In keinem Hauptbahnhof wurden bundesweit 2025 so viele Gewaltdelikte festgestellt wie in Leipzig - fast 900. Der Leipziger Bundespolizeichef Markus Pfau spricht im Interview über die aktuelle Lage an dem Verkehrsknotenpunkt, Intensivtäter, die Obdachlosenszene und seinen Wunsch für 2026.
Herr Pfau, wie hat sich die Sicherheitslage am Hauptbahnhof nach dem großen Medieninteresse in den letzten Monaten entwickelt?
Pfau: Im Bereich der Gewaltkriminalität gibt es aktuell einen positiven Trend nach unten. Wir haben etwa 10 Prozent weniger Fälle gezählt im Vergleich zu den Monaten des Vorjahres.
Sie haben im Februar gemeinsam mit Landespolizei, Stadtordnungsdienst und DB-Sicherheit die Quattro-Streife eingeführt. Wie hat sich diese Maßnahme bewährt?
Pfau: Die Quattro-Streife trägt durch den höheren Kontrolldruck zu diesem Trend bei. Sie war eine Maßnahme in einem ganzen Bündel an Maßnahmen in den letzten zwei, drei Jahren. Neben der Streife haben wir seit 2025 ein Projekt mit der Polizeidirektion Leipzig, was sich Intensivtäter-Gewalt widmet. Wir haben eine Reihe von Personen hier in der Stadt, die nicht nur am Hauptbahnhof, sondern auch woanders im öffentlichen Raum regelmäßig Gewaltdelikte begehen.
Was wird bei dem Projekt genau getan?
Pfau: Wir versuchen diese Mehrfach-Intensivtäter möglichst frühzeitig zu identifizieren und alle Verfahren, die wir bei der Landes- und bei der Bundespolizei haben, zu bündeln, um sie dann möglichst schnell von der Straße zu bekommen. Wir hatten beispielsweise einen Mann aus der Obdachlosen-Szene, von dem quasi täglich Körperverletzungsdelikte ausgingen, insbesondere dann, wenn Alkohol dazu kam. Er sitzt jetzt in Haft. Dieses Jahr konnten wir eine niedrige zweistellige Zahl an Intensiv-Tätern von der Straße bekommen.
Wie rutschten Menschen in die Kategorie „Intensivtäter“?
Pfau: Es gibt es so eine Art Punktesystem. Wenn jemand eine einfache Körperverletzung begeht, bekommt er Punkte, wenn er eine gefährliche Körperverletzung oder andere schwerwiegende Delikte begeht, bekommt er noch mehr Punkte. Wenn derjenige schon mal in Haft gesessen hat, also Wiederholungstäter ist, spielt das für das Ranking auch eine Rolle. Auf die Täter mit dem höchsten Punktestand konzentrieren wir dann unsere gemeinsamen Bemühungen. Wenn dann neue Täter in die Top 20 rutschen, versuchen wir ebenfalls ihnen habhaft zu werden.
Ein Thema, der Teile der Bevölkerung bewegt, ist Messerkriminalität. Spielt das eine große Rolle am Hauptbahnhof?
Pfau: Gewalttaten, bei denen Messer zum Einsatz kommen, sind sehr einprägsam. Weil es meist schwere Gewaltdelikte sind. Diese Fälle sind in diesem Jahr auf den Bahnhöfen und in Zügen im Großraum Leipzig spürbar zurückgegangen. Dazu trägt auch und gerade die gut ausgebaute Kameraüberwachung bei, die uns eine schnelle Reaktion und eine zügige Täterermittlung ermöglicht. Aber ich bin da auch ein bisschen vorsichtig: Schauen wir mal, wo wir am Jahresende stehen.
Viele Reisende fühlen sich durch die Obdachlosen- und Drogenszene vor den Eingängen des Bahnhofs gestört. Was sagen Sie denen?
Pfau: Ein Bahnhof in der Großstadt ist ein Punkt sozialer Interaktion und überall ein Anziehungspunkt auch für wohnungs- und obdachlose Menschen. Wenn dein Broterwerb das Betteln ist, dann gehst du halt an Orte, wo viel Besucherverkehr ist. Also das ist ein Stück weit normal. Dann haben wir das Einkaufscenter im Bahnhof, das Diebe anzieht. Und schließlich gibt es an der Westseite des Hauptbahnhofes die Bahnhofsmission. Dort werden die Menschen betreut, sie bekommen Essen, Kleidung und weitere Hilfsangebote. Das ist nicht in jeder Stadt so zentral und erklärt auch, warum die Szene hier so präsent ist.
Was ist aus ihrer Sicht das größte Problem im Bahnhof?
Pfau: Die Obdachlosenszene ist schon das dickste Brett, was es zu bohren gilt. Wir müssen die Betreuung der Menschen gemeinsam mit Stadt und der Landespolizei besser organisieren. Es geht nicht um Verdrängung, sondern darum die Angebote für die Menschen weiter zu verbessern und dezentraler zu gestalten.
Ist der Bahnhof an bestimmten Tageszeiten für bestimmte Bevölkerungsgruppen, etwa junge Frauen, eine No-go-Area?
Pfau: Das ist ja immer die Frage, worauf sich viele Menschen fokussieren. Für eine junge Frau, die sich nachts im Bahnhofsumfeld bewegt, vielleicht. Da gibt es Partyreiseverkehr, alkoholisierte Jugendgruppen und junge Erwachsene, alles Risikofaktoren. Das ist aber kein Thema des Hauptbahnhofs, sondern ein Thema der Personengruppen. Der Bahnhof selbst ist ganz klar keine No-go-Area.
Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Pfau: Im Bahnhof ist es immer hell, es gibt eine hohe Dichte an Sicherheitskräften, die relativ schnell intervenieren können. Da ist die Tageszeit egal. Wenn Sie ins Bahnhofsumfeld gehen, gerade auch nachts, sollten Sie wie überall im öffentlichen Raum ein bisschen aufmerksamer sein. Im Übrigen zeigen auch Befragungen der Deutschen Bahn oder unter den Bediensteten in den Promenaden, dass sie sich die Menschen hier mehrheitlich sicher fühlen.
Dennoch sind die vielen Gewaltstraftaten ein Problem. Welchen Platz peilen Sie 2026 an?
Pfau: Ich bin froh, wenn wir auf Platz zwei oder drei fallen. Ich will aber noch einmal betonen: Schwerpunkt-Einsätze, wie wir sie regelmäßig durchführen, haben zu Folge, dass mehr Straftaten festgestellt werden. Dann sind es wieder ein paar Striche mehr in der Statistik. Das heißt aber nicht, dass es deswegen unsicherer ist. Das heißt nur, dass wir mehr Taten aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld geholt haben.
Sie sehen Leipzigs ersten Platz nicht als persönliches Manko?
Pfau: Nein, weil ich die Platzierung erklären kann. Einen großen Bahnhof mit 160 Geschäften gibt es in Deutschland so oft nicht. Wir sind außerdem wichtiger Umsteigepunkt für teils rivalisierende Fußballfans, die mit Leipzig im Zweifel gar nichts zu tun haben und trotzdem hier Straftaten begehen. Und schließlich gibt es die direkt am Bahnhof gelegenen Hilfsangebote für Obdachlose. Leipzig ist nicht der gefährlichste Bahnhof Deutschlands. Hier werden nur die meisten Gewaltdelikte festgestellt. Das ist ein Unterschied.
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„Der Leipziger Bahnhof ist keine No-go-Area“

