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  • Musik
Interview mit Sänger Wolf Maahn

„Diese Idiotie kann Musik nicht lösen“

Von Reinhard Franke

Wolf Maahn mit Band in schillernder Konzert-Atmosphäre © Oliver Krings

Wolf Maahn hat sich über viele Jahre hinweg eine treue Anhängerschaft erworben. Sowohl seine Auftritte mit der Band als auch seine Solokonzerte „Lieder vom Rand der Galaxis“ erfreuen sich großer Beliebtheit. Der 68-Jährige mag zwar keine riesigen Arenen füllen, aber das ist für ihn auch nicht entscheidend. Maahn ist mit Leidenschaft und Ausdauer auf dem Zauberpfad der Musik unterwegs. Am 15. Dezember spielt Maahn mit seiner großartigen Band im Anker in Leipzig. Im Interview spricht er unter anderem über ein nächstes Album, die deutsche Musiklandschaft und blickt zurück auf Corona. 

Herr Maahn, Sie haben mit den Arbeiten an neuen Songs begonnen. Wie ist Ihr Zeitplan?

Einen Zeitplan habe ich nicht, aber der Ladevorgang läuft. Ich lade Erlebnisse, und ich lade Musik, und meine Batterie wird langsam voller. Irgendwann muss das raus, also sollte ich besser mal anfangen. Die Musik kommt meistens zuerst - die Sprache der Seele.

Als die Interview-Anfrage kam, haben Sie zuerst geschrieben, dass Sie nicht viel Multitasking haben dürfen. Was meinten Sie damit?

Ich fische im Unbewussten. Das ist spielerisch und kann dauern, und Ablenkung ist allzu willkommen. Also sage ich gerade viel ab. Ich habe mit den Jahren gelernt, dass das hilft, um aufblitzende Ideen zu vertiefen.

„Williams‘ Daughter“ war ein schöner vor sich hin groovender Song auf dem letzten Album. Werden Sie auf der nächsten Platte wieder nur deutsch daherkommen?

Das weiß ich noch nicht. Auch nicht, ob es ein reguläres Studio-Album wird. Es gibt ziemlich lange schon die Erwartungen an ein „Best Of“-Projekt. Besonders jüngere Fans und Neuankömmlinge wünschen sich so einen Einstieg. Vielleicht wird es ein „Best Of“ - auch mit neuen Songs. Maahn wird sehen, mit zwei a und h.

Wie ist das für Sie, wenn dieser Prozess mit den Arbeiten an einer neuen Platte beginnt?

Ich tauche ab in meinem Studio und jamme oder höre in meine musikalischen Notizen rein. Es gibt da geheimnisvolle Aufnahmen mit Gebrummel und Getrommel, die ich zwischendurch in mein Handy summe. Der Moment, wo es passiert, wo es ankommt, ist wichtig. Zum Beispiel ist das Tempo dann meistens perfekt. Wenn die erste Idee auch noch später zündet, beginnt ein Puzzle mit Textzeilen. Für einen Song habe ich gerade drei Refrains. Je nach Wochentag, ist ein anderer mein Favorit. (lacht)

Sie spielen in schöner Regelmäßigkeit wieder Konzerte. Konnten Sie den Corona-Wahnsinn komplett abschütteln? Wie schlimm war es wirklich für Sie?

Der Lockdown kam ziemlich am Anfang der „Break Out Of Babylon“-Tour, auf die alle fast zwei Jahre hingearbeitet hatten. Und dann...oh shit! Ich habe versucht die Vorteile mitzunehmen. Immerhin konnte ich viel zu Hause sein. Das habe ich sehr vermisst. Es war natürlich trotzdem nervig wegen diesen Fragezeichen, ob und wann die verschobenen Termine stattfinden können. Und wenn ja, mit welchen Technikern?

Thematisch gibt es einiges, was Sie in neuen Songs erzählen können. Damals war es ein gewisser Helmut Kohl in Ihrem Song „Für den dicken Mann“, jetzt könnte es dieser schreckliche Diktator aus Russland sein. Oder ein Loblied für den Präsidenten der Ukraine vielleicht? Wird es politischer zugehen als auf dem letzten Album?

Die politische Bedeutung von Popmusik war schon mal stärker. Leider. Ich bin überzeugt, sogar der Mauerfall hat damit zu tun. Aber die Zeit ist vorbei, wo Paul McCartney bei seiner ersten Russland-Show Besuch vom Kremlchef bekommt, der ihm für den Einfluss der Beatles auf die Perestroika dankt. Der jetzige Kremlchef hat die Vertrauenswürdigkeit eines Mafia-Bosses, hält sich nicht an Verträge und feiert Kriegsverbrechen mit Orden. Das ist bitter und lässt Pazifisten alt aussehen. Dazu kommt verschärfend noch der Bullshit in sozialen Medien, den tausende für bare Münze nehmen. Jeder sollte wenigstens sehen, dass seine Quellen seriös sind, bevor er was raushaut.

Bei Ihrem letzten Album „Break Out Of Babylon“ ging es vor allem um Klimaschutz, verpackt in eine Geschichte von einem Superreichen, der sich zum Wohltäter wandelt.

Ja, wir alle können ein paar Tröpfchen beisteuern, aber diese Leute haben ganze Eimer. Es geht immerhin um den Schutz unserer Lebensgrundlagen. Der darf bei all den Krisen nicht wieder hinten runterfallen. Das hatten wir schon. 2050 soll die Hauptquelle des Rheins versiegen, sagt eine neue Studie. Sorry, wir sind übel auf dem Holzweg - alle zusammen. Wer, außer der fossilen Lobby, will das so weiterlaufen lassen? Wem nützen Gebietsgewinne, wenn unsere Flüsse nicht mehr fließen? Diese Idiotie kann Musik nicht lösen. Musik wirkt in einer übergeordneten Kategorie, kann Lust und Mut auf Veränderung machen und Menschen zusammenbringen.

Viele gute deutsche Bands / Künster:innen sprießen immer wieder aus dem Boden. Wie sehen Sie die aktuelle deutsche Musiklandschaft?

Oh ja, da ist viel Kreativität unterwegs. Aber - so schwer es auch bei uns schon war - heutzutage fehlen massiv Plattformen für neue Bands. Nimm nur das Fernsehen. Da gibt’s kaum noch Formate, wo Künstler einfach für ihre Musik gefeiert werden - ohne Casting-Theater, ohne Gewinner und Verlierer.

Sie spielen zum Ende des Jahres noch in Leipzig. Was bedeutet es Ihnen dort aufzutreten? Da war Ihre Fangemeinde ja immer sehr treu, oder?

Yeah, teilweise kommen die Leute schon ein Vierteljahrhundert dahin. Jedes Jahr vor Weihnachten. Das ist schon unfassbar.

Gibt es besondere Konzert-Momente aus Leipzig?

Ich freue mich jedesmal, wenn ich Gesichter vorne erkenne, die schon oft da waren, und wie sie immer noch die Musik feiern.

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