Sitzen zwei Menschen am Tisch, der eine mault, der zweite jammert. Zeit vergeht und nichts geschieht. Sitzen zwei andere Menschen an einem anderen Tisch, der eine erzählt von seinen Träumen, der andere plant Lösungen. Und zwischen dem Gespräch entsteht Neues und Zusammenbringendes.
Für kleine Projekte, die die Phase des Strukturwandels positiv mitgestalten, gibt es in Sachsen-Anhalt den Wettbewerb REVIERPIONIER. Und Carolin Haynert, die in Leipzig für die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland arbeitet, weiß darüber einiges zu erzählen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner fragte nach:
Ahoi: Guten Tag Carolin Haynert, wir trafen uns unlängst beim Netzwerktreffen der Revierpioniere im Kulturhaus Weißenfels. Können Sie unseren Verfolgermenschen und anderen Interessierten erzählen, was diese Revierpioniere sind?
Carolin Haynert: Lieber Volly Tanner, kurz gesagt: Revierpioniere sind Menschen, die nicht einfach zuschauen, wie sich ihre Region verändert, sondern sich aktiv beteiligen – in der Regel ehrenamtlich. Im Mitteldeutschen Revier Sachsen-Anhalt geben sie dem Strukturwandel ein Gesicht. Möglich macht das der Ideenwettbewerb REVIERPIONIER, der vom Land Sachsen-Anhalt initiiert wurde und seit 2022 existiert.
Der REVIERPIONIER dreht sich um die großen Zukunftsthemen Strukturwandel, Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Und jedes Jahr steht dafür ein Preisgeld in Höhe von einer Million Euro zur Verfügung. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Preisstufen realisieren wir damit jährlich rund 150 Projekte bis maximal 21.000 Euro.
Das Besondere daran: Der Wettbewerb ist bewusst niedrigschwellig gestaltet. So ist beispielsweise kein Eigenanteil erforderlich und die Preisgelder werden schnell ausgezahlt. Gerade im Vergleich zu vielen klassischen Förderprogrammen ist das ein großer Vorteil. So können auch diejenigen mitmachen, die sonst vielleicht vor zu viel Bürokratie zurückschrecken.
Ahoi: Es geht also um das Sachsen-Anhaltische, gleich um die Ecke von Leipzig. Sie arbeiten für die Metropolregion Mitteldeutschland, mit Sitz in unserer schönen Stadt und sind hier mit dem Projekt REVIERPIONIER befasst. Wie kommt dies denn? Leipzig liegt ja nun doch nachgewiesenermaßen in Sachsen und nicht in Sachsen-Anhalt.
Carolin Haynert: Die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland verbindet mit ihren Aktivitäten die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und engagiert sich schwerpunktmäßig in länderübergreifenden Projekten. Für den REVIERPIONIER wurde sie durch das Land Sachsen-Anhalt mit der Umsetzung beauftragt.
Dies passt fachlich und strategisch perfekt zu uns. Wir sind seit 2016 eng in die Strukturwandelaktivitäten im Mitteldeutschen Revier eingebunden und haben viele Prozesse mit angestoßen. In der Vergangenheit haben wir bereits die Sächsischen Mitmach-Fonds realisiert, ein sehr ähnliches Beteiligungsformat. Zudem sind wir Regionalpartner im Bundesmodellvorhaben „Unternehmen Revier" und koordinieren dort beispielsweise die Ideenwettbewerbe zur Einbindung regionaler Akteure. Diese Expertise hilft uns natürlich enorm dabei, den REVIERPIONIER in Sachsen-Anhalt erfolgreich zu gestalten.
Ahoi: Es geht ja, bei all den Angeboten, um den Strukturwandel, den Versuch, die Veränderungen positiv für alle Menschen zu gestalten. Das ist ein wirklich dickes Brett, welches hier gebohrt wird. Wie kann hier das Projekt REVIERPIONIER mitgestalten?
Carolin Haynert: Der REVIERPIONIER gibt den Menschen die Möglichkeit sich selbst einzubringen und ihre Region mit eigenen Ideen mitzugestalten. Vor allem macht er ihr Engagement und damit auch den Strukturwandel sichtbar, vermittelt Anerkennung und Wertschätzung für die Akteure. Wir sind immer wieder begeistert, wie viele Menschen sich engagieren und ihren Ort positiv voranbringen wollen. Diese positive Energie erleben wir vor allem auf unseren Veranstaltungen, wie dem Netzwerktreffen und der Preisverleihung.
