//
//
  • Kultur
  • Musik
Luca Noel im Interview

"Es beginnt mit einem Wort"

Luca Noel ist Singer-Songwriter. Seine musikalische Reise begann schon mit 10 Jahren – seitdem hat er viel erlebt. Seit Luca nach Mannheim gezogen ist, hat er eine Verwandlung durchlebt.

© Aust Konzerte

Neue Stadt, neues Umfeld, raus aus alten Strukturen und Erwartungen. Jetzt hat er nicht nur sich selbst gefunden, sondern auch seinen Musikstil. Mit mehreren Hitsingles, wie zum Beispiel “fucked up” in 2022, hat Luca sich seinen Platz im deutschen Indie-Pop gesichert - seine Musik hat aber auch Einschläge von Rap und Reggaeton. Um ein Rapper zu sein, ist er aber zu lieb, und harte Texte zu schreiben, fällt ihm schwer, schildert der Sänger im Ahoi-Interview mit Paula Goos. Er bleibt sich treu – oder arbeitet zumindest daran.

Wohin würdest du gerne eine Zeitreise machen?

Luca Noel: Musikalisch auf jeden Fall in die 80er Jahre! Von dem her, was meine Eltern mir erzählt haben, hatten die damals ziemlich gute Partys. Auch die musikalische Früherziehung von der Seite meines Vaters bestand aus Musik der 80er. Das waren auf jeden Fall noch andere Zeiten: unbeschwerter, wilder und nicht so verkopft. Außerdem konnte man damals noch Songs machen, die 6 Minuten lang sind.

Stört es dich, dass Songs durch Social Media immer mehr verkürzt werden? Beeinflusst es deine Arbeit? 

Luca Noel: Definitiv! Man schreibt heute für TikTok. Da ist die Frage, wie verpacke ich meine Message so, dass sie möglichst schnell rüberkommt – damit die Leute nicht direkt abschalten. Ich finde es schade, dass man seine Musik so in ein bestimmtes Format pressen muss, statt nur nach den eigenen Gefühlen und künstlerischen Gedanken zu handeln. Aber gerade in der Indie-Szene brechen da zum Glück aktuell viele Leute wieder aus, das finde ich schön. Ich schreibe gerne viel und möchte gerne selbst längere Songs machen, mit einer richtigen erzählerischen Struktur. 

Wie sieht dein musikalischer Entstehungsprozess aus? 

Luca Noel: Ich habe im Handy eine Notiz, da notiere ich immer Wörter, die mir begegnen, schön klingen oder mich gerade beschäftigen. Meistens welche, die man noch nicht zu oft gehört hat oder in der alltäglichen Sprache nie verwendet. Es gibt im Deutschen viele tolle Wörter, die spezifische Dinge genau auf den Punkt bringen. Von so einem Wort ausgehend startet dann mein Schreibprozess. Man kann einfach mega viel hineininterpretieren, in nur ein Wort und das löst bei mir meistens direkt ganze Prozesse aus. Oft ist es aber auch so, dass ich mit einem Thema arbeite, welches in meinem Leben aktuell präsent ist. Meine Eltern oder die Depression eines Freundes. Da kommt das “primäre Wort” dann erst später dazu. 

Hast du aktuell so ein Wort, das auf deiner Liste steht?

Luca Noel: Ein Wort, mit dem ich schon lange arbeiten möchte ist “Wolkenmeer/ wolken leer”

Ich habe damit auch schonmal was geschrieben, aber das hat noch nicht gestimmt. Die Arbeit mit der deutschen Sprache finde ich manchmal wirklich herausfordernd. Auf Englisch kann man mit viel einfacheren Worten mehr rüberbringen. Da kann man auch cheesy (kitschige) Sachen sehr cool sagen. Aber ich spreche einfach nicht so gut Englisch. Auf Deutsch ist alles sehr markant und hart. Da ist es besonders cool, wenn man es schafft, einen Text weich und sanft klingen zu lassen. 

Was magst du am meisten daran, Musiker zu sein? 

Luca Noel: Ich habe es eigentlich nicht so mit dem Kommunizieren. Schon in meiner Familie war das für alle immer schwer, einfach weil es unangenehm ist. In meiner Musik kann ich Themen an- und Dinge aussprechen, die ich sonst niemals jemandem ins Gesicht sagen würde. Dafür habe ich zu viel Angst vor der Reaktion des Anderen. Da kann ich alles sagen und ausdrücken, genauso wie ich es in dem Moment fühle, ohne unterbrochen zu werden. Auch das musste ich aber erstmal lernen! “Mannheimer Luft” für meine Mutter zum Beispiel! Vorher habe ich noch viel belanglosere Songs geschrieben. Am krassesten ist es in “Kein böses Blut”, der geht an meinen Vater. Als er den Song dann beim Konzert gehört hat, habe ich erst realisiert, wie wichtig es für mich war, das alles endlich mal auszusprechen. 

