//
//
  • Stadtleben
  • Kultur
  • Interviews
  • Musik
Band Frau Lehmann im Interview

„Geprägt hat uns keine Szene“

Felix, Phillip, Fiona, Toney, die 4 Mitglieder der Band © Claudia Helmert

Frau Lehmann – das klingt nach Nachbarin mit Kaffeeduft und Ordnungsmappe. Tatsächlich steckt dahinter eine Leipziger Band, die mit klugen Texten, zärtlichem Trotz und viel musikalischem Feingefühl überzeugt. Mit ihrer kürzlich erschienenen neuen Single „Die Alte Leier“ veröffentlicht das Quartett bereits die zweite Auskopplung aus dem kommenden Debütalbum „Trost & Trotz“, das im Januar 2026 erscheinen soll. Sängerin Fiona Lehmann erzählt im Ahoi-Gespräch, wie aus einem Familiennamen ein Bandprojekt wurde, warum Melancholie für sie ein Grundzustand ist – und weshalb ihre neue Single trotz ihres Titels erstaunlich frisch klingt.

Ahoi: Fiona, wie kam es eigentlich zu dem Bandnamen Frau Lehmann – steckt dahinter ein Alter Ego, eine Figur, eine Haltung?

Fiona Lehmann: Ich heiße ja tatsächlich Fiona Lehmann, das ist der Familienname meines Vaters. Der hat mir aus gegebenem Anlass schon als Kind den Herr Lehmann-Film gezeigt und den Roman von Sven Regener geschenkt. Als es dann darum ging, einen Projektnamen für meinen musikalischen Output zu finden, war Frau Lehmann einfach naheliegend. Es klingt nach der Nachbarin von nebenan, nach der Sachbearbeiterin auf dem Amt – aber irgendwie eben auch nach Rockband. Das finde ich witzig. Und natürlich steckt für mich auch die popkulturelle Bedeutung von Sven Regeners Herr Lehmann mit drin.

Ahoi: Gibt es eine „Frau Lehmann“ im echten Leben – oder ist sie längst eine kollektive Identität geworden?

Fiona Lehmann: Für uns war es von vornherein eine kollektive Identität – wir vier sind Frau Lehmann. Im „echten Leben“ gibt es Frau Lehmann nur, wenn ich im Wartezimmer aufgerufen werde oder bei der Künstlersozialkasse anrufen muss.

Ahoi: Leipzig ist eine lebendige, eigenwillige Musikstadt. Wie sehr prägt euch diese Szene?

Fiona Lehmann: Eine singuläre Musikszene hat in Leipzig nie existiert. Es gibt verschiedene kleinere Gruppen von Musiker:innen, die zusammen spielen, sich gegenseitig helfen oder sich miteinander assoziieren. Aber ein klarer Szenegedanke existiert meiner Wahrnehmung nach nicht. Geprägt hat uns keine Szene, die sich in Leipzig lokalisieren ließe – abgesehen vielleicht von DDR-Punkbands wie L’Attentat, die damals aus Leipzig kamen.

Ahoi: Gibt es andere Leipziger Bands oder Kollektive, mit denen ihr euch besonders verbunden fühlt?

Fiona Lehmann: Wir mögen die Bands Das Publikum und Freche Mode sehr, mit denen wir auch schon öfter gemeinsame Konzerte gespielt haben. Mit Florian Sievers von Das Paradies verbindet uns ein schönes freundschaftliches Verhältnis – er hat uns im Prozess der Album-Aufnahme toll beraten, was Songstrukturen und Produktions-Raffinessen angeht. Und wenn man es genau nimmt, sind wir selbst ein bisschen so etwas wie eine Supergroup: unser Bassist Philipp Orlowski spielt unter anderem bei Koh-I-Noor und Centaur, unser Schlagzeuger Felix Kothe auch bei Hexis und in Projekten wie Grund zur Annahme. Unser Gitarrist und Produzent Toni Günther betreibt ein eigenes Studio, in dem er nicht nur uns, sondern auch andere Leipziger Bands aufnimmt.

Ahoi: Wo fühlt sich Frau Lehmann zuhause – auf kleinen Clubbühnen, im Studio, auf der Straße?

