//
//
  • Interviews
  • Musik
Gespräch mit dem Künstler Malte Vief

Tod und Abschied

Malte Vief, ein Musiker geht seinen Weg © Etienne Lehnen

Malte Vief ist für Menschen, die sich ihre musikalische Grundnahrung jenseits der Industriemoden holen, ein guter Lieferant. Jetzt hat er sogar einen amerikanischen Preis eingeheimst. Ahoi-Redakteur Volly Tanner fragte nach:

Ahoi: Guten Tag und ganz viele Glückwünsche an Dich, lieber Malte Vief. Du hast gerade mit „Gigue“ den amerikanischen „Songdoor 2024“ gewonnen. Der Preis ging in der Kategorie Instrumental an Dich. Großartig! Wie kam es denn, dass gerade die Amerikaner auf Deine Musik aufmerksam wurden?

Malte Vief: Ich grüße Dich, lieber Volly. Ich freue mich über unser Gespräch. Auf Deine erste Frage muss ich demütig antworten. An einen Wettbewerb trete ich natürlich als Teilnehmer heran und bewerbe mich. Leider haben die mich nicht ausgesucht. Der Songdoor ist ein Songwriting Wettbewerb, für den man sich weltweit bewerben kann. Es gibt verschiedene Sparten wie Rock, Pop, Country … und eben auch „instrumental“. Stilistisch gibt es folglich wenig Einschränkungen. Das kann man ja allein schon über meine instrumentale Kategorie sagen. Die Teilnahme erfolgt dann über die Einreichung einer oder mehreren Audiodateien.
Der Preis macht mich natürlich stolz, zumal viele der Preisträger US-Bürger sind. Ich freue mich darüber und habe damit eine gute Grundlage, Werbung und auf mich aufmerksam zu machen. Es sind natürlich jetzt einige interessiert, darüber zu berichten, was für uns Musiker immer hilfreich ist.
Warum die Jury mich ausgewählt hat, kann ich natürlich nicht sagen. Ich habe eine solche Auswahl oft genug mitgemacht. Ich weiß, dass es unendlich viel hochwertige Musik gibt. Vieles ist schwer oder vielleicht sogar gar nicht vergleichbar. Es gehört immer auch eine Portion Glück dazu. Sicher muss ich als Teilnehmer für einen Erfolg auch den Geschmack der Jury treffen, was mir dieses Mal offensichtlich gelungen ist.

Ahoi: Ich mag Dein Motto „Klare Musik in wirren Zeiten“ sehr. Was ist aber, Deiner Einschätzung nach, das Klare in Deiner Musik? Das Wirre in unserer Zeit ist mir schon klar.

Malte Vief: Das ist natürlich bewusst schmissig gewählt. Die politischen und sozialen Zusammenhänge in unserer Welt sind unglaublich komplex. Die Menge an Informationen ist nicht zu bewältigen. Ob eine Information ok ist, können wir wohl in den wenigsten Fällen bewerten. Wahrheit ist aus meiner Sicht nicht möglich, oder sie ist zu groß und schwer, um sie zu erfassen. Deswegen ist für mich auch oft eine Meinung schwierig. Das empfinde ich als wirr.
Musik ist abstrakt und relativ, auf die Art, wie ich sie höre, ihr begegne und darauf reagiere. Im guten Fall bin ich berührt. Was das aber nun heißt, also was ich empfinde, ist immer ein individuell. Das gleiche Stück kann bei verschiedenen Menschen unterschiedlichste Assoziationen und Gefühle hervorrufen.
Für mich als Schreibender gibt jedoch immer etwas sehr Konkretes, das mich zu diesem Stück führt, es entstehen lässt; das ist für mich etwas sehr Klares. Generell kann ich sagen, dass das immer Erlebnisse oder Erfahrungen sind, die sehr intensiv für mich sind oder waren, im Guten wie im Schlechten. Zum Beispiel haben mich Tod und Abschied schon lange sehr beschäftigt und inspiriert.

Ahoi: Gigue ist, so erlas ich mir lexikanisch, ein lebhafter, heiterer Tanz, gewöhnlich zweiteilig, aus dem 17. Und 18. Jahrhundert. Also: Alte Musik. In neu! Wieso befasst Du Dich aber mit der Gigue?

Malte Vief: Generell hat mich die „Alte Musik“ - also die Musik des 15.-17. Jahrhunderts – immer schon sehr angesprochen, ähnlich wie viele Rockbands.
Ich habe die Alte Musik sehr intensiv als Jugendlicher und während meines ersten klassischen Studiums kennengelernt, indem ich sie viel gespielt und gehört habe.
Einen großen Teil dieser Musik machen Tanzformen aus, die in dieser Zeit im Volk wie am Hof (man könnte also sagen, in der U- wie in der E-Musik) beliebt waren. Eine davon ist nun die Großbritannien stammende Gigue. Wie Du richtig sagst, ist das meist ein sehr lebhafter Tanz; genauer gesagt lebt er von schnellen 6er bzw. 12er Bewegungen. Für diese Rhythmik habe ich sowieso schon mal eine Schwäche. Darüber hinaus lässt sich die „Motorik“ fantastisch mit rockigen Gesten zusammenführen.
Durch den Tanz-Charakter bleibt aber wie von selbst eine folkige Note.
Kurz gesagt: Ich habe hier eine Steilvorlage, um Aspekte zusammenlaufen zu lassen, die ich sehr mag.

