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Leuschnerplatz -

Was ist geplant?

Wilhelm-Leuschner-Platz René Siebert vom NABU Leipzig (links) und SPD-Stadtrat Prof. Dr. Getu Abraham (rechts)
Zwei Leipziger, zwei Meinungen zu den Plänen am Leuschnerplatz: René Siebert vom NABU Leipzig (links) und SPD-Stadtrat Prof. Dr. Getu Abraham (rechts) © Sylvio Hoffmann

Eine Markthalle auf dem Leuschnerplatz? Im Frühjahr war diese Halle und viele weitere Planungen wieder einmal Thema in der Stadt und im Stadtrat. Schon 2010 gab es mit einer Städtebauwerkstatt einen breit angelegten Beteiligungsprozess unter Einbindung von Experten und der Bevölkerung. Die Umgestaltung des Innenstadtplatzes 2030 abzuschließen ist das Ziel. Ein Einblick in den kürzlich vom Stadtrat beschlossenen Planungsstand und zwei Meinungen dazu.

Umdenken nur teilweise erreicht

René Sievert, Diplom-Biologe und Journalist, ist seit 2012 Vorsitzender des NABU-Regionalverbands Leipzig. Außerdem hat er die Stelle des stellvertretenden Vorsitzenden im Sächsischen Landesverband des NABU inne.

„Der Wilhelm-Leuschner-Platz ist ein Platz der biologischen Vielfalt. Tiere und Pflanzen haben hier mitten in der Stadt ein Zuhause – ein wertvolles Potenzial für Stadtklima und Wohlbefinden der Menschen. Leipzig hätte die Chance, diese Brachfläche intelligent und zukunftsweisend zu entwickeln, eine nachhaltige Bebauung und Nutzung könnte Vorbild sein für andere Städte- bauprojekte. Stattdessen soll der Platz ein weiteres Negativbeispiel für rücksichtslose, unzeitgemäße und klimaschädliche Betonprojekte werden. Viele Menschen haben angesichts politischer Bekenntnisse zu Biotop- und Klimaschutz kein Verständnis für eine solche Vorgehensweise der Stadtplaner und Behörden. Deutliche Schritte zu mehr Natur- und Klimaschutz wären notwendig, nicht noch mehr Beton.

Mit juristischen Mitteln ist es dem NABU im Januar gelungen, Fällungen und Rodungen zu unterbrechen, nachfolgend begann eine neue Debatte über die Zukunft des Platzes, ein Umdenken der Entscheidungsträger wurde aber nur teilweise erreicht. In Zeiten von Artensterben und Klimakrise ist es notwendig, vorhandene Natur für Mensch, Klima und Biodiversität zu schützen, doch die Naturzerstörung geht in Leipzig leider ungebremst weiter.“

Turbulentes Viertel mit hoher Lebensqualität

Prof. Dr. Getu Abraham ist SPD-Stadtrat und Sprecher für Stadtentwicklungspolitik, Umweltpolitik, Hochschul- und Wissenschaftspolitik im Wahlkreis 0 (Zentrum).

„Der Wilhelm-Leuschner-Platz war in seiner Geschichte auch einmal ein vornehmer Ort im Herzen der Stadt. Seit 70 Jahren kennen wir ihn nur als Brachfläche, die darauf wartet, entwickelt zu werden.

Seit der April-Ratsversammlung ist klar: Die Brache wird keine bleiben. Bedeutende Wissenschaftseinrichtungen wie das Leibnitz-Institut für Länderkunde, das Global Hub, das Forum Recht und die Juristenfakultät sollen dort entstehen. Daneben findet das Naturkundemuseum seinen Platz im Bowling-Treff.

Eine urbane Einöde wird belebt: Wohnungen entstehen, die Wissenschaft wird dort aufblühen und wissbegierige Menschen anziehen. Der Wilhelm-Leuschner-Platz wird den Handel und
die Kultur der Innenstadt ergänzen. Wir sollten dort deshalb keine zusätzliche Konkurrenz für den Handel in der Innenstadt und Überbedarfsflächen schaffen.

