Die US-amerikanische Band Dropkick Murphys steht seit fast drei Jahrzehnten auf den Bühnen dieser Welt. Dieses Jahr bringen sie ihre einzigartige Mischung aus Punkrock und Irish Folk zurück nach Deutschland und legen dabei auch einen Tour-Stopp in Leipzig ein.
Vor ihrem Konzert in der Arena am 31. Oktober traf Ahoi Leipzig Bandmitglied Tim Brennan und sprach mit ihm über das Tourleben, politische Statements und ihr neues Album „For the People".
Wie sieht eure Zeit zwischen den Tourabschnitten aus und wie organisiert ihr einzelne Shows und eure Reisen?
Tim Brennan: Wir sind alle zu Hause in Boston. Die Tour ist seit etwa anderthalb Wochen vorbei und bevor wir Anfang Oktober nach Europa fliegen, spielen wir noch ein paar Einzelshows an den Wochenenden. Solche Shows klingen einfach, kosten aber viel Zeit - oft drei Tage mit Anreise, Auftritt und Rückreise. Meistens fliegen wir zu den Einzelshows und auf Tour nutzen wir den Bus.
Lass uns über das Tourleben sprechen: Was ist dein Lieblingspart daran und was gibt es für Nachteile?
Tim Brennan: Mein Lieblingspart ist ganz klar, jeden Abend live zu spielen - dafür machen wir das. Klar, das Reisen und neue Städte sind toll, aber die Show ist das Wichtigste. Aber das ständige unterwegs sein kann auch anstrengend werden und man vermisst den Komfort von zuhause. Aber nach all den Jahren ist es fast schon normal geworden und wir haben gelernt, uns anzupassen. Natürlich gibt es auch stressige Momente, zum Beispiel wenn der Bus oder der Anhänger mit dem Equipment-Probleme machen. Aber insgesamt lieben wir es, jeden Abend auf der Bühne zu stehen - besonders vor europäischem Publikum. Die deutschen Fans sind extrem enthusiastisch. Wenn wir jede Show vor deutschem Publikum spielen könnten, würden wir es tun.
Fühlt sich die Band wie eine Familie an, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt?Und wie hat sich das verändert, seit du dabei bist?
Tim Brennan: Ich kam mit 21 zur Band, jetzt bin ich 43. Im Laufe der Jahre hat sich viel verändert: Wir sind älter geworden, haben Familien und gehen früher schlafen. Eine Show bedeutet 90 Minuten körperliche Anstrengung, da kommen wir oft klatschnass von der Bühne. Da merkt man, dass man sich mehr um seinen Körper kümmern muss. Jeff DaRosa und ich sind mit 43 die Jüngsten in der Band. Es kommt ein Punkt, an dem man Prioritäten setzen muss, um bei der Show 100 % geben zu können. Das hat sich definitiv geändert. Ich hatte Glück: ich bin 2003 eingestiegen, die Band gab es schon seit 1996. Als ich kam, war die Band bereits auf dem Aufwärtstrend. Ich konnte miterleben, wie sie sich von einer kleinen zu einer großen Sache entwickelte. Ich war auch zuerst Fan der Band. Das ist natürlich etwas verrückt gewesen, erst Fan zu sein und dann Teil von so einer großen Sache zu werden.
Was hättest du gemacht, wenn du kein Musiker geworden wärst?
Tim Brennan: Gute Frage. Ein Englischlehrer in der Highschool weckte mein Interesse an Bands wie den Dropkicks oder den Pogues. Ich war damals nicht gut in der Schule, aber dieser Lehrer setzte sich für mich ein. Bevor ich Musik hauptberuflich machen konnte, dachte ich, dass ich Englisch studieren würde und später vielleicht als Lehrer arbeiten könnte, besonders für Kinder, denen Schule schwerfällt, so wie mir damals. Ich würde mich für diese Kinder einsetzen. Das wäre wahrscheinlich mein Weg gewesen. Aber ist schwer, das so genau zu sagen. Musik war aber immer mein Hauptfokus. Ich habe meine Universität auch so gewählt, dass ich jedes Wochenende heimfahren konnte, um mit meiner Band Shows zu spielen. Das war immer meine oberste Priorität und ich konnte das glücklicherweise so umsetzen, denn in der Schule war ich kein Musterschüler.
Du spielst viele Instrumente - wie viele und hast du sie dir selbst beigebracht?
Tim Brennan: Ja das habe ich. Während ich nicht so gut in der Schule war, war es mit Musik genau andersherum, Musik fiel mir immer leicht. Ich hatte nie Unterricht. Ich begann als Schlagzeuger und spiele noch immer Schlagzeug zu Hause. Das ist wahrscheinlich mein liebstes Instrument. Aber ich habe auch andere Instrumente aufgegriffen: Banjo, Mandoline, Akkordeon und so weiter. Damals verließ unser Gitarrist Mark Arell die Band. Anstatt einen neuen Gitarristen zu suchen, übernahm ich die Gitarre, weil ich sowieso die Songs schon kannte - das war ein einfacher Übergang. Später holten wir jemanden, der mein früheres Multiinstrumenten-Setup übernehmen konnte. In der Band gab es immer viel Dynamik, und die Rollen waren nicht starr.
Ich habe gehört, du schreibst den Großteil der Songs. Hast du über die Jahre einen bestimmten Prozess entwickelt, an dem du festhältst oder Regeln, die du befolgst?
