ZUKUNFT? JA! ABER WELCHE DENN GENAU?
- Leipzig engagiert sich
Eine Seite Vernunft

Viele reden von „der“ Zukunft, als gäbe es nur eine. Doch wer so denkt, läuft in die Irre und programmiert die Welt von morgen auf Einfalt statt Vielfalt. Neulich habe ich mich dabei ertappt, wie ich mich bei meiner Smartwatch entschuldigt habe. Sie hatte mich zu spät an einen Termin erinnert; Missverständnis, es war natürlich mein Fehler. Erst habe ich sie beschimpft, dann sagte ich: „Sorry, war nicht böse gemeint.“ Ich meine … was kommt als Nächstes? Friedensgespräche mit dem Staubsauger, Ehekrise mit ChatGPT?
Was vielleicht komisch klingt, zeigt etwas Ernstes: Wir haben begonnen, unsere Beziehung zur Zukunft zu automatisieren und smarte Gegenstände zu personifizieren. Gleichzeitig sprechen die meisten über „die“ Zukunft, als gäbe es nur diese eine: unvermeidlich, vorgezeichnet, singulär.
Entweder Weltuntergang oder Weltrettung, Mensch oder Maschine, Vollverzicht oder Tech-Erlösung. Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist bequem, aber brandgefährlich. Das bedingungslose Grundeinkommen kommt! Oder nie! Wir leben bald im Metaversum! Oder wir wandern kollektiv aufs Land aus! Zwischen diesen Extremen gibt’s selten Raum für Reflexion oder gar Gestaltung.
Denn Social Media serviert uns Meinungen im Abo, Weltbilder im Paket. Wer sich dort zu viel aufhält, lebt in einem digitalen Paralleluniversum, in dem sich alle einig sind, wie die Zukunft „wirklich“ wird; oder eben das genaue Gegenteil richtig finden. Für die einen sind Wärmepumpen Teufelszeug, für die anderen der Weltfrieden. Für die einen ist KI der Untergang, für die anderen das Upgrade zum Homo deus.
Dabei ist genau das der Punkt: Zukunft ist kein Naturereignis. Zukunft passiert nicht einfach. Sie wird gemacht. Und zwar von uns. Jeden Tag. Die Propensitäts-Theorie sagt, je mehr Menschen sich eine bestimmte Zukunft vorstellen – und entsprechend handeln –, desto wahrscheinlicher wird sie. Deshalb: raus aus dem Filterblasen-Fatalismus! Zukunft hat keinen Fahrplan. Zukunft ist Möglichkeitsraum, Spielwiese, Baustelle. Sie ist kein Singular. Sie ist Plural. Und vielleicht ist das auch der Moment, in dem wir aufhören, uns bei Geräten zu entschuldigen und anfangen, uns selbst zu fragen: Welche Zukünfte wollen wir wirklich?
Also, liebe Vernunftbegabte: Lasst uns aufhören, über die Zukunft zu sprechen. Es gibt viele Zukünfte. Die Frage ist nicht, welche kommt, sondern welche wir möglich machen.
Der in Leipzig lebende Zukunftsforscher Kai Gondlach ist Co-Herausgeber diverser Standardwerke zu regenerativen Zukünften und den Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt.

