• Interviews
Andersaussehende und Andersdenkende gibt es heute noch

Gespräch mit Michael Kupzok zu Jazz in Wurzen, der DDR und Repressalien der Diktatur

Beate Fahrnländer und Michael Kupzok mit Buch © Kupzok privat

Bei Achnter Media Verlag erschien gerade ein Buch über den Jazzklub 725 Wurzen, der 1985 von der DDR-Diktatur verboten wurde. Als Graphic Novel. Ein beeindruckendes Zeitdokument, welches eben auch zeigt, dass sich links denkende Diktaturen mit Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und der persönlichen Freiheit des Seins extrem schwer tun bis hin zu extremen Repressalien. Da heißt es, jederzeit wachsam zu sein, damit sich Geschichte nicht wiederholt.

Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit Michael Kupzok, der das Buch initiierte und als Zeitzeuge zu berichten weiß:


Ahoi: Guten Tag, Michael Kupzok. Gemeinsam mit Beate Fahrnländer haben Sie eine Graphic Novel mit Fotoanteilen über die Geschichte des Jazzklubs Wurzen von 1978 bis 1985 veröffentlicht. Warum eigentlich gerade in dieser Form?

Michael Kupzok: Ich war 2019/20 in Vorbereitung einer Doku-Ausstellung zum Thema „35 Jahre Verbot Jazzklub 725 Wurzen“ als die Corona-Zeit und die verbundenen Auflagen und Verbote das Treffen und das Zusammenleben einschränkte. Für die Ausstellung hatte ich natürlich ein Konzert, schließlich ging es ja um Jazz, erarbeitet und viele Erinnerungen, Fotos und Dokumente zusammen getragen. Die Ausstellung und das zugehörige Jazzkonzert wurden vakant.

Also Absage oder irgendwas ohne Publikum?

Die erfolgreiche Ausstellung und das Konzert fanden dann doch, aber mit Hygieneauflagen statt. Der Gedanke an ein Comic blieb. Also neuen Projektantrag „Meine ZUKUNFT Wurzener Land“ eingereicht und die Idee wurde mit Fördergeld prämiert. Mit dem Konzept im Kopf fand ich die Malerin, Grafikerin und Kinderbuchillustratorin Beate Fahrnländer. Los ging‘s. Es war eine schwere Geburt: Das Graphic Novel sollte anders werden, als gewöhnlich. Da die Dokumente und Fotos vorhanden waren, musste nur noch der rote Faden plus Skizzen und Zeichnungen gefunden werden.

 

Ahoi: Was war eigentlich das Subversive am Jazz in der DDR – warum reagierte die Staatsmacht so nervös?

Michael Kupzok: Wie aus den Berichten und Weisungen der IM-Führungsoffiziere zu erkennen ist, wusste die Staatsmacht nicht: War Jazz nur eine kulturelle Bewegung mit Anhängern oder uferte es etwa in eine politische Richtung aus. In der Jazz- und Bluesszene sammelten sich musikbegeisterte Andersaussehende und Andersdenkende. Das war der Punkt, der auslöste, dass die Szene vom DDR-Staat aktiv und passiv bekämpft wurde. Und bei Druck entsteht Gegendruck. Wir als Jazzklub 725 Wurzen wollten in der DDR-EINHEIT nicht mitmachen. Wir waren anders.

 

Ahoi: Sie selbst waren und sind Protagonist, Zeitzeuge und Mitmischer. Wie ist es, dass damalige Aufbegehren und Aktivsein heute als Historie – fast schon museal – zu begreifen?

Michael Kupzok: Zeit tötet Vieles. Das gute Erinnern bleibt. Der Groll gegen die DDR-Diktatur hat sich etwas gelegt. Aber das, was mir damals genommen wurde wie freie Meinungsäußerung, Reisen weltweit, Woodstock usw. bleibt bitter.

Der schönste Moment in meinem Leben war der Fall der Mauer und das Ende der SED-Diktatur. Die Stadt Wurzen hat die Existenz und das Schicksal des Jazzklubs vergessen. Wir existierten nicht. Deshalb die Geschichte per Papier! Und: Die Andersaussehenden und Andersdenkenden gibt es heute noch. Wie geht man mit ihnen um? Es gibt Solidarität und Hass ......

