Manche tragen sie nur beim Autofahren, andere setzen sie praktisch nur zum Schlafen ab. Wer unter einer Fehlsichtigkeit leidet, weiß: Ohne Brille funktioniert der Alltag nicht. Sehhilfen sind allerdings sehr teuer. Zwei Augenoptikermeister aus dem Leipziger Westen haben es sich zur Aufgabe gemacht, diejenigen mit guter Sicht zu versorgen, die sie sich sonst nicht leisten könnten.
Brillen-Projekt für Wohnungslose
Einmal im Monat sind Jana Hoffmann-Kirchner und Malte Kirchner für ihr Projekt unterwegs. Sie besuchen die “Alternative I” und die “Insel”. Das sind Einrichtungen, in denen Menschen bei Wohnungslosigkeit und Abhängigkeitsproblemen unterstützt werden. Vor Ort führen die Optiker Sehtests durch und passen Brillen an. In zwei Stunden arbeiten sie mit fünf neuen Klienten und fünf Abholern. Bezahlen müssen diese dafür nichts. “In den Einrichtungen liegen Listen aus, wo die Leute sich eintragen”, berichtet Hoffmann-Kirchner.
“Brille sucht Nase” heißt das Projekt, das die Brillenmodelei vor rund vier Jahren ins Leben gerufen hat. “Wir haben damals überlegt, wie wir uns lokal engagieren können”, erinnert sich die Geschäftsführerin. “Dann kam die Handwerkskammer auf uns zu und hatte fast die gleiche Idee wie wir.” Gemeinsam mit dem CABL e.V. als zweiten Partner engagiert das Paar sich ehrenamtlich neben ihrer Tätigkeit im Geschäft.
Neues Leben für alte Brillen
Als Grundlage dienen ihnen alte Brillen, die von Kunden mitgebracht werden. Diese können nicht einfach weitergegeben werden: “Die Sehstärke ist bei jeder Person individuell, wie ein Fingerabdruck”, erklärt Hoffmann-Kirchner. Deshalb modeln die Handwerksmeist er alle Brillen um, Schritt für Schritt. Malte Kirchner beschreibt den Prozess anhand eines gespendeten Exemplars in seiner Werkstatt. Der Rahmen ist nach vielen Jahren abgenutzt und von seiner ursprünglichen bunten Musterung ist kaum etwas zu erkennen. “Das können wir so nicht weitergeben, hier löst sich der Weichmacher”, beschreibt Kirchner. Das Gestell müsse also überarbeitet werden, bis es wieder intakt ist. Die Gläser werden dann individuell angefertigt, damit sie ihrem neuen Besitzer oder der neuen Besitzerin passen.
Zwar müssen die alten Brillengläser den neuen weichen. “Aber es wird alles wiederverwendet”, betont der Optiker. Aus früheren Anstellungen bei einer kleineren Optiker-Kette wissen die beiden, wie viele alte Gestelle und Gläser in der Mülltonne landen. “Das muss ja nicht sein”, kommentiert Kirchner. Auszubildende und Praktikanten in der Brillenmodelei können sie zum Üben benutzen. Von Anfang an sei es ihnen wichtig gewesen, nachhaltig zu arbeiten. “Wir denken an eine Kreislaufwirtschaft”, führt Jana Hoffmann-Kirchner an. Anstatt immer mehr Plastik und Metall zu produzieren, möchten sie so oft es geht umbauen und restaurieren. Und verwenden, was ohnehin schon im Umlauf ist - “das, was in der alten Brillenschublade liegt.”
Teil ihres Nachhaltigkeitsgedankens sei auch, dass sie lokal denken. Unter anderem deshalb haben sie sich dagegen entschieden, ein Projekt wie “Brille sucht Nase” im Ausland zu starten. “Wir bräuchten ja wen vor Ort”, führt Hoffmann-Kirchner an. “Und hier in Leipzig haben wir ein großes Problem mit Wohnungslosigkeit.”
Gute Sicht für Lebensqualität
Den beiden Optikern ist es wichtig, bei ihrem ehrenamtlichen Projekt genauso vorzugehen, wie bei allen anderen Kunden. “Sonst würden wir sie ja behandeln wie Menschen zweiter Klasse”, sagt Kirchner. Dieser Prozess umfasst auch eine ganzheitliche Anamnese. Also eine ausführliche Überprüfung der Sehstärke inklusive Fragen nach medizinischen Hintergrunddaten. “Dabei kommt man ins Gespräch”, erzählt der Optiker.
So erfahren die beiden bei jedem Besuch aufs Neue, wie die hart die Lebensrealität ihrer Klienten im Projekt aussieht. Kirchner erinnert sich: “Einem Klienten wurde das Konto gesperrt. Deshalb konnte er seine Miete nicht mehr zahlen, sodass sein Mietvertrag gekündigt wurde. Er hat dann zwei Jahre auf der Straße gelebt.” Die neue Brille habe eine zentrale Rolle gespielt, um sein Leben zum besseren umzukehren: “Er konnte seine Anträge und Formulare wieder richtig lesen.” Seine Partnerin wirft ein: “Die Leute brauchen etwas für den Start, das sie in ihrem Sein stärkt.”
Malte Kirchner ordnet ein: “Wegen städtischen Budgetkürzungen mussten wir von vier auf zwei Anlaufstellen runtergehen.” Ursprünglich besuchte das Unternehmerpaar auch die Alternative 3 und einer Notunterkunft für Frauen. Jana Hoffmann-Kirchner möchte künftig wieder mehr Orte besuchen: “Wir würden gern wieder das Übernachtungshaus für Frauen dazunehmen.” Vor zwei Jahren waren sie zuletzt dort. “Damals haben wir festgestellt, dass die Frauen dort die anderen Einrichtungen nicht besuchen”, führt sie an. Da einige der Frauen vor ihrem Aufenthalt in der Schutzeinrichtung von häuslicher Gewalt betroffen waren, fürchten sie sich vor Männern. In den anderen Unterkünften halten sich größtenteils Männer auf. “Deshalb können sie das Angebot nicht wahrnehmen.”
Projekt ist spendenfinanziert
Seit dem Start ihres Projekts hat das Team der Brillenmodelei gemeinsam mit einer weiteren Optikerin 130 Personen mit knapp 300 Brillen ausgestattet. Manche benötigen zwei Brillen, weil sie beispielsweise kurz- und weitsichtig sind. Derzeit liegen 512 gespendete Brillen in der Werkstatt des Geschäfts. Das Projekt finanziert sich derzeit durch Spenden und wird zusätzlich vom Gesundheitsamt bezuschusst. Allerdings reiche das nicht immer aus. Etwa zehn Wochenstunden investieren die Optiker ehrenamtlich in ihr Herzensprojekt. Doch die Materialkosten bleiben teilweise unvorhersehbar. So musste für einen Kunden mit 12 Dioptrien ein besonders dünn geschliffenes Glas her. Hier überstiegen die Kosten das, was im Spendentopf zur Verfügung stand. “In solchen Fällen können wir selbst auch mal etwas dazulegen”, erklärt Hoffmann-Kirchner. Dennoch wünschen sie sich weitere Unterstützung, um noch mehr Menschen und Einrichtungen versorgen zu können.



