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Ahoi engagiert sich

Literaturworkshop in Markkleeberg-Großstädteln

Am Donnerstag, den 15. Juli 2021, wurde Ahoi-Redakteur Volly Tanner von Carolin Peifer ins Pfarrhaus Großstädteln eingeladen, um mit 22 Jugendlichen über seine Jugend, politische und gesellschaftliche Umbrüche, seinen Umgang damit sowie seine literarische Karriere zu sprechen. Außerdem gab Tanner einen kleinen Literaturworkshop.

Tanner sprach über seine Art zu schreiben, insbesondere über seine Herangehensweise, aber auch darüber, wie er mit dem Druck des professionellen Schreibens umgeht. Um dies die Jugendlichen selbst nachempfinden zu lassen, ließ er sie unter verschiedenen Rahmenbedingungen schreiben: unter Zeitdruck, unter dem Druck einer begrenzten Wortzahl und unter dem Wissen, dass die Texte auch veröffentlicht werden und damit permanent zur Diskussion stehen. Dem Schreiben der literarischen Texte waren dabei keine Grenzen gesetzt – schließlich sind die Mauern in der Literatur auch in der Realität längst niedergerissen worden. Nach dem Schreiben organisierten sich die Jugendlichen in kleinen Fünf- und Sechspersonengruppen und entschieden untereinander, wer in ein Stechen der besten Schreiber einziehen durfte. Angedacht war ursprünglich, dass am Ende das literarische Siegerkrönchen überreicht werden kann. Die Jugendlichen verständigten sich jedoch mit Tanner und Carolin Peifer darüber, dass alle, die ihre Texte zum Vortragen brachten, auch veröffentlichen können. Volly Tanner freute sich sehr darüber, schließlich fand er den Ansatz, immerwährend Gewinner oder Gewinnerinnen zu küren, für literarische Belange schon immer eher diskutabel.

Und so können jetzt vier Texte von vier jungen Frauen auf der Ahoi-Homepage veröffentlicht werden:

Gedanken über Feminismus
von Merle Meth (17)

Oft stolpere ich auf Social Media über Antifeministen. Hauptsächlich Männer, die meinen, Feminismus würde sie unterdrücken. Häufig würde ich ihnen das Ganze gerne erklären. Das bringt mich zwangsläufig zu der Frage, was Feminismus ist. Für mich, für andere.

Der Kampf für Gleichberechtigung, gegen Sexismus. Für gleiche Gehälter, gleiche Chancen. Eine Bewegung, die wir brauchen. Die wir noch solange brauchen, bis Menstruation nicht mehr ,,eklig“ ist, bis Blau keine ,,Jungenfarbe“ mehr ist, bis Frauen nicht mehr mit Schuhen verglichen werden und bis Brüste nicht mehr übersexualisiert sind.

Doch leider scheint das Reden öfter sinnlos. Denn wer die Änderung nicht will, der wird sie auch nicht akzeptieren.

Mein Weg
Helene Brückner (18)

Ohne Worte, ohne Taten, ohne Ziel
und zwischen all diesen Abzweigungen
sehe ich klein und verschwommen
meinen Weg

Dichter Nebel umgibt das Ende
aber die Zwischenhalte klären sich nach Gesprächen mit Freunden
und so gehe ich Stück für Stüc
meinen Weg

Ich schaue zurück, ich stolpere, ich bereue, fange von vorne an
und stehe wieder auf
bleibe in Bewegung
denn sonst rückt mir die Frage nach einem Sinn zu nah auf die Pelle

Und was nun?
Anfangen will ich, etwas Handfestes
und dann weiterschauen, was passt, was geht und was gefällt
Meine Freiheit schätzen, genießen und Verantwortung übernehmen
für mich und meine Taten

Ich bin nicht die erste und werde auch nicht die letzte sein, die sich damit beschäftigt
Warum ich es dennoch tue?
Weil ich es will, weil es mir hilft, zu mir selbst zu kommen.

Druck
Mia Yori Trinidad Mahlau (14)

Druck! Wir spüren ihn fast Tag für Tag,
mit dem Wissen, dass keiner ihn mag.
Ob man ihn braucht und ob er angebracht ist,
wer weiß das schon?
Ist er eine List?

Er soll gehen, er schränkt mich ein.
Muss das nun wirklich sein?
Ist nicht das Ziel, mein Bestes zu geben,
in Wort für Wort weiter zu geben,
was ich weiß, was ich will?

Doch dann entscheide nicht ich, was geht und was nicht
und das ist, wo der Druck meinen Willen bricht.
Gefühle umspielen meine Gedanken,
erst verworren, dann starr.
Nichts ist mehr da, wo es einst mal war.

Offene Welt
Iris Riede (20)

da sitz’ ich nun
auf dem kratzig-faserigen Boden
das Headset um den Hals
den Laptop auf dem Schoß
das Handy in der Hand
Tabs auf dem Mac drängen sich dicht an dicht
wie damals, als die Clubs noch offen hatten
Unis, Studiengänge, Fristenlisten
Zukunft, für die du dich bewerben sollst
alle nicht gesehen
denn Reels bieten sich an
Tänzerinnen gleich, die beim Schönheitswettbewerb
ihre Röcke schwingen
ein neues mit jedem trägen Wisch
des gedankenlosen Daumens
es zwickt im Hinterkopf
doch auftürmende Angst
lenkt den grad’ gehobnen Blick
flink zurück in die Sicherheit der
gemachten Leben der Anderen
ach sieh, da klingelt’s in der Hotline!
nach diesem Anruf fang ich aber an

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