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  • Interviews
Gespräch mit Frau Töpel und Frau Dr. Lühr

Dokumentationszentrum für Regional- und Wirtschaftsgeschichte Sachsen kommt

Frau Töpel und Frau Dr. Lühr © Ida Mahlburg

Gerade Zeiten wie unsere, in denen in kurzen Abständen Gewissheiten verloren gehen, Erfahrungen aus dem Diskurs verschwinden und Menschengeschichten vom Informationshagel überflutet werden, braucht es Räume, die all diese aufbewahren, analysieren und zur Verfügung stellen.

In Borna entsteht derzeit das Dokumentationszentrum für Regional- und Wirtschaftsgeschichte Sachsen, gleich vor den Toren Leipzigs. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit den beiden Aktivatorinnen Frau Töpel vom Sächsischen Wirtschaftsarchiv (SWA) und Frau Dr. Lühr vom DOKmitt e. V. über Inhalte, Zeitpläne, 775 Jahre Borna inklusive Festivitäten und ganz viel Arbeit.

Ahoi: Guten Tag, Frau Töpel und Frau Dr. Lühr. Sie sind miteinander verwoben beim Bau des neuen Dokumentationszentrums für Regional- und Wirtschaftsgeschichte Sachsens in Borna. Sie, Frau Töpel, als Geschäftsführerin des Sächsischen Wirtschaftsarchivs e. V. und Sie, Frau Dr. Lühr, als Projektleiterin beim DOKmitt e. V. – können Sie uns bitte erst einmal sagen, was den Ausschlag gab, mit dem Dokumentationszentrum nach Borna zu gehen?

Töpel: Das Sächsische Wirtschaftsarchiv (SWA) hat schon länger nach einem neuen Objekt gesucht. Wir bekamen davon Kenntnis, dass der Landkreis Leipzig ein neues Gebäude für das eigene Kreisarchiv bauen wird. Wir haben das Gespräch mit dem Landrat gesucht und vorgeschlagen, das Objekt größer zu denken, um eine Kooperation mit mehreren Partnern unter einem Dach zu erwirken. Und da der Landkreis Leipzig ein eigenes Grundstück in Borna besitzt, fiel die Wahl auf diesen Ort. Außerdem ist Borna logistisch nicht die schlechteste Wahl: S-Bahnanschluss und zwei Autobahn-Abfahrten. 

Lühr: DOKMitt verfolgt seit zehn Jahren das Ziel, ein Dokumentationszentrum für den Wandel der Industrie- und Kulturlandschaft des Mitteldeutschen Reviers aufzubauen. Die Möglichkeit, als Kooperationspartner in das Projekt des Landkreises einzusteigen und damit einen Standort im Herzen des Reviers mit aufbauen zu können, ist großartig. Wir werden dann zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen vom Kreisarchiv und vom SWA auf einem Flur sitzen, im Nachbargebäude ist die Volkshochschule – hier werden nicht nur grundlegendes Wissen und Kompetenzen zur Regional- und Wirtschaftsgeschichte Sachsens an einem Ort gebündelt, hier können wir gemeinsam vielfältige Projekte entwickeln und umsetzen.

Ahoi: Und was macht das Sächsische Wirtschaftsarchiv ganz konkret?

Töpel: Das SWA wurde 1993 von den sächsischen Industrie- und Handelskammern als regionales Wirtschaftsarchiv für Sachsen gegründet. Die IHKn sind unsere tragenden Mitglieder, seit 2004 gehört auch die HWK L dazu. Außerdem werden wir von 125 weiteren Mitgliedern, wozu auch die HWKn Dresden und Chemnitz gehören, unterstützt. Wir sichern, bewerten und bewahren das wirtschaftliche Archivgut des Freistaates Sachsen, unabhängig ob aus Industrie, Handel oder Handwerk.

Ahoi: Und der DOKMitt e. V.? Womit beschäftigt sich Ihr Verein, Frau Dr. Lühr?

Lühr: Wir beschäftigen uns mit der Geschichte und Gegenwart des Mitteldeutschen Braunkohlereviers. Die Region ist stark geprägt durch den stetigen Landschaftswandel, den Strukturbruch Anfang/Mitte der 1990er-Jahre und durch die gegenwärtige Transformation der Energielandschaft. Wir interessieren uns dabei besonders für die Perspektive der Akteurinnen und Akteure, für die Erfahrungen der Menschen vor Ort. Ein Teil unserer Arbeit liegt im Bereich Veranstaltungen, etwa Vorträge, Buchvorstellungen, Exkursionen. Ein anderer Teil liegt im Sammeln und Bewahren von Dokumenten und Objekten, die von der Vergangenheit der hiesigen Braunkohleindustrie erzählen.

Ahoi: Gibt es einen Zeitplan bis zur Einweihung?

Töpel: Der Bau des Gebäudes ist im Zeitplan, weshalb wir fest davon ausgehen, dass der Umzug/Einzug im Frühjahr 2026 beginnen kann. Wir sind jetzt natürlich schon fleißig am Packen – und das schon seit über einem Jahr. Es müssen ja etliche Kilometer Archivgut ohne Verluste umgezogen werden. Bis zur Einweihung versuchen wir dann noch den „Feinschliff“ und hoffen, dass alle Archivkartons an der richtigen Stelle von der beauftragten Spedition eingelagert worden sind. Eine Revision wird aber folgen.

