Der Tauchaer Verlag ist ein Lichblick im dichtgewachsenen Verlagedschungel und ermöglicht die Veröffentlichung feiner Bücher, die die Sichtweise auf die Welt ändern können.
So erschien im Tauchaer Verlag beispielsweise „Wahre Geschichten um Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis". Und da Ahoi-Redakteur Volly Tanner sich gerade an dem dichterischen Werk des großen Romantikers erfreut, stöberte er auch im Buch aus dem Tauchaer Verlag. Daraus entwickelten sich Fragen, die er dann konsequenterweise dem Autor Manfred Orlick stellte:
Ahoi: Guten Tag Manfred Orlick. Auf meinem Tisch liegt gerade Ihr Buch „Wahre Geschichten um Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis", erschienen im Tauchaer Verlag. Gleich zu Anfang: Wie kam der junge Friedrich zu dem Namen Novalis? Hat er ihn sich selbst gegeben? Oder waren da andere Leute mit im Spiel und was bedeutet Novalis eigentlich?
Manfred Orlick: Friedrich von Hardenberg nahm den Namen „Novalis" als Pseudonym an. Der Name ging auf einen älteren Zweig seiner Familie bis ins 12. Jahrhundert zurück, der den lateinischen Beinamen „de novali" („Neuland roden") trug. Novalis selbst interpretierte den Namen als „einer, der Neuland bestellt". Er bat seinen Freund August Wilhelm Schlegel, diesen Namen für seine Veröffentlichungen zu verwenden, da er sich als ein Pionier der Dichtung sah.
Ahoi: Ich finde sehr angenehm, dass der große Romantiker nicht nur Dichter war, sondern auch zwischen seinen Mitmenschen wirkte: als Bergbau- und Salinenbeamter und Amtshauptmann beispielsweise. Das wünscht man ja so manchen Kunstwirkenden heutzutage auch mal wieder ... eine Verbindung in die Realwelt. Wie wurde das Werk von Hardenbergs denn zu seinen Lebzeiten aufgenommen? War der Dualismus zwischen Kunst und Bürgerlichkeit damals ein Problem?
Manfred Orlick: Nein, dieser Dualismus war damals gang und gäbe. Die meisten Schriftsteller bestritten damals ihren Lebensunterhalt als Hauslehrer (Hofmeister) meist bei adligen Familien, oder hatten eine Anstellung bei einer Universität. Selbst im 20. Jahrhundert war dieser Dualismus keine Seltenheit. Denken wir nur an Franz Kafka, der Versicherungsangestellter war, oder an Alfred Döblin und Gottfried Benn, die ihren Brotberuf als Arzt nicht aufgaben. Auch heute arbeiten sicher viele Schriftsteller (abgesehen von Bestsellerautoren) als Lehrer, Lektor oder Übersetzer, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Ahoi: Wo haben Sie, lieber Manfred Orlick, denn die Geschichten über Novalis her?
Manfred Orlick: Neben einigen Novalis-Ausgaben und Biografien über ihn, die ich seit Jahren besitze, habe ich viel recherchiert – auch in alten Zeitschriften und Publikationen. Das Internet bietet da ja viele Möglichkeiten.
Ahoi: In Weißenfels gibt es eine kleine Novalis-Gedenkstätte, schließlich hat er hier gelebt und gewirkt und ist von hier aus auch in Richtung des Landes hinter den Sternen verschwunden. Haben Sie die Gedenkstätte auch schon einmal besucht? Wenn ja, wie fanden Sie diese denn?
Manfred Orlick: Zu meinen Recherchen gehörten auch der Besuch des Novalis-Museums im Schloss Oberwiederstedt und der Novalis-Gedenkstätte in Weißenfels. Die Gedenkstätte in Weißenfels, die sich nur über eine Etage des einstigen Wohn- und Sterbehauses von Novalis erstreckt, ist sicher baulich nicht so repräsentativ wie in Oberwiederstedt, doch die Ausstellung bietet einen sehr guten Einstieg in Leben und Werk des Romantikers. Sehr angetan war ich von dem kleinen angrenzenden Garten mit dem Novalis-Pavillon. Hier hätte ich gern meine Lesung durchgeführt ... aber die war ja Ende November.
Ahoi: Wenn Sie den Dichter Novalis einem heute lebenden Unwissenden schmackhaft machen sollten, den Heutigen dazu bringen sollten, sich mit dem Werk und den Ideen von Novalis auseinanderzusetzen ... was würden Sie sagen?
Manfred Orlick: Ich würde vorschlagen, sich zuerst mit der Biografie von Novalis und den Zeitumständen (Französische Revolution, Klassik usw.) vertraut zu machen. Als Einstieg in sein Werk würde ich seine „Hymnen an die Nacht" und die Textsammlung „Blüthenstaub" empfehlen. Letztere ist ein Schlüssel zu seinem Werk und seinem Denken.
Ahoi: Warum kam Ihr Buch den eigentlich im Tauchaer Verlag heraus?