Fiona Lehmann: Unser Gitarrist und Produzent Toni sagt, dass er genauso gerne neben einem lauten Verstärker in einem verschwitzten Keller steht wie stundenlang im Studio den perfekten Snare-Sound sucht. Ich finde es schwierig, das zu vergleichen. Konzerte machen mir meist enormen Spaß, und Studioarbeit ist ebenso erfüllend – aber es sind zwei verschiedene Welten. Auf der Straße verorte ich uns allerdings nicht, wir sind ja keine Marschkapelle.

Ahoi: „Die Alte Leier“ ist ein Lied, das euch schon viele Jahre begleitet. Warum war jetzt der richtige Moment, es endlich zu veröffentlichen?

Fiona Lehmann: „Die Alte Leier“ ist sozusagen gereift – durch Auftritte solo, zu zweit im Akustikset, dann mit der ganzen Band. Das Arrangement im Studio hat hervorgebracht, wie sich der Song im Kopf schon immer angehört hat. „Die Alte Leier“ ist ein sehr zeitloses Lied, weshalb der Veröffentlichungszeitpunkt eigentlich irrelevant ist. Im Rahmen unseres Albums „Trost & Trotz“ bot es sich jedoch an, ihn nun in ein endgültiges Arrangement zu fassen und als Single hervorzuheben.

Ahoi: Ihr nennt den Song eine „alte Leier“, aber er klingt erstaunlich frisch und liebevoll. Wie habt ihr diesen Spagat zwischen Nostalgie und Gegenwart hinbekommen?

Fiona Lehmann: Wir wollten, dass es so klingt, als kenne man das Lied schon ewig. Über Folksongs sagt man ja auch: „War niemals neu, wird niemals alt.“ Wir haben ihn aber nicht nostalgisch behandelt, sondern so gespielt, als wäre er ganz neu. Die Instrumentierung und das Arrangement sind aufs Wesentliche reduziert, das Zeitlose und die minimalistische Liedkomposition stehen im Vordergrund. Das kann man eigentlich auch über unsere Herangehensweise beim ganzen Album sagen.

Ahoi: Wie war es, ein so altes Stück im Studio neu zu betreten – fast wie ein Wiedersehen mit einem jüngeren Ich?

Fiona Lehmann: Ein Wiedersehen war es für uns nicht wirklich, da das Lied ja seit Jahren fester Bestandteil unserer Setlist ist. Aber natürlich verändert sich Form und Interpretation mit der Zeit, genauso wie sich die Bedeutung mit mir und meinem Leben verändert. Es ist schön, wenn ein Lied über so lange Zeit einer Aktualitätsprüfung standhält.

Ahoi: „DLF Kultur will dass wir brennen“ und „Die Alte Leier“ wirken sehr unterschiedlich – was verbindet sie?

Fiona Lehmann: Beide sind ein Aufbegehren gegen Resignation. „DLF Kultur will dass wir brennen“ ist wütend und laut, „Die Alte Leier“ ist zärtlich und sehnend. Aber beides sind Versuche weiterzumachen, ohne sich zu verbiegen.

Ahoi: Der Albumtitel „Trost & Trotz“ klingt wie ein emotionales Spannungsfeld. Was bedeutet dieser Gegensatz für euch?

Fiona Lehmann: Trost ohne Trotz wäre Resignation, Trotz ohne Trost wäre Zynismus. Wir oszillieren zwischen beidem. Ganz konkret auf das Zeitgeschehen bezogen, glauben wir, dass genau das die Welt gerade braucht. Angesichts der Umstände scheint Trotz dringend nötig – dazu muss man aber stark sein und braucht vorher Trost. Auch wenn ich in den Texten sehr persönliche Entwicklungen verarbeite, ist immer ein verallgemeinernder Bezug zur Veränderung der Welt mitgedacht.

Ahoi: In euren Texten scheint Melancholie oft Hand in Hand mit Widerstand zu gehen – ist das euer Grundton?

Fiona Lehmann: Für mich ist Melancholie ein Grundzustand, ja. Ich weiß gar nicht, was es sonst noch gibt. Manche behandeln Melancholie wie etwas, das man meiden sollte, für mich gehört sie zum täglichen Leben wie Essen. Das sage ich auch im Song „Melancholia“. Der Widerstand ist das logische Gegenstück – die andere Seite der Medaille.

