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Nino Angelo im Interview

„Immer noch eine tickende Zeitbombe“

Brüder im Geiste © Reinhard Franke

Drogen, Abstürze, Insolvenz! Nino de Angelo war ganz unten. Doch 2021 schaffte er mit „Gesegnet und Verflucht“ ein fulminantes Comeback. Am 21. Februar veröffentlicht der 61-Jährige sein neues Album „Irgendwann im Leben“, das er am 3. April mit Band in Leipzig (Quarterback Immobilien Arena) vorstellen wird. Dort fällt der Startschuss für seine Tour. Wir haben den Sänger zum Interview getroffen.

Warum heißt Ihr neues Album „Irgendwann im Leben“?

Nino de Angelo: Ich muss etwas ausholen. Es hat natürlich mit meiner Geschichte zu tun, aber auch andere Menschen können sich darin wiederfinden. Wenn du, wie ich, in jungen Jahren ins Showgeschäft kommst, bist du unerfahren und leichtsinnig unterwegs. (schmunzelt) Man denkt nie, dass es irgendwann vorbei sein könnte. Man verliert ziemlich schnell den Halt. Das habe ich alles erlebt. Ich habe komplett die Bodenhaftung verloren und viele Fehler gemacht. Der Erfolg wirbelt dich durcheinander – plötzlich hast du ganz viele Freunde, die dir sagen: „Du bist der Größte.“ Bis zu meinem 15. Lebensjahr hat das niemand zu mir gesagt. Ich habe die Schule geschmissen, hatte einen Plattenvertrag in der Tasche und wurde europaweit zum Superstar. Ich steckte in einem Hamsterrad fest. „Irgendwann im Leben“ bedeutet für mich, dass ich irgendwann begriffen habe, worum es wirklich geht – nämlich nicht nur dem Erfolgsdruck gerecht zu werden.

Klingt schön, aber den Erfolg genießen Sie schon auch…

Nino de Angelo: Natürlich. Aber ich habe gelernt, dass das Leben endlich ist. Es ist nicht das Wichtigste, Nummer 1 in den Charts zu sein – auch wenn ich das toll finden würde. Ich will nicht so viel Vermögen anhäufen, dass ich irgendwann der reichste Mann auf dem Friedhof bin. Ich will leben und bin für jeden neuen Tag dankbar. Das ist mir nach all den Höhen und Tiefen klar geworden. Ich habe im Luxus gelebt, aber auch wie eine Kirchenmaus. Und manchmal kann ich nicht einmal sagen, was schöner war. Das einfache Leben ist mir inzwischen lieber, auch wenn ich in diesem Job bin. Irgendwann im Leben willst du einfach nur noch leben. Für mich zählen jetzt Werte, die nicht käuflich sind: Liebe, Familie, Natur. Ob meine Kritiker das glauben oder nicht – es ist so.

Aber ein heiliger Samariter sind Sie jetzt nicht. Das wilde Partyleben war schon auch Ihr Ding, oder?

Nino de Angelo: Damals ja. Heute gehe ich auf keine Partys mehr. Ich gehe hier in Kempten in mein Lieblingsrestaurant, esse gerne gut und genieße die Zeit mit meiner Freundin (Simone, d. Red.). Ein Freund fragte mich neulich, warum ich nicht zur „Weißwurstparty“ beim Stanglwirt (Luxushotel in Going am Wilden Kaiser, d. Red.) gehe. Da war ich schon zweimal – und dort rennen alle Promis herum. Das reizt mich nicht mehr.

Sie leben seit sieben Jahren zurückgezogen in einem kleinen Dorf?

Nino de Angelo: Richtig, und das genieße ich sehr. Meine Freundin und ich leben abgeschottet auf einem Pferdehof. Ich finde das großartig und bin immer froh, wenn ich von Tourneen oder Auftritten wieder nach Hause komme. Dieses Großstadt-Geflimmer kotzt mich an.

Wie sehr genießen Sie den neuen Nino?

