Gefühlt waren die Sommerferien recht kühl und regnerisch. War das der Tropfen auf dem heißen Stein oder hat sich die Situation der trockenen Böden entspannt?
Andreas Marx: In weiten Teilen Nord- und Westdeutschlands ist der Sommer insgesamt zu nass. Die Dürresituation hat sich über die Sommermonate selbst im Gesamtboden aufgelöst, was in den Sommermonaten eher selten vorkommt. In Mitteldeutschland aber ist der Sommer durchschnittlich und gerade in Leipzig und um Halle herum immer noch etwas zu trocken. Der Oberboden ist zwar feuchter geworden, bis in eine Tiefe von 180 Zentimetern aber noch viel zu trocken.
Was wäre denn mit Blick auf den Dürremonitor der Ideal-Herbst?
Für eine Dürreentspannung sollten weitere Hitzeperioden ausbleiben und im Winter sollte dann ein leicht überdurchschnittlicher Niederschlag den Gesamtboden wieder in den Normalzustand bringen. Insgesamt erleben wir seit 2018 zu wenig Regen und zu viel Hitze. Im Winterhalbjahr wird das Grundwasser in Mitteleuropa normalerweise aufgefüllt. Das ist zuletzt nicht ausreichend der Fall gewesen. Einjährige Pflanzen können gut damit leben, wenn dann wie 2021 im Sommer überdurchschnittliche Niederschläge folgen.
Welche Pflanzen nicht?
Große Verbraucher wie Bäume. Besonders Stadtbäume, die in versiegeltem Umfeld stehen. Niederschlagswasser fließt meist vom Baum weg in die Kanalisation.
Leipzigs Auwald braucht feuchte Böden. Müssen wir uns auf einen anderen Wald einstellen?
Das ist aus meiner Sicht ein Fehlschluss. Ich lese ständig, Deutschland trocknet aus. Aber keine wissenschaftliche Datenbasis stützt dieses Szenario. Stürme oder Hochwasser dauern ein paar Stunden oder Tage. Dürre prägt sich über Monate aus und kann Jahre andauern. So etwas kennen wir nicht und glauben: Das bleibt jetzt für immer so. Aber das stimmt nicht.
Woraus lässt sich das ableiten?
Seit über 15 Jahren können Sie in allen Klimasimulationen ein relativ klares Muster bis zum Ende des Jahrhunderts finden: Mit zunehmender Erwärmung über Mitteleuropa steigt der Jahresniederschlag. Das gilt auch für Deutschland, im Mittel werden wir auch in 80 Jahren eine wasserreiche Region sein. Aber es treten auch immer wieder mehrjährige Dürrephasen auf.
Kann man sich darauf einstellen?
Ja, wir müssen die Dürre managen. Grundsätzlich, das ist die gute Nachricht, haben wir damit in Deutschland große Erfahrung. Schon heute sorgen wir für maximale Füllstände der Talsperren zum Ende des Winters. Eine zweite Möglichkeit ist die Grundwasser- anreicherung. Wasser wird aus Oberflächengewässern im Winter gezielt versickert, was im Sommer entnommen werden kann. Magdeburg wird so zu 70 Prozent versorgt. Es lässt sich also in großem Maßstab umsetzen.
Wo liegen die Probleme in Leipzig?
In der wachsenden Stadt schreitet die Flächenversiegelung voran. Das Problem wird bis heute nicht adäquat angegangen. Neubau-Maßnahmen könnten so gestaltet werden, dass kein Wasser ins Kanalnetz eingeleitet wird, sondern auf der Fläche versickert. Das ist bei Wohnbebauung häufig der Fall, leider nicht bei Industrieflächen. Dabei besteht keine Notwendigkeit, Flächen komplett zu versiegeln.
Kann jeder Einzelne einen sinnvollen Beitrag leisten?
Es ist wie beim Klimaschutz: Wenn ein paar Prozent der Bevölkerung darüber nachdenken, ist das gut, ergibt aber nur einen kleinen Effekt. Wir hatten zuletzt Situationen in Mitteldeutschland, als Wasserentnahme aus Flüssen und Grundwasser verboten war oder das Wässern von Rasen zwischen 12 bis 19 Uhr. Was sinnvoll ist, weil in den Hitzestunden das Wasser fast komplett verdunstet. Aber man muss alle Akteure berücksichtigen. Die Industrie ist der größte Wasserverbraucher. Und was die Landwirtschaft entnimmt, wird nicht einmal erfasst.
Kann die Landwirtschaft überhaupt mit weniger Wasser auskommen?
Wenn Landwirte durch Pumpen den Grundwasserspiegel absenken, werden benachbarte Flächen vom Wasser abgeschnitten. Das kann ein Ökosystem sein, ein Wald oder ein Forst. Schäden, die in der Landwirtschaft vermieden wurden, sind in anderen Sektoren dadurch entstanden. Wir müssen alle Akteure einbinden.