Wir unterstützen das Entstehen eines turbulenten Viertels mit hoher Aufenthaltsqualität. Es werden dort mehr Flächen entsiegelt als bebaut, wir werden Grüngestaltungen an Gebäuden erleben, für die wir uns schon vor Jahren eingesetzt haben. Mit einem barrierefreien Bewegungs- und Gesundheitspark wird eine erlebbare Grünfläche für alle geschaffen. Das alles wäre einmalig in Deutschland.”

 

1: Komplex

Wohnen, Läden und das Leibnitz-Institut für Länderkunde (IfL). Das IfL unter Direktor Sebastian Lentz (Lentz bekam gerade die Semjonow-Medaille in Gold der Russischen Geographischen Gesellschaft) analysiert Entwicklungskonzepte und macht den gesellschaftlichen Wandel sichtbar. Derzeitiger Sitz ist in der Schongauerstraße.

2: Komplex

Markthalle und Global Hub. Geprüft wird noch, ob über der Markthalle Platz für die Musikschule „Johann Sebastian Bach“ und die Volkshochschule wäre. Global Hub soll sechs Etagen in Anspruch nehmen und zum Wissenschafts- und Forschungszentrum werden. Einzelne Geschäfte in der Markthalle dürfen max. 800 Quadratmeter haben.

3: Komplex

Wohnen, Büros und Juristenfakultät der Universität Leipzig sowie das Forum Recht, initiiert vom Bund. Hier sollen in Bezug auf die Friedliche Revolution 1989 menschenrechtliche und rechtsstaatliche Forderungen in den Mittelpunkt gestellt werden. Als Informations-, Dokumentations- und Begegnungszentrum geplant.

4: Komplex

Neben der Katholischen Probstei St. Trinitatis. Der Gebäudekomplex wird umgebaut und nach und nach mit Büros und Gewerbe unterschiedlichster Ansätze gefüllt.

5: Ehemaliger Bowlingtreff

Naturkundemuseum der Stadt Leipzig. Aus bauordnungsrechtlichen Gründen wird der Umzug des Museums aus der Lortzingstraße nötig. Unter dem Motto „Ausstellen, Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln“ geht es in die 1987 errichtete ehemalige Freizeitanlage. Diese wurde in einem ehemaligen Umformwerk errichtet und 1997 geschlossen. Die eigentliche Sammlung verbleibt in der Lortzingstraße.

6: Freifläche

Hier soll der Platz vor der Stadtbibliothek weitgehend begrünt werden. Bei den Autostellplätzen wurde nur die Minimalvariante vom Stadtrat gebilligt, welche 75 Prozent weniger ausmacht, als die Stellplatzverordnung zulässig findet. Es soll Strauchflächen und eine Verbesserung der Baumanzahl sowie -qualität organisiert werden.

Die Fachämter der Stadt Leipzig äußern sich (gebündelt)

Zusätzlich versuchte Ahoi-Redakteur Volly Tanner auch ein Statement von den Fachämtern der Stadt – in diesem Falle dem Amt für Stadtgrün und Gewässer (ASG), dem Amt für Umweltschutz und dem Stadtplanungsamt zu erhalten, die uns eine gemeinsame Antwort zusandten, die wir unserer Leserschaft natürlich auch zur eigenen Meinungsbildung zur Verfügung stellen wollen.

Gerade zum umstrittenen Problem des Umweltschutzes wurde sich wortwörtlich und wie folgt geäußert:

„Das rund sechs Hektar große Areal unmittelbar südlich der Innenstadt ist seit der Zerstörung im Krieg unbebaut. Die vorhandene Begrünung ist eine Spontanbegrünung, die über die Jahrzehnte gewachsen ist; allein die Begrünung des südlichen Baufelds erfolgte nach dem Rückbau des Commerzbank-Interims Ende der 1990er Jahre in geordneter Manier. 

