Letzte Woche durften wir Isabel kennenlernen, die in Leipzig in den wilden Jahren des Aufschwungs, in denen so viel möglich war, zum Orgateam der Neulicht-Konzerte in der Villa gehörte und die es dann irgendwann weit in die Welt zog. In Teil 2 des langen Interviews besprechen die Weltbürgerin und Hebamme Isabel und der Ahoi-Redakteur Volly Tanner, was Doulas sind, welche Verbindungen noch ins hiesige kulturelle Leipzig bestehen, was Isabel in der Ferne vermisst und was sie dorthin zog und noch einige Fragen mehr. Bleibt neugierig auf die Welt!
Ahoi: In einem Post auf Deiner Facebook-Seite schreibst Du von den „Doulas“. Was ist das denn? Was sind Doulas und was machen Doulas?
Isabel: Seit ich aus Deutschland weg bin, hat sich die Wichtigkeit und sicherlich auch die Anzahl der Doulas auf der ganzen Welt sehr erhöht. In Südamerika ist es eine regelrechte Frauenbewegung, bei der es darum geht, Schwangerschaft, Geburt und Muttersein wieder in die eigenen Hände zu nehmen und gegen den weltweiten Trend der steigenden Kaiserschnitte und Vernachlässigung und Gewalt in Krankenhäusern vorzugehen.
Ich hab jetzt selbst mal nach ein paar Definitionen von Doula im Internet gestöbert und dies zusammenfassend gefunden: „Eine Doula ist eine erfahrene, nicht-medizinische Geburtsbegleiterin, die werdende Mütter während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett emotional und mental unterstützt. Sie arbeitet als wertfreie „Freundin auf Zeit“, um der Frau ein tiefes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu geben.“
Was eine Doula ausmacht, ist die emotionale Stütze. Das heißt, die Doula ist die konstante Begleiterin an der Seite der Frau, hört zu, nimmt Ängste und hilft dabei, Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln. Sie stärkt auch den Partner, falls dieser bei der Geburt dabei ist. Doulas haben keine medizinische Ausbildung: Sie ist kein Ersatz für eine Hebamme oder einen Arzt. Ihre Aufgaben umfassen keinerlei medizinische Eingriffe, Vorsorgeuntersuchungen oder Diagnosen. Und ich denke, was Doulas immer wichtiger werden lässt, ist, dass sie für kontinuierliche Begleitung sorgen. Da Hebammen im oft stressigen Klinikalltag mehrere Frauen gleichzeitig betreuen, bleibt die Doula durchgehend bei der Gebärenden und bietet die dringend benötigte Eins-zu-eins-Begleitung.
Doulas sind sehr wichtig im Klinikalltag, finde ich. Eben genau aus diesem Grund der kontinuierlichen Begleitung. Bei einer außerklinischen Geburt ist die Hausgeburts- oder Geburtshaushebamme für all die oben genannten Aspekte der Betreuung da und hat auch die Zeit plus natürlich das medizinische Wissen.
Ahoi: Warum hast Du eigentlich „das beste Deutschland aller Zeiten“ - wie unser Bundespräsident dieses Land hier gern nennt - verlassen? Was hat Dich in die Ferne getrieben?
Isabel: Ich denke, ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich einmal die Welt bereisen würde. Nach dem Abitur war mir klar, ich will weg. Eigentlich wollte ich nach Ghana und hatte da schon einen Platz in einem Kinderkrankenhausprojekt. Doch meine damalige Hausärztin machte meinen Eltern Angst, ich könnte da Malaria bekommen. Das war irgendwie schräg, aber dann modelte ich eben um und hatte das große Glück, für ein Projekt in Madrid genommen zu werden. Ich weiß noch, ich kaufte mir, das war 2000, einen Reiseführer für diese Metropole. Ich komme aus dem Thüringer Wald, war noch nie geflogen und hatte eigentlich gar keine Ahnung von Nix. An den Reiseführer von ganz Spanien hatte ich gar nicht gedacht, doch sehr schnell wurde meine Reiselust geweckt und ich erkundete große Teile Spaniens, die Kanaren und Portugal in diesem Jahr. Und dann ging es einfach weiter. Ich bekam immer wieder Lust auf was „Neues“, was „Fremdes“. In den folgenden Jahren reiste ich noch mehrere Male nach Spanien, wo auch mein bis dahin recht unbekannter Cousin „offgrid“ wohnte, und lebte in Costa Rica für sieben Monate und bereiste Nicaragua und Panama. Und ich muss sagen, damals war das alles noch ganz schön wild und Mittelamerika bestimmt noch nicht amerikanisiert. Mit meinem damaligen Freund machte ich eine längere Reisen nach Marokko, Indien, nochmal Costa Rica und ich ging zu der Maya-Hebamme in Guatemala. Und dann kam der große Sprung nach Asien 2012, der eigentlich mit einem unbemerkten Burnout anfing. Ich bekam drei Monate vom Geburtshaus Hamburg frei und wollte mir einen Traum ermöglichen und Borneo und Orang Utans kennenlernen. Das tat ich dann auch und darüber hinaus entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Tauchen. Ich traf einen Mann, richtete bei meiner Rückkehr Zuhause in Hamburg ein riesiges Chaos an und verletzte viele Menschen. Das tut mir auch bis heute noch sehr leid. Doch ich wusste, ich musste weg. Ich musste neu anfangen.