Manfred Orlick: Zum Tauchaer Verlag habe ich schon seit rund zehn Jahren Kontakt. Vor dem „Novalis"-Band konnte ich hier schon über die „Straße der Romantik", den „Lutherweg in Sachsen-Anhalt" und die „Gärten in Sachsen-Anhalt" veröffentlichen. Im Frühjahr 2026 folgt dann (in gleicher Aufmachung) ein Band über Johann Joachim Winckelmann (1717-1768). Wieder eine äußerst interessante Biografie: vom armen Schustersohn aus Stendal zum Kurator der Kunstschätze im Vatikan. Heute gilt Winckelmann als Begründer der modernen Kunstgeschichte.
Ahoi: Sie selbst sind Diplom-Physiker, waren beispielsweise an der Klinik für Nuklearmedizin als Klinikphysiker tätig. Wie kamen Sie zur Literatur? Mein Schwager ist ja auch Physiker – aber weltenweit entfernt davon, Bücher zu verfassen.
Manfred Orlick: Meine Liebe zur Literatur „erwachte" in der Schule (9. und 10. Klasse). Zunächst Lyrik: die Romantiker und Heine, aber auch Brecht. Übrigens eine interessante Mischung. Viel habe ich da sicher meinem alten Deutschlehrer zu verdanken, vor allem meine Liebe zu deutschen Balladen. Das mag heute verstaubt erscheinen, aber wie heißt es doch so schön: Alte Liebe rostet nicht. Später entdeckte ich die Expressionisten, Ingeborg Bachmann und weitere. Meine Literaturbegeisterung, die ich immer als Hobby betrieben habe, ist aber nicht auf Lyrik beschränkt. Die Liste meiner Lieblingsautoren ist lang. Besonders interessiert mich Literaturgeschichte mit all ihren historischen und gesellschaftlichen Hintergründen.
Ahoi: Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie 366 Beiträge für das Literaturportal literaturkritik.de verfasst. Das ist ein beeindruckendes Werk, allein auf diesem Portal. Wie geht das aber dort vor sich? Haben Sie Ideen, die Sie in die Redaktion einbringen? Oder werden die Bücher zum kritisieren verteilt? Wie läuft das dort so ab?
Manfred Orlick: Zahlreiche Verlage schicken Rezensionsexemplare an das Literaturportal, die man dann als Rezensent anfordern kann, was ich aber immer seltener mache. Vielmehr suche ich mir Themen – meist zu literarischen Jubiläen – und frage bei den (auch weniger bekannten) Verlagen selber an, die zu dem Jubiläum Neuerscheinungen herausbringen. Sehr selten bekomme ich eine Absage oder keine Antwort. Meine Beiträge schicke ich dann an die Redaktion des Literaturportals, wo sie dann meist nach einigen Tagen online gestellt werden. Ich greife dabei oft Jubiläen auf, die in den Feuilletons weniger Beachtung finden. So habe ich zuletzt an Eduard Mörike (viele kennen wohl sein Gedicht „Frühling lässt sein blaues Band ...") oder an Jean Paul (zu seiner Zeit populärer als Goethe) erinnert.
Ahoi: Literaturkritik ist ja auch ein heißes Pflaster. Jean Antoine Petit-Senn sagte mal: „Eine böse Kritik macht mehr Aufsehen, als ein gutes Buch." Damit schoss der Genfer La Bruyère ja nicht ganz daneben. Wie gehen Sie selbst an Literaturkritik heran? Gibt es ein Leitmotiv Ihrer Arbeit in der Literaturkritik?
Manfred Orlick: Ich betrachte mich weniger als Literaturkritiker, sondern als jemand, der für Literatur und Bücher interessieren will. Ohne jegliche Verpflichtungen bin ich ja in der glücklichen Lage, mir die Themen, über die ich schreiben will, auszusuchen. Also sind es Bücher, Schriftsteller oder Schriftstellerinen, die mich von vornherein interessieren oder die ich für mich neu entdecken will. So gibt es von mir sicher nicht viele kritische Äußerungen, Verrisse schon gar nicht. Vielleicht hängt das auch mit meinem friedlichen Gemüt zusammen.
Ahoi: Zurück zu Novalis. Was kann uns Heutigen das Werk des großartigen Romantikers geben? Und was gab Novalis Ihnen, Herr Orlick?
Manfred Orlick: Novalis hat ja leider nur kurze Zeit die Menschen mit seinem Denken inspirieren können. Mit seiner „Romantisierung der Welt" meinte er allerdings nicht, wie oft noch angenommen wird, eine schwärmerische Sentimentalität. Es war vielmehr eine Antwort auf den Rationalismus der Aufklärung (Verstand statt Gefühl). Novalis strebte vielmehr eine Harmonie von Innerem und Äußerem an. So öffneten sein Beruf und sein naturwissenschaftliches Interesse ihm den Blick für die reale Außenwelt.
Ahoi: Danke, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben und ebenfalls Dank für Ihre Bücher und Kritiken.