Ahoi: Welche Themen oder Geschichten ziehen sich durchs Album – gibt es einen roten Faden?

Fiona Lehmann: Es ist eher ein Rhythmus, das Auf und Ab der beiden Pole, die wir „Trost & Trotz“ nennen – oder auch Melancholie und Widerstand, Depression und Lebenswille. Diese ständige Ambivalenz und dialektische Dynamik könnte man als so etwas wie einen roten Faden bezeichnen.

Ahoi: Wie wichtig ist euch das Verhältnis zwischen politischer Haltung und persönlichem Erzählen?

Fiona Lehmann: Ich versuche, das Politische poetisch in allgemeingültige Form zu übersetzen. Ich möchte nicht namentlich benennen, was hoffentlich bald durch Humanismus überwunden ist – autoritäre Regierungen, totalitäre Systeme etc. Themen wie das Patriarchat spreche ich direkt an, meist aber über die Auswirkungen auf persönliche Erfahrungen meiner Figuren, die sich nur zum Teil auf mich selbst beziehen.

Ahoi: Wie entstehen eure Songs – aus deinen Texten heraus, aus Jam-Sessions, aus Zufällen?

Fiona Lehmann: Die meisten Songs entstehen bei mir auf der Bettkante oder Couch mit der Akustikgitarre auf dem Schoß. Das ist ein ziemlich transzendentaler Prozess, bei dem es darum geht, Situationen, Begegnungen und Dinge unmanifest zu betrachten und dann in möglichst konkrete Worte zu fassen – mit schöner Sprach- und Reimmelodie.

Ahoi: Wie diskutiert ihr im Bandgefüge über Text, Klang und Haltung – eher diplomatisch oder leidenschaftlich?

Fiona Lehmann: Tatsächlich gibt es kaum Diskussionen. Der grobe Kern eines Stücks existiert schon, wenn ich ein Home-Demo in den Frau-Lehmann-Chat schicke oder ein neues Lied im Proberaum vorspiele. Der Klang ergibt sich oft aus Tempo oder Thema des Textes. Die Kommunikation läuft fast immer musikalisch, weniger verbal.

Ahoi: Gibt es innerhalb der Band ein Ritual, wenn ein Song „fertig“ ist?

Fiona Lehmann: Nicht wirklich. Wenn eine Aufnahme fertig ist, hören wir sie natürlich gemeinsam an. Im Zweifel ist das Ritual leider ein ungesundes – irgendjemand zündet sich immer gerade eine neue Zigarette an…

Ahoi: Wann wisst ihr, dass ein Lied bereit ist, veröffentlicht zu werden – gerade bei einem Stück wie „Die Alte Leier“?

Fiona Lehmann: Das hängt oft mit festgelegten Veröffentlichungsdaten zusammen. Aber das ist ganz gut so – wenn man eine Deadline hat, verzettelt man sich weniger und arbeitet zielstrebiger. Wenn am Ende alle glücklich mit dem Ergebnis sind, ist es fertig.

Ahoi: Wenn „Die Alte Leier“ ein Gegenstand wäre – was wäre sie?

Fiona Lehmann: Eine alte Leier ist ja ein Gegenstand. Sonst vielleicht noch ein Kinderpflaster mit Micky Mäusen drauf.

Ahoi: Was gibt euch persönlich „Trost“, was „Trotz“?

Fiona Lehmann: Mir geben gute Filme, Musik, Freund:innenschaften und meine Beziehung Trost – und natürlich die Arbeit mit der Band. Ich glaube, den anderen geht es ähnlich. Trotz regt sich in mir, wenn das Unglück zu übernehmen droht und zurückgeschlagen werden will.

Ahoi: Welchen Satz würdet ihr gerne in einer Rezension über euch lesen – und welchen auf keinen Fall?

Fiona Lehmann: Schwer zu sagen. Manchmal tun Formulierungen weh, selbst Lob. Wir freuen uns immer, wenn man merkt, dass sich jemand persönlich auf die Wirkung unserer Musik eingelassen hat.

« zurück
zur aktuellen Ausgabe