 

Ahoi: Mittlerweile sind viele Jazzlegenden, die dereinst in Wurzen gastierten, gestorben. Am 16. Oktober dieses Jahres riss es beispielsweise den wundervollen Wolfram Dix weg von seinen Instrumenten. Mit jedem, der geht, verliert die Musikgeschichte auch immer einen, der nicht mehr erzählen kann von damals. Was können heutige Anstürmende aus der Geschichte des Jazzklubs lernen?

Michael Kupzok: Übrigens war Wolfram Dix ein oft gesehener Gast in unserem Klub. Seine Schwester Ute was Mitglied des Jazzklubs. Kultur ist wichtig, miteinander sein, miteinander reden, zusammenhalten, Interessen vertreten, aber in der Vergangenheit nicht Gegenwart und Zukunft vergessen.

 

Ahoi: Warum wurde der Jazzklub 1985 eigentlich verboten? Und von wem ganz konkret? Institutionen sind ja nur solange Institutionen wie wir ihnen nicht die ganz realen persönlichen Namen geben …

Michael Kupzok: Der Jazzklub wurde als „Totgeburt“ vom Rat der Kreise Abteilung Kultur geduldet. Über viele Jahre des Bestehens wurden uns ständig Steine in den Weg gelegt, zu hohe Eintrittspreise, Musikerverträge kurzfristig gekündigt, Gastronomie abgesagt, Betretungsverbot mit Aufnähern wie beispielsweise „Schwerter zu Pflugscharen“, kein Kontakt zur Kirche usw.

Es war ein Drahtseilakt zwischen Verbot und Bestehen. Ein Funke genügte: MIT GELBEN BIRNEN. Ein Musikstück vom Linksradikalem Blasorchester per Vinyl. Es lief zum Jazzfestival 1985 mit einem Medley aus Tagesschau, Internationale und Deutschlandlied. Am nächsten Tag kam das Verbot und der Betretungsstop für das Kulturhaus durch den Rat der Stadt Wurzen Abteilung Kultur plus zwei nicht namentlich genannter Herren. All meine viele Eingaben bis hin zu Honecker waren erfolglos.

Letzte Veranstaltung: Begräbnisfete und Grabrede. ENDE! (StaSi Akte „OPK Jazz“ mit über 1.000 Seiten von 13 IM-Spitzeln).

 

Ahoi: Leipzig zog schon damals viele Blicke auf sich. Da hatten es Aktive aus Wurzen oder anderen Kleinstädten recht schwer. Trotzdem wurde gern gereist, in die Nähe von Senftenberg, Großräschen etc. zum Blues und eben nach Wurzen zum Jazz. Wie hat man sich eigentlich verständigt? Wie funktionierte die Kommunikation? Internet gabs ja nicht und Telefon war auch nicht allerorten …

Michael Kupzok: Unser Veranstaltungsrenner war die Bluesdisko am letzten Freitag des Monats. Riesengedränge, Saal übervoll, Jazz- und Blues-Fans waren da. Dort wurden die nächsten Konzerte bekanntgegeben. Neben LVZ-Anzeigen, Erlebnisberichten in der NBI, Morgenpost oder LVZ klappte das gut. Und man traf sich im Leipziger Jazzklub, in Peitz, Prag, Warschau. Der Terminkalender war immer dabei.

 

Ahoi: Das Buch kam bei Achtner Media heraus. Wie kam es zum Kontakt zu Denis Achtner?

Michael Kupzok: Die Verlagssuche war über Monate erfolglos. Frau Dr. Heymann gab mir den Tipp. Also Kontakt zu Herrn Achtner,  persönliche Vorstellung des Exposés und kurze tolle Antwort: Habe ich noch nie gemacht, mache ich!

Danach das Geschäftliche geregelt. Alle Zusagen wurden gehalten. Super Zusammenarbeit. Danke!

 

Ahoi: Danke sehr für die Zeit, die Antworten und die Musik.

« zurück
zur aktuellen Ausgabe