Ahoi: Wie und mit was können sich nun Sachsen-Anhalter beteiligen?
Carolin Haynert: Grundsätzlich richtet sich der Wettbewerb an Bürgerinnen und Bürger, aber auch an Vereine, Initiativen, Schulen, Kitas, Hochschulen und soziale Träger aus dem sachsen-anhaltischen Revier, die sich mit ihrer Idee im Bewerbungszeitraum online unter revierpionier.de bewerben können. Wichtig ist bei der Projekteinreichung, dass die Hauptkriterien Strukturwandel, Nachhaltigkeit und Klimaschutz bedient werden und direkt in die Idee einzahlen. Dabei sind unsere REVIERPIONIER-Projekte total vielfältig – von klassischen Klimaschutzprojekten bis hin zu Integrations-, Kultur- oder MINT-Projekten ist alles dabei. Ein Überblick über alle bereits umgesetzten Projekte findet sich auf unserer Preisträgerseite: revierpionier.de/preistraeger
Ahoi: Und welche Aufgabe haben Sie mit der Metropolregion Mitteldeutschland ganz konkret dabei?
Carolin Hayert: Ganz konkret kümmern wir uns mit einem vierköpfigen Team um alles, was den Wettbewerb am Laufen hält: klassische Projektarbeit, Veranstaltungsmanagement, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Marketing. Kurz gesagt: Wir organisieren, kommunizieren und begleiten den gesamten Prozess von der Bewerbung bis zur Preisvergabe und stehen in engem Austausch mit den Preisträgerinnen und Preisträgern.
Die Auszahlung der Preisgelder läuft dann über unseren Partner, das Aufbauwerk Region Leipzig. So greifen alle Bausteine ineinander.
Ahoi: Der Strukturwandel ist eine langfristige Angelegenheit, dies sollten wir immer wieder mitformulieren. Wie kann es ermöglicht werden, gerade die Herzen der hier lebenden Menschen nicht zu verlieren? Die derzeitigen Transformationsprozesse schaffen ja auch Verlierer und Verluste. Wie werden deren Bedürfnisse ernstgenommen und mitgedacht?
Carolin Haynert: Ich denke, es ist unglaublich wichtig, die Menschen mitzunehmen und echte Beteiligung zu ermöglichen. Dabei ist das Ernstnehmen von Sorgen genauso wichtig wie das Aufzeigen von Chancen, damit die Menschen merken: „Ich zähle hier und kann mitgestalten!".
Wir sehen immer wieder, dass Projekte genau dort entstehen, wo es Bedarfe gibt: im Dorf, im Stadtteil, in der Vereinsgemeinschaft, im Jugendclub oder in der Kita. Diese Projekte spiegeln direkt wider, was den Menschen wichtig ist. Durch die Projekte erleben sie Selbstwirksamkeit, was ein total wichtiges Instrument in der demokratischen Bildung ist. Das fördert Selbstständigkeit und stärkt die Fähigkeit, durch eigenes Handeln Einfluss zu nehmen. Außerdem setzen die Projekte positive Impulse, die in die ganze Region ausstrahlen und andere zum Mitmachen bewegen können.
Strukturwandel wird immer komplex bleiben, aber er kann erfolgreicher gestaltet werden, je mehr Menschen aktiv eingebunden werden und auch partizipieren. Der REVIERPIONIER leistet hierbei einen konkreten Beitrag.
Ahoi: Schlussendlich noch eine Frage zur Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland. Was ist das denn für eine Organisation und womit beschäftigt sie sich? Wie viele Menschen machen hier was?
Carolin Haynert: Die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland vernetzt Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur in Mitteldeutschland. Sie setzt sich aktiv dafür ein, die Stärken der Region auszubauen, so dass diese im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Dabei geht es um die Förderung von Unternehmen, Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie um moderne Angebote in Energie, Mobilität, Wohnen und Kultur. Unser 14-köpfiges Team mit Sitz in Leipzig setzt dafür Projekte, Initiativen, Veranstaltungen und Beteiligungsformate zu Themen wie Strukturwandel, erneuerbare Energien und Innovation um und vernetzt die Akteure über Ländergrenzen hinweg.
Ahoi: Danke, liebe Carolin Haynert. Ich wünsche uns allen einen Aufbruch, der keine Menschen zurücklässt. Ihnen Dank für Ihre Zeit und Ihr Engagement.
Carolin Haynert: Das wünschen wir der Region ebenso. Vielen Dank für das Gespräch.