Ahoi: Auf Deiner Homepage spült es mir den Begriff „Heavy Classic“ zu. Was ist das denn?

Malte Vief: Auch, wenn meine Musik viele kontemplative Strecken hat, habe und vor allem hatte ich immer einen starken Drang zum Rock. Noch bevor ich die Klassik entdeckt hatte, habe ich z. B. viel Deep Purple, den Grunge der 90er, Metallica … gehört. Ich denke, das konnte man schon in meinen ersten Kompositionsversuchen hören und erkennen, auch wenn die Basis immer das klassisch Konzertante war und ist.
Als ich nach meinem klassischen Gitarrenstudium in Hamburg anfing, in Dresden bei Thomas Fellow einen Aufbau Studiengang „Akustische Gitarre“ zu absolvieren, stellte Thomas mich anderen als jemanden vor, der „Apokalyptika auf akustischer Gitarre spielt“. Das war die Geburt meines Labels „Heavy Classic“. Seit einigen Jahren habe ich das Motto jedoch etwas an die Seite gestellt. Ich bin jetzt 44; meine Musik ist etwas ruhiger geworden? Der rockige Aspekt ist aber immer noch erkennbar. Ich spiele z. B. ein Konzertprogramm unter meinem alten Motto „HeavyClassic“.

Ahoi: Mein Zugang zu Deiner Musik lief über Deine „Kammer“-Alben, die ich äußerst fantastisch fand und auch in meiner Radiosendung spielen durfte. Jetzt weiß ich, dass Du auch ein ausdauernder Tourer bist. Gibt es da unterschiedliche Formationen oder spielst du in der Regel allein? Wie gehst Du mit wem auf Tour?

Malte Vief: Ja, das Touren und das Produzieren - das sind beides Aspekte meines Musikerlebens, die ich sehr liebe! Wenn Dir die drei Kammer-Alben gefallen, dann freut mich das natürlich.
Es gibt für mich Hauptprojekte und feste Musiker, mit denen ich eigentlich immer auf Tour bin. Mein Projekt „Malte Viefs Kammer“ besteht aus dem Cellisten Matthias Hübner (Lausitz) und den beiden Geigern Thomas Fleck (Leipzig) und Florian Mayer (Dresden). Was wir spielen, ist moderne Kammermusik, würde ich sagen. Unsere Musik ist klassisch konzertant. Wie viele unsere Zeitgenossen haben wir es nicht so mit den stilistischen Grenzen. Wir spielen halt so, wie es uns gefällt, das kann dann auch mal rockig oder folkig und improvisiert sein. Mit Matthias habe ich ein weiteres Duoprojekt mit dem Namen „Euphoryon“. Auch wir spielen Crossover; hier geht es ein bisschen stärker ins Rockige.
Ich bin sehr dankbar um meine Mitmusiker. Matthias kenne ich schon lange aus meinem Studium in Dresden; wir haben uns quasi zusammen entwickelt.
Er ist unglaublich vielseitig, hat auch eigene Projekte wie z. B. „Trojka“. Thomas ist eigentlich Stimmführer beim MDR. Er ist ein fantastischer Geiger, der alles spielen kann. Florian ist ebenfalls ein begnadeter Geiger. Man kann ihn z. B. aus seiner Zeit beim „Blauen Einhorn“ kennen.
Sehr viel spiele ich auch solo als Gitarrist.
Immer wieder spiele ich auch Konzerte, die zusammen mit anderen Musikern gestalte, ohne dass wir ein festes Projekt sind. Ende Februar bin ich beispielsweise mit dem Leipziger Pianisten Clemens Christian Poetzsch auf Tour.

Ahoi: Nun hast Du ja einem amerikanischen Preis im Sack, wäre ja sinnvoll, jetzt eine Amerika-Offensive zu starten. Gibt es Pläne, über den hiesigen Rand hinweg zu strahlen? Und wenn ja, welche?

Malte Vief: Überwiegend nein. Ich habe vier Kinder zwischen 2 und 13. Jahren. Ich
konzentriere mich mit den Konzerten seit einigen Jahren auf Deutschland.
Ich stehe gerne auf der Bühne; ich mag das. Die Fahrtwege sind immer wieder anstrengend und zeitintensiv. Da ich auch ein straffes Privatprogramm habe, werde ich solche Pläne um ein paar Jahre vertagen.
Der Preis könnte natürlich eine Promohilfe sein, wenn man dort Konzerte ankündigen würde.
Anders sieht es bei den Streamingdiensten wie Spotify … aus. Da kann ich international denken. Natürlich habe ich da auch Hörer in anderen Ländern und auch in Amerika.

Ahoi: Danke, Malte, für Deine Zeit und Deine Musik – und noch viel Freude beim weiterhin Musik schöpfen.

Malte Vief: Ich danke Dir, Volly, für Zeit und Aufmerksamkeit!

Konzerte & Wissenswertes zu Malte Vief:
Malte Vief | Musiker, Komponist, Gitarrist

« zurück
zur aktuellen Ausgabe