Es gibt wohl keinen besseren Ort für ein Interview mit BAP-Chef Wolfgang Niedecken als sein Veedel (Viertel, d. Red.), die Kölner Südstadt. Dieses besondere, heimatliche Gefühl besingt der 73-Jährige im Song „Südstadt Verzäll Nix". Neben diesem Lied enthält das Album „Zeitreise" alle Songs der beiden Kultalben „Für Usszeschnigge" und „Vun Drinne Noh Drusse". Das dazugehörige Live-Album erschien Ende April 2024. Am 7. November gibt es das Konzert von Niedeckens BAP in Leipzig (Haus Auensee). Es gibt also viel zu besprechen mit dem kölschen Bob Dylan.
Herr Niedecken, Sie hatten vor 13 Jahren einen Schlaganfall. Wie geht es Ihnen heute?
Wolfgang Niedecken: Es ist alles gut, ist ja schon lange her. Ich ernähre mich gesund, treibe Sport und muss nur vor allen Dingen auf meine Konzentrationsfähigkeit achten. Ich bin ja der Band-Zeremonien-Meister und Gastgeber und wenn ich da auf der Bühne den Biden (US-Präsident Joe Biden, d. Red.) machen würde, wäre das nicht gut. Dann würde mich meine Frau (Tina, d. Red.) allerdings aus dem Verkehr ziehen.
Wir gehen auf Zeitreise! Wer kam auf den Namen? „Verdamp lang her" wäre auch schön gegangen. Oder?
Niedecken: Na klar, aber es hat sich alles organisch ergeben. Wir hatten einige Titel und irgendwann im Verlauf der Arbeit an diesem Programm stand immer da drüber: Zeitreise 81, 82, 83. Doch dann merkten wir, dass diese Zahlen nur verwirren. Also haben wir erstmal die Zahlen weggelassen, um es verständlicher zu machen. Ich habe mir auch keine Gedanken mehr darüber gemacht, dass der Begriff „Zeitreise" schon dermaßen besetzt ist. Die „Zeit" bietet zum Beispiel Zeitreisen an. Es ist ein bisschen unoriginell, aber mir gefällt es, weil es auf dem Punkt ist.
Bitte beschreiben Sie doch mal, wie es für Sie zu dem Projekt kam, eine musikalische Zeitreise in die frühen 80er Jahre anzutreten?
Niedecken: Die Entscheidung, dass ich es machen wollte, fiel beim letzten Gig der „Alles fliesst"-Tour in Kiel. Ich habe lange überlegt, ob sowas Sinn machen kann. Was würde mit den Leuten passieren bei den Stücken, die wir ewig nicht mehr gespielt haben. „10. Juni" und „Wenn et Bedde sich lohne däät" haben wir ja bei dieser Tour nach 35 Jahren erstmals wieder gespielt. Was dann im Publikum abging, war unfassbar. Als wir vom Konzert in Kiel zurückgefahren sind, habe ich meiner Frau und unserem Fahrer von der Idee erzählt und so ist das in Bewegung geraten. Wir wussten aber damals nicht, ob das klappen kann.
Hatten Sie wirklich Zweifel?
Niedecken: Eigentlich nicht. Ich habe das Konzept danach einen Monat ausgearbeitet, zu Papier gebracht und habe es der Band geschickt. Weil ich alle in einem Boot haben will. Ich bin kein Frontmann, der einfach bestimmt, was gemacht wird. Ich will, dass die Band sich damit wohl fühlt. Ich bin kein Patriarch. Man kann mir schon sagen, wenn da etwas bei ist, woran man keinen Spaß hat.
Viel hat sich geändert. Aus BAP wurde Niedeckens BAP. War das für Sie so ein Zeichen zu sagen, mein Ding?
Niedecken: Nein. Unser früherer Gitarrist Helmut (Krumminga, d. Red.) wollte musikalisch in eine andere Richtung als ich gehen. Er ist ein Wahnsinns-Gitarrist und wir haben tolle Songs zusammengeschrieben, aber unser Weg sollte an der Stelle auseinander gehen. Als dann die Bläser dazu kamen, habe ich mir gesagt „Ich kann nicht garantieren, dass auf Tour genau die Musiker dabei sind, die auch auf der Platte gespielt haben. Alle haben auch andere Jobs. Woran orientiert man sich? „Bob Dylan and his Band". Ich bin wirklich nicht so eitel, dass ich meinen Namen auf den Plakaten lesen muss. Im Gegenteil. Mein Name steht noch nicht mal an der Haustür-Klingel.