Nino de Angelo: Der neue Nino ist für mich ein Segen. Ich habe mich aus einem furchtbaren Tief herausgezogen – auch dank Simone. Ich hätte nie damit gerechnet, dass es mal so weit kommt. Egal, ob es finanzielle Probleme oder Alkohol- und Drogenprobleme waren – ich bin aufgestanden und habe es geschafft, mein Leben wieder aufzubauen. Der neue Nino ist mit dem von damals nicht zu vergleichen. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben habe.

Wann haben Sie diesen Wendepunkt gespürt?

Nino de Angelo: Vor meinem Comeback mit dem Album „Gesegnet und Verflucht“. Richtig gespürt habe ich es, als ich im Mai 2018 Simone kennengelernt habe und aus der Großstadt raus bin. Bis dahin war ich echt schräg unterwegs und habe mich in alles hineingestürzt, was nicht gut für mich war. Meine letzte Ehe war alles andere als glücklich – eine On-off-Beziehung, die mich jede Kraft gekostet hat. Ich wäre fast daran zugrunde gegangen und habe mich in Drogen und Alkohol geflüchtet. Ich hätte mich fast selbst zerstört. Das hat an dem Tag aufgehört, an dem ich Simone kennengelernt habe. Wir sind zusammengezogen, und ich habe mit ihr ein neues Leben angefangen.

Hatte Ihre Freundin Angst vor dem wilden Nino?

Nino de Angelo: Oh ja. Sie hatte richtig Schiss und dachte: „Auf was lasse ich mich da ein?“ Sie wurde auch von vielen Freunden gewarnt. Anfangs war sie sehr unsicher, das dauerte ein bis zwei Jahre. Es hörte 2020 langsam auf, als ich beschlossen habe, wieder Musik zu machen. Simone hat mich ermutigt, mir ein Studio eingerichtet – damals war ich komplett im Eimer. Ich war in meiner zweiten Insolvenz, war völlig pleite. Simones Liebe hat mich so verändert, dass ich der bin, der ich heute bin. Wir haben ein Konzept für einen Neuanfang entwickelt. Das hat mir extrem viel Kraft gegeben. Ihre einzige Bedingung war: keine Schlagersongs, weil sie ein großer Rockfan ist.

Und dann treten Sie zuletzt in der Sendung „Schlagerchampions“ von Florian Silbereisen auf?

Nino de Angelo: Das ist ein Gegensatz, klar. Diese Sendung hat drei bis fünf Millionen Zuschauer – wenn ich dort nicht auftrete, verpasse ich eine große Chance. Mir ist das Drumherum bei den „Schlagerchampions“ egal. Wenn ich auf die Bühne gehe, ist es meine Sendung. Auch Peter Maffay geht dorthin. Wo soll ich sonst hingehen? Ich verstehe meine Kritiker, die sagen: „Will der uns verarschen?“ Ich bin froh, dass sie mich noch einladen – so oft, wie ich gesagt habe, dass ich dort nicht hinpasse.

Für viele Fans war dieser krasse Imagewechsel zu viel. Können Sie die verstehen, die sagen, Sie wollten Mitleid erregen?

Nino de Angelo: Schon. Mitleid wollte ich aber nicht erregen – ich wollte für Aufsehen sorgen. Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätte ich es noch krasser gemacht – mehr in Richtung Ozzy Osbourne. Und ich hätte auch noch härtere Musik gemacht. Ich musste aber aufpassen, meine alten Fans nicht komplett zu verlieren. Viele ältere Fans habe ich verloren.Aber ich habe durch meinen neuen Musikstil sehr viele neue Fans dazugewonnen. Die Rockszene hat ein Problem mit mir, weil ich für sie immer noch im Schlager verhaftet bin. Aber mein Imagewandel war zu 90 Prozent kompromisslos.

Sind Sie gefährdet, rückfällig zu werden?

Nino de Angelo: Ja. Es ist für mich nicht leicht, keinen Alkohol zu trinken. Ich bin immer gefährdet, rückfällig zu werden. Ich kann kein Glas Wein trinken – dann wird es eine Flasche, und dann habe ich Bock auf Drogen. Diese Angst wird immer da sein. Aber ich will stark sein. Diesen Kampf werde ich mein Leben lang führen müssen.

