denen der Denkmalschutz noch nicht ganz einverstanden ist. „Wenn wir es wirklich ernst meinen, muss am Ende auch Photovoltaik aufs Dach."

 

Mehr Informationen:

www.oper-leipzig.de/ nachhaltigkeit

« zurück
zur aktuellen Ausgabe