Planungen zur Wiederbebauung des Areals gab es schon vor ebenso wie nach 1990 (Workshop City-Süd 1991; der daraus entstandene Rahmenplan war 20 Jahre unverändert gültig). Damit sollte und soll dem Leuschner-Platz wieder seine wichtige städtebauliche Bedeutung als Gelenk und Verbindung zwischen dem Inneren Süden und der Innenstadt zurückgegeben werden. Kern der Überlegungen war immer eine mehr oder weniger Wiederbebauung des Areals in Anlehnung an die historische Baustruktur. Die weitgehende Wiederaufnahme historischer Baufluchten ist ein langjähriges Planungsziel der Leipziger Stadtplanung. 

Für die Erstellung des Umweltberichtes wurde ein artenschutzrechtlicher Fachbeitrag im Sinne des § 44 BNatSchG vom April 2019_ergänzt Februar 2020 für geschützte Vogelarten erstellt und im August 2020 um eine artenschutzfachliche Betrachtung zu häufig vorkommenden Brutvogelarten ergänzt. Siehe Begründung zum Bebauungsplan Nr. 392, Seite 41 ff., insbesondere die Seiten 46 bis 54. Darüber hinaus sind weitere Konzepte und Prognosen in den mehr als 40seitigen Umweltbericht der Begründung zum B-Plan eingeflossen: Energiekonzept vom Februar 2018, Regenwasserbewirtschaftungskonzept vom Juli 2018, Schallimmissionsprognose vom Februar 2019, Orientierende Altlastenuntersuchung vom April 2018.

Es ist festzuhalten, dass die besonders geschützten Vogelarten wie der Grünspecht und der Turmfalke hier nicht genistet, wohl aber ein Nahrungshabitat gefunden haben und die Fällungen in der Winterperiode erfolgt sind. Der Turmfalke nistet z.B. zahlreich im Neuen Rathaus.
Es sind zahlreiche Ersatzquartiere für Fledermäuse (24) und Vögel (18) an Bäumen bzw. Gebäuden im Umfeld des Leuschner-Platzes anzubringen und dauerhaft zu erhalten.

Für die Fällungen lag ein Bescheid gemäß Baumschutzsatzung vor, d. h. die Fällungen wurden durch das zuständige Amt für Stadtgrün und Gewässer genehmigt und entsprechende Ersatzpflanzungen wurden festgesetzt.

Der Bebauungsplan enthält umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen für entfallendes Grün: ca. 180 neu zu pflanzende Straßenbäume, Tiefgaragenüberdeckungen mit 150 cm Substrat, um entsprechende Baum- und Strauchpflanzungen zu ermöglichen und intensive Dachbegrünung auch mit Sträuchern - um nur einige Aspekte zu nennen.

Die Platzfläche vor der Stadtbibliothek soll ab Mitte des Jahrzehnts zu einem Stadtplatz mit hohem Grünanteil ausgebaut werden. Die konkrete Gestaltung soll dabei ab 2022 über ein Wettbewerbsverfahren gefunden werden. Baum- und Strauchpflanzungen – und damit die Schaffung neuer Nahrungshabitate, Regenwasserversickerung und unversiegelte Platzflächenanteile sind wesentliche selbstbindende Vorgaben des Bebauungsplanes für die Konzeption des Platzes.

Folgende Ersatzpflanzungen im Geltungsbereich der städtischen Baumschutzsatzung wurden konkret festgesetzt, die bis 31.12.2022 zu erbringen sind:

- 10 hochstämmige und Solitärpflanzen mit einem Stammumfang von 30 bis 50 Zentimeter
- 20 hochstämmige Pflanzen mit 20 bis 30 Zentimeter Stammumfang
- 79 hochstämmige Pflanzen mit einem Stammumfang von 14 bis 20 Zentimetern
- 43 hochstämmige Pflanzen mit einem Stammumfang von 8 bis 14 Zentimetern sowie
- 10 Jungpflanzen (Heister bis 3 Meter Höhe)"

 

Wir danken für die Zuarbeit dem Referat Kommunikation der Stadt Leipzig und hier ganz besonders dem Sachgebiet Medien.

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