Brings-Fans waren etwas sauer, weil die Zeitreise von Ihnen etwas abgekupfert wirkt, denn Brings haben 2020 ihre ersten beiden Alben in Bonn mit einem Konzert gefeiert.
Niedecken: Das ist total an mir vorbei gegangen. Brings ist eine super Band und wir mögen die Jungs sehr. Inspirierend war für mich eine Doku über die Rolling Stones mit einem Auftritt von ihnen in L.A. im Fonda Theatre. Da haben die Jungs das komplette „Sticky Fingers"-Album gespielt. Das sah aus wie im Kölner E-Werk. Es war großartig, die Stones kamen auf die Bühne und spielten ganz entspannt die Songs dieser Platte. Und Jagger erzählt zwischendurch, wie es dazu kam. Ich saß da und habe nur gedacht „Dass ich das noch erleben darf?"
Sind Sie eigentlich mit den Kölner Bands eng beisammen? Quasi im kölschen Klüngel vereint?
Niedecken: Nein. Wir stecken in diesem Kölner Sumpf nicht so tief drin. Die Karnevals-Bands machen das schön unter sich aus. Und es ist auch irgendwie logisch, dass sie eine Szene bilden.
Wie steht Wolfgang Niedecken inzwischen zum Karneval? In „Nit für Kooche" besingen Sie ja Ihre Aversion gegen die närrische Zeit. Würden Sie auch mal im Karneval spielen?
Niedecken: Auf keinen Fall. Aber wir müssen bei der Zeitreise die Spielregeln einhalten und dann kannst du „Nit für Kooche" nicht einfach von der Setliste streichen. Mein Verhältnis zum Karneval hat sich etwas gebessert, da bin ich inzwischen etwas toleranter. Lasse doch machen. Ich bin da vielleicht altersmilde geworden. Es hat sich am Karneval einiges gebessert, manches ist aber auch schlimmer geworden. Ganz furchtbar finde ich diesen „Ballermann-Karneval". Es gibt Bands, die haben das mit der Köln-Lobhudelei übertrieben, andere aber nicht. Die Bläck Fööss und auch Brings können immer noch in den Spiegel gucken. Wenn du nach Oberammergau fährst, dann gibt es an jedem Haus irgendwelche Herrgotts-Schnitzereien zum Verkauf. Davon leben die. Karneval ist eigentlich unsere Herrgotts-Schnitzerei.
Gibt es eine Anekdote aus der Zeit damals, als die ersten beiden Alben entstanden sind?
Niedecken: Oh ja. Als „Verdamp lang her" durch die Decke ging, wurden wir gefragt, ob wir Support beim Zusatzkonzert der Rolling Stones im Müngersdorfer Stadion machen wollen. Der Veranstalter (Fritz Rau, d. Red.) hatte Probleme mit dem Vorverkauf. Dann hatte er mitbekommen, dass es da diese kölsche Band gibt, die ständig im Radio läuft. Er rief also an, aber wir wollten natürlich an beiden Abenden spielen. O.K. und das zweite Konzert würde dann auch ausverkauft. Und Mick Jagger kommt genau in dem Moment ins Stadion, als wir „Verdamp lang her" spielen. Das Stadion explodierte soeben. Und Jagger fragte Fritz Rau: „What the hell is this, Fritz?" Die Kölner waren unfassbar stolz auf uns. Wir hätten vermutlich auch „Hänschen klein" rückwärts spielen können und die Leute hätten uns abgefeiert.
Wie haben Sie sich verändert?
Niedecken: Ich habe mich natürlich mit den Songs auch verändert. Ich habe ja Malerei studiert und ich habe mich immer gefragt, ob ich mich im Showbusiness verstellen soll? Aber ich habe gemerkt, dass ich gerade die alten Songs, die wir nie oft gespielt haben wie „Hundertmohl", sehr mag. Das war sehr intensiv. Ich bin sehr froh, dass ich mich damals so definiert habe.
„Kristallnaach" war ein politisches Statement. Wie denken Sie heute über einen der größten BAP-Songs?
Niedecken: „Kristallnaach" war im Nachhinein betrachtet sehr wirkungsmächtig. Ich dachte damals allerdings, die Band-Kollegen bringen mich um, wenn ich mit einem Sechs-Strophen-Song ohne Refrain ankomme. Aber das war dann doch eine unglaubliche Gemeinschafts-Aktion, wo alle mitgearbeitet haben. Wir spielen die Nummer auch noch heute gerne, obgleich ich auch nichts dagegen hätte, wenn dieser Song mal unaktuell werden würde.