Ahoi: Erzähl gern weiter, Isabel …
Isabel: Ich wollte keinen Wecker mehr, keinen vollen Terminkalender, keinen Nervensystem-Ausgleich durch Alkohol und Zigaretten und Feiern auf dem Kiez. Ich wollte tauchen und die schönsten Korallenriffe der Welt sehen. Ich bin sozusagen abgetaucht, um bei mir anzukommen. Und dann ergab sich alles nach und nach. Ich blieb ganze zehn Jahre in Asien. Ich folgte einfach meinem Herzen. Bis zu diesem Tag, genau, wenn ich diesen Satz schreibe, folge ich meinem Herzen.
Ahoi: Die Welt ist wunderschön und vielfältig und bunt und lebensfroh, wenn man sich aus der Begrenztheit der „engen Gassen ehrwürdiger Nacht“ befreit. Du lebst nun schon länger „anders“. Was kannst Du – aus Deiner Perspektive – den Menschen hier in Leipzig raten, um etwas entspannter zu werden, um etwas mehr auch andere Lebenssichten zuzulassen?
Isabel: Das ist eine sehr schwierige Frage für mich, um ehrlich zu sein. Ich weiß nicht, ob ich das recht beantworten kann. Denn ich kann das Leben anderer Menschen nicht beurteilen und deshalb ist, etwas zu raten, auch schwierig für mich. Ich weiß, dass viele meiner alten Freunde sehr glücklich sind und selbst wenn sie es nicht wären, weiß ich nicht, ob meine Ratschläge helfen könnten. Ich habe auch einige Freundschaften verloren, weil irgendwelche Vorschläge von mir sehr missverstanden wurden und seither bin ich mit diesen Dingen eher sparsam. Ich war sicherlich auch manchmal übergriffig und dachte, ich wüsste jetzt alles besser. Ich bin da jetzt viel vorsichtiger und auch bescheidener. Das ist eh ein großes Ziel in meinem Leben: Bescheidenheit.
Aber ich glaube, das Wichtigste ist wirklich, dass man auf sein Herz hört. Es ist ja wissenschaftlich erwiesen, dass das Herz dem Gehirn Signale schickt und nicht umgekehrt. Ich finde das sehr faszinierend und auch nicht überraschend. In Sprichwörtern und Phrasen ist meistens Wahrheit drin. „Listen to your heart“ hat ja schon Marie von Roxette gesungen. Ich glaube, wenn wir es alle schaffen können, unser Leben ein klein wenig zu verlangsamen und nicht mehr auf Autopilot zu sein, weniger am Handy, mehr in der Natur, Haustiere kuschelnd, zu viel Alkohol und andere Drogen weglassend, gesund essen und uns einfach nicht mehr so benebeln lassen, dann wäre schon viel getan. Ich glaube, es tut auch hier und da mal gut, sehr einfach zu leben und mal zu schauen, was man eigentlich wirklich braucht. Auf den Philippinen habe ich oft wochenlang fast nur Kokosnüsse gegessen. Man kann sich kaum vorstellen, wie schön es ist, wenn man sich um Essen einfach keine Gedanken machen muss. Das findet meine Mutter natürlich unvorstellbar, aber das ist ja auch okay. Meine Mutter ist Nachkriegskind, sie hat ja ein ganz anderes Verhältnis zu Essen als ich.
Richtig atmen ist auch schon mal ein guter Start. Wir alle atmen „falsch“, viel zu flach oder zu schnell, eher in der Brust und nicht in den Bauch. Ich kann das auch noch nicht so gut, aber ich arbeite dran. Es kann so einfach sein.
Ahoi: Das erzählen mir viele Menschen und ich habe das mit dem Atmen auch schon ausprobiert. Es funktioniert! Man muss sich aber sehr konzentrieren am Anfang.
Isabel: Ja, das stimmt, Volly. Ich denke, am Ende geht es echt darum, sein Nervensystem zu regulieren. Und wie immer man das auch schafft, das ist der individuelle und goldene Weg, denke ich. Sei es durch Yoga, Meditation, Radfahren, Karaoke, Singen, Badewanne, Sauna, Urlaub am Meer, gutes Essen, mit einer guten Freundin reden usw.
