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Gespräch mit Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld

Rotwein, Kaffee, Bücher, Popmusik

Fortuna Ehrenfeld
Rainald Grebe und Fortuna Ehrenfeld sind am 27. August auf Parkbühne im Clara-Zetkin-Park zu erleben © Michael Haegele

In der Printausgabe der August-Ahoi haben wir einen Einseiter über die derzeit flächig für Freude sorgende Band Fortuna Ehrenfeld. Da Volly Tanner im Vorfeld des Beitrags ein Interview mit Martin Bechler – dem Fortunatexter und -komponisten – führen durfte, wollen wir unsere Leserschaft natürlich auch an diesem teilhaben lassen. Wenn Tom Waits einer der prägendsten Künstler der USA ist, ist Bechler einer von uns.

Ahoi: Guten Tag, Martin. Du bist mit Fortuna Ehrenfeld am 27.08.2021 auf der Parkbühne zu Gast und bringst euer neues Album „Die Rückkehr zur Normalität“ mit. Darauf – also auf dem Album – touchiert ihr Drei frei und voller Freude verschiedenste Stilepochen der Populärkultur und nehmt euch was ihr braucht. So etwas geht ja nur, wenn man erwachsen wird, ansonsten vergräbt man sich ja gerne vor Genregrenzen. Dabei ist das Album noch abwechslungsreicher als „Helm ab zum Gebet“, der Vorgänger, der schon ganz weit vorne lag. Kümmern dich Genregrenzen überhaupt noch?

Warum sollten mich Genregrenzen kümmern? Da muss man nicht lange für in der Nase popeln, um zu erkennen, daß Kunst im Allgemeinen und Speziellen immer und ausnahmslos etwas mit Freiheit zun tun hat. Genres sind eine Erfindung von Journalisten und/oder denen, die mit Kunst Geld verdienen wollen. Das kleinkarierte Denken, als vermeintlich stilechter Post Grunge Rocker nicht das Thema des Flötenschlumpfs einbauen zu dürfen, ist unerträglich und grenzt an Körperverletzung. Wir machen hier was wir wollen. Arschbombe vom Zehner, fertig. Einmal quer und tief mit dem Zeigefinder durch die Marmeladegläser. Oder mit dem Mittelfinger. Je nachdem.

Ahoi: Wie bist Du eigentlich zu Deinen beiden Mitehrenfeldern gekommen? Die sind ja doch aus einer anderen Zeit als Du.

Die Medienbranche besteht zu 99% aus Wichtigtuer*innen und Dummschwätzer*innen. Fortuna ist ein handverlesener Verein aus lebensbejahenden, kerzengraden Gestalten. Die Sorgfalt bei der Suche zahlt sich nun aus. Reisegruppe Seltsam. Arschlochfreie Zone. Alter, Herkunft, Geschlecht - vollkommen Wumpe.

Ahoi: Auf der Bühne bist Du der im Pyjama die Welt reflektierende und ins ganz Private herunterbrechende Mittelalte. Dann auch noch von der Hautfarbe weiß und männlich. Was fühltest Du, als vor einiger Zeit die diskriminierende Abwertungswortsammlung „Alter, weißer Mann“ trendete?

Ach, Gottchen. Das Land braucht halt immer irgendwelche Etiketten, um sich an der Frittenbude ins Koma zu schwafeln. Fortuna hält mich fit und beweglich. Ich will das weitermachen bis es mich zerreisst.

Ahoi: Du bist ja nun nicht erst seit vier Alben auf der Welt. Neben Fortuna Ehrenfeld sieht man Dich auch mit Reinald Grebe. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Still, aufmerksam, einander zugewandt. Wir haben beide sehr anstrengende Zeiten hinter uns und haben beschlossen, daß wir an dieser Kooperation gesunden wollen und uns damit nicht noch mehr Stress und kräftezehrende Arbeitsabläufe an’s Bein zu nageln. Wir wollen jetzt mit den Fortunas einfach losfahren und eine gute Zeit haben. Die Stimmung im Team ist zum Zungeschnalzen.

