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Eine Seite Vernunft

Marius Wittwer arbeitet seit 2019 als zertifizierter Stadtführer in Leipzig. So kommt er mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt. In unserer Kolumne macht er sich Gedanken über vernünftige Stadtführungen

Marius Wittwer
Marius Wittwer © Anne-Kathrin Hutschenreuter

Ohne Wissen keine Vernunft

Stellen Sie sich vor, Sie kommen erstmals in eine Stadt und besuchen eine Stadtführung, um einen Überblick über Ihr Reiseziel zu gewinnen. Nach Beginn des Rundgangs möchten Sie sich eigentlich in das nächstbeste Café setzen, um sich die wichtigen Informationen lieber selbst anzulesen – oder Sie denken gleich an ein leckeres Stück Kuchen. Ist Ihnen das schon einmal passiert? Mir ja.

Bei meinen Reisen durch verschiedene Städte Deutschlands und Europas ist es für mich einfach Pflicht, mindestens eine geführte Tour zu besuchen. Zum Beispiel in Leipzig: Diese Stadt musste sich Fremden schon immer gut präsentieren, denn sie war der Marktplatz Europas – vor knapp einhundert Jahren sogar die bedeutendste Messestadt der Welt. Das erklärt sicherlich auch, warum man hier der Schulung sowie Aus- und Weiterbildung von Fremdenführern, Stadtführern, Gästeführern beziehungsweise Stadtbilderklärern immer besonderen Wert beimaß. Sie merken: Eine einheitliche Bezeichnung hat sich hier bis heute nicht durchgesetzt.

Schon zu Beginn meiner Ausbildung zum Stadtführer vor einigen Jahren wurden wir mit den Grundlagen einer „vernünftigen Stadtführung“ vertraut gemacht. Dazu gehört auch die existentielle Grundregel: Immer mit dem Rücken zum Objekt oder Gebäude stehen, sonst hört die Gruppe nichts! Und natürlich soll auch das, was man erzählt, fundiert, spannend und ein bisschen humorvoll sein. Die Gäste verlangen selten ein trockenes historisches Proseminar.

Trotzdem gehen die Meinungen darüber, was eine „vernünftige Stadtführung“ ist, weit auseinander. Deswegen ist es äußerst wichtig, die Führungen an verschiedene Zielgruppen anzupassen. Eine Führung mit einem Junggesellenabschied ist anders als eine mit den Ministerpräsidenten der Länder, die ich im Oktober 2024 durch die Stadt führte. All das gehört zum Beruf dazu und macht großen Spaß – eben weil man mit ganz unterschiedlichen Menschen aus allen Teilen der Republik und der Welt zusammenkommt. Und es ist sicherlich vernünftig, in Leipzig eine Stadtführung mitzumachen. Selbst die Einheimischen staunen, was man hier alles noch entdecken kann, auch in den Winkeln der Stadt, die man selbst zu kennen meint. Das geht mir genauso!

„Mein Leipzig lob‘ ich mir…“ Diesen Werbeslogan Goethes für seine Heimatstadt machte sich Marius Wittwer schon als Kind zu eigen. Erste Schritte waren im Kindergarten das Nachbauen städtischer Kirchen mit großen Bausteinen. Somit war schon früh der Grundstein für seinen späteren Beruf als Stadtführer gelegt. Seit 2021 studiert Marius Wittwer Geschichtswissenschaften an der Universität Leipzig und gestaltete bis 2023 die Stadt kommunalpolitisch im Jugendparlament mit.

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