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  • Stadtleben
OBM BURKHARD JUNG

„Wir brauchen Ideen und Mut“

Burkhard Jung ist seit 2006 Oberbürgermeister von Leipzig. Wir haben mit ihm über die Zukunft der Stadt im Angesicht des Klimawandels gesprochen, über Nachhaltigkeit, das Überbrücken ideologischer Gräben und seinen eigenen Beitrag.

Um eine nachhaltige Stadt zu werden, müssen eine Vielzahl von Faktoren – wie die Erhöhung des Grünflächen- anteils oder grüne Architektur – durchgesetzt werden. Auf welchem Weg befindet sich Leipzig aktuell?

Burkhard Jung: Wir verfügen mit dem im Oktober 2022 beschlossenen Energie- und Klimaschutzprogramm 2030 über ein zentrales Instrument auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt bis 2040. Natürlich treten auch in Leipzig die Herausforderungen des Klimawandels klar zutage. Das Wachstum unserer Stadt und die Schaffung von Wohnraum führt zu mehr Verdichtung. Der Erhalt und die Förderung der grün- blauen Infrastruktur, etwa des stadtbildprägenden Auensystems oder der zahlreichen Park- und Grünanlagen, sind deshalb von besonderer Bedeutung. Auch das Pflanzen von Bäumen, Entsiegelungsmaßnahmen, Begrünung von Gebäuden und multifunktionale Erholungsräume tragen zur Regulierung des Stadtklimas bei.

Über eine freiraumorientierte Stadtentwicklung wollen wir die Balance zwischen Bebauung und Freiraum zugunsten des Schutzes der Lebensgrundlagen und der Lebensqualität in den Quartieren verbessern. In den zukünftigen Neubauquartieren stehen beispielsweise hohen Dichten in den Baufeldern große öffentliche Parkanlagen gegenüber. Darüber hinaus setzt die Stadt – Stichwort „grüne Architektur“ – Standards, um auch auf privaten Grundstücken den Folgen des Klimawandels zu begegnen. Dennoch ist das Wachstum, zum Beispiel bei Schulen und Kitas, zulasten der grünen Infrastruktur unumgänglich gewesen.

Demokratischer Diskurs bedeutet, dass die „Interessen der Mehrheitsgesellschaft“ wahrgenommen und in Konzepte eingespielt werden. Ist dies bei einem so dringenden Phänomen wie dem Klimawandel überhaupt möglich und wie stellt sich Leipzig in dieser Frage auf?

Jung: Die Zielstellung einer klimaneutralen Stadt ist in der Praxis eine Herkulesaufgabe. Wir brauchen hier jeden Einzelnen, der kommunale CO2 - Hebel reicht dafür nicht aus. Mit dem „Forum Nachhaltiges Leipzig“ verfügen wir über ein direktes Angebot zur Mitwirkung, das offen für alle Interessierten ist und sich für eine nachhaltige Entwicklung sowohl im Privaten als auch in Unternehmen und in der Politik einsetzt. Im Beirat Nachhaltiges Leipzig beraten Fachleute aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen die Stadt Leipzig zur Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung.

Ein weiteres Format, das sich direkt an die Bürgerschaft richtet, ist die Leipziger Klimakonferenz unter Federführung des Referats für Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz. Diese spiegelt aktuelle Programme und Stra- tegien in die Bürgerschaft und nimmt wichtige Impulse der Stadtgesellschaft sowie engagierter Umwelt- und Klimagruppen auf.

Welche Möglichkeiten als Oberbürgermeister haben Sie, die Gräben zwischen den Lagern beim Thema Nachhaltigkeit im Sinne einer friedvollen Stadtgesellschaft wieder zuzuschütten?

Jung: Ganz klar: Das geht nur im vertrauensvollen, aber auch im kritischen Miteinander. Es muss ehrlich auf den Tisch, was es bedeutet, wenn wir schei- tern würden. Im Austausch mit Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik sind passgenaue und effiziente Lösungen gefragt, um die kreative Energie all der engagierten Initiativen, Vereine und Unternehmen dieser Stadt aufzunehmen und in die Gestaltung einer klimagerechten Zukunft für Leipzig einfließen zu lassen. Wir brauchen Ideen und Mut, diese auszuprobieren. Und wir müssen uns als Verwaltung auch selbst auf diesen Prozess einlassen und in den Bereichen, für die wir kommuna- le Entscheidungshoheit besitzen, eine Vorreiterrolle einnehmen. Und doch bleibt die Spannung von Flächen für Wohnungen und soziale Infrastruktur und der grün-blauen Infrastruktur.

Und was machen Sie ganz konkret, auch im Privaten? Als Stadtoberhaupt hat man ja eine Vorbildfunktion.

Jung: Ich versuche, mich in den verschiedenen Lebensbereichen bewusst zu verhalten. Das reicht von der Ernährung über die Müllvermeidung und Mülltrennung bis hin zur Mobilität. Innerstädtisch nutze ich manchmal das Fahrrad. Bei Dienstreisen gebe ich der Bahn den Vorzug vor dem Auto. Und wenn ich das Flugzeug nutzen muss – was sich manchmal nicht vermeiden lässt –, gleichen wir die verursachten Emissionen über die CO2-Abgabe aus.

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