Ahoi: Mein persönlicher Hit auf „Die Rückkehr zur Normalität“ ist ja „Anleitung zum Scha-la-la“. Da geht mir das Herz auf. Und dann sah ich, dass Du den Song „Zwei Himmel“, den ich auch sehr mag, in der Philharmonie Köln, ganz allein auf riesiger Bühne, eingespielt hast. War das einfach zu organisieren? Wie reagiert denn die Kölner Hochkultur auf Dich?

Ich bin mit Herzrhythmusstörungen vom Bürohocker gefallen, als der Booker der Philly mich anrief und sagte, er könne sich unsere Kunst sehr gut in diesem Haus vorstellen. Wir werden dieser Bühne mit sehr viel Respekt begegnen - aber sicher nicht mit schlotternden Knien. Ich finde es irre, bis in welche Gefilde wir ernstgenommen werden mit unserem glitzgefummelten Bildsprech. Wir wollten einfach immer nur möglichst weit weg von den Tischen stattfinden, auf denen mit dem Zirkel Popmusik auf der Basis von abgewichsten Marktforschungsdaten gemacht wird. Diese Sturheit zahlt sich nun aus. Als mit Beginn des zweiten Lockdowns das ausverkaufte Philharmoniekonzert verschoben werden musste, habe ich die gefragt, ob sie Lust hätten, mich dieses Video drehen zu lassen, um die Leute da draußen einfach ein wenig zu trösten und ihnen Mut zu machen. „Sie sind uns herzlich willkommen“ hieß es und ich war für diesen Vormittag der glücklichste Mensch der Welt.

Ahoi: Es gibt jetzt einen „antifaschistischen“ Schlafanzug von Fortuna Ehrenfeld – in Zusammenarbeit mit der Designerin Sara Linke. Wie kann denn jetzt sogar ein Schlafanzug antifaschistisch sein?

Sara Linke kommt aus Sachsen und hat als Modedesignerin die Müncher Uni mit absoluten Bestnoten abgeschlossen. Die hätte sonstwohin gehen könne wo man sich in der Modebranche halt so den Dödel an der Laterne poliert. London, Paris, was weiss ich…. Sie ist aber zurück in die Heimat, hat einen insolventen Textilbetrieb in Hohenstein-Ernstthal übernommen und gesagt: Wir müssen hier Arbeitsplätze schaffen, um die Dinge zu verbessern und die hochblubbernde Scheisse zurück ins Mittelalter zu jagen.Das hat mich beeindruckt. Es ist ein antifaschistischer aber vor allem pazifistischer Kampfanzug gegen alles Böse dieser Welt.

Ahoi: Und was hat es mit dem Espressoblend (heilandt.de) auf sich?

Einen eigenen Rotwein hatten wir schon. Ein exzellenter Espresso war eine vollkommen logische Fortsetzung, uns neben der Musik mit Dingen zu bebeschäftigen, die uns ENT- und BEschleunigen gleichermassen. Rotwein, Kaffee, Bücher, Popmusik. Die Säulen einer zukunfstorientierten, hedonistischen, achtsamen, emanzipierten Gesellschaft.

Ahoi: Möchtest Du im Vorfeld des Konzerts auf der Parkbühne noch irgendwas erzählen? Loswerden? Unter die lesenden und Musik hörenden Massen streuen? Dann hast Du hier die Gelegenheit.

Ich halte Rainald Grebe für einen der relevantesten Schreiber und Poeten dieses Landes. Wir haben so unglaublich Bock dem auf der Bühne den Rücken freizuhalten. Wir haben neulich eine inoffizielee Premiere in einer der abgerocktesten Ehrenfelder Punkrockkneipen gespielt (EDP). Da kommt was auf uns zu. Eine meganice Zeit.

Ahoi: Dankesehr!

Fortuna Ehrenfeld

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