Wonach riecht denn die Mannheimer Luft? 

Luca Noel: Schokolade, angebrannte Nudeln und manchmal nach Hundescheiße. 

Du warst früher Kinderstar auf “YouNow” als Streamer. Wie unterscheidet sich deine Karriere damals von heute? 

Luca Noel: Ich war einfach super jung, dadurch habe ich sehr naiv und kindlich gehandelt. Ich konnte mir ja noch gar nicht so viele Gedanken machen – habe das aber alles voll ernst gemeint und war mir so sicher in dem, was ich da mache. Damals habe ich so ungefiltert geredet und mir keinen Kopf um die Zukunft gemacht. Das war komplette Freiheit. Den ganzen Tag streamen vorm PC, dumme Scheiße labern, damit Leute unterhalten, TK-Pizza essen und durchs Land fahren, um Gleichgesinnte zu treffen, 1000 Mädchen, die mich anhimmeln. Als 16-Jähriger war das der Jackpot! Irgendwann ist mir meine sorglose Herangehensweise aber auch um die Ohren geflogen. Ich habe nicht bedacht, wie temporär die ganze Sache ist. Was ich mir heute aufbaue, ist viel nachhaltiger. Ich bin aber auch viel verkopfter dabei und immer noch oft am Zweifeln. Ich will lernen, wie mir die Meinung anderer egal wird. Andererseits ist es ja aber auch schön, empathisch zu sein und sich in andere hineinversetzen zu können und zu wissen, dass das, was ich sage, in ihnen etwas auslöst.

Passend zum Titel deiner anstehenden Tour: Was würdest du in einem Brief an dich selbst in 10 Jahren schreiben? 

Luca Noel: Dass ich das alles für mich mache, nicht für Andere! Dann wird meine Musik schon bei den Richtigen ankommen und etwas auslösen – die bleiben dann auch. Klar, ein Hype wie ich ihn bei “fucked up” hatte, ist mega, aber leider nichts Langfristiges. Ich finde den Gedanken schön, dass sich so Stück für Stück eine Basis von Menschen aufbaut, die das fühlen, was ich mache. Ich bin gespannt, wo ich damit in 10 Jahren bin. 

Außerdem möchte ich mir selbst mehr vertrauen, und auf mein Bauchgefühl hören. Ich möchte für mein Wohlbefinden Musik machen und aus Freude, sodass ich mit den Resultaten auch in 10 Jahren noch zufrieden bin. 

Was war dein Highlight in 2024?

Luca Noel: Ich habe meine erste eigene Tour gespielt, das vergesse ich manchmal. Dass mein Team und ich das geschafft haben und da wirklich Menschen gekommen sind, die sogar mitsingen konnten, dafür bin ich mega dankbar. In Leipzig, wo ich vorher noch nie war, kommen dann einfach fremde Leute vorbei, die mich und meine Musik kennen und extra Konzertkarten kaufen, das ist doch verrückt! Ich freue mich schon auf meine nächste Show bei euch! 

Also bist du auch für das Tourleben geeignet? Das weiß man ja vorher nicht!

Luca Noel: Stimmt! Ich hatte ehrlich auch ein bisschen Angst. Bei den ersten Stopps war ich auch noch ein bisschen verklemmt, da konnten wir nicht mal ein Bier nach den Shows trinken, weil ich so Angst hatte, dass was schiefläuft – jemand verkatert oder krank ist. Ich hatte echt Paranoia. Aber mit der Zeit bin ich dann entspannter geworden, mir hat das sehr gutgetan und es ist natürlich schön, jeden Abend so viel Bestätigung zu bekommen. Fürs eigene Ego und das Selbstbewusstsein. Danach sind wirklich auch musikalisch tolle neue Sachen entstanden.

Hast du einen Wunsch fürs 2025?

Luca Noel: Ich wünsche mir, dass auch die neue Tour gut läuft und noch besser wird, als die im letzten Jahr. Außerdem noch mehr Steigerung und Entwicklung mit der Band und in meinem gesamten Team. Und dass ich es schaffe, auf mich selbst zu hören. 

Dein Lebensmotto? 

Luca Noel: Tag für Tag!

“Briefe an mich selbst” Tour

Luca Noel am 27.1. im Naumanns (Felsenkeller Leipzig) 

Tickets und weitere Infos: https://www.aust-konzerte.com/konzerte/3723/Luca-Noel

« zurück
zur aktuellen Ausgabe