Ahoi: Wenn Du mal so über den Daumen peilst, was denkst Du wie vielen Menschen Du auf dem Weg auf unseren Planeten schon geholfen hast? Und warum machst Du das eigentlich? Die Berufung der Hebamme ist ja auch ein Dauerleben im Ausnahmezustand …
Isabel: Diese beiden Fragen werden mir tatsächlich oft gestellt. Also, ich war sicher bei vielen hundert Geburten bereits dabei. Aber ich zähle das nicht. Wenn ich an die Hausgeburten denke, dann speichere ich das eher als schöne Geschichten in meinem Kopf ab. Da geht es echt mehr um Qualität als Quantität, wenn ich das so ausdrücken darf.
Und warum ich Hebamme bin, ja, das ist irgendwie auch so eine Herzensentscheidung gewesen. Erst wollte ich mein Soziale Arbeit-Studium mit der Hebammerei verbinden und schrieb da auch meine Diplomarbeit darüber. Es gibt diese wunderbaren Projekte der „Familienhebammen“, bei denen Hebammen mit sozusagen sozialpädagogischen Skills ausgestattet werden und dann in sozial benachteiligte Familien gehen, um die Familie zu unterstützen. Das wollte ich unbedingt machen und tat das sogar für ein paar Monate in Hamburg nach meiner Hebammenausbildung. Doch Geburten haben mich einfach in den Bann gezogen und ich begann im Geburtshaus Hamburg als selbständige Hebamme zu arbeiten und bekam nach meiner Ausbildung an der Klinik nochmal eine „zweite“ Ausbildung in außerklinischer Geburtshilfe. Ich bin dafür sehr dankbar. Dort lernte ich, eigenverantwortlich für die Paare und das Baby von Anfang an da zu sein und bei Pathologie an Spezialisten abzugeben.
Ich fühle, dass ein Kind zu gebären ein sehr transformierendes Ereignis ist und ich liebe den spirituellen Aspekt daran, den wir leider in der heutigen Welt mehr und mehr vergessen. Doch dies wieder in das Bewusstsein zu bringen, liebe ich so sehr an meiner Arbeit. In jedem Kind steckt diese Chance der Transformation. Es ist, als wenn sich das Universum durch uns gebärt und ein neuer Mensch diese Seite betritt. Ich bin sehr fasziniert davon und freue mich, in einem Umfeld hier zu leben, wo ich kein „Spinner“ bin.
Ich wollte niemals anders sein, ich wollte niemals herausstechen. Ich wollte einfach nur Ich sein. Und das gelingt mir hier in unserer wundervollen Gemeinschaft, in meiner kleinen Familie und in meinem Beruf.
Ahoi: Und Deine Restfamilie? Wo leben die denn? Deine Eltern, Geschwister und so weiter? Und wie trefft Ihr Euch so hin und wieder?
Isabel: Meine Eltern sind doch tatsächlich letzten Herbst nach Ungarn gezogen! Welche Gründe das hat, musst Du sie selbst fragen. Ich finde es super! Und ich weiß jetzt, wo meine Entscheidungsfreude für Neues herkommt. Diesen Sommer werden mein Freund, mein Sohn und ich sie besuchen kommen und hoffentlich auch nach Deutschland und auch nach Leipzig kommen. Dann können wir uns mal wieder in den Arm nehmen, lieber Volly!
Mein Bruder ist leider verstorben. Aber in den letzten Jahren ist er auch präsenter als je zuvor. Der Umgang oder Nicht-Umgang mit Trauer spielt eine große Rolle in meinem Selbstfindungsprozess. Trauer ist ein großer Lehrer, aber da könnte ich jetzt viel zu viel ausschweifen.
Mein Cousin ist ein ganz toller Freund von mir geworden über die Jahre. Er ist auch keinen konventionellen Weg in seinem Leben gegangen und hat mich auch letztes Jahr hier in Mexiko besucht, was sehr schön war!
Ahoi: In der Fülle Deines Lebens – gibt es etwas, das Du manchmal vermisst?
Isabel: Oh, was vermisse ich? Vielleicht vermisse ich manchmal richtig gute Äpfel, Igel, Lebkuchen oder unser altes Haus in Deutschland, das ja jetzt verkauft ist. Ich war seit sieben Jahren nicht mehr in Europa oder Deutschland. Das ist eine verdammt lange Zeit und ich bin schon sehr gespannt, wie es mir im Sommer gehen wird. Ich glaube, ich vermisse die berühmten Drogerieketten und deren Molkeriegel und BOK in Hamburg. Ich vermisse natürlich auch alte Freunde. Besonders meine Freundin Julia, mit der ich in Hamburg gearbeitet und gelebt habe! Sie kommt mir gerade in den Sinn, weil wir uns ganz lange nicht beieinander gemeldet hatten und gerade gestern endlich mal wieder Kontakt hatten!
Ahoi: Danke, liebe Isabel, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast. Und Danke, dass Du leuchtest!
Isabel: Danke lieber Volly! Danke von ganzem Herzen, dass Du mich angeschrieben hast und ich diesen wunderschönen kreativen und persönlichen Prozess des Schreibens leben durfte. Es hat so viel Spaß gemacht und ich hoffe, es gefällt Deinen Lesern!