Ahoi: Nächstes Jahr feiert Borna 775 Jahre. Da sind Sie doch bestimmt mittenmang. Was haben Sie denn im Jubiläumsjahr vor?

Töpel: Wir können natürlich sagen: „Wir sind mittenmang.“ Wir gehören zur Arbeitsgruppe Stadtgeschichte und werden gemeinsam mit dem Museum der Stadt Borna ein Buch für und mit den Bornaern herausgeben. Außerdem wollen wir an mehreren noch zu vereinbarenden Tagen unsere Räumlichkeiten der Öffentlichkeit präsentieren. 

Lühr: Und weil das Jubiläum das ganze Jahr gefeiert werden soll, planen wir außerdem mit dem Museum zusammen eine „Vortragsreise“, in der wir jeden Monat an einem anderen Ort in Borna einen historischen Vortrag anbieten wollen.

Ahoi: Der DOKMitt e. V. veröffentlich auf seiner Homepage unter dem Link Publikationen kostenfrei Broschüren. Was sind das für Broschüren? Wer arbeitet daran mit und wer ist die Zielgruppe?

Lühr: Zum einen finden Sie dort die Broschüre „Als wenn ein guter Kumpel stirbt“, in der die Ergebnisse aus unserem Interviewprojekt mit ehemaligen Bergleuten zu ihren Erinnerungen an die 1990er-Jahre zusammen gefasst werden. Zum anderen finden Sie dort unsere „Jahresgaben“, in denen wir aus der Arbeit von DOKMitt berichten und in denen sich Vereine, Museen und Initiativen aus unserem Netzwerk mit aktuellen Projekten vorstellen. Wir wollen auf diesem Wege einen Einblick in aktuelle Vorhaben aus der Industrie- und Erinnerungskultur geben und natürlich auch die Neugier der Leserinnen und Leser wecken.

Ahoi: Und das Wirtschaftsarchiv, Frau Töpel? Wie können Menschen an Ihrer Sammlung partizipieren? Wer ist Ihre Zielgruppe?

Töpel: Das SWA hat ja nicht nur Sammlungen, wie z.B. historische Briefköpfe und Wertpapiere, Plakate, Postkarten, Werbemittel etc., sondern wir haben natürlich vor allem Archivbestände. Wie in allen Archiven kann jeder, der ein berechtigtes Interesse nachweist, unsere Bestände benutzen. Dafür ist ein Benutzungsantrag mit dem Benutzungsanliegen erforderlich. Im Falle der Benutzung eines Depositums muss dafür auch der Depotgeber der Benutzung zustimmen. Aber das geht in der Regel unkompliziert. Ansonsten stehen natürlich auch die wirtschaftsgeschichtliche Bibliothek, unsere Festschriftensammlung und alle anderen Sammlungen den Benutzern zur Verfügung. 

Unsere Zielgruppe sind Historiker, vor allem Wirtschaftshistoriker und Sozialwissenschaftler, aber auch Heimatforscher, Studenten und Schüler.

Ahoi: Borna ist ja mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch als Auto-Selbstfahrender oder -Selbstfahrende recht schnell erreichbar. Mit Ihrem Dokumentationszentrum können Sie ganz sicher viele Interessierte auch aus Leipzig ziehen. Ist denn an die Infrastruktur ebenfalls gedacht worden?

Töpel: Ich hatte ja bereits eingangs erwähnt, dass die Infrastruktur eine wesentliche Rolle bei der Standortwahl Borna gespielt hat. Nun brauchen wir nur noch eine gute Vermarktung des neuen Standortes. 

Lühr: Das Dokumentationszentrum ist in nur gut zehn Minuten zu Fuß vom Bornaer Bahnhof zu erreichen, wo regelmäßig sie S-Bahn fährt. Und für den Parkplatz des Gebäudes ist eine Ladestation für E-Autos geplant.

Ahoi: Neben dem Wirtschaftsarchiv und dem DOKMitt-Verein gibt es im Dokumentationszentrum bestimmt noch andere Beteiligte, kann ich mir denken, wer macht denn noch mit und welche Rolle spielen diese?

Töpel: Ganz wichtig ist, dass in das Dokumentationszentrum auch das Kreisarchiv des Landkreises Leipzig einzieht. Für das Kreisarchiv ergibt sich damit ebenfalls eine große Verbesserung der räumlichen Bedingungen.  Wir werden natürlich versuchen, noch andere Interessenten in die Räume zu holen, sei es mit Ausstellungen, Vorträgen oder Veranstaltungen.

Lühr: Dem kann ich mich nur anschließen. Gerade durch die Kooperation der drei Partner, die in das Zentrum einziehen, und zusammen mit der benachbarten Volkshochschule wollen wir ein breites Publikum ansprechen und dazu einladen, sich mit der Regional- und Wirtschaftsgeschichte der Region zu beschäftigen.

Ahoi: Dann hoffen wir, dass alle Abläufe wie geplant, gelingen und Ihnen viel Erfolg und viele interessierte Menschen. Danke für Ihre Zeit und Ihr Engagement.

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