Tim Brennan: Ja, ich schreibe den Großteil der Musik, und Ken kümmert sich um die Texte. Das funktioniert gut. Was den Prozess angeht, gibt es verschiedene Wege: Manchmal bringe ich einen komplett ausgearbeiteten Song mit, den Ken dann textlich ergänzt. Und manchmal fängt jemand mit einem guten Ansatz an, und wir entwickeln das gemeinsam weiter. Ich versuche meist, möglichst viel Arbeit schon im Vorfeld zu erledigen, bevor ich der Band etwas präsentiere. Sonst kommen zu viele Meinungen zusammen, und es wird unübersichtlich. Mein Ziel ist es, einen soliden Ausgangspunkt zu schaffen, von dem aus wir weiterarbeiten können.
Bezüglich eures neuen Albums „For the People": Macht ihr Musik für euch selbst oder für die Leute?
Tim Brennan: Wenn ich Musik schreibe, muss ich mich damit verbinden können. Ich würde nie etwas aufnehmen, das mir selbst nicht gefällt, nur um den Fans zu gefallen. Die Hoffnung ist, etwas zu schaffen, das uns und den Fans Spaß macht. Unser neues Album „For the People" zeigt große musikalische Schritte, da gibt es auch Songs, die ganz anders klingen als frühere. Natürlich bewegen wir uns in einem bestimmten musikalischen Rahmen: dadurch, dass wir eine keltische Punkrock-Band sind werden viele unserer Lieder auch wie Dropkick-Songs klingen. Trotzdem mag ich es, musikalische Grenzen zu verschieben und mich selbst herauszufordern. Man kann nie alle Fans zufriedenstellen - manche wünschen sich alte Phasen zurück -, aber man sollte sich nicht selbst wiederholen. Für uns geht es um Weiterentwicklung, nicht um Rückschritt.
Was ist die Botschaft ihres Albums?
Tim Brennan: Inhaltlich geht es oft um das aktuelle politische und soziale Klima - besonders in den USA, aber auch weltweit. Einige Lieder sind einfach lustige Dropkick-Songs, aber die meisten behandeln Themen wie Ungerechtigkeit, Frust, systematische Probleme und wie die neue Regierung handelt. Wir leben in einer Zeit, in der Dinge geschehen, die wir dachten, aus dem menschlichen System seit langem verbannt zu haben, wie rassistische Handlungen und Fanatismus. Manche Menschen glauben, sie könnten öffentlich furchtbare, negative Dinge über andere sagen. Viele Songs des Albums spiegeln diese Frustration wider und beschäftigen sich mit der aktuellen Situation der Dinge in der Welt.
Ist das auch eure Motivation, politische Musik zu machen, oder gehört das zum Genre?
Tim Brennan: Ich sehe mich selbst nicht als extrem politisch. Mir geht es eher um Mitgefühl und Menschlichkeit. Trotzdem ist es heute schwer, Politik ganz außen vor zu lassen. Vieles, was ich schreibe, kommt aus einer menschlichen Perspektive - nicht unbedingt aus einer politischen. Was mich bewegt, ist der Mangel an Mitgefühl im Alltag. Heutzutage wird so vieles öffentlich diskutiert, da lässt sich politische Musik kaum vermeiden. Ken ist da deutlich aktiver, seine Texte beziehen oft klar Stellung. Und wenn das Publikum bei Konzerten ähnliche Ansichten teilt, entsteht eine starke Symbiose.
Wie ist das erste Erlebnis für jemanden, der noch nie bei einem eurer Konzerte gewesen ist - zum Beispiel in Leipzig?
Tim Brennan: Es ist sehr energiegeladen und sehr schön. Wir kommen aus der Punkrock-Welt, da kann es im Zentrum der Menge schon wild werden - Moshpits usw. Aber insgesamt dominieren Freude, Gemeinschaft, Begeisterung. Wir sehen Leute, die seit 1996 zu unseren Shows kommen, neben ihrer Frau und ihren Kindern. Wer noch nie dabei war: Ich verspreche euch, ihr werdet eine unvergessliche Zeit haben.
Was ist dein Lieblingssong der Dropkick Murphys und warum?
Tim Brennan: Das wechselt von Zeit zu Zeit. Aktuell ist es "Streetlights" von unserem neuen Album. Musikalisch gehört er zu meinen Favoriten, von allen Songs die ich jemals gemacht habe. Lyrisch berühren mich besonders jene Songs, in denen Ken seine Kindheit thematisiert, diese persönlichen Erzählungen faszinieren mich. "Streetlights" verbindet beides auf besondere Weise, und das macht es für mich zu meinem Lieblingssong.
Hörst du eure Musik noch privat?
Tim Brennan: Ja, das mache ich. Wenn wir ein neues Album aufnehmen, höre ich es oft, um es gut zu kennen und eventuell noch etwas zu ändern. Aber es ist auch spannend, alte Songs wiederzuentdecken. Letzte Woche hatte ich eine lange Autofahrt und habe unser Album "The Warrior’s Code" gehört - das hatte ich bestimmt 15 Jahre nicht mehr gehört. Es war schön und auch lustig, all die Songs wieder zu entdecken und Erinnerungen wachzurufen an die Zeiten von damals. Manche Songs spielen wir nie live, daher geraten sie etwas in den Hintergrund. Aber beim Hören fühlt es sich wie eine kleine Reise in die Vergangenheit an. Ich mache das nicht ständig, aber manchmal drücke ich einfach auf Play und höre ein ganzes Dropkick-Album durch. Nur meine eigene Stimme würde ich beim Mitsingen lieber nicht ständig hören wollen.
Vielen Dank für Deine Zeit!
Tim Brennan: Danke ebenfalls! Wir haben irmer viel Spaß in Europa - besonders in Deutschland. Die Energie, die ihr uns gebt, ist unglaublich. Wir können es kaum erwarten!


