„Man muss offen für vieles sein“, sagt Tina Freitag. Sie ist bei der Diakonie als Leiterin der Telefonseelsorge Leipzig angestellt und koordiniert die Ehrenamtlichen, die sich am Telefon engagieren. „Es rufen alle mit allem an“, erzählt sie. Ob mit persönlichen Krisen, beruflichen Problemen oder um sich alles von der Seele zu reden. Doch kaum etwas bereitet den Anrufern so viel Kummer wie die Einsamkeit, so Freitag. Das sei ein nationaler Trend.
Einjährige Ausbildung
Um auf dieses breite Themenspektrum eingehen zu können, absolvieren die rund 70 Ehrenamtlichen eine spezielle Ausbildung. Innerhalb eines Jahres lernen sie individuelle Gesprächsführung und aktives Zuhören. Dazu gehört Selbsterfahrung. Zwar werden hier keine Therapeuten ausgebildet, „aber wir verstehen uns als ein Puzzleteil der psychosozialen Versorgung“, so Freitag.
Dajana Meier* ist seit 2019 Teil des Teams. Um wie alle Ehrenamtlichen anonym zu bleiben, verrät sie ihren echten Namen nicht öffentlich. Dass die Ausbildung so lang dauern würde, hat sie zunächst überrascht. “Ich kann das doch”, dachte sie anfangs. Immerhin arbeitet sie hauptberuflich im sozialen Bereich. Mit dem Gedanken lag sie nicht richtig, denn in den Schulungen erlernte sie eine Reihe neuer Fähigkeiten: “Es ist eine ganz andere Gesprächsführung”, erklärt Meier. Normalerweise neige man dazu, nach dem “Warum” zu fragen. Bei Seelsorge-Telefonaten gehe es aber nicht um Beweggründe. “Die Menschen wollen berichten, sie wollen verstanden werden.” Hin und wieder werde sie nach ihrer
persönlichen Meinung gefragt. Die gibt sie aber genauso wenig preis wie ihre Identität.
Stattdessen rollen wir die Situation gemeinsam auf”, sagt Meier. “Was würde Ihnen helfen?”
fragt sie dann oft, und bietet den Anrufenden so Hilfe zur Selbsthilfe an.
Alltag in der Telefon-Seelsorge
Dajana Meier ist sowohl in der Telefon- als auch in der Mail-Seelsorge aktiv. Eine klassische vierstündige Telefon-Schicht sieht in etwa so aus: 15 Minuten vor Schichtbeginn kommt die
Ehrenamtliche in der Dienstwohnung an. Die helle, einladende Wohnung ist mit Holzdielen verkleidet und verfügt über mehrere Räume. Während der Übergabe zwischen zwei Schichten können sich die Diensthabenden austauschen und, falls nötig, einander Halt geben. Um ihre Schicht zu beginnen, meldet sich Dajana Meier an, setzt ihr Headset auf und wartet. “Anfangs hatte ich noch Herzklopfen, wenn ein Anruf kam”, erinnert sie sich.
Inzwischen bin ich ganz ruhig.” Wenn sie eine Pause braucht, legt sie eine ein.
Dabei trinkt sie besonders gern einen Tee, den sie sich in der gemütlichen Teeküche zubereitet. Anrufe dauern in der Regel 20 bis 25 Minuten, selten länger. “Manche Leute rufen jeden Tag an”, erzählt Meier. Das sei in Ordnung. Die Anrufer werden lediglich darum gebeten, die Ehrenamtlichen nicht zu bedrängen oder zu belästigen. Solche Grenzüberschreitungen kommen in Meiers Erfahrung allerdings nur selten vor.
Ehrenamtlich, um Glück zu teilen
Dajana Müller hat sich dieses Ehrenamt in einem Moment ausgesucht, als sie ganz besonders zufrieden mit sich und ihrem Leben war.
Ich wollte etwas von meinem Glück abgeben”, sagt sie und ergänzt: “Das ist eine wichtige Tätigkeit für die Gemeinschaft.”
Nach gut sieben Jahren steht sie noch immer dazu. Und sie bemerkt, dass sie sich privat anders verhält als zuvor: “Ich spreche mit Freunden und Verwandten anders als früher.” Sie sei heute noch geduldiger als früher und hört besser zu.
Um ihre eigene Psychohygiene zu pflegen, hat Meier mehrere Methoden: “Nachtschichten mache ich nicht mehr, wegen meines Biorhythmus”, erklärt Meier. Stattdessen nehme sie nur Dienste zu Zeiten an, die sie gut mit ihrem alltäglichen Leben verbinden könne. Und das sei “spießig”, gesteht sie ein. Und zwar ganz bewusst: Sie fährt gern Fahrrad, pflegt ihren Garten, verbringt viel Zeit mit ihrer Familie. So bleibt sie bei sich und nimmt die Telefonate nicht mit nach Hause. Und sollte sie doch einmal viel über einen Fall nachdenken, reflektiert sie darüber: “Manchmal bin ich stärker berührt”, sagt Meier. Sie ist dankbar, dass sie regelmäßig die Treffen ihrer Supervisionsgruppe besuchen kann. Darin können belastende
Telefonate im kleinen Kreis aus mehreren Ehrenamtlichen und einem Supervisor besprochen werden. “Wir sind eine verschworene Gemeinschaft”, erklärt sie halb im Scherz. “Wir halten uns im Hintergrund und treffen regelmäßig aufeinander.”
Anonymität “ist tricky”
Das sei unter anderem deshalb wichtig, weil ihr Ehrenamt anonym bleiben muss - um sich und die Anrufenden zu schützen. “Das ist tricky”, verrät Meier. Ihr Mann und ihre Kinder wissen zwar, wo sie sich engagiert. Anderen erzählt sie das nicht, oder bleibt vage. Wer ihre Geschichte kennt, begegnet ihr oft mit Bewunderung: “Was du da machst, das könnte ich nicht”, wird ihr oft gesagt. “Ich habe das ja gelernt”, entgegnet sie daraufhin meist. Sie vermutet, dass die meisten Menschen sich deutlich dramatischere Fälle vorstellen, als in der Realität besprochen werden. Dabei seien es in der Regel die Alltagssorgen, die dominieren.
Sie bekommt zu spüren, wie präsent Einsamkeit in der Bevölkerung ist: „Viele rufen an und sagen mir: Ich muss einfach mal wieder mit einem Menschen sprechen.” Das sind oft Senioren in Pflegeeinrichtungen, aber auch junge Menschen, die ihren Sinn im Leben suchen. Meier findet es wichtig, in diesen Momenten zu unterstützen und stellt klar:
Es gibt keine zu kleinen Probleme.“
Denn die Telefonseelsorge steht für Hilfe beim Sortieren von Gefühlen in persönlichen Krisen. Für die Möglichkeit, eine andere Perspektive zu finden und Licht in dunkle Zeiten zu bringen.
*Name geändert.