Ist der neue Erfolg nicht auch wieder gefährlich für Sie?

Nino de Angelo: Na klar. Weil es wieder genauso losgehen könnte, mit all den Einladungen zu Partys. Das kann gefährlich sein. Ich versuche, meine Dämonen in Schach zu halten. Dank Simone können diese Abstürze so gut wie gar nicht mehr passieren. Ich brauche keine wilden Partys mehr. Doch leider bin ich immer noch eine tickende Zeitbombe. Elton John sagte mal, er ist clean, bekommt aber immer noch Schweißausbrüche, wenn er irgendwo hingeht.

Sie wollten sich schonmal umbringen. Sind diese ganz dunklen Gedanken endgültig vorbei?

Nino de Angelo: Diese Phase habe ich super im Griff. Ich habe immer noch mit Depressionen zu kämpfen, aber ich nehme Medikamente. Und die brauche ich, um zu leben.

Nichts ist so wertvoll wie die Momente, in denen es einem gut geht.“ Musiker Nino de Angelo

Der Satz stammt von Ihnen. Geht es Ihnen gerade rundum gut?

Nino de Angelo: Ja, ich bin nüchtern, behütet und habe eine Frau, die mich liebt. Ich habe ein schönes Zuhause, meine Kinder sind wohlauf, und ich freue mich über meinen Erfolg. Ich trinke nichts mehr, weil mir das zu gefährlich ist. Mein Comeback will ich nicht aufs Spiel setzen. Zum Glück habe ich eine Frau gefunden, die auch nicht gerne auf Partys geht. Ich trinke einfach nicht mehr – das Risiko ist mir zu groß. Außerdem habe ich viel Arbeit vor mir, die Tournee muss vorbereitet werden. Ich will das nicht vermasseln. Ein einziges Glas Wein könnte die Negativspirale wieder in Gang setzen. Ich hasse mich, wenn ich betrunken bin. Aber ich habe mich im Griff.

Haben Ihre Kinder auch mal mit Ihnen darüber gesprochen?

Nino de Angelo: Natürlich. Und sie finden das toll. Meine Tochter und mein Sohn sind einfach froh, wenn ich nicht trinke und keine Sch*** baue…

Sie sagten im letzten Interview, dass es Sie genervt hat, immer in die Kameras lächeln zu müssen. Auf dem neuen Plattencover lachen Sie.

Nino de Angelo: Ich habe auch allen Grund zu lachen, weil ich das alles überstanden habe. Das Leben ist nicht nur düster. Irgendwann willst du einfach nur noch leben – und dann musst du auch dazu lachen. Das letzte Drittel meines Lebens wird schön werden. Die beiden letzten Platten waren Vergangenheitsbewältigung, das neue Album ist die Gegenwart. Es hat viel mit Stärke zu tun.

„Wer bringt Dich nach Hause“ heißt die erste Single. Wer ist damit gemeint?

Nino de Angelo: Die Ursprungsidee war die Vater-Tochter-Beziehung. Für mich bedeutet der Song, dass da immer ein Schutzengel ist. Irgendeine positive Macht hat mich auf den richtigen Weg gebracht. Oder Simone.

Die Tour steht an. Wie fühlen Sie sich?

Nino de Angelo: Ich freue mich riesig. Und ich möchte einen geilen Job machen – das geht nur mit einem gesunden Geist und einem gesunden Körper. Ich habe gegenüber vielen Menschen eine große Verantwortung. Ich bin jetzt 61, und ein weiteres Comeback gibt es nicht mehr. Ich möchte mir nichts mehr selbst zerstören.

Stimmt es eigentlich, dass Sie in diesem Jahr heiraten?

Nino de Angelo: Ja, verrückt, ich werde heiraten. Diese wunderbare Frau will ich für immer bei mir haben. Simone tut mir einfach gut.

Am 21. Februar erscheint sein neues Album „Irgendwann im Leben“ und am 3. April kommt er mit Band in die Quarterback Immobilien Arena nach Leipzig, dort startet seine Tour.

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