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  • Stadtleben

Neues Leben an alten Gleisen

Der Bayerische Bahnhof war einst der älteste Kopfbahnhof Europas. Jetzt wird er zum Vorzeigeprojekt für nachhaltige Stadtentwicklung. Bis 2030 soll auf seinem Gelände ein neues Wohn- und Geschäftsquartier entstehen – inklusive eigenem Park

zusehen: Moderen Häuser in einem grünen Park
Moderne Wohn- und Geschäftshäuser, jede Menge Grün: So soll das Gelände des Bayerischen Bahnhofs im Jahr 20230 aussehen © Stadtbau Wohnprojekte GmbH/behet bondzio lin Architekten GmbH & Co. KG

Es ist heiß und trocken. Auch in diesem Sommer 2023, auch hinter dem Portikus des alten Leipziger Bayerischen Bahnhofs, dessen weiße Fassade unter den Sonnenstrahlen in die Umgebung und auf die Brachfläche dahinter gleißt. Dort stand bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges die Bahnsteighalle des ehemals ältesten Kopf bahnhofs Europas, sie brannte 1944 nieder. Das Gras ist braun, die Wege hart. Man muss sich mit Fantasie erarbeiten, dass sich hier in ein paar Jahren ein in- nerstädtischer Park befindet, der auch gedacht ist als Kaltluftschneise, wie es heißt, die durch Bäume und Büsche den Boden und die Luft über ihr kühlt.

Leipzig wächst an seine Grenzen

Die Freihaltung dieser Kaltluftschneise ist Bestandteil von Plänen der Stadt, auf dem alten Gleis- und Bahngelände, das seit vielen Jahrzehnten brachliegt, ein neues Stadtviertel entstehen zu lassen. „Leipzig wächst“, erläutert Oberbürgermeister Burkhard Jung. „Wir brauchen neue Wohnungen, Schulen und Kitas. Das Entwicklungsgebiet um den Bayerischen Bahnhof spielt dabei eine prominente Rolle.“ Bis 2040 werden schätzungsweise 665.000 Menschen in Leipzig leben. Wohnraum entwickelt sich zum raren Gut, doch noch sind große Flächen ungenutzt. Solche wie das Gelände des Bayerischen Bahnhofs, eines von drei großen Bauvorhaben der Messestadt.

Etwa 2.700 Menschen sollen hier künftig leben können, verteilt auf 1.600 Wohnungen in drei separaten Wohngebieten (Kohlenstraße, Dösner Weg, Lößniger Straße) und auf einer Grundfläche von 36 Hektar. Dazu all das, was ein Quartier zu einem kleinen Lebens- und Arbeitsraum für Menschen macht: zwei Kitas für jeweils 165 Kinder, drei Schulen, 150.000 Quadratmeter Geschossgewerbefläche für Büros und Läden, ein Musik-Labor für Schüler und Studenten mit Proberäumen sowie einem kleinen Konzertsaal mit 200 Plätzen und eben ein Park, der nicht nur die Luft kühlen, sondern für Bewegung, Innehalten und Begegnungen sorgen soll.

Das Thema Nachhaltigkeit begleitet die Bauvorhaben auf Schritt und Tritt. Nicht nur als Möglichkeit – wann hat man schon mal die Gelegenheit, ein ganzes Stadtgebiet von der Pike auf zu planen und von A bis Z durchzugestalten –, sondern ebenso als Gebot der Stunde: Der Klimawandel verwandelt auch die Metropolen. Die Stadt hat deshalb den beiden Umsetzungspartnern, der Leipziger Stadtbau AG und dem deutschösterreichischen Wohnraumentwickler BUWOG GmbH, ihre Erwartungen an einen sozialen, ökologisch bewussten und ökonomisch nachhaltigen Ausbau des Geländes in die Bücher geschrieben.

Sozialer Frieden braucht Kontakt

Der Park quer durch das neue Viertel ist das Kernstück des Geländes. Gehwege, Radwege, ein paar Spiel- und Sportplätze, viel Liege- und Sitzfläche: Diese Ideen schlängeln sich durch die Pläne. Dazu werden kleine Biotope für gefährdete Insekten entstehen, und das alles als riesige Entsiegelung von Stadtfläche, um alles bei Starkregen durchlässig zu machen und die Kanäle nicht zu strapazieren. Quartiere zu entwickeln, ist eine komplexe Angelegenheit. Alles bedingt einander, auch die Zusammenhänge zwischen den künftigen Bewohnern, den Jungen und Älteren, Singles und Familien, Studenten, Rentnern, Besserverdienenden oder finanziell Schwächeren. Es soll gemischt werden, denn sozialer Frieden braucht Kontakt. Rund zehn Prozent der Wohnungen am Dösener Weg und 30 Prozent in der Lößnigstraße werden preis- und bezugsgebunden sein. So sehen es unter anderem die Förderrichtlinien des Freistaates Sachsen vor und so wird Wohnungsbau auch im Sozialen nachhaltig.

Die anderen großen Verantwortungsthemen mit Blick auf einen klima- verträglicheren Umgang mit Ressourcen finden ihren Widerhall im Gebäudebau, der aktuell für 40 Prozent der CO2- Emissionen verantwortlich ist. Auf die Wohn- und Bürohäuser werden Photovoltaikanlagen montiert, die Fassaden sind gedämmt und die Dächer werden begrünt. Das spart Strom, schützt vor Erosion sowie starken Kälte- wie Hitzeeinflüssen und kühlt durch natürliche Verdunstung.Bleibt noch der Verkehr. Autoreduziert soll das neue Viertel werden. Die Mobilitätsfragen im Viertel werden mit Nähe beantwortet, Kaufhallen und Shops für die Dinge des täglichen Bedarfs wer- den fußläufig erreichbar sein. Man kann davon ausgehen, dass es genug Lebensmittelversorger geben wird, die sich im neuen Viertel niederlassen werden.

Von Ost nach West

Ansonsten heißt es: Vorfahrt für Radfahrer und Fußgänger. Den Park werden Wege durchziehen, von denen man mit dem Rad von Süden nach Norden gelangt. Übergänge und Kreuzungswege ermöglichen den Weg von West nach Ost, was aktuell durch die alten Bahngleise nur an bestimmten Stellen möglich ist. Für ältere Menschen wird es Möglichkeiten geben, mit Quartierbussen von A nach B zu gelangen. Carsharing- Stationen sind ebenso geplant wie die zum Einsatz von Fahrrädern, die man nur für eine bestimmte Strecke braucht. Die Möglichkeiten, Ressourcen zu schonen, umweltbewusst zu handeln und Lösungen für den Klimawandel einzusetzen, sind mittlerweile zahlreich. Viele von ihnen wirken nicht von heute auf morgen, sondern in den Strukturen einer Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschen. Das Konzept für den neuen Stadtteil auf dem Gelände des alten Bayerischen Bahnhofs hinter dem gerade in der Sonne leuchtenden Portikus ist ein Beitrag dazu.

Planungsziele:

Kohlenstraße: Baugenehmigung 2022 erteilt, aktuell noch Umplanungen der Wohngrundrisse aufgrund geänderter Nachfrage
Dösner Weg: Baubeginn gestartet, Fertigstellung 2025,
Lößniger Straße: Satzungsbeschluss Ende 2024, Baubeginn Wohnungsbau ab 2025 Park: Baubeginn ab 2026, Fertigstellung voraussichtlich 2030

Mehr Informationen: www.bayerischerbahnhofleipzig.de

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